Bäume und Sträucher

Part 1

Chapter 13,548 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1911 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Die Buchanzeigen wurden der Übersichtlichkeit halber am Ende des Texts gesammelt dargestellt. Die originale Titelseite weist auf ‚16 Illustrationen im Text‘ hin, obwohl 20 Abbildungen vorhanden sind. Dieser Fehler wurde in der vorliegenden elektronischen Ausgabe berichtigt.

Die farbige Abbildung V. 6., Nr. 1, zeigt einen Vogelbeerzweig in Blüte und mit Früchten. Im Original wurde die Pflanze fälschlicherweise als ‚Schneeball‘ bezeichnet, was in der vorliegenden Bearbeitung korrigiert wurde. Die Abbildung eines Schneeballstrauches findet sich in der farbigen Abbildung V. 7.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Kinderaugen in der Natur

Fünftes Buch

Bäume und Sträucher

Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher)

Einzige autorisierte Übertragung von Oberstudienrat ~Dr.~ Fritz Kriete in Halle und Studiendirektor ~Dr.~ Otto Rabes in Mülheim (Ruhr)

Mit 8 bunten Vollbildern und 20 Illustrationen im Texte

Zweite Auflage (7.-10. Tausend)

Halle a. S. Hermann Gesenius

Vorwort.

Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen.

Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen.

Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant -- nicht rein beschreibend -- gestaltet.

Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganze bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu +eigenen+ Beobachtungen anregt.

Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundliteratur als nützlich zu erweisen.

+Halle+, im Juni 1911.

=Kriete. Rabes.=

Inhalt.

Seite

Vorwort 3

Lektion 1. Der Nutzen der Bäume 7

„ 2. Wie ein Baum entsteht 10

„ 3. Wie ein Baum wächst. -- Die Roßkastanie 15

„ 4. Bäume mit Kätzchenblüten 19

„ 5. Die deutsche Eiche 24

„ 6. Gäste der Eiche 29

„ 7. Die Buche und die edle Kastanie 34

„ 8. Bäume, die Zapfen tragen 38

„ 9. Hecken-Sträucher und -Bäume 43

„ 10. Blühende Gartensträucher 48

„ 11. Esche und Ulme 52

„ 12. Im Parke 58

„ 13. Blätter. Ihre Gestalt und ihr Stand 63

Fünftes Buch.

Bäume und Sträucher.

Lektion 1.

Der Nutzen der Bäume.

Habt ihr wohl schon einmal darüber nachgedacht, wie nützlich die Bäume sind? Wir haben im dritten Buch gesehen, daß die Pflanzen die Luft, die wir einatmen, reinigen. Die Bäume mit ihren Hunderten von Blättern verrichten einen großen Teil dieser Arbeit, und sie nützen auch in anderer Weise noch sehr viel.

Stellen wir uns einen kleinen Baum vor, der im Walde oder auf dem Felde wächst. Vielleicht wird er von Kaninchen oder Rehen abgefressen, ehe er ein Jahr alt ist. Wenn dies der Fall ist, so hat er als Nahrung genützt. Wächst er aber auf, so wirft er gleich im ersten Jahre seine Blätter im Herbst ab, und diese tragen dazu bei, fruchtbare Erde zu bilden und so Nahrung für andere Pflanzen zu liefern.

So geht es nun jedes Jahr; der Baum treibt Blätter, reinigt die Luft und hilft fruchtbare Erde erzeugen. Aber sehr bald fangen die Insekten an, in dem jungen Schößling sich ein Heim einzurichten, denn alle Arten von Bäumen beherbergen Insekten, die davon leben. Schmetterlinge kommen und legen ihre Eier unter die Blätter, von denen sich die Raupen, wenn sie ausgekrochen sind, nähren. Der Käfer legt seine Eier in die Rinde, und seine Larve nährt sich da, bis sie selbst zum Käfer wird, oder bis der Specht oder die Spechtmeise sie finden und fressen.

So bietet jeder Baum einer kleinen Kolonie von lebenden Wesen Unterkunft. Dann kommen die Vögel; sie schlafen nachts in seinen Zweigen und bauen in diesen ihre Nester im Frühlinge. Ulmen werden oft von den Krähen für ihren Horst gewählt; in den Fichten des Waldes schläft die Holztaube, und Fasanen und Falken ruhen auf ihren Zweigen, während Amsel und Drossel die Nacht gern in Nadelholz- oder anderem immergrünen Gebüsch zubringen.

