Part 19
Bei flüchtigem Zusehen hätte man glauben können, alle diese Männer könnten sich nicht mehr auf den Beinen halten; in Wirklichkeit waren sie, mit wenigen Ausnahmen, in bester Verfassung. Sie hatten nur eben nichts anderes zu tun, als sich hinzulegen und in den Himmel zu sehen. Besonders die Engländer waren kräftige, abgehärtete Männer mit wettergebräunten Gesichtern. Sie trugen ihr Geschick mit Gleichmut und sogen an ihren Pfeifen mit einer Ruhe, als ob sie zur Sommerfrische in Schottland wären.
Und doch waren jetzt Indiens stolze Herren keinen Deut mehr wert als ihre 300 Millionen Sklaven! Wer Indien kennt, kennt auch die Kluft, die dort zwischen Europäern und Weißen besteht. Durch seine Macht, seine Organisation, sein militärisches System („Militarismus“), seine überlegenen Waffen und sein herrisches Auftreten, nicht durch seine Intelligenz, hat England das große Indien zu unterjochen vermocht, hält es noch heute dessen Völker wie in einem Schraubstock. Der Engländer befiehlt, der Inder hat nur zu gehorchen; über 400 Millionen Mark jährlich müssen die Landeskinder für eine Armee zahlen, in der sie selbst niemals eine höhere Stelle bekleiden können und die nur zu ihrer Unterjochung da ist. Der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat Bryan hatte nur zu recht, als er kürzlich schrieb: „Verglichen mit dem Despotismus, der in Indien herrscht, ist der russische Zarismus ein Kinderspiel!“
Hier unter den Gefangenen waren sie nun alle gleich, und der eine konnte nicht mehr auf Kosten des andern üppig leben. Das erweckte in mir kein Mitleid. Ich beklagte aber die traurige Rolle, die der Christ jetzt in den Augen der Andersgläubigen spielte. Die Inder, mochten sie nun Hindus, Brahmanen, Buddhisten oder Mohammedaner sein, waren Zeugen der Erniedrigung ihrer früheren Herren, und soweit sie Mohammedaner waren, freuten sie sich wohl gar im Stillen, nicht mehr christlichen, sondern mohammedanischen Offizieren gehorchen zu müssen. Bei den Dardanellen und bei Kut-el-Amara waren die hochfahrenden Engländer von den Türken aufs Haupt geschlagen worden, und jetzt erfuhren sie von diesem Volk, dem sie während des Krieges stets mit Verachtung und Hohn begegnet waren, als Gefangene eine gute und rücksichtsvolle Behandlung! Hier waltete eine göttliche Nemesis, und es ist nun an den Engländern, daraus die nötige Lehre zu ziehen, die sie hoffentlich nicht mißverstehen werden. Auch die späteren Ereignisse in Mesopotamien haben an dem, was einmal geschehen ist, nichts ändern können. --
Am Ufer des Tigris lag eine endlose Reihe von Keleks. Das sind die berühmten Flöße, die aus einem Holzgerippe bestehen, das von einigen hundert mit Luft gefüllten Ziegenfellen getragen wird. Sie dienen als Frachtschiffe auf der Strecke von Mosul oder noch weiter flußaufwärts bis Samarra, von wo die Ladung mit der Eisenbahn nach Bagdad geht. In Samarra werden die Flöße auseinandergenommen, die Felle geöffnet und das zusammengepackte Material zu neuer Verwendung nach Mosul zurückbefördert.
Auf uns wartete eine Guffa, die uns trotz des hohen Wellenganges halbwegs trocken am andern Ufer absetzte. Dort begann dann unsere Wanderung durch die Ruinen des alten Samarra, arabische Häuser mit schönen Einzelheiten, bis zu der gewaltigen Burg, in deren schattigen Gewölben wir vor der immer heißer brennenden Sonne Schutz fanden. Mittlerweile sandte uns der Platzkommandant einige Pferde, die uns zu der großen Moschee und dem mächtigen Turm ihres Minaretts brachten. Sein wendeltreppenartiger Aufgang war an mehreren Stellen eingestürzt, was die arabischen Pferdeburschen nicht hinderte, wie Katzen darauf herumzuklettern.
