Part 12
»Du, Tante Ebba -- denn du bist so geblieben wie du warst, und ich schäme mich, wenn ich an all das dumme Zeug denke, das ich im Kopfe getragen. Modern und unmodern, ist ja auch alles Unsinn -- weißt du, man sollte zuerst Mensch sein -- und das bist du -- ein prächtiger Mensch. Ich aber -- du, Muttchen --« und sie versteckte ihren Kopf an Ebbas Schulter -- »ich habe gefunden, daß es sich mit Menschen, die ein Herz in der Brust haben, doch viel, viel besser leben läßt.« --
Die Wolken fangen an, sich zu zerteilen -- dahinter verborgen lag das Glück, mein Glück! Es schwebt auf mich hernieder, ich halte es in Händen. -- Der Rausch ist verflogen, wir müssen uns voneinander trennen. Du wirst mich wiedersehen, Ebba. Ein Kind. Mein Kind. Kannst Du es fassen? Im Liebesrausch erschaffen, und unter dem Zeichen der Liebe und Zuneigung entwickelt. Und mein allein. Da wir nicht zusammenbleiben können, soll er keinen Teil daran haben. ›Vom Glücklichsein träumt man nur.‹ Weißt Du noch wie wir es sprachen? Träume können sich erfüllen. Der meine hat sich erfüllt. Im Glück Deine Lotte.
Ebba ließ den Brief auf den Tisch sinken. Erfüllt! So ward ihnen denn beiden das Glück beschert, eine junge Seele zu hüten und pflegen, und zu entwickeln. Lotte würde das Glück haben, Blut von ihrem Blut ans Herz drücken zu dürfen, und sie selbst würde der Tochter ihres Bruders zur Seite stehen. War es auch nicht ein Teil ihres Selbst, so liebte sie dennoch dieses junge Geschöpf, das ihre liebeshungrige Seele an sie gehängt, wie sie ihr eigenes Kind geliebt haben würde. Nun war sie nicht mehr einsam. Sie konnte nun mit anderen für andere leben! Dem Bruder wollte sie die langentbehrte Häuslichkeit schaffen, sie würde seinem Hause, das bisher der Treffpunkt oberflächlicher, vergnügungssüchtiger Genußmenschen gewesen, den Stempel der Ruhe und Gediegenheit aufprägen.
Auch ihre Wünsche hatten sich erfüllt.
Das Glück, von dem sie geträumt, hatte sie nicht gefunden und konnte sie auch nicht mehr finden. Es lag nicht in ihrer Art, sich über Enttäuschungen hinwegzusetzen. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Aber vergessen, daß ein Mann in ihr Leben getreten, um es zu zerstören, um sie um alles zu bringen, was das Leben einer Frau wertvoll macht -- vergessen konnte sie das nicht. Und darum würde sie auch niemals wieder ihr Leben an die Seite eines anderen Mannes ketten können. -- --
* * *
Gerda saß mit Herrn von Reitzenstein in einem kleinen, eleganten Weinrestaurant. Sie hatten sich im Konzert getroffen, und er hatte sie gebeten, mit ihm zu Abend zu speisen.
Einen Augenblick hatte sie mit der Antwort gezögert, hatte ihn groß angesehen, dann aber sagte sie: »Aber ein kleines, ruhiges Lokal bitte, keine lärmenden Menschen -- nicht, daß ich fürchte, gesehen zu werden -- aber ich bin in Trauer, wie Sie wissen.« --
»Ich glaube, Sie arbeiten zu viel, gnädiges Fräulein, Sie sehen abgespannt aus.«
»Ich muß. Bedenken Sie, in kurzer Zeit muß ich wieder an die Öffentlichkeit. Ich muß vorwärts, schnell vorwärts, das bedingt angestrengtes Studium.«
»Sie sollten sich doch ein wenig mehr Ruhe gönnen, was schadet es denn, wenn Sie wirklich ein bißchen langsamer vorwärtskommen. Sie haben in kurzer Zeit schon soviel erreicht, Sie wollen alles im Sturm nehmen, wie es scheint.«
»Gar nichts habe ich erreicht, im Verhältnis zu dem was noch zu erreichen bleibt.«
Er goß den feurigen Burgunder in die Gläser. »Also, stoßen wir an auf einen schnellen Aufstieg. Das heißt, in meinen Augen sind Sie schon auf der Höhe.«
Sie ließ ihr Glas an das seine klingen und lachte: »Sie verstehen ja doch nichts von Musik!«
»Viel allerdings nicht,« gab er freimütig zu.
