Begierde

Part 11

Chapter 113,633 wordsPublic domain

Sie konnte nicht begreifen, wie er so schnell in ihr Leben gekommen war, und daß er ihr Schicksal geworden.

Gleichwohl. Sie hatte einen Menschen gefunden, dem sie etwas sein durfte, dem sie Glück spenden konnte.

Sie liebte ihn, weil er ihre arme, hungernde und frierende Seele an sich genommen, und weil er sie zum Weibe machte.

»Lotte,« flüsterte er unter Küssen, »gibt es etwas hier, was Dich zurückhält?«

»Nein!«

»So fahren wir morgen zusammen nach München, willst du?«

Da nickte sie stumm, legte ihren Arm um seinen Nacken und schmiegte ihre Wange an die seine.

Es war ein heißer Strom, der sie verband. Hier die sinnliche Gier -- dort die Begierde nach dem Kinde.

* * *

Ebba, ich weiß nicht, ob ich glücklich bin -- denn ich lebe unbewußt. Ich bin eingehüllt in Wolken. Um mich sprühen Funken, zucken Blitze, die für Sekunden die Wolken vertreiben. Ich weiß nicht, ob ich, nachdem die Wolken zergangen sind, glücklich sein werde. Nur das weiß ich, daß ich so tun mußte, wie ich getan. Mein Schicksal hat mich erreicht.

Ebba -- ich bin mit einem Manne fortgegangen. Er begehrte mich, und ich ließ mich nehmen. Wir leben in einem Rausch, in einem Taumel. Er liebt mich herzlich und ehrlich, das fühle ich -- aber ohne Bestand.

Frei wir beide -- so soll es sein.

Und ich, Ebba, ich liebe ihn, denn er soll der Vater meines Kindes werden.

Das Kind wird mich entsühnen. Bleibt mir das versagt, so gehöre ich zu den Gezeichneten, und Du wirst mich nicht wiedersehen.

Ich warte.

Werde ich zu den Verstoßenen oder zu den Auserwählten gehören? -- -- --

Lotte -- -- das Schicksal ist stärker als wir. Du gehst deiner Bestimmung entgegen. Sei nicht verzagt. Du gehörst zu den Auserwählten, auch wenn deiner Sehnsucht Erfüllung ausbliebe.

Einem, der die Menschen liebt, ist auch das Unbegreiflichste nicht fremd. -- -- --

* * *

Unter Stürmen und Regenschauern war der Herbst ins Land gezogen. Berlin rüstete für die beginnende Saison. Auch die letzten Zugvögel waren zurückgekehrt in den heimatlichen Hafen, bereit, sich mit neugewonnenen Kräften in Vergnügen, Geschäft und Modesorgen zu stürzen. Vor den Schaufenstern staute sich die Damenwelt, um die kommende Mode zu begutachten. Noch enger der Rock, noch schlanker die Linie. Die fülligen Damen seufzten. Wieder auf Süßigkeiten und Leibspeisen verzichten oder eine Entfettungskur durchmachen.

Oh, du törichte Mode, zwingst sie alle in deinen Bann. Auflehnen? Ein Ding der Unmöglichkeit!

Jede Mode ist schön. Sie wirkt unschön, sobald sie vorüber ist.

Vor den Auslagen des K. d. W. stand Gerda von Wangenheim und studierte eine grasgrüne Gesellschaftstoilette. Ein herrliches Kleid für ihr Konzert wäre dies! Sie seufzte. Unerschwinglich. Mit Schaudern dachte sie an die Vorwürfe ihrer Mutter. Immer nur Geldkosten! Keine Aussicht auf Einnahme! Du mußt sparen, mußt dich bescheiden! Weiter bekam sie nichts zu hören.

