Part 13
Gerdas Unmut und üble Laune waren bald verflogen. Sie ließ sich den Hof machen und kokettierte nach allen Seiten. Sie ließ sich den schäumenden Sekt in ihren Kelch füllen, trank den prickelnden Schaum und goß den Rest in den Kühler.
»Donnerwetter,« flüsterte der Kommerzienrat, »Sie lieben nur den Schaum?«
Sie sah ihn an.
»Beim Sekt, ja.«
»Sie lieben das Prickelnde?«
»Beim Sekt, ja.«
»Hm. Auf die Art, wie Sie es machen, kommen Sie aber nicht zum Genuß. Sie sollten nicht nur nippen -- Sie sollten schlürfen -- austrinken bis auf den Grund -- dann erst haben Sie den vollen Genuß.« Er drängte sein Knie dicht an das ihre, legte seine Hand auf ihre Hüfte und sah sie durchdringend an.
Sie blieb ganz ruhig, zog ihren Körper nur leicht zurück und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: »Den Becher bis auf den Grund zu leeren, ist stets vom Übel, Herr Kommerzienrat -- ich liebe es nur, zu nippen -- dies ist für mich der wahre Genuß.«
»Fräulein von Wangenheim, machen Sie meinen Mann nicht unglücklich, gönnen Sie ihm ein Plätzchen an Ihrem Triumphwagen,« rief Frau Kommerzienrat Gerda zu. »Wie traurig er aussieht, machen Sie ihm ein klein wenig Hoffnung, ich habe sonst zu sehr unter seiner Laune zu leiden.«
»Aber von Herzen gern, gnädige Frau, auf einen Ritter mehr kommt es mir gar nicht an. Ich wußte nur bis jetzt nichts von Ihrer Absicht, Herr Kommerzienrat --,« und sie sah ihn listig an.
Er legte die Hand aufs Herz. »Ihr Sklave.«
Winkelmann saß schweigsam neben Gerda. Seine Blicke spähten nach ihren Augen, und hingen an dem zarten, hochmütigen Gesicht. Plötzlich erbleichten seine Wangen, zuckten seine Lippen krampfhaft, wild und starr blieb sein Blick auf der Hand des Kommerzienrats haften, die sich auf Gerdas Knie verirrt hatte.
Daß er es wagen durfte!
Er sah, wie Gerda die Hand zurückstieß. Keine Miene ihres Gesichts verzog sich, kein Blick streifte den Kommerzienrat, ruhig plauderte sie mit dem gegenübersitzenden Reitzenstein weiter.
Sein Blut kochte. Er hob sein Glas und rief laut über den Tisch: »Auf das Recht zu genießen, wo wir lieben.«
»Bravo! Genießen, wo wir lieben!« -- Der Kommerzienrat schloß die blinzelnden Augen -- die Gläser klangen aneinander.
Winkelmann sah Gerda fest in die Augen, dann ließ er sein Glas an das ihre klingen -- »Trinken Sie aus!« -- raunte er mit heiserer Stimme.
Sie löste ihre Blicke nicht von den seinen, schlürfte den Schaum von dem Glase und vergoß den Rest.
Er sah sie finster an. Er fühlte sich beleidigt und verletzt, und ein Zorn gegen dieses Weib, das so kalt und hochmütig neben ihm saß und ihn stachelte und reizte, stieg in ihm auf. -- -- --
Als sie im Wagen saßen, sagte er mit beherrschter Stimme: »Wir fahren zu mir, ich habe dem Schofför Weisung gegeben.«
»Daß man mich für Ihre Geliebte hält, weiß ich -- daß ich es nicht bin und auch nicht werden will -- wissen Sie. Oder glauben Sie, mich umstimmen zu können?«
»Vielleicht!«
»Wollen Sie mich zwingen?«
»Nein.«
»Ehrenwort?«
Er zögerte -- dann: »Ich werde Sie nicht zwingen, mein Ehrenwort.« -- -- --
Sie sitzen in seinem Zimmer vor dem Kamin in tiefe Sessel geschmiegt. Er hat die elektrische Stehlampe entzündet. Ihr roter Schein verbreitet ein rosiges Licht über den Tisch, vor dem sie sitzen, während der übrige Teil des Zimmers in Dunkel liegt. Das Wasser im Teekessel fängt an zu kochen. Er bereitet den türkischen Kaffee und gießt ihn in die Schalen.
