Bagdad, Babylon, Ninive

Part 18

Chapter 183,436 wordsPublic domain

Nur den einen Vorteil hat der Ziegelraub gehabt, daß die deutschen Archäologen ohne langwierige und kostspielige Grabungen sich eine klare Vorstellung von den verschwundenen Gebäuden machen konnten. Auf dem Gipfel von Babil stand ehemals ein Palast mit zahlreichen Räumen verschiedener Größe. Ihren Boden deckten Sandsteinplatten mit der Inschrift: „Nebukadnezars, des Königs von Babylon, des Sohnes von Nabopolassar, Königs von Babylon, Palast.“ Auch alle Ziegelsteine tragen Nebukadnezars Stempel, woraus Koldewey schließt, daß Babil eines der Schlösser dieses Königs gewesen ist. ~Dr.~ Buddensieg, der hier unser kundiger Führer war, vermutet, Nebukadnezar habe hier seine Sommerresidenz gehabt. Kühler wird es hier, 2½ Kilometer vom Kasr entfernt, schwerlich gewesen sein. Aber wahrscheinlich war Babil von schattigen Parken und breiten Kanälen umgeben, die der dicht bebauten, in der Sonne bratenden Stadt fehlten.

In dem Hügel Babil fand man Bruchstücke eines Kalkmörtelestrichs, der zu verraten scheint, daß gewisse Teile des Palastes von persischen Königen oder Alexander dem Großen und seinem Nachfolger erneuert wurden. Auch hat sich eine in Stein gehauene Urkunde erhalten, die von H. Winckler übersetzt wurde und nach Koldewey von dem Palast auf Babil handelt: „An der Ziegelsteinmauer gegen Norden trieb mich das Herz, einen Palast zum Schutze Babylons zu bauen, einen Palast wie den Palast Babylons aus Erdpech und Ziegelsteinen erbaute ich darin. 60 Ellen baute ich eine ‚Appa danna‘ gegen Sippar hin; ich machte einen ‚Nabalu‘ und legte sein Fundament in die Brust der Unterwelt an die Oberfläche der Grundwasser in Erdpech und Ziegelsteinen. Ich erhöhte seine Spitze und verband ihn mit dem Palast, mit Erdpech und Ziegelsteinen machte ich ihn wie ein Waldgebirge hoch. Gewaltige Zedernstämme legte ich zur Bedachung darüber. Türflügel aus Zedernholz mit einem Überzug aus Kupfer, Schwellen und Angeln, aus Bronze gefertigt, errichtete ich in seinen Toren. Jenes Gebäude nannte ich ‚Nebukadnezar möge leben, es möge alt werden der Ausstatter von Esagila‘, mit Namen.“

Das Schönste von Babil aber war gewiß und ist noch die Fernsicht von der Höhe, besonders am Abend, kurz vor Sonnenuntergang. Bei Windstille ist die Luft ungewöhnlich klar und durchsichtig. Im Osten treten die Überreste der Mauern und Kanäle hervor und heben sich scharf beleuchtet vom dämmerigen Horizont ab. Im Westen stehen auch die unscheinbarsten Hügel wie schwarze Silhouetten da. Im Süden sieht man mit Hilfe eines Fernrohrs deutlich den Turm von Borsippa oder Birs Nimrud. Über den dichten, Dörfer und Häuser völlig verdeckenden Palmenhainen an den Ufern des Euphrat ragt im Südsüdosten ein schlankes Minarett von Hille empor. In dieser Himmelsrichtung liegen auch die Hauptruinen von Babylon, die Hügel Kasr und Amran, die äußere und innere Mauer der Stadt, alles brandgelb beleuchtet, wo die Sonnenstrahlen hintreffen; aber ins Violette übergehend, wo Schatten sich ausbreitet. Im Norden aber zieht sich ein feines, helles Band durch die leblose Wüste: es ist die Straße, die uns bald nach Bagdad zurückführen soll; ihre erste Station, Mahawil, zeigt die Umrisse ihres Hans oder Gasthauses über dem Horizont.