Der Vater war lieb und gut zu ihr gewesen. Hatte sie nur einmal in sein Zimmer genommen und sie gefragt, ob sie nun bald auf Einnahmen rechnen könne, denn lange -- lange reichte es nicht mehr aus. Da hatte sie ihn liebevoll umhalst und ihm gedankt und gesagt: ›Noch diesen Winter werde ich mit Stundengeben anfangen. Es wird nicht viel sein, aber der Anfang ist dann gemacht. Ich habe viel Beziehungen angeknüpft, man wird mir helfen. Nur mein erstes Konzert, lieber, guter Papa, das kostet noch, aber dann -- du mußt an mich, an meine Kunst glauben. Es wird schon kommen, dann zahle ich alles zurück, dann soll das alles den Geschwistern zugute kommen.‹ Da hatte er gelächelt und geantwortet: ›Ich habe immer an dich geglaubt, Gerda.‹

Geld verdienen! Stunden geben! Sie schauderte, wenn sie an dieses, ihr Versprechen, dachte. Wer sollte Stunde nehmen, bei ihr, der jungen, unbekannten Anfängerin? Wieviel Schüler müßte sie haben und welches Honorar müßte sie verlangen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?

Das Leben in Berlin kostet Geld. Selbst in zwei, drei Jahren würde sie nicht soviel verdienen können, wie sie brauchte, oder aber -- es geschähe ein Wunder. Um vorwärts zu kommen, gebrauchte sie den Luxus, es ging nun einmal nicht anders. Würde sie bescheiden auftreten, würde sie beiseite gestellt und vergessen werden.

Das grüne Kleid! Wie herrlich es zu ihrem Haar stehen würde! Man könnte es von einer Schneiderin nacharbeiten lassen.

»So in die Modenschau vertieft, gnädiges Fräulein?«

Sie wandte sich um. »Herr Winkelmann! Nein, wie sich doch alles wieder zusammenfindet.«

»Die Motten umschwirren das Licht.«

»Nehmen Sie nun sich als Motte und bin ich das Licht? Oder meinen Sie damit den Schwarm, der die Großstadtluft atmet?«

»Eigentlich meine ich beides. Wie die Insekten blindlings dem Lichte nachziehen, ob es ihnen auch Tod und Verderben bereitet -- so zieht uns, die Weltkinder, immer und immer wieder die Großstadt in ihren Strudel hinein. Und ich -- mein gnädiges Fräulein -- ich kenne mein Schicksal nicht, aber ich weiß, daß ich dem Feuer, das mir leuchtet --« und er warf einen bezeichnenden Blick auf die Fülle ihres Haares -- »folgen muß in Tod und Verderben oder in Seligkeit und Glück.«

»Also, Sie sind unverändert zurückgekehrt?«

»Unverändert.«

Langsam schlenderten sie die Tauentzienstraße entlang. »Und wo haben Sie die Sommermonate verlebt, gnädiges Fräulein?«

»Ich war erst mit einer Freundin an der Ostsee, wo wir fleißig gebadet haben, und die übrige Zeit habe ich in meinem Elternhaus verbracht.«

»Und jetzt studieren Sie fleißig für Ihr Konzert, wie ich vermute?«

»Sehr fleißig. Es gibt noch viel Arbeit bis dahin zu bewältigen. Je näher der Termin rückt, je weniger bin ich mit meinem Können zufrieden.«

»Haben Sie den Tag schon festgesetzt?«

»Ja, die Konzertdirektion drängt, ich werde mich morgen entscheiden.«

»Lassen Sie es mich zeitig wissen, damit ich für Sie arbeiten kann. Ich muß mich ja wohl doppelt ins Zeug legen, da Sie die Hilfe von Thea Westphal entbehren müssen.«

Sie sah ihn fragend an.

»So wissen Sie nicht?«

»Nichts weiß ich. Was ist es mit ihr?«

»Auf und davon ist sie gegangen.«

»Allein?« entfuhr es ihr.

Er lachte. »Natürlich mit Gernsheim. Sie sind erst nach Paris, dann Nizza, Monaco -- den üblichen Weg. Dort hat er alles verspielt, und sie hat sich einem schwerreichen Russen ergeben, der sie mit nach Petersburg genommen hat.«