»Wie heimisch es bei Ihnen ist! Und wie gut Sie den Kaffee bereiten,« sagt sie.
Er gießt sich einen Kognak ein, stürzt ihn hinunter und schweigt.
Die Uhr schlägt drei.
»Warum haben Sie mich eigentlich hierher gebracht?«
»Weil ich dich zwingen will, die Meinige zu werden, heut, in dieser Nacht! Als ich sah, daß er es wagte, dich zu berühren, dieses Vieh -- da kam über mich die Wut -- mir gehörst du -- mir -- ich lasse dich keinem andern.«
Er stößt diese Worte mit rückhaltloser Leidenschaft hervor. Er springt auf, reißt sie mit aller Kraft an sich und küßt sie mit rasender Wut. Sie schließt unwillkürlich die Augen und liegt wie betäubt und schwer in seinen Armen. Er küßt den Hals, die Schulter, das Achselband hat sich gelöst, die zarte, jungfräuliche Brust ist ihm preisgegeben. Da schlägt sie die Augen auf und sieht ihn an mit einem Blick so voller Verachtung, daß sein Blut erstarrt. Der Boden unter seinen Füßen scheint zu schwanken. Er läßt sie in den Sessel gleiten und fällt vor ihr nieder, umklammert ihre Knie und stammelt: »Ich gehe ja zugrunde bei diesem Leben! Sage, was soll aus mir werden? Du mußt doch wissen, daß ich das nicht aushalten kann. So hab doch Mitleid mit mir.«
»Sie überfallen mich, und ich soll Mitleid mit Ihnen haben? Sie geben mir Ihr Ehrenwort, mich nicht zwingen zu wollen, und machen dennoch den Versuch dazu?«
»Hast du denn kein Verständnis für die Sprache der Sinne und des Blutes?«
»Ich verlange, daß Sie sich beherrschen.«
»Das kann ich nicht mehr. Gerda -- Gerda --,« stöhnte er auf, »so quäle mich nicht so -- habe doch Erbarmen -- ich habe ja ein Recht auf dich --«
»Ein Recht auf mich!« fährt sie auf -- »meinen Sie wegen des Geldes?«
»Unsinn!« Auch er ist aufgesprungen und steht ihr jetzt in empörter Wut gegenüber -- »Wer denkt an Geld! Du duldest meine Liebe seit Monaten -- du ließest dich küssen -- du ließest mich hoffen, daß du --«
»Das ist nicht wahr!« wirft sie ein.
»Ich habe ein Recht auf dich -- ich breche mein Ehrenwort -- ich nehme dich -- hörst du -- ich zwinge dich --« und er umschlingt sie in wildem Taumel und will sie auf das Ruhebett tragen.
Sie hat die rechte Hand frei, schlägt ihm ins Gesicht und zischt: »Sie Ehrloser!«
Da wird er kreidebleich. Seine Arme zittern, und er läßt seine Last zur Erde fallen.
Sie springt auf, hüllt sich in ihren Mantel, und herrscht ihn an: »Nach Haus! Sofort holen Sie mir einen Wagen -- ich fahre allein!«
»Der Wagen wartet,« stammelte er und begleitet sie hinaus. -- -- --
Gerda sitzt am Schreibtisch und rechnet. Das Geld muß sie so schnell als möglich an Winkelmann zurückzahlen. Das gestrige Konzert hat kaum die Hälfte der Unkosten gedeckt -- die teuren Stunden -- ihr Lebensunterhalt -- an dreitausend Mark würde sie schon verbraucht haben -- womit diese Summe decken -- und wovon weiterleben?
Sollte sie jetzt -- nachdem sie schon soviel Opfer gebracht -- ihr ganzes Leben schon auf die künstlerische Laufbahn eingerichtet -- sollte sie jetzt noch umkehren müssen -- wieder versinken in den Alltag?
Reumütig in den Schoß der Familie zurückkehren?
Sie preßt die Lippen aufeinander.
Niemals!