Siebzehntes Kapitel.

Eine deutsche Studierstube am Euphrat.

Die Gelehrten sind sich darüber einig, daß die 5000 Jahre, die wir geschichtlich überblicken können, in dem Klima Mesopotamiens keine Veränderung mit sich gebracht haben. Auch ich habe in meinem Buche „Zu Land nach Indien“ der Frage nach den postglazialen Klimaveränderungen Vorderasiens einige Kapitel gewidmet und auf Grund des Feldzugs Alexanders des Großen an der Küste von Beludschistan nachzuweisen versucht, daß die historische Zeit zu kurz ist, um merkbare Veränderungen zu bewirken. Dreiviertel der Armee des Mazedonierkönigs kam auf jenem Zug durch Hitze und Wassermangel um. Städte wie Babylon und Birs Nimrud waren damals Oasen in derselben öden Wüste, die heute ihre Ruinen umgibt, und wenn Xenophon von fünf Tagemärschen des Cyrus „durch Arabien, den Euphrat zur Rechten“ berichtet: „Hier war der Boden eine Heide, eben wie das Meer und voller Wermut. Büsche oder Schilfpflanzen waren alle wohlriechend wie Spezereien, doch war kein Baum zu sehen“ -- so könnten diese Zeilen ebenso gut heute geschrieben sein.

Auch die alte Architektur bestätigt, daß man im Altertum mit denselben Wärmegraden rechnete wie heute. Sie ging nur darauf aus, kühle Räume zu schaffen. Die Sonne konnte durch keine Fenster dringen, überall starrten ihr meterdicke Mauern entgegen; die Türen öffneten sich auf schattige Höfe, und Kanäle mit fließendem Wasser und Palmenhaine boten Erquickung.

Auch das anbaufähige Gebiet am Euphrat und Tigris war damals nicht größer als heute. Nur verstand man mehr von der Wüste zu erobern und in fruchtbares Land zu verwandeln. Das zeigen die Überreste der Kanäle. Aber weite Strecken +konnten+, wie Eduard Meyer hervorhebt, damals so wenig bewässert werden wie heute und mußten Steppe bleiben, in denen nur Beduinen hausten. Westlich und südlich vom Euphrat begann auch zu jener Zeit sogleich die syrisch-arabische Wüste. Das Kulturland war daher stark begrenzt und an Umfang geringer als das Ägyptens. Deshalb lagen auch die alten Städte nahe beieinander in einem Gebiet, das nur fünfzig Meilen lang und zehn breit ist. Unterhalb, zwischen Kut-el-Amara und Korna, hat man gar keine Ruinen gefunden, denn der Tigris floß damals durch den Arm, den wir jetzt mit dem Namen Schatt-el-Hai bezeichnen. Das ganze Delta hat im Laufe der Jahrtausende große hydrographische Veränderungen erfahren, und die menschliche Kultur besaß kein Mittel, gegen diese Naturkräfte anzukämpfen; sie konnte ihnen höchstens folgen.

Mesopotamien, die „Insel“ zwischen Euphrat und Tigris, war demnach als Kern eines Weltreichs, dessen Herrscher mit verhältnismäßig großen Heeren gegen ein so entferntes Land wie Juda Krieg führten, sehr klein, und es zeugt von starkem Unternehmungsgeist mit hochentwickeltem Organisationsvermögen, daß man die Schwierigkeiten des Geländes, der Verpflegung, der Beschaffung von Trinkwasser und der Aufrechterhaltung der rückwärtigen Verbindungen damals schon so gut zu überwinden verstand, wie in dem heutigen Kriege.