Wenn der Baum groß geworden ist, so trägt er Blüten und Früchte. Diese Früchte und ihre Samen dienen vielen Lebewesen als Nahrung. Die Vogel nähren sich von Beeren, Nüssen und Eicheln. Das Eichhörnchen baut sich ein Nest in Buchen und frißt alle Arten von Nüssen, die es finden kann. Für Feldmaus, Igel und Schwein bilden die Bucheckern und Eicheln eine vortreffliche Nahrung, die sie auf dem Boden finden, während wir die Frucht der Edelkastanie (Marone), des Walnußbaumes und Äpfel, Birnen und Kirschen aus dem Obstgarten essen.

Wie nützlich sind doch die Bäume dem Menschen! Sie helfen, den Boden feucht und frisch zu halten. In einem Lande, wo Wälder sind, regnet es mehr als in einem baumarmen, und der Erdboden würde trocken und ausgedörrt werden, wenn die Bäume nicht ihren angenehmen Schatten spendeten. Wie das Weidevieh sich unter ihnen sammelt, wenn die Sonne ihre glühenden Strahlen herniedersendet, und wie friedlich wiederkäuend sie unter ihnen stehen, geschützt vor der Hitze und Glut! Und wie froh seid ihr auf dem Schulwege, wenn ihr unter ihrem Schatten dahingehen könnt, anstatt auf der staubigen Landstraße! Wie schön sind sie auch im Frühling, wenn die frischen grünen Blätter ausschlagen! Immer wieder macht uns der Gedanke froh, daß das Leben des Baumes alle Jahre von neuem beginnt.

Andererseits gibt es Bäume, die so alt sind, daß sie uns an lang vergangene Zeiten erinnern. Der Gedanke, was für eine lange Geschichte solche Bäume erzählen könnten, trägt dazu bei, uns die Heimat lieb und wert zu machen.

Aber selbst Bäume müssen endlich sterben, und wenn sie uns nützlich sein sollen, so müssen sie gefällt werden, ehe sie vermodern. Und wie nützlich ist uns nun erst der Baum nach seinem Tode!

Wir wollen einmal den Lauf eines Tages betrachten und sehen, wie viel wir von dem Baume benutzen. Wenn man am Morgen aufsteht, ist das erste, was geschehen muß, daß ein Feuer mit Holz angezündet wird. Man setzt sich auf einen Stuhl; er ist aus Holz gemacht. Man öffnet die Tür; auch sie ist aus Holz. Ihr nehmt, wenn ihr nach der Schule geht, den Regenschirm; sein Stock war einst der Zweig eines Baumes. Ihr geht die Treppe hinab; ihre Stufen bestehen vielfach aus Holzplanken. Ihr habt auf eurem Schulwege eine Brücke zu überschreiten; sie ist aus Holz gebaut. Das Gattertor auf dem Felde, der Zaun um die Schule, alles besteht aus Holz.

Ihr nehmt euren Platz in der Klasse ein. Eure Füße ruhen auf Holzbrettern, die vom Fichtenbaum stammen. Ihr sitzt auf hölzernen Bänken. Eure Schiefertafel hat einen hölzernen Rahmen. Das Tafelgestell und die Tafel selbst bestehen aus Holz. Der Lehrer öffnet die Tintenflasche, um die Tintenfässer zu füllen; den Kork der Flasche liefert die Rinde eines Baumes, während die Tinte selbst aus einer Säure gemacht ist, die aus Galläpfeln gewonnen wird. Diese werden durch den Stich eines Insekts auf den Blättern der Eiche hervorgerufen.