Sie muß Rat schaffen. Woher -- woher? Sie muß Geld in den Händen haben, so schnell wie möglich. Sie grübelt und sinnt. Der Kommerzienrat! Er muß helfen. Aber -- ein Schütteln überkommt sie -- es muß sein.
Eilig kleidet sie sich an, fährt in sein Bureau und läßt sich melden.
In seinem Privatkontor, einem elegant und luxuriös eingerichteten Herrenzimmer, welches durchaus nicht den Eindruck eines Geschäftsraumes macht, empfängt er sie.
»Welch unerwarteter Besuch, mein gnädiges Fräulein!« Er geht mit ausgestreckten Händen auf sie zu, führt sie zum Sofa, rückt einen der schweren, tiefen Ledersessel davor und versinkt in dessen Polster.
»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit zu Ihnen, Herr Kommerzienrat!«
»Das freut mich! Freut mich sehr, daß Sie Vertrauen zu mir haben. Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Fräulein von Wangenheim.«
Wieder blinzeln ihr seine Augen lüstern entgegen. Er hat den Sessel so dicht vor sie geschoben, daß seine Knie fast die ihren berühren.
Gerda hätte aufspringen mögen und davonlaufen.
»Herr Kommerzienrat,« -- ihre Lippen zittern -- »ich brauche Geld!«
»Geld? So, so! -- Natürlich können Sie auf mich rechnen. Wieviel brauchen Sie?«
»Zehntausend Mark.«
Er sieht sie an. »Haben Sie sich mit -- haben Sie sich entzweit?«
Eine flammende Röte schießt in ihre Wangen. Hochmütig und verächtlich schürzen sich ihre Lippen. Sie hätte ihn würgen mögen. So also dachte man über sie. Daß man sie für Winkelmanns Geliebte hielt, wußte sie, und es war ihr im Grunde gleichgültig gewesen. Daß man aber glauben würde, sie nehme Geld von ihm -- --
Die Röte wich aus ihren Wangen und machte einer tödlichen Blässe Platz. Und -- war es denn nicht so? War es nicht sein Geld, von dem sie lebte, ihre Stunden bezahlte? Nein -- nein, schrie die Stimme in ihr, so ist es nicht! Sie hatte es geliehen -- wie ein Freund dem andern borgen würde!
Aber -- sie waren nicht zwei Freunde -- Mann gegen Mann -- zwischen ihnen stand das Geschlecht -- und er liebte sie!
Der Kommerzienrat hatte sich neben sie auf das Sofa gesetzt.
»Haben Sie sich entzweit?« flüstert er mit erregter Stimme. »Kind, so sprechen Sie doch!«
»Ich habe mir von Winkelmann zehntausend Mark geborgt, um mein Studium beenden zu können. Ich bin niemals seine Geliebte gewesen; weil er mich gestern dazu machen wollte, sind wir in Zorn auseinandergegangen -- Sie verstehen, daß ich ihm das Geld zurückgeben muß.«
Der Kommerzienrat, dessen kleine Augen immer größer geworden, fragt erstaunt: »Nicht seine Geliebte, ist das wahr?«
Sie will auffahren, bezwingt sich aber. »Das ist die Wahrheit!«
»Armer Kerl! Und nun wollen Sie, daß ich an seine Stelle trete?«
»Ich will Sie bitten, mir das Geld zu leihen, um ihm das seinige zurückgeben zu können. Sie bekommen alles gegen Zinsen zurück, ich denke, wir behandeln die Angelegenheit ganz geschäftlich.«
»Hm, ganz geschäftlich. Also zehntausend Mark gegen Zinsen. Welche Sicherheit bieten Sie mir, und wann und wie wollen Sie zurückzahlen?«
Sie sieht ihn verständnislos an. »Das weiß ich nicht.«
»Ja, Sie müssen sich doch eine Vorstellung gemacht haben, wie Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen können und wollen.«
»Ich hoffe, bald viel Geld zu verdienen, und dann will ich zurückzahlen.«
