Part 2
Im März und April werdet ihr an den Zweigen runde, weiche, walzenförmige Gebilde sehen, so groß wie Fingerhüte, die bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Zweiges wachsen. In diese stecken die Bienen ihre Köpfe hinein. Ihr erinnert euch an die Kätzchen, die wir im ersten Buch auf den Nußbäumen sahen. Diese weichen Gebilde, die sich dicht an die Weide schmiegen, sind auch Kätzchen. Bei Weiden stehen sie nach oben, anstatt wie bei dem Nußbaum nach unten zu hängen, und bei der Salweide umfassen sie den Zweig.
Aber nun möchte ich, daß ihr noch weiter aufpaßt. Der Baum, unter dem ihr gerade sitzt, hat hoffentlich breite gelbe Kätzchen (vergl. bunte Tafel II), und wenn ihr einen Zweig abpflückt und ihn genau anseht, werdet ihr sehen, wie die gelben Staubbeutel rund um die Kätzchen herumstehen. Aber ihr findet vielleicht ganz in der Nähe einen anderen Baum derselben Art, auf dem die Kätzchen weich und grau sind (vergl. bunte Tafel II, 1). Sie sind viel länger und schmäler als die gelben Kätzchen.
Pflücke einen Zweig von jedem dieser Bäume und nimm ihn mit zur Schule. Wenn ihr die Kätzchen zerpflückt, so werdet ihr finden, daß jedes derselben aus winzigen Blüten besteht. Bei den gelben Kätzchen besteht jede Blüte nur aus einem kleinen schuppigen Blatte (~L~, 2) mit zwei Staubgefäßen. Nein! Ich habe etwas vergessen. Es ist noch etwas anderes dabei, denn unten an dem schuppigen Blatt sitzt ein kleiner Becher (~H~), der einen Tropfen Honig enthält. So sind, wie ihr seht, sehr viele Tropfen Honig in einem Kätzchen.
Wenn ihr nun die grauen Kätzchen zerpflückt, so werdet ihr denselben Honigbecher (~H~) unten an der Blütenschuppe finden, aber anstatt der Staubgefäße bemerkt ihr einen kleinen Fruchtknoten (~O~) in der Form einer Flasche mit einer verschrumpften Narbe.
Nun könnt ihr auch sehen, wozu der Honig dient. Da die Staubgefäße und Fruchtknoten auf verschiedenen Bäumen sitzen, so müssen die Blüten die Bienen in die Versuchung bringen, den Blütenstaub fortzutragen. Es ist klug, Weiden dahin zu pflanzen, wo in der Nachbarschaft Bienen gehalten werden; denn diese holen im Frühling eine Menge Honig aus ihnen heraus. Die Korbweide, die in Sümpfen wächst, und deren Zweige zu Körben verarbeitet werden, blüht zu derselben Zeit wie die Salweide. Aber die gemeine Silber-, auch Kopfweide genannt, die oft ein großer Baum wird, und die Bruch- oder Knackweide, deren Zweige beim Versuche, sie zu biegen, so leicht brechen, blühen später, erst nachdem die Blätter hervorgewachsen sind. Alle blühen aber immerhin noch frühzeitig, und wenn die winzigen, mit weißem Flaum bedeckten Samen aus den Kätzchen herausgeweht sind, benutzen manche Vögel sie beim Nestbau.
Ein anderer Baum, der blüht, ehe die Blätter kommen, ist die deutsche Pappel, die fast überall wächst. Pappeln haben zwei Arten von Blüten auf verschiedenen Bäumen wie die Weiden. Aber sie haben keinen Honig, und so kommen keine Bienen in ihre Nähe. Ich denke, daß ihr bald erraten werdet, wie die Übertragung des Blütenstaubes geschieht, wenn ihr Pappeln in eurer Nähe habt und sie beobachtet. Die stürmischen Aprilwinde schwingen die lang herabhängenden Kätzchen hin und her und der trockene Blütenstaub wird durch die Luft von Baum zu Baum geweht.