»Warum sind Sie heute eigentlich in das Konzert gegangen? Der Vortrag eines Geigenkünstlers und Sie ohne Gesellschaft im Saal! Kennen Sie den Künstler, haben Sie Beziehungen zu ihm?«
»Ich bin doch nur hingegangen, um Sie dort zu treffen.«
»Soo -- darum. Welchen Zweck verbinden Sie damit?«
»Fräulein von Wangenheim, Sie wissen, daß ich Sie liebe.«
»Und Sie wissen, daß ich Ihre Liebe nicht erwidere.«
»Sie lieben Winkelmann.«
»Muß man denn immer einen anderen lieben?«
»Eine Frau, wie Sie, die unter den Bewerbern nur zu wählen braucht, muß einen bevorzugen.«
»Sie irren in der Tat, Herr von Reitzenstein. Ich bevorzuge niemand. Es ist bisher noch keinem gelungen, meine Pulse fiebern -- mein Herz schneller schlagen zu machen.«
»Man sollte beinahe meinen, Sie hätten gar kein Herz.«
»Es kann wohl so sein, wenigstens denke ich das selbst oft. Meinen Sie nicht, daß es von Vorteil sei, ohne Seele zu leben?«
»Das ist ja überhaupt kein Leben -- ohne Seele!«
»Im Gegenteil, erst dann lebt man, denn dann beherrscht man das Leben. Was wollen Sie, die Seele wird ja doch bloß unter die Füße getreten oder in Stücke gerissen!«
»Und wenn Sie meine Seele in hundert kleine Fetzen reißen und mir vor die Füße werfen -- so würde mir das bitter weh tun und ich würde durch tausend Schmerzen gehen -- aber niemals würde ich deshalb wünschen, keine Seele besessen zu haben. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie ohne Seele sind, lassen Sie sich schnell eine einblasen.«
»Vielleicht von Ihnen oder von Winkelmann?«
»Warum nicht?« --
»Ah -- Herr Winkelmann -- bitte, Sie dürfen mir schon guten Abend sagen.«
»Ich fürchtete, zu stören.«
Winkelmann trat an den Tisch und begrüßte die beiden. Als er das Lokal betrat, hatten seine scharfen Augen Gerda sofort erspäht, auch mit wem sie saß, wußte er, trotzdem er von Reitzenstein nur den Rücken sehen konnte. Erst war es seine Absicht gewesen, sich in eine Ecke zu setzen und die beiden zu beobachten, dann aber änderte er seinen Entschluß, und er ging langsam an dem Tisch vorbei, so tuend, als bemerke er sie nicht. Würden sie keine Notiz von ihm nehmen, so wollten sie nicht bemerkt werden, und er wußte Bescheid, andernfalls -- da rief Gerda ihn an, und er begrüßte sie.
»Sie stören durchaus nicht. Im Gegenteil, wir sprachen gerade von Ihnen. Sie sollen mir nämlich eine Seele einblasen.«
»Das täte ich von Herzen gern -- wenn Sie nämlich keine haben.«
»Ich habe keine!«
»Das bilden Sie sich doch nur ein! Dann wären Sie ja eine Melusine, ein unirdisch Lebewesen -- kein Menschenkind.«
»Das bin ich vielleicht.«
»Haben Sie Ihren Vater lieb gehabt?« Reitzenstein sagte es leise und zart, ganz zart.