»Viel Geld verdienen, als Konzertsängerin, die im Anfang ihrer Laufbahn steht? Es mag ja so sein, und ich will es Ihnen wünschen! Sie wären dann eine einzige unter tausend! Aber -- mein liebes Kind, auf dieser Basis läßt sich kein Geschäft machen. Das wollte ich Ihnen nur beweisen, und darum sprach ich geschäftlich mit Ihnen, nun lassen Sie uns freundschaftlich verhandeln.« Er legt seinen Arm um ihre Taille und fährt fort: »Also -- ich, als Ihr Freund, gebe Ihnen die zehntausend Mark und frage weder nach Zinsen noch nach Rückgabe. Ich verlange nur, daß Sie ein bißchen nett zu mir sind, so wie es ein guter Freund verlangen kann.«
»Sie wollen sich also durch die Hergabe des Geldes meine Gunst erkaufen! In klaren Worten ausgedrückt: Sie kaufen mich!«
Sie ist aufgesprungen und steht zornsprühenden Antlitzes vor ihm. »Kann denn ein Mann nie einer Frau gegenüber rein und uneigennützig helfen, muß denn immer das sinnliche Verlangen ins Spiel kommen? Ich verkaufe mich nicht, hören Sie? Ich will Ihr Geld nicht!«
»So beruhigen Sie sich doch, Kind, so habe ich es doch nicht gemeint. Ich sprach doch nur von Freundschaft, nicht von Liebe. Nur daß ich des öfteren ein Stündchen mit Ihnen plaudern darf, Sie besuchen kann, um Ihnen die Hand zu küssen.«
»Nein, ich will auch das nicht!«
Er ist an den Schreibtisch getreten und schreibt. »So -- hier haben Sie einen Scheck über zehntausend Mark.« Er steht auf, tritt dicht zu ihr und sieht ihr in die Augen. »Überlegen Sie, ob Sie mir die Rechte eines Freundes zubilligen wollen -- ich komme in ein paar Tagen und hole mir die Antwort.«
Gerda hält den Scheck in der Hand. Wie betäubt sieht sie darauf nieder. Hier die Befreiung von Winkelmann, dort die neue Fessel. -- Freundschaft! -- Heuchler, Betrüger! --
Sie steckt das Papier in ihr Täschchen, neigt kühl und gemessen das Haupt und schreitet zur Tür hinaus. --
Den ganzen Tag geht sie in dumpfer Betäubung umher. Unmöglich beides! Einen Ausweg, wo gab es einen Ausweg?
Er hatte gesagt: ›Wovon und wann wollen Sie zurückzahlen?‹
Sie konnte ja nichts versprechen!
Sie konnte etwas erreichen, vielleicht in einem Jahr, vielleicht bedurfte es deren sechs, sieben! Sie konnte ihre Stimme verlieren! Es war doch ganz ungewiß, ob sie ihr Ziel erreichen würde. Die Angst kam über sie. Wenn nicht? Was dann -- was dann?
Den Scheck hatte sie in den Schreibtisch geschlossen, sie würde ihn dem Kommerzienrat geben, wenn er käme. Dies würde ihre Antwort sein.
Zwei Tage waren bereits vergangen, und Gerda hatte das Geld noch nicht an Winkelmann zurückerstattet. Sie war wie im Fieber. Arbeiten konnte sie nicht. Die Stunden hatte sie abgesagt, sie hätte ja doch keinen Ton hervorgebracht.
Was tun? Es mußte etwas geschehen.
Sie öffnete den Schreibtisch und nahm den Scheck zur Hand. In einer Stunde konnte das Geld an Winkelmanns Konto überwiesen sein.
›Ihr Freund, der Kommerzienrat Menders!‹ hörte sie die Leute sagen.
Sie sah seine blinzelnden Augen lüstern auf sich gerichtet, sah seine feuchten Lippen sich ihr nähern, fühlte seine tastenden Hände. -- -- Voller Ekel warf sie den Scheck in den Kasten zurück und verschloß ihn. --
Sie nahm die Zeitung zur Hand, wie konnte sie daran vergessen, heute mußten die Konzertkritiken darin stehen.
Sie fand ihren Namen und las. Auch das noch. Sie sprang auf und preßte die Hand an die pochenden Schläfen. Runtergerissen! Welche Mühe, welche Arbeit hatte sie aufgewandt, und nun dies! Noch nichts hätte sie erreicht! Weiterlernen -- studieren -- noch Jahre konnten vergehen, ehe sie eine fertige Künstlerin sein würde.