Wißt ihr auch wohl, welchen Baum ich unter „deutscher Pappel“ verstehe? Nicht jene hohen steifen Bäume, die gerade zum Himmel emporsteigen. Diese kommen aus Italien und heißen italienische Pappeln. Die deutschen Pappeln sind sehr breitästige Bäume mit großen Blättern, die an langen Stielen hängen. Bei der Silberpappel sind die Blätter unterseits weißfilzig, und die der Espe oder Zitterpappel sind auf der Unterseite mit seidenartigen Haaren bedeckt. Die Blätter drehen sich an ihren langen Stielen, wenn der Wind geht, und sehen sehr hübsch aus, wenn sie ihre weißen Seiten zeigen.
Noch einen anderen Baum mit zweierlei Blüten müßt ihr aufsuchen. Die Blüten mit Staubgefäßen bilden lange lose Kätzchen, während die mit dem Stempel und Fruchtknoten in kleinen, mit Schuppen umgebenen Knospen sitzen. Dies ist unser Freund, der Eichbaum, nachdem er zu einem großen Baume herangewachsen ist. Die Eiche blüht im Frühling, gerade wenn die Blätter hervorkommen. Man kann leicht die Kätzchen erkennen, wie sie im Winde hin- und herschwanken, aber die Blüten, aus denen die Eicheln entstehen, sind sehr klein und wachsen einzeln oder in Paaren zwischen den Stielen der Blätter und der Zweige. Jede ist von einer kleinen Zahl von Schuppen umgeben, die sich nach und nach zu dem Becher der Eichel verhärten.
Die Eiche ist ein so wichtiger Baum, daß wir von ihr in einer besonderen Lektion sprechen müssen.
Suche im März Weidenkätzchen mit weiblichen und männlichen Blüten. Suche nach dem Honigbecher. Suche Blätter und Zweige der deutschen Pappel.
Lektion 5.
Die deutsche Eiche.
Ich möchte wissen, ob es in eurer Nachbarschaft Wälder gibt, wo die Eichen dicht zusammen wachsen, oder wo sie mit Buchen und anderen Bäumen gemischt stehen.
Sie haben gerade, kahle Stämme; manche sind 3, manche 6, manche 10 Meter hoch, ehe sich die Zweige nach oben ausbreiten. Ihr erinnert euch aber doch, daß eure kleine Eiche Knospen hatte an dem ganzen Stamm hinauf, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite. Wie kommt es, daß aus diesen Knospen keine Zweige entstanden sind?
Der Grund ist der, daß in einem dichten Walde, wo die Bäume eng zusammengedrängt stehen, jeder Baum sein Haupt zum Licht emporheben will. Wenn nun im Frühling sich die Knospen und Blätter an der Spitze des kleinen Baumes öffnen, und der Saft von den Wurzeln aus durch den Stamm in sie hinaufsteigt, so brauchen diese sehr viel davon, um sich zu entwickeln. Nur eine kleine Menge des Saftes steigt wieder hinab, um neues Holz zu bilden. Deshalb erhalten die unteren Knospen nicht Nahrung genug zum Wachstum, und sie sterben entweder ab oder ruhen, das heißt, sie warten auf eine andere Gelegenheit, die sich vielleicht niemals findet. Dazu kommt, daß im dichten Walde die unteren Zweige mit ihren Blättern zu wenig Licht bekommen, um weiter wachsen zu können. Aus diesen Gründen wachsen die Eichen im Walde höher und höher und bilden erst hoch über dem Boden eine breitästige Krone.