Während meines Aufenthaltes in Babylon stieg das Thermometer gegen Mittag auf 40, am Nachmittag auf über 42 Grad im Schatten. Wenn die Sonne im Zenit stand, war es kaum möglich, sich draußen aufzuhalten und in den Ruinen umherzuklettern, so schlaff fühlte man sich; man war dankbar selbst für jeden glühendheißen Luftzug, der die durchnäßten Kleider durchdrang, und wenn ich mich um diese Stunde zum Zeichnen niedersetzte, wurde mir bald schwarz vor den Augen; ich mußte schleunigst mein Zimmer aufsuchen, um die Kleider vom Leibe zu zerren und ein Bad zu nehmen in Wasser, das, wenn es über Nacht in Lehmkrügen gestanden hatte, in einer Kühle von bestenfalls 25 Grad gehalten werden konnte. Wenn wir uns dann im gemeinschaftlichen Speisesaal versammelten, dessen Fenster und Türen Mückennetze schlossen, war man nicht viel mobiler als die Laubfrösche, die dort stumpfsinnig in den Aquarien hockten. Zum Essen fehlte jeder Reiz, um so stärker war das Bedürfnis zu trinken, Wasser aus porösen Lehmkrügen mit einem Schluck Rotwein oder Himbeersaft. Professor Koldewey hielt es zwar für besser, während der heißen Tagesstunden so wenig wie möglich zu trinken; ich dagegen huldigte dem Grundsatz: Trinke, wenn du durstig bist! Denn sonst trocknet die Haut ein, und man fällt um vor Mattigkeit, wie ich das im Jahre 1895 in der Wüste Taklamakan am eigenen Leibe erfahren habe. Natürlich sind die Ausdünstungsorgane dabei in ununterbrochener Tätigkeit, und solch ein Monate lang anhaltendes Schwitzbad muß, wie ~Dr.~ Buddensieg beobachtet hat, sehr ermattend wirken und die Arbeitskraft vermindern. Nach dem Mittagessen blieb einem nichts anderes übrig, als sich, aller Kleidung bar, hinzulegen und sich einer schlaffen Betäubung zu überlassen, die man nicht Schlaf nennen konnte und die durch keine noch so spannende Lektüre zu überwinden war.

Man lebte erst richtig auf, wenn wir uns am Abend in bequemen Stühlen auf der Dachterrasse lagerten, bei strahlendem Mondschein in kühlender Abendluft des Tages Last und Hitze überwanden und froh waren, wenn die Wärme auf etwas über dreißig Grad gesunken war. Dann beschloß Professor Koldewey seine am Tage begonnene Vorlesung über diese ruhmreiche Stätte, die er so liebt, und über die langen Jahre unerschöpflicher Arbeit, die ihn zum Ehrenbürger Babylons gemacht haben. Wenn ich dann mein Bett aufsuchte, lag ich meist noch lange wach. Leise ging eine nächtliche Brise durch die Kronen der Palmen, und die Schatten des vom Monde weiß beleuchteten Mückennetzes flatterten wie im Elfentanz. Es war wie ein Märchen, und ich glaubte in einem Sarkophag von durchsichtigem Alabaster zu liegen und den Flügelschlag der Jahrhunderte über der alten Königsstadt rauschen zu hören. Die Fülle historischer Erinnerungen, die Koldeweys Vortrag hervorgezaubert hatte, mischte sich unter die Bilder des Traumes; Löwe, Stier und Drache wurden lebendig und wandelten einher mit den fünfzehn gelben Katzen, die im Hause der deutschen Archäologen allenthalben herumsprangen. Sie waren die Lieblinge Koldeweys, der sie nicht entbehren konnte, und zeichneten sich alle dadurch aus, daß die Spitze ihres Schwanzes zu einer kleinen Öse geflochten war, was ebenso vornehm wirkte, wie der Knoten am Schwanz des Drachen von Babel.

Schon in Aleppo hatte mir ein Besucher der Ruinen Babylons versichert, die größte dortige Sehenswürdigkeit sei Professor Koldewey selbst, und diesem Urteil mußte ich zustimmen. Denn der schon bejahrte Gelehrte mit seinem noch immer jugendlichen Wesen, mit seinem tiefen wissenschaftlichen Ernst und seinem behaglichen Humor, die er als unser Dolmetscher am Hofe Assarhaddons, Sardanapals, Nabopolassars und vor allem Nebukadnezars in anregendstem Wechsel anzuwenden wußte, hatte in der ganzen Art, wie er die Dinge sah und wie er selbst lebte, etwas so Charakteristisches, daß ich von seiner Persönlichkeit einen der stärksten Eindrücke mitnahm, den nur ein Mensch auf den andern ausüben kann.