Wenn ihr aus der Schule kommt, läßt euch vielleicht ein Landmann auf seinen Wagen steigen, der auch aus Holz gemacht ist, ebenso wie der Schubkarren, mit dem er den Dünger in den Garten fährt. Ihr legt eure Schulbücher in die alte eichene Kommode, die in der Ecke steht, und wenn ihr nach dem Abendessen zu Bett geht, seht ihr über eurem Kopfe die Stubendecke, die aus hölzernen Balken zusammengefügt ist. Ihr könntet noch vieles hinzufügen, was ich vergessen habe; und dann haben wir noch nicht aufgezählt das Gummi, den Terpentin, die Öle, die Gerbsäure und die vielen Wohlgerüche, die wir von den Bäumen erhalten. Auch haben wir noch nicht von Schiffen und Eisenbahnwagen gesprochen und von den hübschen Holzschnitzereien in unseren Kirchen und öffentlichen Bauten. Sicherlich, ohne Bäume würde es schlecht mit der Welt stehen!

Nenne noch andere Dinge, die aus Holz gemacht sind.

Lektion 2.

Wie ein Baum entsteht.

Wir sahen im dritten Buche, daß einige Pflanzen viel länger leben als andere. Manche leben nur ein Jahr, bilden Samen und sterben dann. Diese nennen wir einjährige Pflanzen. Andere leben zwei Jahre. Sie treiben im ersten Jahre ihre Wurzeln und Blätter, während sie im zweiten Blüten und Früchte bilden. Diese nennen wir zweijährige. Andere leben viele Jahre lang und heißen ausdauernde oder perennierende Pflanzen. Bäume sind ausdauernd, denn sie leben sehr viele Jahre. Es gibt Eichen, die mehr als tausend Jahre alt sind.

Und doch begannen alle diese alten Bäume ihr Leben als kleine Samen wie die Bohne, die ihr im Blumentopfe zum Keimen brachtet. Wie haben sie es nun fertig gebracht, so lange zu leben? Wir werden dies am besten erfahren, wenn wir uns einen jungen Sämling ansehen.

Man wird leicht imstande sein, irgend einen solchen im Walde zu finden, eine Eiche, eine Buche oder einen Haselnußstrauch, die aus einer in den Boden getretenen Nuß, Buchecker oder Eichel aufgewachsen sind. Ich werde eine Eiche wählen, weil ich eine dicht vor meiner Tür habe und euch ein Bild davon geben kann. Wenn ihr eine Eichel nehmt, sie in den Hals einer Flasche steckt mit der Spitze nach oben und vorher die Flasche mit Wasser füllt, so könnt ihr eine kleine Eiche aufziehen und sehen, ob sie der meinigen ähnlich ist.

Zuerst treibt die Eichel aus einem Spalt einige Wurzeln nach unten. Dann spaltet sich die Schale vollständig, und man kann sehen, wie sich die beiden dicken Keimblätter öffnen, zwischen denen die wachsende Spitze liegt. Diese Spitze wächst nun beständig nach oben und treibt bald einige Blätter. Es ist manchmal eins, manchmal sind es auch zwei, eins über dem anderen, an der Seite des Stammes. Aber wenn der Herbst kommt, werden sicher zwei oder drei dicht zusammen an der Spitze des kleinen Baumes stehen. Unten an jedem Blatte dicht am Stamme sitzt eine kleine Knospe und am oberen Ende des Stammes eine kräftige Knospe, dicker als die übrigen.

Der Unterschied zwischen der Eiche und der Bohne, die wir im dritten Buch beschrieben, ist der, daß ihr Stamm holzig ist. Wenn man ein anderes Eichenpflänzchen desselben Alters aus dem Walde holt und es durchschneidet, so wird man folgendes sehen (Fig. 1, Seite 13). In der Mitte ist ein runder weißer Fleck „~p~“. Dies ist das Mark oder der weiche Teil, den man aus einem Holunderzweige aushöhlt, wenn man sich eine Knallbüchse machen will. Dann kommt ein Ring von weichem weißlichen Holze „~w~“. Rund herum sitzt die Rinde „~b~“.

Nun wißt ihr, daß das Wasser mit erdigen Bestandteilen darin von den Wurzeln aufsteigen muß, um in die Blätter zu gelangen und hier zur Nahrung verarbeitet zu werden. Es steigt durch diesen Ring lebenden Holzes auf, und wenn es zurückkommt, bildet es neues Holz und neue Rinde, da wo Holz und Rinde zusammenstoßen. Ihr wißt, wie leicht es ist, die Rinde vom Holze abzuschälen. Das kommt daher, daß zwischen dem neuen Holze und der Rinde eine zarte, dünne Zellschicht sitzt, die leicht zerreißt.