Die Zeit erlaubte uns nicht, dieser merkwürdigen alten Kalifenhauptstadt, die dank der Laune eines Herrschers gleichsam über Nacht emporwuchs, nach kaum fünfzig Jahren aber schon wieder verlassen wurde und verfiel, mehr als eine flüchtige Besichtigung zu widmen. Ich beschränke mich daher auf einige Andeutungen über die kurzlebige Geschichte der Stadt und verweise im übrigen auf die Schriften[1] der beiden deutschen Archäologen Professor Sarre und ~Dr.~ Herzfeld, die auf diesem Ruinenfeld mit so ausgezeichnetem Erfolge tätig gewesen sind.
[1] „Archäologische Reise im Euphrat- und Tigrisgebiet“ von F. Sarre und E. Herzfeld. Berlin, 1911. -- „Erster vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen von Samarra“ von Ernst Herzfeld. Mit einem Vorwort von Friedrich Sarre. Berlin, 1912. -- „Mitteilung über die Arbeiten der zweiten Kampagne von Samarra“ von Ernst Herzfeld, und: „Die Kleinfunde von Samarra und ihre Ergebnisse für das islamische Kunstgewerbe des 9. Jahrhunderts“ von Friedrich Sarre; beide in: „Der Islam“, herausgegeben von C. H. Becker, Band V, Heft 2-3. Straßburg 1914.
Als Harun er-Raschids Sohn, der Kalif al-Mutasimbillah, infolge der Zwistigkeiten zwischen seiner türkischen und asiatischen Leibwache und der arabischen Bevölkerung sich in Bagdad nicht mehr sicher fühlte, beschloß er im Jahre 836 n. Chr. eine andere Hauptstadt zu gründen. Dazu wählte er einen Platz 130 Kilometer nördlicher am linken Ufer des Tigris, wo vordem nur unbedeutende Dörfer und einige christliche Klöster gestanden hatten. Schon zwei Jahre später bezog er seine neue Residenz und nannte sie Surra man ra’a („Wer sie sieht, der freut sich“). Hier starb er im Jahre 842.
Unter seinem Sohn und Nachfolger, Harun al-Wathik (842-847), wuchs Samarra zu einer Weltstadt heran, die aus allen Teilen des unermeßlichen Reiches, das sich von China bis nach Marokko erstreckte, Bürger und Kaufleute in Massen anlockte. Der eigentliche Erbauer Samarras ist aber Mutasims zweiter Sohn, Dschafar al-Mutawakkil (847-861). Zwei Drittel des bisher freigelegten Trümmerfeldes, das sich in 2 Kilometer Breite 33 Kilometer weit den Tigris entlang erstreckt und die größte Ruinenstätte der Erde ist, stammen aus seiner Zeit. Das ganze bebaute Gebiet Samarras, von dem nur einige Hauptteile ausgegraben sind, umfaßte etwa 200 Quadratkilometer! Die Ringbahn von Berlin schließt nur 90 ein! Die von Mutawakkil erbauten Paläste kosteten 204 Millionen Dirhem (Franken). Auch die große Moschee, das riesige Schloß Balkuwara im Süden des Gebietes und die sogenannte Nordstadt oder al-Mutawakkilije sind sein Werk.