Ebenso unvergeßlich wird mir das Arbeitszimmer des Gelehrten sein, das zu betreten eine Auszeichnung bedeutete, die nur wenigen Fremden zuteil wurde. Es hatte etwas von einer Eremitenklause, in der sich Staub und Tabaksrauch aus den vier Fuß langen Pfeifen seines Besitzers einträchtig vermischten. Die Fenster waren sorgfältig geschlossen, das eine mit einem Stück Stoff, das andere mit weißem und schwarzem Papier verhängt; wenn man aus diesem mystischen Dunkel wieder ins Helle trat, war man wie geblendet. Alle Ecken und Winkel hingen voller Spinnengewebe, denn die fleißigen Spinnerinnen in ihrer löblichen Arbeit zu stören, hätte der Hausherr nicht übers Herz gebracht. Jedenfalls paßte das Altertümliche dieses Raumes ganz stilgerecht zu dem Ruinenfeld ringsum.

Die Tische bedeckte eine phantastische Sammlung unzähliger Gegenstände. Da waren Federn, Messer und Dolche, Papiere in allen Formaten und Tinte in verschiedenen Farben, Thermometer und alte Briefe, ein Spirituskocher und eine Maultrommel, auf der der große Forscher eine lustige Melodie spielte, Altertümer aller Art, besonders mit Keilschrift bedeckte Zylinder, die noch der Entzifferung harrten. Dann Bücher, Karten und Pläne des Trümmerfeldes, Photographien von Palästen und Tempeln, Kaffeetassen, Gläser und Teller, Toilettesachen und modern arabisches Allerlei. Ein kleines Gestell trug einen Propeller, der, mit Petroleum geheizt, Zugwind hervorbrachte, und daneben lagen zwei Geigen; denn Professor Koldewey studierte Musik, um das musikalische Vermögen der Babylonier beurteilen zu können. Ja, er studierte so ziemlich jede menschliche Wissenschaft, die irgendwie zu der alten babylonischen Kultur in Beziehung stand. In seiner Bibliothek entdeckte man Handbücher der Chirurgie und Anatomie, die er dazu brauchte, um die Darstellung menschlicher Körper in den Plastiken der Babylonier mit der Wirklichkeit vergleichen, ihr Kunstverständnis und ihre Beobachtungsgabe prüfen zu können. Und dickleibige Werke der Zoologie und Paläontologie dienten ihm zur Bestimmung der Tierformen, die sich in Babylon abgebildet finden. Er zeigte mir in seinem eigenen Buche über das wiedererstehende Babylon das Bild eines Drachenfußes verglichen mit dem eines Raubvogels: die Ähnlichkeit zwischen beiden ist in der Tat schlagend und verrät eine bewundernswerte Naturtreue. Dabei hielt mir der gelehrte Eremit einen kleinen Vortrag über diesen Sirrusch, das Fabeltier, dessen Relief wir am Tor des Ischtartempels gesehen hatten; das Wesentliche davon habe ich schon im vorigen Kapitel wiedergegeben.

Neben zahlreichen unentbehrlichen Werken über Architektur, Ornamentik und Kunstgeschichte standen sogar astronomische Handbücher, denn die Babylonier waren in der Sternkunde sehr erfahren. Und der Fachwerke über Koldeweys eigene Wissenschaft, die er selbst in so hohem Grade gefördert hat, war kein Ende. Den größten Teil seines einsamen Eremitenlebens verbrachte aber Koldewey nicht in dieser seiner Klause, sondern draußen unter den Ruinen, in der unmittelbaren Gesellschaft der alten Babylonier. Die Wogen des Weltkrieges hatten seine Einsamkeit bis dahin nur ein einziges Mal erreicht. Jetzt hörte er kaum noch das Echo der fernen Schlachten. Im März 1917 aber mußte er Babylon zum zweiten Male verlassen, noch rechtzeitig, ehe Bagdad von den Engländern erobert wurde.