Man hatte ihr zugejubelt, und sie gefeiert, und nun kam da so ein Zeitungsschreiber und nannte sie eine Anfängerin mit mittelmäßiger Stimme.
Lächerlich! Wenn dem so wäre, so hätte sie diesen Beifall nicht gehabt! Aber sie wollte doch bis zu Ende lesen, was hatte er denn noch auszusetzen? So -- deswegen der Beifall -- ihre wundervolle, vornehme und aparte Erscheinung siegte über ihr Talent! ›Es ist ein Verbrechen des Publikums und der guten Freunde, wenn sie, bezaubert durch die Erscheinung, der Vortragenden einen Beifall zollen, der nicht ihren Leistungen, sondern ihrer Persönlichkeit gilt.‹ -- So schrieb der Kritiker.
Gerda legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und fuhr mit der flachen Hand darüber hin, als ob sie es glätten wollte.
War es wirklich nur ihre Schönheit, die wirkte?
Nicht ihre Stimme, ihre Kunst?
Dann brauchte sie ja nicht zu studieren, hatte nur nötig, sich zur Schau zu stellen.
Sie lachte auf.
Also einpacken, nach Hause fahren. Stillsitzen und die Versorgung erwarten in Gestalt eines Hauptmanns. Von Garnison zu Garnison ziehen, Kinder bekommen, Wirtschaft führen.
Nach Hause? Sie hatte ja kein zu Hause mehr, den Weg hatte sie sich verlegt -- sie hätte ihn auch nicht betreten -- niemals.
Wieder untertauchen in die Alltäglichkeit -- nimmermehr -- dann lieber -- -- die Freundin des Kommerzienrats?
Sie würde ein sorgenloses Leben führen und die gefeierte Künstlerin _spielen_ können. Sein Geld und ihre Schönheit würden das erreichen, und vielleicht -- in Jahren -- würde sie sich dennoch, kraft ihrer Kunst, Geltung schaffen.
Sollte sie Winkelmann heiraten?
Auch hier erwartete sie Glanz und Reichtum. Auch durch ihn konnte sie ihre Stimme vervollkommnen, weiterarbeiten.
Verkauft -- verkauft!
Immer erst durch den Reiz ihres Körpers würde sie sich das erkaufen können.
Nun gut, so wollte sie denn ihre Schönheit ausnutzen. Aber nicht jenen beiden wollte sie sich verkaufen, nicht ihnen sollte ihr Körper gehören. Alle sollten sie sich ihrer Schönheit freuen, sollten Verlangen nach ihr tragen, aber -- gehören würde sie keinem. Ihre Gunst und ihr Körper waren nicht käuflich. Zur Schau wollte sie sich stellen und Kapital daraus schlagen!
Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb zwei Briefe. Sie schickte dem Kommerzienrat den Scheck zurück und dankte ihm für sein gefälliges Entgegenkommen, aber sie könnte keinen Gebrauch davon machen. In dem anderen bat sie den Agenten Veilchenfeld um seinen Besuch. Sie adressierte die beiden Briefe und trug sie selbst zur Post. -- -- --
Nun blieb ihr nur noch übrig, mit Winkelmann abzurechnen. -- -- --
»Ein Jahreseinkommen von zwanzigtausend Mark, Auftreten in nur erstklassigen Varietés, zwei Monate Ferien und Vorschuß von fünftausend Mark sofort.«
Der Agent schrie auf: »Fünftausend Mark, was denken Sie, sagen wir zweitausend!«
»Fünftausend, und sofort, oder ich unterschreibe nicht.«
»Ich kann nicht. Das ist ein Viertel Ihrer Jahresgage. In zwei Monaten treten wir unsere Reise erst an, wenn Sie bis dahin sterben? Sie können verunglücken! Ihre Stimme -- will sagen, Ihre Schönheit, kann leiden -- ich riskiere zuviel dabei.«
Gerda stand auf. »Sie müssen das riskieren oder auf mich verzichten.«
Er seufzte und zog das Scheckbuch aus der Tasche.
