Begierde

Part 14

Chapter 141,715 wordsPublic domain

Lotte schweigt. Sie hatte Gerda ihr leichtsinniges Verhalten Winkelmann gegenüber zum Vorwurf machen wollen -- aber -- was sollte das nutzen? Sie hatte mit Winkelmann gespielt, wie sie mit Reitzenstein spielte, und wie sie es noch mit vielen anderen tun würde. Mochte sie ihre Wege gehen. Vielleicht war sie auserkoren, ihre Mitschwestern an den Männern zu rächen. Sie hatte ja gezeigt, daß sie die Natur dazu hatte. Sie erweckte Hoffnungen, erteilte Gunstbezeugungen, entflammte Blut und Herzen, und schritt dann kühl und lächelnd über zerbrochene Existenzen.

* * *

Die Berliner Kunstausstellung des Jahres 1914 war eröffnet.

Das Publikum drängte sich in den Sälen und begutachtete die neuen Schöpfungen.

In dem letzten der großen Mittelsäle, in welchem die Bildhauer zu ihrem Rechte kamen, standen vor einem Bildwerk, welches gleich einem großen Schrecken aus grünem Blattgewirr hervortauchte, zwei Menschen.

»Wie heißt dieses Ungeheuer?« fragte der alte, weißhaarige Herr den neben ihm stehenden jungen Mann.

»Der Mensch!«

»Der Mensch?« Der Alte blickte mit starkem Interesse auf das Werk.

»Das Tier, sollte darunter stehen,« sprach der Junge.

»Das Tier im Menschen -- von dem die heutige Welt sich beherrschen läßt, mein Sohn! Dies Werk spricht vom Erkennen der Zeit.«

»Vater, du wirst doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß wir von solch maßlosen Begierden, wie sie auf diesem Gorgonenhaupt thronen, beherrscht werden?«

»Die Menschen werden mehr davon beherrscht, als sie ahnen. Die Gier nach Reichtum und Genuß, nach Sinnenlust und Ruhm, beginnt Sitte und Moral zu überwuchern, und lockert die Bande der Nächstenliebe. Ein jeder hält nur seine persönlichen Interessen, sein eigenes Ich, im Auge, und vergißt darüber das Wohl seiner Mitmenschen.

Sieh, diese unersättliche Gier, die alles verschlingt, alles in sich hineinfrißt. Ein großer Künstler und fühlender Mensch hat dieses Werk geschaffen.«

Der Sohn suchte nach dem Namen. »Eine Frau ist es, die dieses geschaffen -- ›Lotte Wunsch‹ -- steht darunter.«

»Eine Frau schafft ein Werk von dieser Kraft und Stärke?«

Eine lebhafte Gruppe trat vor das Kunstwerk.

»Donnerwetter, ein Schlag ins Gesicht! Wer fühlt sich getroffen?«

Alle lachten. »Nettes Menschenbild!«

»Soll ’n Witz sein!«

»Nee, Abklatsch. Könnte euch die Vorbilder nennen, nach denen sie gearbeitet hat. Kapitales Frauenzimmer, die Wunsch!«

»Ich kann die Menschen, die sich durch das Geißeln menschlicher Schwächen über andere erheben wollen, nicht leiden.«

»Wer sagt Ihnen denn, daß sie sich überheben will? Vielleicht hat sie viel durch Unbeherrschtheit gelitten. Mag sein, durch eigene -- mag sein, durch die Schwachheit der anderen.«

»Meine Herren,« mischte sich der weißhaarige Herr in die Unterhaltung der Gruppe. »Dieses Werk ist ein Markstein unserer Zeit -- dieses Werk fordert ein gebieterisches Halt!«

»Erlauben Sie, mein Herr!« Aus der Gruppe löst sich Herr von Reitzenstein und stellt sich gerade und aufrecht vor den alten Herrn hin. »Wovor sollen wir haltmachen? Wir, die neue Generation, sind ein zielbewußtes, starkes Geschlecht. Glauben Sie wirklich, daß, wenn ein oder der andere sich zügellos von seinen Leidenschaften beherrschen läßt, dadurch die ganze Menschheit zugrunde gehen wird? Sie vergessen, daß wir hier die Phantasie einer Künstlerin vor uns haben, die, schwelgend in der genialen Ausführung ihrer Phantasien, doch nur einen kleinen Ausschnitt der Allgemeinheit wiedergegeben hat.«

»Es sind die Phantasien eines über die Menschheit weinenden Herzens, Herr Leutnant.«

»Mag ein Herz über die Menschheit weinen, andere hingegen freuen sich des lachenden Lebens.«