Aber wenn der Herbst kommt, nehmen die Wurzeln kein Wasser mehr auf, und der rohe Saft, wie er genannt wird, steigt nicht mehr auf. Die Stengel der Blätter vertrocknen da, wo sie mit dem Stamme verbunden sind und fallen ab. Der Baum ruht während des Winters.

Nun beobachtet eure kleine Pflanze im nächsten Frühling. Ihr werdet sehen, wie aus der dicken Knospe an der Spitze und oft noch aus zwei anderen, die dicht daneben stehen, sich Zweige entwickeln, die eigene Blätter haben. Aber bei einem sehr jungen Baume sterben die kleineren gewöhnlich ab, und der Stamm wächst gerade in die Höhe. Man kann jedoch immer feststellen, wo das neue Wachstum im Frühling begann, weil sich dort ein Ring (s. Abb. S. 12, ~r~) befindet, der von den Schuppen der Knospen zurückgelassen wird. Das Holz des neuen Stückes wird gerade so sein wie das Holz des unteren Stückes im vorigen Jahre war. Aber dieses untere Stück setzt frisches Holz an und wird dicker (Fig. 2, S. 13). Der Saft steigt hinauf und hinunter, und ein neuer Ring von Holz bildet sich außerhalb des alten, ebenso wie ein sehr dünner neuer Ring von Rinde innerhalb der alten. So wird am Ende des zweiten Jahres das alte Stück unter den Schuppen zwei Holzringe haben (~w~ und ~w~2) mit einer Linie dazwischen, die zeigt, wo der Baum im Winter ruhte; das neue Stück dagegen hat nur einen Ring.

Alles dies ist bei solchen kleinen Bäumen schwer zu sehen, und man muß den Querschnitt ansehen. Aber wenn man in den Wald geht, wo Bäume gefällt werden, so wird man an den alten Bäumen die Ringe viel deutlicher sehen, und man wird Vergnügen daran finden, die Stämme zu betrachten und zu zählen, wie alt die Bäume sind. Man kann nicht ganz sicher sein, daß man die Jahre richtig zählt, weil das alte Holz durch das neu wachsende zusammengepreßt wird und sehr hartes Holz in der Mitte des Stammes bildet, das sogenannte Kernholz. Aber sicherlich ist der Baum nicht jünger, sondern wahrscheinlich viel älter, als die Ringe, die man zählen kann, angeben.

Nun kommen wir zu der Frage zurück, wie Bäume so alt werden können. Jahr für Jahr bilden sie einen neuen Ring, und diese Ringe werden immer schmäler und schmäler, je älter sie werden. Durch die jüngeren Ringe steigt der rohe Saft in die Blätter auf und kommt als Nahrung wieder herunter, um die verschiedenen Teile des Baumes zu nähren. In jedem Frühling werden Knospen an jedem Blatte gebildet, und diese Knospen sind wie neue Pflanzen. Sie wachsen mit frischer Kraft empor und bilden neue Nahrung für den Baum, der sie im Stamme und in den Zweigen emporträgt zu Licht und Luft.

Das Kernholz des Stammes ist wirklich tot und vermodert manchmal, während der äußere Teil des Baumes noch weiter grünt. Aber viele Ringe im Innern des Baumes brauchen noch Nahrung, und wenn man einen gefällten Baum ansieht, so kann man sehen, wie sie diese bekommen. Neben den Ringen wird man einige Linien (~m~) bemerken, die wie die Speichen eines Rades von dem Mittelpunkt des Stammes ausgehen und sich bis zur Rinde erstrecken. Diese Linien bestehen aus Mark wie die, welche wir in der Mitte des jungen Schößlings der Eiche sahen. Durch sie hindurch dringt der Saft durch den ganzen Baum, bis sie zusammengepreßt werden.

Es gibt auch Bäume, wie die Palmen, die ihr in Warmhäusern seht, die keine Ringe ansetzen. Aber sie sind keine bei uns wachsenden Bäume und gehen uns hier nichts an.