Aber wenn man zufällig eine alte Eiche im offenen Felde oder am Waldrande findet, wo sie reichlich Platz hat und von allen Seiten genug Licht bekommt, so wird man sehen, daß sie ganz anders aufgewachsen ist. Der Stamm ist viel dicker, und die Zweige setzen viel weiter unten an. Bei vielen dieser Eichen kann ein erwachsener Mensch die unteren Zweige erreichen. Die Zweige sind sehr stark und breiten sich weit aus, so daß eine alte Eiche im Freien viel Platz einnimmt. Wenn der Stamm nicht sehr kräftig wäre, könnte er das Gewicht solcher mächtigen Zweige nicht tragen. Aber er hat am Boden einen großen Umfang, der sich dann etwas vermindert, so daß er sich wie ein starker Pfeiler erhebt, bis er wieder da umfangreicher wird, wo die Äste sich abzweigen.
Ein bedeutender englischer Ingenieur, namens Smeaton, der den Eddystone-Leuchtturm baute, gestaltete ihn wie den Stamm einer Eiche, und der Leuchtturm trotzte mehr als hundert Jahre lang dem Wind und den Wogen.
Die Eiche hat eine sehr starke, dicke Wurzel, von der lange Abzweigungen sich ganz um den Baum herum verbreiten. Ich kann euch ein Mittel sagen, durch das ihr erkennen könnt, wie weit sich die Wurzeln eines Baumes unter der Erde ausbreiten. Betrachtet die Zweige und seht, wie weit sie sich vom Stamme aus erstrecken, denn die Wurzeln reichen gerade so weit in der Erde, wie die Zweige über derselben sich ausdehnen.
Der Grund dieser Erscheinung ist sehr interessant. Ihr werdet euch daran erinnern, daß die Spitzen der Wurzeln gewissermaßen den Mund der Pflanzen vorstellen. Sie ziehen das Wasser ein. Wenn es nun regnet, rieseln die Regentropfen von Blatt zu Blatt, bis sie an die Spitzen der Zweige kommen, dann tröpfeln sie nieder und dringen in die Erde ein. Die Wurzeln würden sehr wenig Regenwasser bekommen, wenn sie da aufhörten, wo ein Mensch sich hinstellt, um sich vor dem Regen zu schützen. Aber wenn der Baum sich immer mehr ausbreitet, breiten sich ebenso die Wurzeln aus, bis sie die Stelle erreichen, wo das meiste Wasser von den äußeren Zweigen niedertropft.
Man wird die Kenntnis dieses Umstandes beim Garten- oder Feldbau nützlich finden, denn Baumwurzeln sind oft sehr störend.
Wenn ihr nun die rauhe Rinde der alten Eiche betrachtet habt, die so nützlich beim Gerben des Leders ist, so seht die Zweige an. Sie breiten sich nach allen Richtungen aus, und da wo ein neuer Zweig beginnt, ist ein dicker Knoten.
Man kann den Grund davon erkennen, wenn man den jungen Baum ansieht (Seite 12) oder den Ast eines alten Baumes. An der Spitze der Zweige sitzt nicht nur eine Knospe wie bei der Roßkastanie, sondern zwei, drei oder sogar noch mehr. Alle diese Knospen drängen sich zusammen, und die mittlere stirbt gewöhnlich ab. Die anderen wachsen nach verschiedenen Richtungen hin und bilden die sogenannten „Kniegelenke“, wie die Tischler sie nennen. Sie wurden in alten Zeiten zum Schiffsbau gebraucht, weil sie sehr stark sind. Aber jetzt, wo die Schiffe aus Eisen gebaut werden, wird dies Holz nicht so viel mehr benutzt, und gerade Planken und Pfähle sind wertvoller. Es ist daher besser, Eichen in Wälder zu pflanzen, wo ihre Stämme gerade und glatt aufwachsen.
Eichenholz ist immer wertvoll gewesen. Die eichenen Deckenbalken in manchen alten Häusern sind viele hundert Jahre alt und halten noch immer so gut wie früher. In vielen Bauernhäusern finden sich alte Truhen und geschnitzte Möbel aus Eichenholz, die ein sehr hohes Alter haben, denn das Kernholz der Eiche ist sehr stark und fest.