Die große Moschee wurde von 846-852 gebaut und kostete 15 Millionen Dirhem. Die Mauern und Teile der Türwölbungen im Mihrab, in der Gebetsnische, stehen noch heute. Das Ganze war ein Mauerviereck mit vier großen Hallen. In der Mitte des mit Ziegeln gepflasterten Hofes befand sich ein Springbrunnen in Form eines Monolithbeckens von vier Meter Durchmesser, der „die Tasse des Pharao“ hieß. Zahlreiche runde und achteckige Marmorsäulen, Kapitelle und Basen in Glockenform, Scherben von Glas und Gold in Mosaik, Freskomalereien, Stuckornamente, Holzschnitzereien, Öllampen, künstlerisch geformte Fenster und andre Überreste zeugen von der Pracht dieses Tempels. Malwije, das Minarett der Moschee, das sich auf einem Sockel von 32 Meter Seitenlänge erhebt, ist gewissermaßen ein Abkömmling des Turmes von Babel. Die ganze Grundfläche der Moschee betrug 250000 Quadratmeter; wenn der Kalif mit seinem Hofstaat hier seine Freitagsgebete verrichtete, konnten hunderttausend Andächtige bequem darin Platz finden!
Der Palast des Kalifen umfaßte nicht weniger als 175 Hektar; 71 davon gehören zum Garten am Tigrisufer, der Pavillons, Hallen und große Wasserbecken umfaßte. Etwa 300 Arbeiter haben hier allein sieben Monate lang gegraben und 14000 Quadratmeter bloßgelegt; 32000 Kubikmeter Schutt wurden auf einer Feldbahn fortgeschafft. Große Teile des Palastgebietes ließen sich ohne völlige Ausgrabung bestimmen.
Die Privathäuser Samarras waren aus ungebrannten Lehmziegeln und einstöckig, hatten aber bis zu fünfzig Zimmer. Vornehme Gemächer waren geschmackvoll ausgestattet mit orientalischen Gipsornamenten, bei denen Herzfeld drei verschiedene Stilarten unterscheidet: die koptische, die irakische und die nordmesopotamische.
Bei dem Dorf Dur am Nordende von Samarra steht noch ein etwa ums Jahr 1000 erbautes, viertürmiges Mausoleum des Mohammed el-Duri, des ältesten Sohnes Musa al-Kasims. Al-Aschik ist der Name einer Burg und eines Mausoleums am rechten Tigrisufer, die nach Mutawakkils Zeit entstanden sind.
Die Kleinfunde aus Samarra, von denen Professor Sarre eine vorläufige Beschreibung gegeben hat, umfassen glasierte und unglasierte, bemalte und ornamentierte, ostasiatische und einheimische Keramik, Wand-, Glas- und Holzmalerei, Papyri, Teppiche, einige Gegenstände aus Metall und Münzen.
Der Kalif Mutawakkil fiel Ende 861 von der Hand seines Sohnes Mutasir, unter dessen Regierung die Auflösung des Reiches begann. Während der letzten zweiundzwanzig Jahre Samarras herrschten hier fünf Kalifen unter blutigen Fehden. Eine Provinz nach der andern fiel ab, und die türkischen Prätorianer wuchsen den Kalifen über den Kopf. Der letzte Kalif in Samarra verließ die Stadt im Jahre 883, zog erst ins südliche Irak und 891 nach Bagdad.
Samarra bestand also nur 45 Jahre (838-883) und verfiel dann schnell. Heute ist es eine kleine schiitische Stadt mit 2000 Einwohnern, einem türkischen Kaimakam, aber ohne Garnison.
Eine Forschungsreise, die Sarre und Herzfeld 1907/08 in Syrien und Mesopotamien unternahmen, gab Veranlassung zu den deutschen Ausgrabungen, die 1911 und 1912 stattfanden. Im Zusammenhang damit nahm der Hauptmann Ludloff vom Generalstab eine Karte des ganzen Gebiets im Maßstab 1 : 25000 auf. Die Ergebnisse der Ausgrabungen und der topographischen Arbeiten bestätigen in allen Punkten die Glaubwürdigkeit der arabischen Geschichtsschreiber Tabari und Baladhuri und die Genauigkeit der Schilderungen des Geographen Jakubi. Die Gottesdienste und Feste, Palastrevolutionen und Volksaufstände, die Triumphzüge und Hinrichtungen, Mordszenen und Begräbnisse, kurz alles, was die alten Chroniken berichten, kann nun wieder, wie Herzfeld sagt, auf seinen wirklichen Schauplatz verlegt werden.