Sie senkte den Kopf. »Sehr lieb.«
Einen Augenblick schwiegen sie alle drei, dann sagte Winkelmann:
»Nun werden wir bald wieder die Trommel rühren müssen zu Ihrem Konzert.«
»Recht schade, daß das Westphalsche Haus seine Pforten geschlossen hat, da konnte man Beziehungen anknüpfen, und sich Publikum schaffen,« sagte Reitzenstein. »Ist es nicht dies Haus, so ist es ein anderes. Diese gastlichen Häuser, in denen man alle Welt trifft, finden Sie zu Dutzenden hier in Berlin, eine Kleinigkeit, dort eingeführt zu werden. Kennen Sie die Familie Menders? Kommerzienrat Menders, Fräulein von Wangenheim?«
»Nein.«
»Dort sollten Sie verkehren. Höchste Kreise -- aber sehr stark gemischt. Ich werde Sie einführen.«
»Können Sie machen, daß ich dort singe?«
»Ich glaube wohl.«
»Sagen Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Reitzenstein an Gerda, »hört man denn nichts von Fräulein Wunsch? Sie ist doch so gänzlich unsichtbar geworden. Ich hörte, ihr letztes Werk soll im Frühjahr ausgestellt werden, wissen Sie etwas Näheres?«
»Ich hörte gestern in der Pension, daß sie in diesen Tagen zurückerwartet wird.«
»Sie soll ja in der Nähe von München einen Traum geträumt haben,« bemerkte Winkelmann.
»Fräulein Wunsch sieht mir gar nicht nach träumen aus.«
»Nun, der Traum hatte Arme und Beine und einen Feuerkopf.«
»Ein famoser Mensch und eine große Künstlerin ist die Wunsch,« bemerkte Reitzenstein.
»Alle Welt ist gespannt auf ihre neueste Arbeit. Man erzählt, daß sie durch dieses Werk uns alle verspottet und der Menschheit ins Gesicht schlägt.«
»Wird wohl nur Stimmungsmache sein,« sagte Winkelmann.
»Man wird ja sehen. Aber eine bedeutende Arbeit soll es sein. Arno Stürmer sprach davon.«
* * *
Winkelmann hatte Gerda bei dem Kommerzienrat Menders eingeführt, und man hatte sie aufgefordert, auf dem nächsten Tee zu singen.
Wieder würde ihr Name genannt werden, wieder würde der Kreis ihrer Anhänger sich erweitern.
Sie brauchte Menschen, Publikum!
Wie ein Fieber war es über sie gekommen. Gesehen werden -- von sich reden machen! Sie, die bisher eine kühle Reserviertheit allen fremden Menschen gegenüber gezeigt hatte, war jetzt von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit. Hatte für jeden ein freundliches Lächeln und verbindliche Worte. Ihr Antlitz lächelte, aber ihr Inneres lachte. Lachte und höhnte. Ich brauche euch, daß ihr es nur wißt -- Maske mein Lächeln, Lüge meine Worte -- Mittel zum Zweck! Sprossen meiner Stufenleiter seid ihr mir, nichts weiter. Hinauf zum Ruhm und Glanz. Sie begann sich auffällig zu kleiden. War sie durch ihre Trauer auch an die schwarze Farbe gebunden, so verstand sie es doch, durch irgendeinen raffinierten Halsausschnitt, durch ein Arrangement ihres funkelnden Haares, die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken. Sie brachte sich zur Geltung, aber -- sie wirkte stets vornehm. Sie besuchte mit Winkelmann zusammen die Konzerte. Ließ sich von ihm in Restaurants führen, wo sie gesehen wurden. Sie setzte sich dem Gerede aus, als Winkelmanns Geliebte zu gelten. Das war ihr gleichgültig. Sie lachte darüber. Sie brauchte einen Kavalier, und Winkelmann war ihr gerade recht dazu. Im übrigen war sie ihm auch zu Dank verpflichtet. Er ermöglichte es ihr, weiter zu studieren, er machte sie bekannt, mit Menschen, die ihr nutzen konnten -- genug, sie brauchte ihn. Und er war glücklich, vor der Welt als ihr Geliebter gelten zu dürfen; daß er es in Wirklichkeit werden würde, davon war er überzeugt.