Man kann Stamm und Zweige der Eiche am besten im Winter erkennen. Wenn dann der April vorüber ist, bekommen alle Knospen eine hübsche rote Farbe, die Blätter öffnen sich, und die losen Kätzchen hängen zwischen ihnen nieder, während die zierlichen Fruchtblüten sich zwischen den Blattstielen und den Zweig einschmiegen.
Sobald die Blätter völlig heraus sind, und die Eicheln anfangen, sich zu formen, versucht, ob ihr die beiden Arten der deutschen Eiche herausfinden könnt. Ihre Blätter haben im großen und ganzen dieselbe Form. Die Stiel- oder Sommereiche hat langgestielte Eicheln (daher der Name!), während die Blätter auf so kurzen Stielen stehen, daß sie beinahe den Zweig berühren. Bei der zweiten Art, der Stein- oder Wintereiche, ist’s umgekehrt, die Eicheln sitzen auf ganz kurzen, die Blätter dagegen auf langen Stielen.
Die immergrüne Eiche, die oft in Gärten wächst, ist aus Italien gekommen. Ihre Blüten gleichen fast denen der Steineiche.
Beobachte an einem Eichenzweige die Knospen. Beachte an einem Eichenklotz das dunklere Kernholz und die Jahresringe, sowie die rauhe Rinde. Suche die beiden Arten der Eiche zu finden und zu unterscheiden. Beachte die Schuppen, die zusammenwachsen und den Becher der Eichel bilden.
Lektion 6.
Gäste der Eiche.
Die Eiche nährt mehr Geschöpfe als irgend ein andrer Baum. Nicht nur fressen das Schwein, der Igel, das Eichhörnchen und die Feldmaus Eicheln, sondern mehr als fünfzig Arten von Insekten holen sich ihre Nahrung von irgend einem Teile des Baumes.
Viele derselben sind zu klein für euch, als daß ihr sie finden könntet, aber es wird euch Spaß machen, nach den andern zu suchen. Wenn ihr einen Eichbaum im Mai untersucht, werdet ihr wahrscheinlich einige seiner Blätter aufgerollt finden, entweder von der Spitze nach dem Stiele hin oder von einer Seite nach der anderen. Wenn man die Rolle aufwickelt, wird man eine Raupe oder vielleicht eine Puppe im Innern finden. Es gibt zwei Arten von Raupen, die Eichenblätter aufrollen. Die eine, die des Eichenkahnspinners, ist ziemlich groß. Sie rollt das Blatt in unordentlicher Weise auf und spinnt einen Kokon rund herum in der Form eines kleinen Kahnes. Wenn der Spinner auskriecht, hat er hellgrüne Vorderflügel mit zwei hellgelben, geraden Schräglinien.
Die andere Raupe, die ihr sicher finden werdet, verrichtet ihre Arbeit ordentlicher. Sie macht eine sehr saubere Rolle und befestigt sie mit feinen Fäden. Dann nährt sie sich von dem Innern der Rolle, bis sie sich verpuppt und später als Schmetterling auskriecht. Wenn man im Juni eine Eiche schüttelt, so werden viele solcher Schmetterlinge auffliegen. Es ist der grüne Eichenwickler, dessen Vorderflügel hellgrün, dessen Hinterflügel aber grau gefärbt sind. Die Raupe ist viel kleiner als die vorige, die den kahnförmigen Kokon spinnt, woher sie auch einfach Kahnspinner genannt wird. Ein anderes Insekt, welches ihr viel leichter finden werdet, ist die Larve des großen Hirschkäfers. Um diese zu finden, müßt ihr in die Rinde alter Bäume schneiden, wo die dicke Larve ein Bett für sich unter der Rinde aushöhlt. Sie verweilt da und nährt sich von dem Holze des Baumes drei oder vier Jahre lang, bis sie sich in den Käfer verwandelt. Ihr erinnert euch, daß der Specht mit seinem Schnabel an den Baum klopft, wenn er daran emporklimmt. Es sind Larven wie diese, die er zu finden versucht.