»Gut -- also viertausend.«
»Fünftausend!«
»Und wenn Sie sterben?«
»Dann buchen Sie auf Verlustkonto.«
»Das sagen Sie so ruhig.«
»Schreiben Sie, ich muß zur Bank.«
Veilchenfeld schrieb, und Gerda fuhr zur Bank und überwies an Winkelmann zehntausend Mark.
* * *
Winkelmann hatte versucht, sich zu betäuben. Die alten Mittel. Spiel und Weiber. Er besuchte die Nachtlokale, veranstaltete tolle Sektgelage, und kam niemals allein heim. Er suchte seine Leidenschaft zu ersticken, suchte Vergessen in den Zügellosigkeiten mit käuflichen Frauen. Es gelang ihm nicht. Hielt er eine Frau in seinen Armen, so überkam ihn der Ekel vor sich selbst und vor dem Weibe, das sich ihm aus Laune oder Geldgier preisgab. Er überhäufte die Frau mit Schmähungen und hieß sie gehen, um allein zu sein. War er allein, so überkam ihn eine wilde Sehnsucht nach der einen einzigen, die ihm widerstanden, und von der er nicht los kam. Eines abends traf er ein Weib, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Gerda hatte. Er bestellte sie für den anderen Nachmittag in seine Wohnung. Als sie kam, hatte er ein Lager von dunkelroten Rosen bereitet. Sie mußte sich ausziehen, mußte ihre rötlich schimmernden Haare lösen und mußte sich auf das Lager legen. Er kniete davor und betete sie an. Als er schweigend wohl so eine Stunde gelegen, streckte sie die Arme aus und zog ihn empor. Mit einem erstickenden Schrei preßte er sie in seine Arme und schloß die Augen.
Nun hatte er sie doch bezwungen, sie hatte sich ihm hingegeben.
Da fuhr er auf. »Du bist es nicht -- diese gierigen Küsse -- du bist ein schamloses Weib -- geh -- geh --« schrie er sie an.
Er vergrub sein Antlitz in die Kissen, stöhnte laut und rang mit seiner Begierde. -- -- --
Die Benachrichtigung seiner Bank -- Überweisung von zehntausend Mark im Auftrage von Fräulein von Wangenheim -- hielt er in Händen.
Nun war sie ganz von ihm gelöst. Das letzte Band, an dem er sie noch zu halten gehofft, sie hatte es zerschnitten.
Sie war fertig mit ihm.
Das Geld!
Von wem hatte sie das Geld erhalten?
Reitzenstein? Der hatte kein Vermögen.
Der Kommerzienrat?
Das Blut stieg ihm zu Kopf.
Der konnte nur einen Kaufpreis verlangt haben.
Hatte sie schon bezahlt?
Das Blut in seinen Schläfen hämmerte wild.
Er ballte die Faust und zwang sich zur Ruhe.
Er ging zum Schreibtisch und entnahm ihm seinen Revolver. Er prüfte die Waffe, sicherte sie, steckte sie zu sich, und fuhr in die Pension am Steinplatz. -- --
»Das gnädige Fräulein ist zur Gesangstunde und wird erst gegen Mittag zurückerwartet,« wurde ihm der Bescheid.
In der Gesangstunde! Er wußte den Weg, den sie machen mußte. Quer durch den Tiergarten -- das war gut -- er konnte sie stellen.
Langsam schritt er dem Tiergarten zu. Es war ein heller, sonniger Märztag, eine laue Frühlingsluft wehte, und die ersten Knospen zeigten sich an den Sträuchern. Winkelmann setzte sich auf eine Bank.
Es war einsam um ihn, soweit er den Weg überblicken konnte, sah er keinen Menschen. Er zog den Revolver und entsicherte ihn. Lächelnd betrachtete er ihn, fuhr spielend darüber hin und steckte ihn wieder in die Tasche.
So saß er wartend.
Endlich kam sie. Ganz allein. Und ringsum kein Mensch als sie und er. Langsam kam sie einher. Sie trug noch immer Schwarz, die Trauer um ihren Vater. Auf ihrem Haar schimmerte die Sonne. Es flimmerte und funkelte.