»Was, mein Herr, wollen Sie unserer Zeit zum Vorwurf machen? Ist es nicht eine Freude, gerade in dieser Zeit zu leben? Einer Zeit der Entdeckungen, der Erfindungen, einer Zeit der Ideen und der Aufklärungen?«

»Wir sind eben moderne Menschen,« ergriff Reitzenstein wieder das Wort. »Haben Sie eine Vorstellung, was das bedeutet, mein Herr? Ein moderner Mensch ist ein freidenkender Mensch, dem es einerlei ist, was der andere tut. Der dem Menschen die menschlichen Schwächen zubilligt, weil er weiß, daß wir eben Menschen sind. Ein moderner Mensch ist ein Mensch ohne Ideale und Träume, es ist ein Mensch mit gesunden Sinnen und mit gesundem Egoismus.«

Der Weißhaarige lächelte.

»Gesunder Egoismus! Egoismus ist immer ungesund, ist nichts weiter als Eigennutz und Rücksichtslosigkeit. Der Egoismus der heutigen Zeit, das ist die Wurzel des Übels. Der Egoismus regiert die Welt. Er ist es, der Freundschaft, Liebe, Gefühl, der das religiöse Empfinden aus der Welt verdrängt hat. Er ist es, der die Menschen lehrt, sich schrankenlos ihren Begierden, ihren Leidenschaften hinzugeben.

Auch ich, meine Herren, bewundere die Errungenschaften unserer Zeit, soweit sie auf dem Gebiete der Technik und der Wissenschaften beruhen, aber ich beklage tief, daß über diesen Errungenschaften die Ideale und die Gefühlswelt versinken mußten.

Oder halten Sie es wirklich für wertvoller, daß statt dessen der Materialismus und der Atheismus an die Spitze getreten sind?

Wir leben in einer Zeit eminenter Entwicklungen des Hirns auf Kosten der Seele!

Schaffen Sie Gefühlswerte statt der Erfindungen, meine Herren, wenn Sie nicht wollen, daß eine Welt zusammenstürzt. Bekämpfen Sie den Materialismus, den Kultus der eigenen Persönlichkeit! Nehmen Sie den Kampf auf mit Ihrem eigenen Ich. Vielleicht bedarf es nur eines kräftigen Willensaktes -- und aus Zerstörern -- werden Erbauer!«

»Wie kann man von Zusammenbruch sprechen angesichts der Kulturwerte, die unsere heutige Zeit geschaffen?«

»Der höchste aller Kulturwerte, das ist die Entwicklung der Gefühlswelt, die Sie aus der Welt schaffen wollen. Schon zu tief umstrickt von Eigennutz und Selbstsucht sind die Menschen. Sie sehen nicht die Furien, die ihnen entgegenrasen, sie hören nicht den Orkan, der ihnen entgegentobt. Blind und taub wüten sie ihm entgegen. Und er wird sie einhüllen in Leid und Schmerzen, in Jammer und Not. Ich sehe die Menschen eingehüllt in purpurne Wolken und in tiefe, nachtschwarze Schatten. Schreien und Wehklagen ist in der Luft. Feurige Blitze zucken, Donnergebrüll rast durch das All. --

Ich aber freue mich. Ich werde lachen, wie -- ›Der Mensch‹ -- lacht«, und seine ausgestreckte Rechte wies auf das aus dem grünen Blätterwerk hervorragende Ungeheuer, sein Blick wurde hell und prophetisch:

»Denn aus Trümmern und Gebein -- aus Blut und Asche wird etwas geboren werden -- geboren vom unerbittlichen Schicksal -- höherstehend als alle von Menschen geschaffenen Kulturwerte -- daraus geboren wird:

die Seele der Menschheit!«

Der Weißhaarige ließ die ausgestreckte Rechte sinken, sein Blick erlosch, er wandte sich und ging.

Und sie hörten alle ein Lachen. Ein sonderbares Lachen. Erst klang es höhnend, toll und siegesgewiß. Dann kamen Klagelaute und Schmerzenstöne in seinen Klang, jetzt Stöhnen und Ächzen, nun wurde es leiser -- und jetzt klang es silbern und hell, wuchs empor zu jubelndem Lachen und verklang zu jauchzendem Laut hoch oben in der Luft.

Lachte der Greis oder lachte das Schicksal?

* * *

Druck von _F. E. Haag_, Melle i. Hann.

Die Sittenromane von Jolanthe Marès Stimmen der Presse nachstehend

Lilli

Ein Sittenbild aus Berlin W

50. Tausend Steif broschiert Mark 4,50 Gebunden Mark 7,--

Lillis Ehe

Ein Sittenbild (Fortsetzung von Lilli) 50. Tausend Steif broschiert Mark 4,50 Gebunden Mark 7,--

Mütterreigen

(Wie sie Mütter werden) Steif broschiert Mark 7,50 Gebunden Mark 10,--

Seine Beichte

Der Roman eines Lebemannes Steif broschiert Mark 7,50 Elegant gebunden Mark 10,--

Neu! Das große Unrecht Neu!