Auch heute wollten sie zusammen in die Oper gehen. Gerda erwartete ihn. Sie hatte versprochen, vorher mit ihm zusammen eine Tasse Tee zu trinken. Sie saß an dem nett arrangierten Teetisch, rauchte und lächelte. Der arme Reitzenstein! Er war tief unglücklich. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie sich öffentlich mit Winkelmann zeigte. ›Wenn er schon Ihr‹ -- er begann zu stottern -- ›wenn er schon -- Ihr -- Ihr Geliebter ist -- so brauchen Sie das nicht allen Menschen ins Gesicht zu schreien.‹
›Ich habe keine Ursache, mich oder mein Tun und Treiben zu verbergen, Herr von Reitzenstein.‹
›Aber warum mußte gerade er es sein?‹
Gerda lachte: ›Warum nicht Sie?‹
›Ja, warum nicht ich?‹
›Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Herr von Reitzenstein, weil Sie gar so unglücklich aussehen, Herr Winkelmann ist nicht mein Geliebter.‹
›Nicht??‹ hatte er ungläubig gefragt. Dann hatte er ihr stürmisch die Hände geküßt und war davongestürzt. -- -- --
»Ach, die wundervollen Rosen, ich danke Ihnen, Herr Winkelmann.«
Winkelmann hielt ihr einen herrlichen, dunkelroten Strauß Rosen entgegen.
»Ein wundervoller Duft! Ich liebe die tiefdunklen Rosen. So -- und nun ist Ihr Wunsch erfüllt, Sie befinden sich in meinem ureigenen Reich. Ein etwas wirres Durcheinander, wie Sie sehen. Eben ein Pensionszimmer, mit Möbeln, die nicht mir gehören, zwischen denen die paar Stücke, die mein Eigentum, sich als fremde Gesellen ausnehmen.«
Sie legte den Rosenstrauß in ihren Schoß, zog eine Rose heraus und begann sie zu zerpflücken. Einzeln löste sie Blatt um Blatt und zerstreute die Blätter über den Tisch.
»So, und nun schenken Sie uns den Tee ein. Sie sehen, es steht alles bereit.«
Winkelmann goß den Tee in die japanischen Schalen, legte ihr kleine Kuchen auf und bestrich die gerösteten Brotscheiben mit Marmelade. Es war das erste Mal, daß er dem schönen Mädchen in ihrem eigenen Wohnraum gegenübersaß. Hatte das Zimmer auch nichts Persönliches, so war es doch der Raum, in dem sie lebte, die Möbel, die sie täglich benutzte, all die Gegenstände, die sie umgaben. Das Zimmer war erfüllt von ihrem Duft. Dort, hinter dem Schirm, stand ihr Bett. Er war in dem Zimmer einer jungen Dame, in welchem sie schlief, studierte, und ihre guten Bekannten empfing.
Eine Beklemmung überkam ihn. Wie lange sollte dieses Spiel noch dauern? War er toll, sich so am Gängelband führen zu lassen? Warum nahm er sie nicht einfach in seine Arme und zwang sie zu sich? Warum nicht heut? -- jetzt gleich? Sie mußte doch wissen, daß sie ihm verfallen war!
Er sah zu ihr hinüber.
Sie trug ein schwarzes, tiefausgeschnittenes Kreppkleid. Ihre Schultern glänzten im matten Weiß, und das blasse, von einer zarten Röte gefärbte Gesicht atmete das volle Bewußtsein seiner Schönheit. Eine geheime, fast spöttische Freude blitzte aus ihren halbgeschlossenen Augen, zitterte um ihre Nasenflügel.
Sie ahnte seine Gedanken, und sie war voll fiebernder Neugierde.
»Gerda!« -- Und er lag vor ihr und wühlte seinen Kopf in ihren Schoß.
»Oh -- meine armen Rosen --« Und sie legte den Rosenstrauß auf den Tisch, legte ihre kühle, weiße Hand auf sein Haupt, und sprach: »Stehen Sie auf, und seien Sie vernünftig.«
»Du bringst mich um den Verstand mit deiner Kälte,« stöhnte er. »Gerda -- was hast du aus mir gemacht!« Er umschlang sie leidenschaftlich und bedeckte ihren Hals mit glühenden Küssen.