Aber die sonderbarsten Heimstätten an einer Eiche sind die Gallen, die von weiblichen Insekten gebildet werden, die ihre Eier an irgend einen Teil des Baumes legen. Jedes Landkind kennt diese an den Spitzen der Zweige wachsenden braunen, rotbäckigen Eichengalläpfel, die von vielen Leuten fälschlich für Früchte gehalten werden.
Wenn man die Galläpfel mit einem scharfen Messer durchschneidet, so wird man finden, daß sie weich und schwammig sind und im Innern aus einer Anzahl Kammern bestehen. In jeder dieser Kammern sitzt entweder eine Larve oder ein Kokon oder ein fertiges Insekt, das im Begriff ist, auszukriechen. Oder der Gallapfel ist vielleicht auch leer; alle Bewohner sind schon ausgeflogen.
Laßt uns sehen, wie diese Eichengallen zustande kommen. Früh im Jahre läßt sich eine kleine Wespe, Eichengallwespe genannt, auf dem Zweige nieder und durchbohrt die Rinde mit einer Röhre, die eine scharfe Spitze hat. Sie trägt diese Röhre am hinteren Ende ihres Körpers zusammengerollt, bis sie dieselbe gebraucht. Dann sticht sie damit in den Zweig und preßt mit etwas Saft einige Eier zugleich in das Loch.
In sehr kurzer Zeit entsteht eine Schwellung, und die schwammige Galle wächst um die Eier herum, von denen jedes in einer Kammer für sich sitzt. Wenn nun die Larven auskriechen, finden sie reichlich weiche Nahrung, bis sie ihre Kokons spinnen.
Eine andere dieser Wespenarten legt ihre Eier auf die losen Kätzchen. Man kann sie leicht wie kleine braune Johannisbeeren an den Stengeln hängen sehen (3, S. 33) nachdem die Blüten verwelkt sind. Denn obgleich der Stengel gewöhnlich abfällt, bleibt er, falls Gallen daran sind, hängen, bis das Insekt ausgekrochen ist.
In diesen „Beerengallen“ sitzt je eine Larve, ebenso wie in denen, die man unter den Blättern findet. Es gibt wenigstens zwei Arten von Blättergallen. Die eine ist hellrot und wird einfach „Eichenblattgalle“ genannt. Die andere ist sehr klein, rosig, haarig und platt. Es gibt sehr viele davon unter jedem Blatt, und sie heißen „Knopfgallen“ (2, S. 33). Die Larve bleibt in diesen Gallen, nachdem die Blätter abgefallen sind, und ihr werdet leicht imstande sein, sie zu finden.
Die nächste Galle (1, S. 33) werdet ihr sicher für eine Knospe halten. Sie wird „Eichenrose“ genannt und entsteht wirklich aus einer Eichenknospe, in die das Insekt seine Eier früh im Frühling hineinlegt. Anstatt sich dann zu einem Zweige mit grünen Blättern zu entwickeln, bedeckt sich die Knospe mit Schuppen, und eine Anzahl von Larven kriecht im Innern derselben aus.
Zuletzt sind nun noch die dicken braunen Gallen zu erwähnen, die einfach Eichengallen (4, S. 33) genannt werden. Sie wachsen in der Mitte der Zweige und bleiben den ganzen Winter hindurch hängen, nachdem die Insekten ausgeflogen sind. Die Galle ist den Bäumen sehr schädlich, denn sie entzieht ihnen viel Saft. Sie ist den Gallen ähnlich, die wir von Asien erhalten, und deren Gerbsäure wir gebrauchen, um Tinte daraus zu machen.