Das heutige Samarra ist eines der großen schiitischen Wallfahrtsorte wie Nedschef, Kerbela, Kasimen und Meschhed in Persien, die alle den Europäern unzugänglich sind. Die schiitische Sekte entstand aus dem dritthalbjahrhundertlangen Streit der omaijadischen und abbassidischen Kalifen mit den Aliden, die direkt vom Propheten herstammen, ist also fast ebenso alt wie der Islam. Der Schiitismus ist die herrschende Religion in Persien und hat als Gegensatz zum arabischen Element politische Bedeutung. Alljährlich unternehmen etwa hunderttausend seiner Bekenner eine Pilgerfahrt nach den zwei Wallfahrtsstätten Samarras. Die eine ist das Mausoleum, unter dessen goldener Kuppel der zehnte und elfte Imam ruhen neben Alis Schwester, Gemahlin und Mutter. Dieses Heiligtum stammt aus neuerer Zeit. Die Kuppel wurde erst 1908 vollendet. Ihre Goldbekleidung, die schon aus weiter Ferne wie eine kleine Sonne leuchtet, ist, wie eine Inschrift über dem Tor verrät, ein Geschenk des Schahs Nasreddin von Persien und hat 30000 türkische Pfund, also über eine halbe Million Mark, gekostet.
Das andere Heiligtum mit einer blauen Fayencekuppel ist eine unterirdische Krypta, in der der zwölfte Imam, der Mahdi, der „Herrscher der Zeit“, der Messias der Schiiten, im Alter von vier Jahren verschwand. Sie wurde vom Kalifen Nasir im Jahre 1210 gebaut. Andere Teile des Heiligengrabs stammen aber aus neuerer Zeit.
Wir ritten auch in die kleine Stadt hinein, um uns wenigstens eine Vorstellung von der Lage der beiden Heiligtümer zu verschaffen und sie von außen zu betrachten. Man bewachte uns dabei scharf, damit wir nicht etwa das verbotene Gebiet betraten. Wir konnten daher nur von der Schwelle aus einen Blick in den Hof des Mausoleums werfen und kehrten dann durch die ärmlichen Basare und das Stadttor, das in einer hohen, von einer indischen Prinzessin zum Schutz gegen raubgierige Beduinen errichteten Mauer liegt, zu unserm Lager am Bahnhofsgebäude zurück.
Neunzehntes Kapitel.
Die Karawane des Herzogs.
Am andern Morgen verließen wir schon vor Sonnenaufgang Samarra, um baldmöglichst Tekrit zu erreichen, wo der größte Teil der Karawane des Herzogs auf uns wartete. Von den neun Wagen der Kolonne waren vier bei uns, zwei Droschken, ein Jaile und ein Kerbelawagen. Die beiden letzteren waren trotz ihrer Gebrechlichkeit mit Gepäck so schwer befrachtet, daß ich ihnen keine lange Laufbahn prophezeite. Doch ging bis Tekrit noch alles gut ab, denn die Straße dorthin war so eben, als wäre sie asphaltiert, obgleich man von einer wirklichen Straße eigentlich gar nichts sah; der gelbgraue, dürre und harte Alluviallehm des Bodens erlaubte zu fahren wie man wollte. So waren hier einst die Heere des Altertums vorgerückt. Jetzt ging die türkische Etappenstraße hier durch. Aber nur wer von Bagdad nach Mosul wollte, kam dieses Weges; in umgekehrter Richtung benutzte man besser eines der Tigrisflöße bis Samarra.