Sie wehrte ihm nicht. Aber als seine Lippen die ihren suchten, stieß sie ihn zurück und sagte mit eisiger Ruhe: »Hören Sie auf, und nehmen Sie endlich Vernunft an, oder ich verbiete Ihnen, mich wiederzusehen.«
Da ließ er ab von ihr. Seine Züge verzerrten sich, und mit heiserer Stimme flüsterte er: »Sie sind das kälteste und herzloseste Weib, dem ich jemals begegnet.«
»Wenn Sie das wissen, so suchen Sie sich zu beherrschen.«
»Ich kann dieser Leidenschaft nicht Herr werden -- ich kann nicht!« -- -- --
Nein -- er kann nicht mehr los von ihr. Über eine Woche hatte er sich ferngehalten, hatte sich nicht blicken lassen -- dann hielt er es nicht mehr aus. --
»Warum sind Sie fortgeblieben?« sagte sie.
»Das wissen Sie,« erwiderte er finster.
Sie lachte ihn aus.
»Wer hat Sie begleitet, als ich nicht zur Stelle war?«
»Reitzenstein natürlich!«
»Sie sind ein Dämon,« zischte er.
»Der Dämon sitzt in Ihnen.« -- -- --
Gerda hatte bei Kommerzienrat Menders gesungen. Sie hatte viel neue Menschen kennengelernt, und man hatte ihr viel Schönes gesagt über ihren Gesang, ihre Art, sich zu kleiden -- dennoch kam sie verstimmt heim.
Der Zufall wollte es, daß sie ein Gespräch über ihre eigene Person anhören mußte. ›Ganz leidliche Stimme, aber nichts für den Konzertsaal. Soubrettenstimme.‹ ›Dazu paßt ihr Äußeres doch nicht,‹ erwiderte die andere Stimme. ›Viel zu vornehm, reserviertes Auftreten! Überhaupt eine königliche Erscheinung.‹ ›Sollte zum Kabarett oder zum Varieté gehen. Aus diesem Munde, in lässiger Vornehmheit, pikantes Genre vorgetragen -- Donnerwetter -- das würde ziehen.‹ -- -- --
Sie wollte die sprechenden Personen sehen, wollte wissen, wer so über sie urteilte -- aber es gelang ihr nicht. Das Gespräch fand hinter einer nur angelehnten Tür statt, vor der sie mit Bekannten plaudernd stand. Als sie sich frei machen konnte, die Tür öffnete, waren im anstoßenden Zimmer so viel plaudernde Gruppen, daß es unmöglich war, die Stimmen herauszufinden. Dicht an der Tür stand niemand mehr. Sicher aber war, daß es Männerstimmen gewesen waren.
Der Kommerzienrat trat auf sie zu und dankte für ihren Vortrag. Er war ein kleiner, dicker Herr mit kleinen, blinzelnden Augen. Er unterhielt sich lebhaft mit ihr über ihre Stimme und ihre Pläne. »Also, im Februar ist Ihr Konzert?«
Sie nickte.
»Hundert Billette kann ich unterbringen. Lassen Sie mir dieselben in mein Bureau senden, wenn es so weit ist. Ich sage Ihnen das schon heut, mein gnädiges Fräulein, denn Sie müssen wissen, ich bin von Geschäften stark in Anspruch genommen -- könnte vergessen -- und möchte Ihnen doch gern dienlich sein.«
Gerda war empört. Wie unzart. Konnte er die Billette nicht von den Verkaufsstellen beziehen? Sie sollte wissen, was er für sie tat. Er verlangte einen Dank.
Er nahm hundert Billette gegen Bezahlung, folglich half er die Kosten decken.
Sie neigte hochmütig das Haupt: »Ich bin Ihnen dankbar für Ihr liebenswürdiges Interesse.«
Er sah sie stechend an. »Sie sind sehr schön, Fräulein von Wangenheim!«
Sie wehrte ab. »Oh -- bitte.« -- -- --
Sie war verstimmt, und mißlaunisch schritt sie mit Winkelmann durch den Tiergarten dem Steinplatz zu. Als sie an der Gedächtniskirche waren, sagte sie plötzlich: »Ich will noch nicht heim, lassen Sie uns zusammen speisen.« -- --
Als er sie im Wagen nach Hause brachte, nahm er ihren Kopf fest zwischen seine Hände und preßte seinen dürstenden Mund auf den ihren. Er trank, trank, und konnte keine Linderung finden. Wehrlos ruhte ihr Haupt in seinen Händen, still duldeten die kühlen Lippen seine Küsse. Doch als die suchenden Lippen weiterwanderten, da kam Leben in den schlaffen Körper, sie wehrte sich.