»Abscheulich!«

»Was wollen Sie? Naturanlage und Unbeherrschtheit! Modern, weiter nichts.«

»Sie können es doch nicht gutheißen, von Mann und Kind einfach davonzulaufen?«

»Warum nicht? Wenn es einen dazu treibt?«

»Würden Sie ebenso sprechen, wenn es Ihre Frau gewesen wäre?«

»Sicherlich. Ich würde keine Frau halten, die von mir strebt. Wozu?«

Sie waren am Steinplatz angekommen und bogen in die Uhlandstraße ein. Vor der Tür ihrer Pension verabschiedete sie sich. Er ging den Weg, den sie gekommen, zurück. Und er dachte an den Abend, an dem er sie zum ersten Male nach Hause begleitet hatte. Wie stolz und unnahbar sie gewesen, und wie sie ihn gereizt durch ihre Kälte. Ihm, der gewöhnt war, zu siegen, ihm wurde hier ein Halt geboten. Und wieder stieg das Begehren heiß in ihm empor: du mußt sie bezwingen, du mußt sie erkämpfen, diese Lippen in heißem Kuß entflammen, diesen Leib bebend an dich pressen.

Sie spielte mit ihm. Nein, er ließ nicht mit sich spielen. Sein mußte sie werden. -- --

* * *

Winkelmann hatte sein Versprechen erfüllt. Er hatte für sie gearbeitet. Der Saal war dreiviertel gefüllt von einem Publikum, das seine Billetts bezahlt hatte! Etwas Unerhörtes für eine junge Anfängerin.

Und als sie stand, umrauscht vom Jubel ihrer Anhänger, ihrer Freunde, die, hingerissen von ihrer Schönheit, immer von neuem Beifall klatschten, als man ihr Blumenspenden aufs Podium reichte, da fühlte sie sich als große, gefeierte Künstlerin.

Und als sie nach dem Konzert bei einer Feier mit ihren Freunden und Bekannten beisammen saß und alle ihr Bewunderung zollten, da fühlte sie sich in einem Siegestaumel, da sah sie ihre Zukunft gesichert.

Strahlend gab sie am nächsten Tage eine Depesche an ihren Vater auf: »Großer Beifall. Unkosten gedeckt.«

Und als zwei Tage vergangen, da wurde aus der großen, gefeierten Künstlerin eine bescheidene Anfängerin. ›Stimme und Vortragstalent wohl vorhanden, aber noch viel Studium nötig. Für eine junge Anfängerin eine ganz respektable Leistung. Aber weiterarbeiten, sich bewußt sein, daß man Anfängerin ist, trotz des gezollten Beifalls der guten Freunde.‹

Und dann, dann wurde sie ganz klein. ›Mehr wohl die körperlichen Vorzüge, die entzückende, moderne, grüne Toilette, haben das Publikum veranlaßt, dieser jungen Anfängerin einen Beifall zu zollen, der ihrem Vortrag nicht entsprach.‹ -- --

Also arbeiten -- studieren -- weiter. Noch lange nicht am Ziel!

Sie biß die Zähne zusammen und stürzte sich in ihr Studium. Ihr Lehrer war zufrieden gewesen. ›Was wollen Sie denn noch mehr?‹ hatte er gesagt. ›Sie sind doch eine Anfängerin. Stimme und Vortrag hat man gelten lassen, darauf bauen Sie auf. Dachten Sie denn, mit dem einen Konzert würden Sie erreichen, was andere in zwanzig, dreißig kaum erreichen? Und das wollte ich Ihnen auch sagen, allzuviel Beifall der Freunde schadet nur, wenigstens bei der Kritik. So -- und nun arbeiten Sie fleißig weiter, und im Frühjahr geben Sie das zweite Konzert.‹ --

Und dann war einer gekommen, der hatte ihr ein Anerbieten gemacht. ›Ich will Sie berühmt machen. In einem Jahre sind Sie berühmt, ich garantiere Ihnen dafür. Sie müssen umsatteln. Sie sollen keine ernsthafte Konzertsängerin werden. Chansons sollen Sie singen. Fein pointierte, ein wenig pikante Chansons. Sie sind eine königliche Erscheinung -- glänzend, ausgezeichnet würden Sie wirken -- wir würden ein Geschäft machen -- Geld verdienen -- viel Geld! Sagen Sie ja und Sie sind in einem Jahre berühmt und haben ein glänzendes Einkommen.‹

Sie hatte ihm die Türe gewiesen.

Sie wußte wohl, daß er dieses Anerbieten nicht ihrer Stimme, sondern nur ihrem Körper gemacht hatte.