Aus dem Leben eines Frauenarztes Roman Steif broschiert Mark 10,-- Gebunden Mark 12,--

Wilhelm Borngräber Verlag Berlin

Publikum, Presse und Autoritäten über Wert und Nützlichkeit des Buches »Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W von Jolanthe Marès. Verlag Wilhelm Borngräber.

Lily Braun:

Das Buch »Lilli« von Jolanthe Marès ist eine ebenso glänzende wie wahrheitsgetreue Schilderung der Verhältnisse, in denen die Jugend von Berlin ~W~ heute aufwächst und unter denen sie notwendig physisch und moralisch zugrunde gehen muß. Das Buch wirkt auf jeden ernsten, anständigen Menschen tief erschütternd. Es ist ein überaus nützliches Werk sittlicher Aufklärung, das mit dazu beitragen kann, die Verhältnisse zu ändern. Es müßte allen Eltern -- auch allen, die es werden wollen -- in die Hand gegeben werden. Für Kinder ist nicht bestimmt. Man hat aber bisher auch die Streichhölzer nicht verboten, weil Kinder sich zuweilen daran verbrennen.

~Dr. phil.~ Helene Stöcker:

»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin ~W.~ -- Die Erfahrungen und Schicksale dieser jungen Damen einer bestimmten Gesellschaftsklasse sind kaum dazu angetan zur Nachahmung zu reizen, wohl aber zeigen sie uns ein Bild von dem, was ist und geben dadurch am ehesten zur Abwehr und zu Änderungsversuchen Anlaß und Möglichkeit. Die Darstellung ist keineswegs so, daß sie die Grenzen dessen, was gesagt werden muß, um die Tatsachen festzustellen, überschreitet. Man kann diesem Buche nicht nachsagen, daß es etwa auffordert, dieser frivolen und leichtfertigen Lebensart nachzuleben. Im Gegenteil, es läßt die sehr ernsten und bedenklichen Konsequenzen eines solchen Lebens deutlich erkennen.

Münchener Neueste Nachrichten:

»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin ~W~, möchte ich literarisch nicht zu hoch einschätzen, aber diese Wertung hat es als selten mutige Anklageschrift gar nicht nötig. Es wirkt in der Zweckform vielleicht stärker, als wenn es ein vollendetes Kunstwerk wäre. Und der Ernst, mit dem es den Eltern gewidmet ist, hebt es über den Verdacht, pornographische Literatur sein zu wollen. In dem Schluß, den die Verfasserin gibt, liegt viel mehr Hoffnungslosigkeit, als sie in ihrem Vorwort vermuten läßt; er erhebt sich denn auch zu einer Anklage, die bei manchem Biedermann Entrüstung hervorgerufen hat und noch weiter hervorrufen wird. Man kann und will es einfach nicht für möglich halten, daß jene Gesellschaftsklasse, auf die man wie auf ein goldenes Märchen blickt, moralisch verseucht ist, daß ihre Töchter eine Vorurteilslosigkeit besitzen, die vom Dirnentum keinen allzu großen Abstand hat. An der Echtheit der Schilderungen ist wohl nicht zu zweifeln; dafür spricht ihre Einheitlichkeit, die richtige Zeichnung der Charaktere, oft nur mit wenigen Strichen, und die genaue Kenntnis der Lebensgewohnheiten jener Menschen. Die Verfasserin hätte uns gewiß neben den Tatsachen auch die richtigen Namen nennen können, wenn es Sinn gehabt hätte. Es ist natürlich schon eine mutige Tat, so ein Buch zu schreiben, und sie verdient uneingeschränktes Lob. Wenn es auch nur bei einigen wenigen auf fruchtbaren Boden fallen würde, wenn nur einige Eltern anfingen, nachzudenken, daß sie bisweilen selbst an der Verwahrlosung der Kinder die größte Schuld tragen, und wenn die Kultur, die man so oft eitel nennt und als äußerlichen Schliff und elegante Lebensführung betrachtet, wieder in ihrem Wesen als geistige Macht und seelischer Hochstand erkannt würde, so wäre schon etwas damit gewonnen.

Hauptmann Heinrich Peters:

»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W. -- Man müßte das Buch in einer Reklameausgabe auch den weniger Bemittelten zugänglich machen, um möglichst vielen Eltern die Augen zu öffnen.

Dies Buch wurde gedruckt bei F. E. Haag in Melle (Hannover) für den Verlag Wilhelm Borngräber in Berlin und Leipzig.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Korrekturen:

=S. 171=: »unterfahen« → »unterfahren«