»Wann wirst du mir endlich gehören?« Er hielt sie fest in seinen Armen.
»Mit meinem Willen niemals.«
Da hielt der Wagen mit einem Ruck, und er mußte sie freigeben. -- -- --
Das letzte Band zwischen Dir und Deiner Familie hast Du zerschnitten.
Hauptmann von Kosewitz hat mir erzählt, wie Du in Berlin lebst. Nicht genug, daß Du ein luxuriöses Leben führst, kostbare Toiletten trägst, von denen man nicht weiß, wer sie bezahlt, zeigst Du Dich öffentlich mit Deinem Geliebten, besuchst Theater und Restaurants, und das alles, während Du noch die Trauerkleider um deinen Vater trägst.
Du bist unwürdig des Namens, den Du trägst. Kein Mitglied unserer Familie wird Dich zu den Unsrigen zählen. Du trägst den Namen Deines Vaters auf die Gasse und besudelst sein Andenken.
Wenn Du noch einen Funken von Ehrgefühl in Dir hast, so wirst Du meinem Befehl gehorchen und unter einem anderen Namen leben.
Jeder Annäherungsversuch Deinerseits an mich oder an Deine Geschwister würde scheitern, gleichviel, ob jetzt oder später. Eleonore von Wangenheim.
Verdammt, ohne gehört zu werden!
Wenn sie gesprochen, die Gründe ihres Handelns klargelegt hätte -- würde die Mutter sie verstehen?
Nimmermehr!
Nun waren die Brücken abgebrochen, es gab kein Zurück mehr. Sie mußte den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Sie war sich voll bewußt, daß er an Abgründen und Wirrnissen vorüberführte, daß tausend Widerwärtigkeiten ihrer harrten -- sie ließ sich nicht abschrecken -- sie wollte siegen, herrschen!
Nun fiel jede Rücksichtnahme fort -- sie hatte nach niemand mehr zu fragen -- für sie maßgebend war nur ihr eigenes Ich.
* * *
»Lotte, wie wunderbar du aussiehst. Ordentlich verklärt.«
»Ich bin glücklich, Ebba.«
Ebba zog die Freundin neben sich auf das Sofa.
»So hast du doch das Glück zu dir gezwungen!«
Lotte nickte. »Es kommt zu mir. Winzig und klein wird es sein, und wird mich anlächeln, und, ›Mutter‹ werden die zarten Lippen stammeln.«
»Warum wollt ihr nicht zusammenbleiben? Liebst du ihn nicht?«
»Wir können nicht glücklich werden. Er ist von zügelloser Leidenschaft und wird beherrscht durch seine Sinne. Eheliche Treue kennt er nicht. Mit Gehring hätte ich wohl eine Ehe führen können, mit Arno Stürmer nicht.«
»Liebst du Gehring noch?«
»Ja -- ich liebe ihn noch, denn er ist ein Mann, mit dem eine Frau glücklich werden muß. Ich empfinde für ihn keine aufbrausende Leidenschaft, ich könnte nie mit ihm in einem Rausch leben. In einem Rausch, in dem mich Stürmer an sich genommen, er liebt mich mit dem Herzen, jener mit den Sinnen.«
»Glaubst du nicht, daß Gehring wieder zu dir zurückgefunden hätte?«
»Ich habe darüber nachgedacht, Ebba. Nein, ich glaube es nicht. Für ihn liegt die erste Pflicht der Frau im Hause als Gattin und Mutter. Will sie diese Pflicht erfüllen, darf sie keinen Beruf haben.«
»Er wußte aber, daß du Künstlerin bist, und daß du deine Kunst liebst.«
»Man könnte ihm diesen Vorwurf wohl machen, ich kann es nicht. Die Liebe zwischen uns war plötzlich da, zog uns zu einander hin, daß wir keine Schranken sahen. Er trat in mein Leben, weil er eben mußte. Er war mein Schicksal.«
»Und Arno Stürmer weiß nicht, daß du --«
»Das Kind gehört zu mir, ist mein alleiniges Eigentum, er soll keinen Teil daran haben. Wozu auch? Es würde seinen Weg nur beschweren.«
Lotte war aufgesprungen und ging erregt hin und her. »Um Mutter zu werden, habe ich mich ihm hingegeben. Ich habe einen hohen Einsatz gewagt. Wäre mein Leib nicht gesegnet worden, dann wäre ich jetzt unrein. Das Kind hat mich gereinigt.