›Sie werden sich bedenken‹, hatte er gesagt. ›Hier haben Sie meine Adresse, Sie brauchen mich nur zu rufen, ich bin noch immer bereit.‹

Geld, viel Geld!

Es lag ihr im Ohr.

Berühmt! Berühmt im Varieté!

Verächtlich lachte sie auf. -- -- --

Und dann -- dann war das Schreckliche gekommen. Das unglückliche Telegramm: Vater Schlaganfall, komme sofort. -- -- --

Voller Entsetzen war Gerda aus dem Elternhause geflohen.

Was sollte nun werden?

Unmögliches hatte man von ihr verlangt, hatte man ihr zugemutet.

Ihre Kunst sollte sie aufgeben? Sie sollte sich einsperren lassen in den Alltag?

Wie hatte die Mutter zu ihr gesprochen?

›Es ist eine brotlose Kunst, Jahre können vergehen, ehe du dir deinen Unterhalt damit erwerben kannst. Und selbst, wenn du mir die Garantie geben könntest, auch nur ein Jahr noch meiner Hilfe zu benötigen, so kann ich selbst dieses eine Jahr dir nicht gewähren, denn ich habe nichts als meine Pension. Der letzte Rest unseres kleinen Vermögens ist draufgegangen für dein Studium. Du hast es durchgesetzt beim Vater, dir gegenüber ist er ja immer schwach gewesen. Es bleibt dir nichts anderes übrig, du mußt hier mit unterkriechen. Du kannst dich der Wirtschaft annehmen, dich der Erziehung deiner beiden Geschwister widmen. Etwas anderes kann ich dir nicht bieten. Was willst du auch? Ich sollte meinen, du hast keinen Grund, unzufrieden zu sein, du weißt, ich war nie einverstanden mit deiner Kunst, gegen meinen Willen hast du es beim Vater durchgesetzt. Ein junges Mädchen unserer Kreise gehört nicht an die Öffentlichkeit.‹ -- --

Den Vater hatte sie nicht mehr lebend angetroffen. Er war gestorben, ohne seine Lieblingstochter noch einmal ans Herz gedrückt zu haben.

»Vater, lieber Vater!« zuckten ihre Lippen, und langsam rannen die Tränen über ihre bleichen Wangen.

Was sollte nun werden?

Eingesperrt in den Kreis der Familie?

Hatte sie nicht eben angefangen, ihren vorbestimmten Weg zu gehen? Sie, die bestimmt war, durch ihre Kunst, durch ihre Schönheit, zu herrschen, sollte wieder untertauchen in die vergangene Welt? In eine Welt, in der ihr vielleicht die Versorgung in Gestalt eines Gatten winkte? Eheglück! Kindersegen! Häusliche Sorgen! Ihr schauderte. Nein! Sie hatte, umrauscht vom Beifall der Masse, auf dem Podium gestanden, sie hatte den Rausch des Künstlers, der beherrscht, in seinen Bann zwingt, kennengelernt -- sie konnte nicht mehr zurück.

Sie mußte den einmal betretenen Weg gehen -- bis zum Ziele gehen.

Geld! Wovon sollte sie leben? Die teuren Stunden bezahlen?

Ein Angstgefühl preßte ihr die Kehle zusammen, und würgend stiegen ihr die Tränen empor.

»Vater, lieber Vater, du hättest Rat geschafft! Nur ein einziges Jahr noch -- und es wäre erreicht!«

Sie preßte ihre schlanken Hände an die schmerzende Stirn. Was tun? Zunächst die teure Pension verlassen. Versuchen, durch Stundengeben Geld zu verdienen.

Lächerlich! Auch nicht den vierten Teil dessen, was sie gebrauchte, um ihren Unterhalt und die Stunden zu bezahlen, würde sie verdienen können. Ja, wäre sie berühmt, anerkannte Künstlerin! In Scharen kämen die Schüler und zahlten jeden Preis. Aber so.

Dreihundert Mark -- das war ihr ganzer Reichtum. Mit unsäglichen Schwierigkeiten hatte sie die Summe von ihrer Mutter erlangt, um noch einmal nach Berlin zurückkehren zu können, um -- wie sie gebeten -- in Ruhe mit sich zu Rate zu gehen.