Damit ist die Inventaraufnahme dieser deutschen Studierstube am Ufer des Euphrat noch nicht abgeschlossen. Ein Regal in einer dunklen Ecke war angefüllt mit photographischen Apparaten, Blechbüchsen, Pappkasten mit photographischen Platten und Filmkapseln. Hier stand ein Stoß Mappen mit Zeichnungen von Gebäuden und Mauern, dort lehnten sich Reißbretter und Winkel malerisch an Pantoffel und Schnürstiefel, die auf dem Wege zur Vernichtung verschieden weit vorgeschritten waren. Teppiche waren früher einmal in Gebrauch, jetzt standen sie zusammengerollt in einer Ecke. Mehrere gewaltige, eisenbeschlagene Kisten enthielten die größte Kostbarkeit des Hauses: Manuskripte und Tagebücher, Photographien und Pläne. Falls unvorhergesehene Ereignisse zu schneller Flucht zwingen sollten, stand alles bereit, was in erster Linie mitgenommen werden mußte.

Gewiß hatte keine ordnende Hand das Zimmer Koldeweys berührt, seit die arabischen Plünderer darin aufgeräumt hatten. Inmitten des Wirrwarrs stand das Bett, ebenso verstaubt wie alles andre. Hier hatte der Gelehrte drei Monate lang an Fieber darniedergelegen; jetzt war er Rekonvaleszent. Einen Arzt brauchte er nicht! Er hatte ja seine medizinischen Handbücher, und kein Arzt in der ganzen Welt kannte Babylons Klima so gründlich wie er, und keiner sicherlich war mit den Gebrechen seines Körpers vertrauter als er selbst. Ihm war diese Atmosphäre, die ihn umgab, ein Lebensbedürfnis, und in dieser Einsamkeit fühlte er sich unendlich wohl. Er hätte ja ebenso gut nach Hause reisen und andern die Bewachung der Ruinen überlassen können. Aber nein, er +wollte+ nirgends anders als eben in Babylon wohnen!

So lebte und arbeitete der berühmte Forscher, und seine systematischen Ausgrabungen hatten nun eins der alten Gebäude nach dem andern ans Tageslicht gebracht. Wenn aber endlich die Grabungen abgeschlossen sind, und die Gelehrten ihrer Wege ziehen, dann bricht das letzte Stadium der Zerstörung an. Dann beginnt aufs neue der Ziegelraub, dann suchen die beutegierigen Araber wieder nach verborgenen Schätzen, dann nagt wieder die Verwitterung an den Ruinen, und Wind und Wetter treiben hier wieder ihr Spiel. Dann schlagen die Wogen des Wüstenmeers zum letzten Male über Babylon zusammen, und neue Jahrtausende ziehen über die öden Hügel.

Achtzehntes Kapitel.

Samarra, die Hauptstadt des Kalifen Mutawakkil.

Fast übersättigt mit Eindrücken überwältigender Art verließ ich am Abend des 18. Mais Babylon. Ein vierspänniger Kerbelawagen, die Postkutsche zwischen Bagdad und Hille, die besonders von persischen Pilgern nach Kerbela und Nedschef benutzt wird, brachte uns, den Herzog, Rittmeister Schölvinck und mich, in zehnstündiger nächtlicher Fahrt nach Bagdad zurück.