Später mag er dann davon wissen, aber, teilen die Liebe meines Kindes mit ihm -- niemals!
In zwei Monaten gehe ich fort von hier. Ich kaufe mir ein kleines Haus im Gebirge, ich muß reine Luft um mich haben, wenn das Kind zur Welt kommt. Höhenluft!
Dort werde ich schaffen und werde Mutter sein. Mein Kind und meine Kunst -- weiter nichts!«
»Wirst du so einsam leben können?«
»Einsam! Als ob man einsam ist, wenn man Pflichten hat! Menschen! Was sind Menschen! Ich bin oft einsamer unter vielen Menschen, als wenn ich allein bin. Und du auch, Ebba. Wieviel Menschen hast du denn unter den vielen, die du hier kennengelernt hast, gefunden, die dir etwas sein konnten?«
Ebba seufzte.
»Du wirst zu mir kommen, Ebba. Wirst mich besuchen, und wirst mir helfen, mein neues Werk schaffen -- du weißt -- ›Menschenliebe‹ -- dazu brauche ich dich. Nur du kannst mich dazu inspirieren -- nur du kannst mein Modell sein.«
»Bist du endlich auf dem Wege zum Glauben an die Menschheit?«
»Du hast mir diesen Weg gewiesen und mußt mich bis zu Ende führen.«
»Auch mir sind inzwischen Pflichten erwachsen, Lotte, ich ziehe in das Haus meines Bruders und werde dort Hausfrau sein.«
»Das ist vernünftig! Dann bist du nicht mehr einsam und hast Inge, dein Töchterchen. Die bringst du natürlich mit. Leid ist es mir nur um dein schönes Heim,« sie ließ die Blicke umherschweifen, »das du mit soviel Liebe und Kunstsinn wohnlich gemacht hast.«
»Das werde ich mir wieder schaffen.«
»Ja, Behaglichkeit um dich zu verbreiten, das verstehst du. Du bist die idealste Hausfrau, die ich mir denken kann, und Lukas Westphal und Inge werden es gut bei dir haben.«
* * *
In berückender Schönheit stand Gerda auf dem Podium. Die schwarze Chiffonrobe hob die Blässe ihrer Haut, machte das Rot ihrer Haare funkelnd aufleuchten. Ein prasselndes Händeklatschen empfing sie. Sie lächelte und ließ ihre Blicke über den Saal schweifen.
Nur halb gefüllt.
Ihre Mundwinkel zuckten verächtlich.
Sie sang, aber es wollte nicht glücken. Das Publikum blieb kühl. Wohl wurde eifrig geklatscht, als sie geendet, aber sie fühlte es wohl heraus, ein Teil des Publikums verhielt sich zurückhaltend.
Zum Schluß mußte sie dreimal hervorkommen, ihre Freunde ruhten nicht eher. Sie erhielt Blumenarrangements -- aber -- der Abend entsprach nicht ihren Erwartungen.
Winkelmann hatte im Esplanade-Hotel einen Tisch reservieren lassen, und sie saßen zusammen mit ein paar Freunden und Bekannten. Kommerzienrat Menders, der Gerda ein kostbares Blumengebinde hatte überreichen lassen, sagte ihr viel Schönes über ihren Vortrag und daß sie in Kurzem ein Stern erster Größe sein würde. Seine kleinen, blinzelnden Augen verschlangen ihren aus dem schwarzen Geriesel hervortretenden schlanken Hals und ihre Büste mit seinen Blicken. Seine feuchten Lippen ruhten in Gedanken auf jeder Stelle dieses Halses.
Gerda zwang sich, ihm liebenswürdig zu antworten, und duldete es, daß er an ihrer Seite Platz nahm.
Es war eine lustige Gesellschaft, die da beisammensaß, die dem Wein eifrig Zuspruch tat und sich nicht genug tun konnte, die junge Künstlerin zu feiern.