›Es ist ein Verbrechen, das ich begehe,‹ hatte die Mutter gesagt -- ›das viele Geld, ich könnte es besser im Haushalt verwenden, aber sei es drum. Es ist im Sinne deines Vaters, wenn ich dir willfahre -- gehe noch einen Monat nach Berlin, und kehre vernünftig zurück!‹

Einen Monat!

Vernünftig zurück! Niemals, das war gewiß -- aber wie sich weiterhelfen?

Wie angestrengt sie auch sann, sie konnte keinen Ausweg finden. -- -- --

Als Gerda nach einigen Tagen von einem Spaziergang in die Pension kam, trat ihr Winkelmann, der im Gesellschaftszimmer auf sie gewartet hatte, entgegen.

»Gnädiges Fräulein -- ist es wahr, Sie wollen die Pension verlassen? Sind Sie unzufrieden?«

»Ich werde voraussichtlich Berlin verlassen.«

»Unmöglich! Ihr Studium, Ihre Karriere, die Sie eben erst begonnen --«

»Werde ich aufgeben.«

Sie sagt es bewegungslos. Ruhig und beherrscht sind ihre Züge. Die blasse Gesichtsfarbe erscheint durch das schwarze Kreppkleid noch bleicher, noch durchsichtiger. Aus den rötlichen Haaren scheinen Funken aufzusprühen, sie leuchten im dämmrigen Licht der hereinbrechenden Abendschatten.

Er sieht sie erstaunt an. »Aufgeben -- habe ich recht verstanden? Sie wollen der Kunst entsagen? Freiwillig entsagen? Das ist unmöglich! Wer oder was sollte Sie dazu zwingen?«

»Die Verhältnisse.«

Das, worüber sie Tag und Nacht nachgrübelte, was unaufhörlich ihre Gedanken beschäftigte, war willenlos ihren Lippen entflohen.

Er beginnt zu verstehen und schweigt.

Stumm und bleich, hoch aufgerichtet, sitzt sie ihm gegenüber. Unnahbare Kühle weht ihn an. Er muß sie durchdringen. Jetzt gab es einen Weg.

»Wenn zwei Augen sich schließen, tritt oft ein Umschwung der Verhältnisse ein, ich weiß das. Ihr Studium kostet Geld -- eine kurze Zeit noch -- dann wird Ihnen zurückfließen, was Sie jetzt anwenden. Sie müssen unbeschränkt über eine größere Summe verfügen können, um schnell vorwärts zu kommen, Sparen hilft Ihnen nicht zum Ziel. Sie müssen auftreten können, kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich -- gnädiges Fräulein« -- er sieht ihr fest und ernst in die Augen -- »gestatten Sie, daß ich auf der Deutschen Bank zehntausend Mark auf Ihren Namen niederlege, zu Ihrer freien Verfügung -- nein, fahren Sie nicht auf, hören Sie mich bitte ruhig zu Ende. Es ist dies nur eine Summe, welche ich Ihnen vorstrecke, Sie können Sie mir mit Zinsen zurückzahlen, ich schlage Ihnen nur ein Geschäft vor. Es ist für mich eine Kapitalsanlage, und eine gute, wenn ich Sie dadurch der Kunst erhalte. Sie dürfen der Kunst nicht entsagen um kleinlicher Geldsorgen willen.«

Gerda, welche bei seinen Worten aufgefahren war, hat sich beherrscht. Was sie seit Tagen gedacht, hatte er ausgesprochen -- ›kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich‹ -- Nichts würde sie erreichen, wenn sie untertauchen wollte, gar nichts. Es galt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, sich eine Schar von Anhängern zu sichern. Dies waren die Stufen, die hinaufführten zur Höhe des Ruhms. Ihre Wangen sind leicht gerötet, durchdringend sieht sie ihn an und sagt mit eisiger Kälte: »Sie wollen mir diese Summe leihen, gegen Zinsen leihen und -- ohne jeden Hintergedanken?«

»Ich sagte schon, ich schlage Ihnen ein Geschäft vor, weiter nichts.«

»Bei einem Geschäft könnten Sie auch meinen, mich mitzukaufen. Ich möchte die ausdrückliche Erklärung von Ihnen hören, daß Sie meine Person ganz außer acht lassen, daß Sie einzig und allein der Kunst halber --«