Den ganzen Tag über war der Tigris oder doch sein dunkler Vegetationsgürtel in Sehweite. Schaf-, Ziegen- und Rinderherden weideten auf der Steppe; hin und wieder kam ein Bauer mit einem Esel daher; sonst bildeten nur Steppenhühner (Keklik auf Türkisch) und Heuschrecken die Staffage. In ungeheuern Massen pickten die ersteren zu beiden Seiten der Straße, in mächtigen Wolken flogen sie auf, wenn unsre Wagen sich nahten, waren aber sonst wenig scheu. Was sie fraßen und wovon auch die Herden der Nomaden lebten, war nicht recht einzusehen, denn das kurze Steppengras war von der Sonne völlig gedörrt und obendrein von Heuschrecken verdorben. Auch bei diesen war Schmalhans Küchenmeister; mit um so größerer Gier warfen sie sich auf den Pferdemist, und wo sie gar den Kadaver eines Zugtiers fanden, fraßen sie sich buchstäblich zu Tode. Die gefallenen Tiere sah man nicht vor lauter Heuschrecken, und die Kadaver umgab jedesmal ein Wall toter oder sterbender Fresser, die mit aufgeschwollenen Körpern dalagen und die Luft noch mehr verpesteten. Auch wir selbst konnten uns während der Fahrt der widerwärtigen Insekten kaum erwehren, klatschend flogen sie uns gegen Gesicht und Hände, und als wir nördlich von der Ruine Dur, wo unser Weg wieder unmittelbar an das Stromufer heranführte, die Pferde tränkten und ein Bad nahmen, wimmelte selbst das Wasser von diesen widerwärtigen Insekten; ganz wie auf dem Euphrat hatten sich auch hier ungeheure Massen verflogen, und unwiderstehlich riß der Strom sie mit sich, um irgendwo ihre Gebeine in seine neuen Ablagerungen einzubetten. --
Unsere beiden Droschken sollten den Gepäckwagen vorausfahren; die Kutscher aber hatten etwas von räuberischen Überfällen munkeln hören und offenbar vereinbart, sich gegenseitig nicht aus dem Gesicht zu verlieren, so daß wir alle zusammen an dem Gasthof in Tekrit vorfuhren, wo die übrige Reisegesellschaft bereits gestern ausgespannt hatte. Außerdem waren noch Oberarzt Professor Reich und Major Reit, beide auf dem Wege nach Deutschland, seit gestern hier eingekehrt.
Tekrit mit seinen engen, gewundenen Straßen, anspruchslosen Stein- und Lehmhütten und langen grauen Mauern liegt wie Hit auf einem Hügel, gesichert gegen alle Überschwemmungen. Mehrere Kaffeehäuser am Tigrisufer bieten eine prächtige Aussicht auf den Strom. Eines dieser Kavekhanes beherbergte englische Offiziere, die wegen Übermüdung oder Krankheit ausruhen mußten. Auch mein alter Freund Rybot war darunter, und Herzog Adolf Friedrich, Professor Reich und ich unterhielten uns einige Zeit mit den Gefangenen. Ihre Gefaßtheit im Unglück war bewundernswert; von Erregung über die Kriegsereignisse merkte man ihnen nichts an. Als ich daran erinnerte, daß der Herzog Gouverneur von Togo gewesen sei, das englische Truppen besetzt hätten, während er an der Westfront stand, meinten sie lächelnd, Togo werde natürlich wie alle Kolonien bei Friedensschluß zurückgegeben; die englische Presse, die allerdings eine andre Sprache führe, habe darüber glücklicherweise nicht zu bestimmen. Das vornehm zurückhaltende Wesen dieser Angelsachsen stand in so wohltuendem Gegensatz zu dem Ton englischer Zeitungen und so mancher Bankettreden englischer Staatsmänner, daß man sie kaum für Angehörige desselben Volkes hätte halten mögen.