Diese Fahrt auf den mit Mänteln und Kissen notdürftig gepolsterten Holzbänken des hochrädrigen Marterkastens, dessen Federung auf ein volles Haus mit Sack und Pack berechnet war, mit uns dreien aber Ball spielte, wird uns wohl allen unvergeßlich sein. Wir saßen im Zickzack, um Raum für die Beine zu haben, und wechselten von Zeit zu Zeit unsere Plätze, um nicht immer auf derselben Stelle gestoßen und geschunden zu werden. An Unterhaltung war nicht zu denken, denn bei dem erbitterten Gerassel des trockenen Holzwagens, dem klappernden Getrappel der Pferdehufe auf dem ebenso trocknen wie harten Wege, der lange Strecken glatt wie Asphalt, dann wieder durch Reste von Kanaldämmen kaum fahrbar war, konnte man sich höchstens durch lautes Schreien verständigen. Nur Freund Schölvinck brachte es fertig, in diesem betäubenden Lärm regelrecht einzunicken, bis plötzlich sein großer Tropenhelm rasselnd vom Kopfe rutschte und er zu der beiden Zuschauer Belustigung jäh aus dem Schlaf aufschreckte. Dazu die unendliche Einsamkeit und die todbleiche Beleuchtung, als der Mond am Himmel stand. Beim Aufgang war er, infolge der durch Dunst und Staub getrübten Atmosphäre, dunkelgelbrot, fast hagebuttenfarbig, und zeigte eine merkwürdige elliptische Form, deren Längsachse dem Horizont parallel lief. Als er dann langsam emporstieg, brannte sein Licht immer klarer und beleuchtete schließlich wie ein Scheinwerfer die Kulissen des Weges: hier und da einen dürren Hügel, einen alten Kanaldamm vielleicht noch aus der Kalifenzeit, die graue Steppe und ab und zu einige Reisende, die mit Pferden, Eseln oder einer stolz einherschreitenden Kamelkarawane aus der Mondscheindämmerung auftauchten und wie Schatten vorüberzogen.

Gegen ½4 Uhr zeigte sich endlich ein schwaches Leuchten am östlichen Horizont und ward allmählich heller. Als wir eben über die Brücke von Cher fuhren, sprühte der Horizont in Blitzen, und die Ebene loderte empor wie in einem Steppenbrand. Alles ringsum bekam Farbe, und die Strahlen der siegreich aufgehenden Sonne spielten auf den vergoldeten Kuppeln und Gebetstürmen von Kasimen. Die Grabmoschee stand in der weiten Wüste wie ein Märchenschloß aus schimmerndem Gold, und im satten Grün ihrer Palmen lag wieder die Stadt der Kalifen vor uns.

Bagdad prangte in vollem Flaggenschmuck, als wir ankamen. Der türkische Kriegsminister Enver Pascha wurde erwartet. Er kam wie ein Wirbelwind, von Kanonendonner begrüßt, und fuhr sogleich nach Kut-el-Amara weiter. Dann reiste er nach Chanikin und war am 25. Mai wieder in Bagdad, wo ich ihm im alten Hause des Feldmarschalls von der Goltz, das jetzt von seinem Nachfolger Halil Pascha bewohnt wurde, einen Besuch abstattete. Bald darauf reiste er mit seinem Stabschef, dem General Bronsart von Schellendorf, nach Samarra.

Auch meine Tage in Bagdad waren gezählt. Mein nächstes Reiseziel war Mosul mit den Ruinen von Ninive, und mit gewohnter Liebenswürdigkeit forderte mich der Herzog auf, mich seiner Karawane anzuschließen, die den gleichen Weg nehmen sollte. Da alles, was Fuhrwerk und Pferd hieß, militärisch beschlagnahmt war, erleichterte mir dieser glückliche Umstand meine Weiterreise ungemein.