»Nur der Kunst halber, Fräulein von Wangenheim, die Versicherung kann ich Ihnen geben.«

»Nun wohl, ich nehme an. Sie bekommen Ihr Geld zurück, nebst 5 Prozent Zinsen. Die Zeit kann ich Ihnen allerdings nicht bestimmen --«

»Das ist auch nicht notwendig. Ich bin glücklich, Ihnen helfen zu dürfen und Sie der Kunst zu erhalten.« --

Gerda studierte mit Feuereifer, sie bereitete ihr zweites Konzert vor, welches im Februar stattfinden sollte. Ihrer Mutter hatte sie geschrieben, daß sie nicht nach Haus zurückkehren werde, denn sie könne ihre Kunst nicht aufgeben. Sie sehe ein, daß die Eltern ihretwegen Opfer gebracht hätten, und eben deswegen müsse sie weiterarbeiten, um dereinst zurückerstatten zu können. Sie werde versuchen, vorwärts zu kommen und durch Stundengeben Geld zu verdienen.

Darauf hatte die Mutter geantwortet, sie könne sie natürlich nicht halten. Wenn es ihr lockender erscheine, sich kümmerlich ihr Brot zu verdienen, statt in wohlgeordnetem Haushalt die Tochter des Hauses zu sein, mit der Aussicht auf eine gute Heirat, so solle sie nur bleiben, wo sie sei, aber -- was sie dem Namen ihres Vaters schuldig sei -- das solle sie niemals vergessen.

So war denn auch das geordnet, und sie war frei. -- -- Abgesehen von einigen kleinen Teegesellschaften, die sie der Beziehungen halber besuchte, lebte sie ihrer Trauer wegen zurückgezogen. In der Pension war sie wohnen geblieben, da ja der Grund des Sparenmüssens wegfiel.

Seit jenem Tag, da sie das Anerbieten Winkelmanns angenommen, waren drei Wochen vergangen, und sie hatte ihn nicht wiedergesehen, dessen war sie froh.

* * *

Winkelmann hatte sich absichtlich von Gerda ferngehalten. Tag und Nacht grübelte er, wie er sie gewinnen könne. Als er ihr das Geld angeboten, hatte er gemeint, sich ihr näher zu bringen. Aber als sie so ohne Umstände, kühl und sachlich, sein Anerbieten angenommen, wußte er auch, dies war kein Weg, der zu ihr führte. Er, der gewöhnt war, die Frauen zu beherrschen, fühlte sich hier beherrscht. Nicht durch Launen, nicht durch Liebe, nein, durch grenzenlose Kälte. Es war keine Kälte, die nur ihm galt, es war eine Kälte, überhaupt, die von ihr ausging. Viele Frauen hatte er besessen, junge, unberührte Mädchen, reife Frauen hatte er sein nennen können, bei allen hatte er verstanden, den Funken zur Flamme anzufachen, nur bei dieser war seine Mühe vergebens. Und doch -- er mußte, mußte sie in seine Arme zwingen.

Er schloß die Augen. Sein Blut drängte zum Gehirn. Da tauchten gleichsam aus duftigen Nebelschleiern ihre bleichen Züge auf, unter den langen, dunklen, sich langsam hebenden Wimpern, drang der Blick ihrer kühlen, grauen Augen in sein Herz. Aus ihren duftenden Haaren sprühten und knisterten Funken, die ihn in Flammen setzten.

In diesem Augenblick wurde ihm klar, daß er von einer rückhaltlosen Leidenschaft besessen war, einer Leidenschaft, die zum Wahnsinn oder Verbrechen führen konnte.

Das Schicksal wollte es, er sollte alle jene Qualen erdulden, über die er so oft spöttisch zu Gericht gesessen. Liebe? War das Liebe?

Wieder schloß er die Augen.