Mittlerweie hatte sich auf den zwei engen Höfen, die unsern Troß beherbergten, das malerisch bunte Durcheinander einer Karawanserei entwickelt. Unser wertvollstes Gepäck war in einem stockfinstern Loch geborgen, vor dem Schölvincks Diener Gustav Wache hielt, während die Ordonnanz des Herzogs und sein afrikanischer Diener Schmitt unter Konsul Schünemanns Oberaufsicht die Kutscher und Burschen befehligten. Der schwarze Koch aus Togo wirtschaftete eifrig an seinen Töpfen, während sich sein Landsmann mit Gläsern und Tellern, Messern und Gabeln zwischen arabischen Stallknechten und Hufschmieden hindurchschlängelte, die unsere Pferde fütterten oder beschlugen. Auf der Terrasse an der einen Hofseite saßen etliche Perser, Filzmützen auf dem Kopfe und gewundene Locken an den Ohren, um einen glühenden Mangal herum und stopften mit einer Feuerzange Holzkohlen in den Samowar, aus dem unsere Teegläser gefüllt wurden. Ein Tekriter Bäcker kam mit einem Sack voll Brot hereingestürmt, und Frauen brachten in Holzkummen Milch und Joghurt. Die Flammen unserer Tischlampe und des Lagerfeuers, an dem für uns und die Mannschaft das Abendessen bereitet wurde, warfen unruhige Schatten in das so schon lebendige Bild, und wir freuten uns, beizeiten auf dem Stalldach, wo unsere Betten standen, dem Lärm dieses Feldlagerlebens entrückt zu sein.
Um 3 Uhr morgens, als das Dunkel der Nacht noch auf der Steppe lag, erwachte die Unruhe des Abends bereits wieder. Deutsche und Türken, Araber und Tataren drängten sich durcheinander, um die Karawane zum zeitigen Aufbruch fertig zu machen. Deichseln knarrten, Geschirre rasselten, Pferde und Maulesel wieherten in der frischen Morgenluft. Während wir frühstückten, wurden die Packwagen beladen, Kisten und Kasten mit Riemen festgemacht, und sowie ein Wagen fertig war, fuhr er auf die Straße hinaus. Dort ordnete sich die Kolonne.
Diesmal nahm ich im Automobil des Herzogs Platz. Am Steuer saß derselbe Chauffeur Laube, der uns bei meinem Besuch an der Westfront von Bapaume nach Metz begleitet hatte. Die Straße -- wie meist in Asien eine Menge parallel laufender Fußwege -- war so glatt, daß man bequem 40 Kilometer in der Stunde fahren konnte. Schwierigkeiten machten nur hin und wieder einige höchstens 10 Meter tiefe Wadis durch die Steilheit ihrer Abhänge. Die Landschaft war ziemlich die gleiche wie am Tage vorher. Nur war die Steppe dichter mit einem Rasen bedeckt, den die Heuschrecken verschmähen; diese fanden sich daher nur bei Tierkadavern. Um so häufiger waren die Steppenhühner, die dicht vor unserm heransausenden Auto in Wolken aufstiegen, mit ihren kurzen pfeifenden Flügelschlägen uns umschwirrten und sich bald wieder niederfallen ließen. Wenn wir anhielten, hörten wir das Gackern der Hennen, die um ihre Küchlein bangten. Mit sicherer Hand erlegte der Herzog neunzehn Hühner, die eine willkommene Abwechslung unserer Speisenkarte waren, uns aber auch in den Verdacht der Straßenräuberei brachten. Denn eben als der Herzog schoß, kam eine unbeladene Kamelkarawane des Weges; sogleich begannen auch deren Leute zu schießen, um uns zu zeigen, daß sie nicht unbewaffnet seien. Als sie dann sahen, daß wir friedliche Europäer waren, kamen sie herangeritten und grüßten „Marhabba“. Auch graue Antilopen mit weißem Bug zeigten sich in kleinen Herden; aber ihnen war nicht beizukommen; ehe man sich zum Schuß fertig machen konnte, waren sie verschwunden.