Am 1. Juni brachen wir auf. Ein Belem setzte uns über den Tigris, und am Bahnhof verabschiedeten wir uns von den zahlreichen deutschen, türkischen und schwedischen Freunden, die sich dort versammelt hatten, von General Gleich und den Majoren Kiesling und Molière, von ~Dr.~ Hesse und Konsul Richarz, der am nächsten Tag auf „Sommerfrische“ in sein Särdab hinunterzuziehen gedachte. Dann brachte uns ein Salonwagen zunächst nach Kasimen, wo Halil Pascha, der neue Wali und der syrische Erzbischof von Bagdad den Herzog noch einmal begrüßten, und abends um 10 Uhr langten wir in Samarra an. Soweit war die Bagdadbahn fertig, als der Ausbruch des Krieges ihren Weiterbau unterbrach. Hier wurden unsre Pferde, Maulesel und Wagen ausgeladen, dazu das gewaltige Gepäck, und auf dem Hofe des Stationsgebäudes der Abendbrottisch gedeckt, um den wir uns zu fünf Mann versammelten: Herzog Adolf Friedrich, Rittmeister Schölvinck, Rittmeister Busse, der ehemalige Adjutant des Feldmarschalls, Konsul Schünemann aus Täbris und ich. Auf dem Dach des Bahnhofsgebäudes standen unsere Betten, und über Nacht wehte ein so herrlicher Nordwind, daß das Mückennetz überflüssig war und man zum Laken sogar noch einen Mantel brauchte. Auch über Tag hatten wir nicht über allzu große Hitze zu klagen gehabt und uns bei 33 Grad am Nachmittag wie in Mitteleuropa zur Sommerszeit gefühlt.

Am andern Morgen ordnete sich die Hauptabteilung der Karawane und brach unter Konsul Schünemanns Leitung, begleitet von den Ordonnanzen des Herzogs und meinem treuen Sale, direkt nach Tekrit auf. Wir übrigen wollten den Tag zur Besichtigung der alten Kalifenstadt Samarra verwenden, deren Ruinen auf dem linken Tigrisufer liegen.

Um 7 Uhr fuhren wir zum Strom hinunter und hielten an einem von einer Mauer umgebenen Hof, wo eine starke Abteilung englischer Gefangenen aus Kut-el-Amara lagerte; sie waren wie wir mit der Bahn von Bagdad gekommen, sammelten sich hier in dem ersten Gefangenendepot und sollten nun den langen Weg über Mosul und Nesibin nach Ras-el-Ain zu Fuß marschieren, um dann wieder mit der Bahn nach Konia und andern Städten Kleinasiens befördert zu werden.

Aus der Schar der englischen Offiziere, die sich am Eingang aufhielt, trat uns ein katholischer irischer Priester entgegen, den ich schon bei den Dominikanerschwestern in Bagdad getroffen hatte, ein älterer vornehmer Mann mit kurzgeschorenem, weißem Haar; er hatte eine angenehme, mitteilsame Art und betrachtete den Ernst seiner Lage mit stoischer Ruhe und sogar mit Humor. Über die Behandlung und Verpflegung seitens der Türken hatte er nicht im geringsten zu klagen, und daß diese ihren Gefangenen keinen erstklassigen Rückzug gewähren konnten, sah er vollkommen ein. Daß viele seiner Leidensgefährten auf dem Marsch von Kut-el-Amara nach Bagdad gestorben waren, schrieb er vor allem dem Mangel zu, der während der Belagerung geherrscht hatte. Aber er fürchtete sehr, daß manche englische Soldaten, die bereits kränkelten, der Anstrengung des Marsches bis Ras-el-Ain nicht gewachsen sein würden. Je zwei mußten ihr Gepäck auf einem Esel verteilen; dieses mußte daher auf das Allernotwendigste beschränkt werden.

Die meisten Offiziere lagen auf Decken und Mänteln am Boden, einige saßen auf kleinen Lederkoffern und rauchten Pfeife. Dieser las in einem Buche, jener schlief, das Taschentuch über das Gesicht gebreitet; ein dritter nähte sich einen Knopf an seinen Khakirock, während sich sein Kamerad das Rasiermesser schliff. Die in unserer Nähe lauschten unserm Gespräch mit dem Priester. Einer von ihnen war Arzt und sorgte für die Kranken, die unter einem provisorischen Schutzdach ruhten. Auf dem Hof saßen die indischen Diener der Ordonnanzen der Engländer um ein kleines Feuer herum, brieten Fische oder kochten Tee und Eier für ihre Herren. An der Mauer lagen indische Unteroffiziere in malerischen Gruppen.