Nehmt verschiedene Stücke von Baumzweigen und versucht, die Rinde, die innere Rinde, die Holzringe und das Kernholz zu erkennen. Flieder, Linde und Holunder zeigen sie sehr gut. Eiche und Fichte zeigen am besten das Kernholz.

Lektion 3.

Wie ein Baum wächst. -- Die Roßkastanie.

Wenn ein junger Baum reichlich Holz und Zweige gebildet hat, beginnt er, einige seiner Knospen zu benutzen, um Blüten zu bilden. Diese Blütenknospen wachsen an denselben Stellen wie die Blätterknospen. An einigen Bäumen wachsen sie da, wo das Blatt aus dem Stamm hervorwächst. Bei anderen wachsen sie an der Spitze der Zweige. Sie sind im allgemeinen runder und weniger spitz als die Blätterknospen. Die Blüten der Eiche sind sehr klein, deshalb tut man besser, sich nach einem Roßkastanienbaum umzusehen und einen Zweig desselben für diese Lektion zu brechen. Man wird auf einer Roßkastanie fast zu jeder Zeit des Jahres Blütenknospen finden, ausgenommen, wenn er im vollen Blätterschmuck steht, denn dann sind sie sehr klein.

Die beste Zeit darnach zu suchen, ist am Ende des Winters, wenn der Baum kahl ist. Zuerst sieh die kleineren Knospen an, die zu zwei und zwei einander am Zweige gegenüberstehen. Unter jeder Knospe sieht man eine Narbe, die die Stelle bezeichnet, wo das Blatt im letzten Jahre wuchs. Die Narbe hat die Form eines Pferdehufes und hat verschiedene schwarze Flecke, die wie die Nägel angeordnet sind. Diese Stellen zeigen, wo die Röhrenbündel waren, die den Saft in das Blatt führten.

Nun zerpflückt eine der Knospen. Sie sind klein, und ihr werdet es nicht gerade leicht finden; aber ihr könnt die braunen, klebrigen Schuppen abnehmen, und dann werdet ihr im Innern zuerst einen feuchtklebrigen Flaum finden und dann die jungen, grünen Blätter, die dicht zusammengefaltet sind. Zwischen ihnen wächst eine grüne Spitze.

Wenn ihr nun diese Knospe hättet wachsen lassen, und sie Nahrung genug erhalten hätte, so würde sie im Frühling zu einem kleinen, Blätter tragenden Zweige herangewachsen sein. Aber selten werden alle Knospen an einem Zweige groß. Die stärkeren nehmen die Nahrung fort, und die schwächeren sterben entweder ab oder warten bis zum nächsten Jahre.

Nun seht die Knospen an den Spitzen der Zweige an! Sie sind viel größer als die, die an den Seiten wachsen, und ihr könnt sie leicht untersuchen. Wenn ihr die klebrigen Schuppen fortgenommen habt -- es sind ihrer 12 bis 17 --, so werdet ihr zu denselben feuchtklebrigen, weißen Flaumhaaren kommen, die ihr in den Blattknospen fandet, und die ein warmes Bett für die im Innern wachsenden zarten Blättchen abgeben.

Aber diese Knospe besteht nicht ganz aus Blättern wie die kleineren. Sie hat vier kleine hellgrüne Blätter, und in sie eingebettet liegt eine zierliche Rispe mit kleinen Knöpfchen (~F~).

Man kann die Blüten an dieser Rispe ohne Mikroskop wahrnehmen. Aber wenn man bis zum Mai wartet und sie beobachtet, so wird man sehen, wie sie sich allmählich zu einem lieblichen Blütenzweig entwickeln, und ich denke, ihr werdet sie um so lieber haben, sobald ihr wißt, wie der Baum sie im letzten Herbst vorbereitete, als er noch mit Blättern bedeckt war, und sie den ganzen Winter hindurch warm in klebrige Knospen einhüllte.

Und während ihr nun auf die Entwicklung der Blüten wartet, seht euch den Baum selbst an. Der Stamm ist glatt und rund. Die Zweige beginnen ungefähr drei Meter über dem Boden. Zwei und zwei stehen einander gegenüber wie die Blätter, ausgenommen da, wo eine Knospe sich nicht entwickelt hat. Die unteren Zweige, die natürlich die ältesten sind, breiten sich am weitesten aus, so daß der Baum sich nach der Spitze hin in gefälliger Weise abrundet.