Er steht auf und geht ihr entgegen.
Als sie ihn sieht, bleibt sie unwillkürlich stehen.
Er tritt dicht an sie heran.
»Sie wollen mich los sein -- Sie haben mir das Geld zurückgeschickt -- aber eines muß ich wissen -- haben Sie« -- seine Aufregung ist so groß, daß er Mühe hat, zu sprechen -- »haben Sie sich dem Kommerzienrat verkauft?«
Sie mißt ihn mit einem eisigen Blick. »Was kümmert Sie das?«
Ihre Kälte und Ruhe macht sein Blut kochen, seine Hand fährt in die Tasche und umspannt den Revolver. »Du wolltest mir nicht angehören -- aber wenn du -- wenn du« -- wieder würgt ihn die Erregung -- »du sollst auch keinem anderen angehören -- hörst du?«
Verächtlich sieht sie ihn an.
»Hast du ihm angehört?« schreit er jetzt laut.
»Was kümmert Sie das?«
»Ich dulde es nicht!« und er hebt die Waffe gegen sie.
Sie bleibt ruhig stehen, und hat nur das eine Wort: »Pfui!«
Da sinkt der ausgestreckte Arm, und er sagt tonlos: »Gehen Sie, gehen Sie schnell --«
Und sie geht. Geht langsam, ruhig und hoheitsvoll ihren Weg. Ist zehn Schritte gegangen, da kracht ein Schuß. Ein Zittern fährt durch ihre Ruhe. Hat er die Waffe gegen sich selbst gerichtet? Sie bleibt stehen. Alles tot und still, und ringsum kein Mensch. Nur er und sie. Sie lauscht atemlos.
Sie fühlt -- fühlt etwas, das sie rückwärts zwingt, sie wendet sich um. Da liegt eine Gestalt am Wege -- ein langer, dunkler Streif -- lautlos und still. Mit schweren Schritten geht sie zurück. Und sie starrt auf die Gestalt zu ihren Füßen. Ein dünner, roter Streifen sickert langsam aus dem schwarzen Tuch, an der Stelle des Herzens hervor. Die Rechte umspannt fest den Revolver.
Sie lauscht atemlos.
Und ringsum kein Mensch.
Nur er und sie.
Zwei gebrochene Augen suchen den Himmel.
Da jagt sie von dannen. -- -- --
Sie steht in ihrem Zimmer.
Da draußen liegt ein Mensch -- ein Mensch, der ihr Freund gewesen -- der sie geliebt -- den seine Liebe für sie in den Tod getrieben. -- Er liegt einsam, verlassen -- -- Menschen werden ihn finden -- -- sie muß jemand benachrichtigen. -- -- --
Gerda stürzt hinüber zu Lotte Wunsch.
Lotte ist zu Haus und springt empor bei Gerdas ungestümem Eindringen. »Was ist geschehen, Fräulein von Wangenheim?«
»Im Tiergarten liegt Winkelmann, tot, allein! --«
Lotte starrt sie an.
»Er hat mich erwartet -- wir hatten Streit -- er hat sich erschossen -- --«
»Wissen Sie bestimmt, daß er tot ist?«
Gerda nickt.
»Man muß ihn holen, er darf da nicht liegenbleiben. Sie wissen die Stelle zu finden?«
»Ja -- aber wir allein?«
»Ich telephoniere an Reitzenstein. Ist es weit von hier?«
»Nein.«
»Gut, so mag Reitzenstein uns abholen. Sie zeigen ihm den Platz. Er kann dann alles weitere veranlassen, und wir ziehen uns zurück.« -- -- --
Als sie zurückgekommen waren, löste sich Gerdas Aufregung in Tränen.
»Haben Sie sich einen Vorwurf zu machen, Fräulein von Wangenheim?«
»Wenn Sie mir zum Vorwurf machen wollen, daß ich seine Leidenschaft nicht erwidern konnte!«
»Daraus kann Ihnen natürlich niemand einen Vorwurf machen. Ich meine, haben Sie ihn vielleicht in dem Gedanken gewiegt -- -- --«
»Ich habe ihm von Anfang an gesagt, daß ich niemals die Seine werden könnte.«