In zweieinhalb Stunden erreichten wir den Ort Charnine am Fuße einiger Hügel. Hier machten wir für heute halt, um unsere Begleitung zu erwarten. Der neuen Karawanserei auf einer steilen Anhöhe, wo gerade eine mit Getreide beladene Rinderkarawane einzog und ein „Seraiban“, ein Aufseher, mit vier Wachtposten sich einquartiert hatte, statteten wir nur einen Besuch ab. Für unsere Tagesruhe wählten wir den alten Han, eine malerische Ruine mit bedenklich brüchigen Gewölben und Mauern. In seinem Außenschatten ließen wir uns nieder, brieten die heutige Jagdbeute und vertrieben uns die Zeit mit Unterhaltung, Lektüre, Rauchen und Streifereien in die Umgebung. Im Laufe des Nachmittags kam Professor Reich in seinem aus Bagdad stammenden, gelb angestrichenen Deckwagen, der wie eine Postkutsche aus der Zeit Napoleons aussah, umsomehr als an seiner Rückseite ein großes ~N~ prangte. Einige Stunden später fanden sich auch Schölvinck und Busse ein und dann die ganze Kolonne. Auf dem hohen Ufer eines 10 Meter breiten und 3 Meter tiefen abgeschnürten Tigrisarmes, der von allen Seiten durch frisch sprudelnde Quellen gespeist wurde und reich an Fischen, Schildkröten und Fröschen war, fuhren die Wagen zu einem reizenden Lager auf. Ringsum wimmelte es von Steppenhühnern. Als wir uns nach einem erfrischenden Bad beim flackernden Feuer versammelten, umsummten Myriaden Insekten die Lichter auf unsern Tischen. Auch eine große häßliche Tarantel kletterte auf einen unserer Zeltstühle und mußte ihre Kühnheit mit dem Tode büßen. Die Mannschaft tötete noch vier dieser giftigen Riesenspinnen. Im übrigen dokterten wir lange an einem Pferd und einem Maulesel herum, mit denen es nach den Anstrengungen des Tages zu Ende ging.
Am andern Morgen zogen wir in nordwestlicher Richtung weiter, der Herzog und Busse zu Pferde, Schölvinck und ich im Auto. Rechts erhob sich die Bergkette des Dschebel Makhul, links dehnte sich die lautlose, jetzt fast völlig einsame Steppe. Da erschien am Nordrand des Horizonts eine Reihe schwarzer Punkte, etwa dreihundert Kamele, die unbelastet südwärts wanderten. Während in Zentralasien die Karawanen in langen Reihen hintereinander marschieren, läßt man sie in Mesopotamien gewöhnlich neben der Straße in breiter Herde über die Steppe gehen, damit sie nicht andere Karawanen behindern. Wir hielten und machten einige photographische Aufnahmen von den ruhig und würdig vorbeischreitenden Tieren, die unser Auto ganz ohne Scheu mit offenbarem Interesse betrachteten. Die Besitzer der Karawane, wohlhabende Kaufleute, kamen auf grauen Stuten hinterher geritten.
Als wir eine kurze Strecke weiter gefahren waren, wurde eine unzählige Masse solcher schwarzen Punkte vor uns sichtbar. Bald hatten wir sie eingeholt. Diesmal war es ein ganzer Araberstamm namens Albu Segar, der in der Umgebung von Mosul neue Weideplätze aufsuchte. Ein graubärtiger Alter berichtete uns, das heutige Ziel sei ein niedriger Hügel rechts der Straße, und da wir den Unsern weit voraus waren, schlossen wir uns den Nomaden an, um eine Lagerung großen Stils mitzumachen.
Hier wie in Tibet bestimmen Weide, Wasser und Jahreszeiten die Wanderungen der Nomaden. Jetzt trieb die große Hitze die Albu Segar-Araber nordwärts; im Herbst wanderten sie wieder den Tigris hinunter. Wo sich ergiebige Weide fand, machten sie einen oder mehrere Tage Rast oder unternahmen wohl auch einen Abstecher westlich in die Steppe hinein.