Wenn dann der April kommt, fallen die braunen Schuppen von den Blattknospen ab, und der Baum ist mit hellgrünen, flaumhaarigen Blättern bedeckt. Sie sind geteilt in sieben Blättchen, die von der Spitze des Stengels wie ein halbgeöffneter Regenschirm herabhängen. Nach und nach, wenn sie kräftiger werden, entwickeln sie sich zu einem breiten Blatt aus sieben fingerartigen Teilen. Inzwischen wirft die Blütenknospe ihre Schuppen ab; die vier grünen Blätter kommen hervor, und die Blütenrispe streckt ihre schneeweißen, rot und gelb gestreiften Blüten heraus (siehe bunte Tafel I).

Die Blüten, die dem Zweige am nächsten sitzen, öffnen sich zuerst und werden kräftig. Es sind vollständige Blüten mit fünf grünen Kelchblättern und fünf schön gekräuselten Blumen-Kronblättern, die sowohl Staubgefäße als Fruchtknoten im Innern haben. Aus diesen entstehen die Kastanien, die im Herbste reif werden. Die an der Rispe weiter oben sitzenden Blüten haben nur Staubgefäße im Innern der Blumenkronblätter. Sie verwelken, sobald sie ihren Blütenstaub ausgestreut haben.

Wenn ihr eine ältere Blütenrispe bekommen könnt, nachdem die Blüten schon verwelkt sind, und den Fruchtknoten einer Blüte durchschneidet, so werdet ihr sehen, daß er drei Abteilungen hat mit je zwei kleinen Samen. Aber wenn ihr die stachelige Frucht im Herbst aufnehmt, so werdet ihr, obwohl sie in drei Teile zerspringt, nur eine oder zwei große Kastanien darin finden, seltener noch einige andere sehr kleine. Die großen Samen haben die anderen kleinen ausgehungert und sind groß und stark geworden. Sind die Kastanien braun und glänzend, so sind sie reif und werden keimen, sobald man sie sät.

Obwohl die Roßkastanie im Sommer sehr schön ist, werden ihre Blätter sehr früh gelb und fallen im September ab, und dann kann man sehen, wie sich die Knospen für das nächste Jahr schon gebildet haben. Jedermann weiß, daß Roßkastanien bitter und nicht genießbar sind. Die süßen Kastanien, die wir rösten, kommen von einem ganz anderen Baum und sind keine Samen, sondern Früchte.

Suche einen Roßkastanienzweig und untersuche die Knospen; beobachte im Mai den Fruchtknoten und die Frucht im September.

Lektion 4.

Bäume mit Kätzchenblüten.

Die Roßkastanie ist einer der wenigen großen deutschen Bäume, die große Blütenrispen haben. Es gibt in den Hecken viele hübsche blühende Sträucher, wie Schwarz- und Weißdorn und Schneeball. Aber viele große Bäume haben kleine Blüten. Da einige dieser Bäume blühen, ehe sich ihre Blätter entfalten, so kann man ihre Blüten sehen. So wollen wir denn einige betrachten.

Wenn in der Nähe eurer Wohnung viele Bienen sind, und dort einige Salweiden entweder in den Hecken oder Gehölzen wachsen, so geht an einem sonnigen Märztage hinaus, legt euch unter einen der Bäume und paßt auf.

Bald werdet ihr ein Summen hören, das so lange dauert, wie die Sonne scheint. Denn die Bienen sind aus ihrem langen Winterschlafe erwacht und brauchen Honig und Blütenstaub, um Bienenbrot zu bereiten. Es blühen nur sehr wenige Blumen im März, und wenn der süße Duft des Honigs von den Blüten der Weide aufsteigt, so werden die Bienen seiner schnell gewahr.

Ihr werdet mich vielleicht fragen, woran man eine Salweide erkennt. Ihr kennt sie sehr gut, obwohl ihr vielleicht den Namen nicht wißt. Es ist ein großer, buschiger Baum mit einem grauen Stamm; sie wächst in Hecken und feuchten Gehölzen. In manchen Gegenden schneiden die Leute am Palmsonntag Zweige davon ab und nennen sie Palmen.