Viele andere Bäume außer der Eiche haben auch Gallen, und wenn ihr einen sonderbaren Klumpen an einem Baum findet oder eine seltsam geformte Knospe, die ganz anders aussieht als das, was man an diesem Baume zu sehen gewohnt ist, so rate ich euch, dieses Gebilde aufzuschneiden und nachzusehen, ob eine Larve darinsitzt.
Suche so viele Eichengallen, wie du finden kannst. Suche die Blatt aufrollende Raupe und versuche, die Larve des Hirschkäfers zu finden.
Lektion 7.
Die Buche und die edle Kastanie.
Wenn ihr im Frühling durch die Wälder geht, so solltet ihr beobachten, wie die Bäume sich mit Blättern schmücken. Einer der schönsten ist die Buche (vergl. bunte Tafel IV, 1). Man kann sie mitten im Winter an ihrer grauen Rinde, ihrem hohen, glatten Stamme, der eine breite Blätterkrone trägt, und ihren braunen, spitzen Knospen erkennen, die hintereinander bald auf der einen, bald auf der anderen Seite der Zweige wachsen. Wie verschieden sind sie von den dicken Knospen der Roßkastanie, und doch halten sie die kleinen Blätter im Inneren ebenso sicher und warm.
Zerpflücke eine von ihnen im Anfang des Frühlings, gerade ehe sie aufbrechen! Du wirst zuerst eine Anzahl von glänzenden, braunen Schuppen finden, die dicht übereinander liegen. Unter diesen liegen einige durchscheinende Schuppen, die so weich sind wie Seide und die zarten, kleinen Blätter umhüllen. Diese sind fächerförmig zusammengefaltet und haben einen Saum von silberglänzenden Haaren. In der Mitte endlich liegt die zarte Spitze der Knospe sicher verborgen.
Einige Tage später werden diese hellgrünen Blätter sich öffnen; die Schuppen hängen dann lose nieder, während der aus feinen Haaren bestehende seidenartige Saum nun unter den Blättern zu sehen ist. Jedes der Blätter ist oval und an der Kante eingekerbt, und die Stengel, an denen sie wachsen, hängen zuerst hinunter und richten sich dann langsam auf. Um die Zeit, wo die Blätter völlig ausgewachsen sind, hängen die braunen Blütenbüschel zwischen ihnen.
Die Blüten, die Staubgefäße haben, sind weich und seidenartig und hängen an langen, dünnen Stengeln; aber die mit Fruchtknoten stehen auf kurzen Stengeln in der Nähe des Endes der Zweige. Zwei oder drei von ihnen sitzen auf einem Stiel; ihre klebrigen Narben stehen empor, und eine Anzahl von stachligen Schuppen umgibt sie.
Diese Schuppen sind denen ähnlich, die wir bei der Eichel sahen. Sie wachsen zu einer harten, mit Stacheln bedeckten Schale heran und schließen allmählich zwei oder drei kleine Nüsse ein. Wenn dann der Herbst kommt, fällt die Buchenmast (vergl. bunte Tafel IV, 2), wie sie genannt wird, herunter, die Schale zerspringt in vier Teile, und dann sieht man im Inneren die dreieckigen Nüsse, die die vertrocknete Narbe noch auf der Spitze tragen.
Was ist nun wohl der Grund, daß diese Schuppen zu einer harten Schale zusammenwachsen, und warum springen sie im Herbste auf? Weil die Eichhörnchen und Feldmäuse sich hauptsächlich von Bucheckern nähren und alle Nüsse fressen würden, ehe sie reif sind, sind diese mit einer Schale umgeben, die sie in ihrem grünen Zustande schützt. Aber nun platzt die Schale und fällt ab, gerade wenn die Früchte reif sind. Der Baum kann eine Menge von ihnen den Eichhörnchen und anderen Tieren zur Nahrung überlassen, wenn diese nur einige in den Boden treten oder sie so eingraben, daß sie aufwachsen. Buchen wachsen so leicht aus dem Samen auf, daß es nicht nötig ist, sie zu pflanzen. Aber will man einen Buchenwald gesund erhalten, um sein Holz später als Nutzholz zu verwenden, so muß man sehr sorgfältig sein. Die Bäume werden mehr als zweihundert Jahre alt, obgleich sie in einem Alter von ungefähr neunzig Jahren gefällt werden können.