Und da hielt er sie in seinen Armen, bedeckte ihren jungfräulichen, blühenden Leib mit glühenden Küssen. Ihre Wangen überkam ein leichtes Rot, ihre Augen sahen ihm gerade ins Gesicht, kalt und hart, und ihre Lippen sprachen: ›Du schändest meinen Körper -- denn du liebst mich nicht!‹

In dem Rausch seiner Sinne überfiel ihn eine grenzenlose Wut. Er fühlte eine Lust, den zarten Körper zu zerstören. »Mein Blut verlangt nach dir, alle meine Sinne sind in Aufruhr -- mein -- -- mein --«

Unter seinen Liebkosungen aber wich das Leben aus ihrem Körper, sie wurde kalt und starr, eine steinerne Masse.

Da schrie er auf: ›Meine Liebe hat dich getötet!‹

Da schlug sie noch einmal die Augen auf und sagte: ›Deine Liebe?? -- Deine Begierde!‹ -- --

* * *

Die Sommerferien hatte Ebba mit Lukas und Inge im Thüringer Wald verbracht. Sie hatten einen kleinen, von der großen Masse wenig besuchten Flecken zum Aufenthalt gewählt. Hatten lange Spaziergänge gemacht und waren erfrischt an Leib und Seele nach Berlin zurückgekehrt. Namentlich Lukas Seele war erstarkt. Er hatte im Umgang mit der klaren und ruhigen Frau sein erschüttertes Gleichgewicht wiedergefunden. Thea war ausgestrichen aus seinem Herzen, sein Leben, seine Ziele, waren andere geworden. Mit aller Zärtlichkeit, deren seine müde Seele fähig war, hatte er sich an Inge geklammert, die überglücklich ihre Liebe zwischen Vater und Tante verteilte. Es waren schöne, ruhige Tage gewesen, die sie zusammen verbracht, und mit Traurigkeit und Bangen vor dem Getriebe und der Hetzjagd der Weltstadt hatten sie ihre Heimreise angetreten. Die Trennung von Inge wurde Ebba schwer. Sie hatte sich so wohl gefühlt in ihrer Mutterrolle. Ihr Leben war von Sorge um die beiden Menschen so ausgefüllt, daß sie Angst hatte vor der Einsamkeit, und bange war, sich pflichtenlos zu fühlen.

Auch Inge standen die Tränen in den Augen, und sie hatte gejammert, jetzt ohne ihr ›Muttchen‹ sein zu müssen. -- -- --

Nun saßen sie seit Wochen wieder daheim. Ebba und Inge sahen sich täglich, denn ohne Tante Ebba konnte Inge nicht mehr leben, das wollte sie beschwören. Und gestern endlich war sie mit einem Vorschlag herausgerückt. »Du weißt doch, daß wir die große Wohnung aufgeben, Tante Ebba? Papa und ich allein in den vielen Gesellschaftsräumen -- es ist schaurig in der großen, toten Wohnung. Und das Geld -- du weißt ja, Papa will sparen. Wir haben uns schon Wohnungen angesehen. Eine gefällt uns sehr gut. -- Aber -- wir möchten gern, daß du zu uns kommst. Papa und ich haben das schon lange besprochen, aber Papa getraut sich nicht, dich darum zu bitten. Aber ich -- ich habe mehr Mut, und mir -- kannst du doch nichts abschlagen. Nicht wahr -- du tust es doch?«

Ebba zog das junge, im Eifer seiner Rede erglühte Mädchen an ihre Brust. »Wenn du so genau weißt, daß ich dir nichts abschlagen kann, so bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, Liebling.«

»Siehst du, siehst du, ich hatte recht, wir haben gewettet, Papa und ich. Papa sagte nämlich: ›Sie wird sich besinnen,‹ und ich sagte: ›Sie tat es ohne Besinnen!‹«

»So sicher warst du deiner Sache?«

Sie nickte.

»Inge,« Ebba nahm den Kopf des jungen Mädchens in ihre Hände und sah liebevoll in ihre Augen -- »erinnerst du dich unserer ersten Unterhaltung? Weißt du, daß wir miteinander kämpfen wollten? Ich, die Unmoderne, mit dir, der ›ganz Modernen‹, wie du dich ausdrücktest. Du wolltest mich zu dir hinüberziehen, und ich wollte dich zur Überwindung deiner Schwächen bringen. Wer hat nun eigentlich gesiegt?«