Tüchtige Forstleute lassen immer nur ein Revier des Waldes fällen, damit ein Teil desselben stets als Nutzholz Verwendung finden kann. In der Abteilung, die gefällt werden soll, werden zuerst die anderen Bäume und die jungen, verkümmerten Buchen niedergeschlagen, um Luft und Licht einzulassen. Dann warten sie einige Jahre, bis ein Herbst kommt, wo die Buchenmast gut geraten ist, und die Samen kräftig und zur Aufzucht geeignet sind. Dies geschieht gewöhnlich alle drei oder vier Jahre. Dann fangen sie an, Stämme zu Bauholz auszuschlagen, und schaffen auf diese Weise Raum für die jungen Schößlinge, die bald lustig emporwachsen.
Darauf fällen sie jedes Jahr einige Bäume und holzen den Wald in ungefähr zehn Jahren ab. Um diese Zeit haben die jungen Buchen schon eine hübsche Blattkrone an der Spitze und wachsen kräftig auf, während der Forstmann einen anderen Teil des Waldes abholzt.
Wohl ist die Buche im Frühling schön, aber noch viel schöner nimmt sie sich im Herbst aus, wenn ihre Blätter sich gelb, braun und rot färben und den Boden des Waldes mit einem bunten Teppich bedecken. Die jungen Buchen behalten ihre Blätter den ganzen Winter hindurch ebenso wie die Buchenhecken, die beschnitten werden, so daß sie nicht zu Bäumen heranwachsen können.
Ihr kennt nun vielleicht noch einen anderen Baum, der gleichfalls seine Früchte in eine Schale, die aus stacheligen Schuppen besteht, einschließt. Dies ist die süße oder Eßkastanie (vergl. bunte Tafel IV, 3), die in den wärmeren Gebieten Deutschlands und des südlichen Europas gut gedeiht und anderwärts vielfach in Gärten gezogen wird. Sie öffnet ihre Blätter später als die Buche und blüht nicht vor Juli. Im Oktober platzt die Schale, und die Früchte sind reif. Und wenn ihr diese einsammelt, um sie zum Rösten mit nach Hause zu nehmen, so könnt ihr die Überbleibsel der Blüte bemerken, die eine Art von borstiger Krause an der Spitze der Früchte bildet (vergl. bunte Tafel IV, 4). Ganz spät im Herbste ist die edle Kastanie ein Baum, der einen imposanten Anblick gewährt. Ihre langen schmalen, am Rande scharf eingekerbten Blätter färben sich goldbraun und bleiben lange am Baume hängen.
In den Ländern, wo die edle Kastanie gut gedeiht, sind viele Balken an alten Häusern aus ihrem Holze hergestellt, während die schlanken Stämme junger Bäume zu Hopfenstangen verwendet werden. Buchenholz wird in großen Mengen zur Anfertigung von Stühlen gebraucht.
Birke und Erle sind gleichfalls Bäume mit Kätzchen und hartschaligen Früchten. Sie blühen früh im Jahre, ehe die Blätter heraus sind. Die Erle wächst am Ufer von Flüssen oder auf feuchtem Boden. Die Birke findet sich in Wäldern und ist an ihrem schlanken Stamme zu erkennen, dessen silberweiße Rinde weithin leuchtet, an ihren dunkelbraunen Zweigen und ihren dunkelgrünen Blättern, die nach dem Regen sehr stark duften, weil das Harz aus ihnen herausquillt. Manche kranke Birken haben große Büschel von Zweigen, die auf den oberen Ästen wachsen und wie Krähennester aussehen.