Part 17
Durch ein von Wachtlokalen rechts und links flankiertes Tor betreten wir den Osthof der Südburg. An seiner Nord- und Ostseite liegen Beamtenwohnungen, von denen jede oder auch je zwei zusammen einen Hof haben. An der Südseite befinden sich die eigentlichen Amtsräume, und dahinter wieder Wohnungen; auch in jeder Wohnung ist der südlichste Raum der größte und behaglichste, da er, durch Mauern geschützt und nur von Norden her zugänglich, fast den ganzen Tag im tiefsten Schatten lag. Hierzulande dauert ja der Sommer von Mitte März bis Mitte November, und die heiße Tageszeit von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Professor Koldewey hat bis zu 49,5 Grad Celsius gemessen. Nur im Januar stellt sich etwas Frost ein. Die jährlichen Niederschläge betragen 7 Zentimeter gegen 64 in Norddeutschland. Die ganze Bauart ging also auf Schatten und Kühle hinaus; Fenster hatten die Wohnungen nicht. Gearbeitet wurde durchweg im Freien, auf den Höfen, geschlafen auf den Dächern. Wohnungen von mehreren Stockwerken, von denen Herodot spricht, ließen sich bisher nicht nachweisen. Die Wände waren mit Gipsputz bedeckt; ein Säulenstumpf und ein Kapitäl von feinem weißen Kalkstein verraten das Vorhandensein alter Säulengänge. Die Torwände waren wieder mit Relieflöwen geschmückt, wenigstens hat man Bruchstücke solcher Emaillen auf allen Höfen der Südburg gefunden.
Der Mittelhof der Südburg hat noch mehr und größere Räume, die zweifellos öffentlichen Geschäften dienten. Hier hatten gewissermaßen die Ministerien ihre Amts- und Wohnräume, hier wurde Gericht gehalten und in Kanzleistuben das Urteil ausgefertigt. Die stattlichen Amtszimmer liegen wieder nach Süden; ihre Bedeutung ergibt sich auch daraus, daß sie direkten Zugang zu den entsprechenden Gebäuden des nächsten und größten Hofes haben, den die eigentliche Residenz der babylonischen Könige umschloß.
Dieser Haupthof ist 55 Meter breit und 60 Meter lang; er wurde zuletzt mit Lehmziegeln gepflastert und diente in der Sassanidenzeit als Begräbnisplatz; man fand hier zahlreiche trog- und pantoffelförmige Sarkophage. An der Südseite dieses Hofes liegt der größte Raum des ganzen Palastes, der Thronsaal der babylonischen Könige. Er ist 17 Meter breit und 52 Meter lang; der Weiße Saal im Berliner Schloß mißt nur 16 × 32 Meter. Die Mauern der Breitseiten sind 6 Meter dick. Die Haupttür, zu deren Seiten sich kleinere Eingänge öffnen, geht auf den Hof hinaus. Ihr gegenüber zeigt die innere Südwand eine Nische; hier stand jedenfalls der Königsthron. Die Außenwand nach dem Hofe zu war mit prächtigen Fayenceornamenten auf dunkelblauem Grund bedeckt; gelbe Säulen mit hellblauen Kapitälen waren durch Palmettenranken miteinander verbunden.
In diesen Thronsaal ließ Belsazar, der letzte König von Babylonien, bei festlichem Mahl in trunkenem Übermut die goldenen und silbernen Gefäße bringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel von Jerusalem geraubt hatte. Aus ihnen sollten die Gäste trinken. Aber während sie tranken und ihre Götter lobten, gingen hervor Finger wie einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand des Königssaals. Und der König ward gewahr der Hand, die da schrieb, und entsetzte sich. Vergebens bat er Chaldäer und Sterndeuter, die Schrift zu lesen; niemand kannte sie. Nur Daniel vermochte sie zu deuten: Mene mene tekel upharsin, d. h. „Gott hat dein Königreich gezählet und vollendet. Man hat dich in einer Wage gewogen und zu leicht befunden. Dein Königreich ist zerteilet und den Medern und Persern gegeben.“ In derselben Nacht ward der Chaldäer König Belsazar getötet. -- Deutsche Gelehrte (Hoffmann und Nöldecke) haben übrigens die unglückverheißenden Worte viel einfacher erklärt, und da wenigstens die ersten drei Worte Münzwerte bezeichnen, vermutet Koldewey, daß einer der anwesenden Perser ganz unschuldig mit Kohle an der Wand seine Forderungen ausgerechnet, der bereits von schlimmen Ahnungen gefolterte König aber daraus neuen Argwohn gegen seine Umgebung geschöpft habe.
Von besonderem Interesse ist der sogenannte Gewölbebau in der Nordostecke der Südburg; ein breiter Gang führt vom Mittelhof dorthin. Unter allen Gebäuden der Stadt, ja des Landes, nimmt er eine Ausnahmestellung ein. Er besteht aus vierzehn langen, gleichgroßen Kammern, die, rechts und links je sieben, auf einen gemeinsamen Korridor hinausgehen und von einer starken Mauer umgeben waren. Südlich und westlich lagen weitere Kammern, und in einer derselben findet sich ein Brunnen, wie er in Babylon und in der antiken Welt sonst überhaupt nicht vorkommt. Er besteht aus einem quadratischen Schacht in der Mitte und zwei länglichen zu beiden Seiten und enthielt jedenfalls ein Wasserschöpfwerk, ein Paternosterwerk oder einen Dolab, ähnlich denen, die ich in den Kapiteln über meine Fahrt auf dem Euphrat beschrieben habe.
Diese Kammern sind die einzigen kellerartigen Räume, die in Babylon vorkommen; sie waren mit Tonnengewölben überdacht und außerdem aus Hausteinen errichtet, wie die Steinreste beweisen. Solcher Haustein findet sich außerdem nur noch an der Nordmauer des Kasr. Die gesamte Literatur über Babylon einschließlich der Keilinschriften kennt aber nur zwei Gebäude, an denen Haustein zur Verwendung kam: die Nordmauer des Kasr und -- die sogenannten „hängenden Gärten der Semiramis“, die griechische Dichter besungen haben und von denen die alten Historiker Diodor, Strabo, Flavius Josephus und Quintus Curtius Rufus soviel zu erzählen wissen. Daraus zieht Koldewey den Schluß, daß der Gewölbebau mit diesen „hängenden Gärten“, die einfach auf Dachterrassen angelegt waren, identisch ist, während man sie bisher auf dem Hügel Babil suchen zu müssen geglaubt hat. Den Namen der sagenhaften assyrischen Königin Semiramis hat jedenfalls nur die Phantasie der alten Historiker mit diesen Gärten in Verbindung gebracht. Schon Diodor, der Semiramis als die eigentliche Erbauerin Babylons rühmt, nennt die Gärten ein Werk eines späteren assyrischen Königs, der eine Perserin zur Frau hatte. Da diese in der Ebene Mesopotamiens die Gebirge ihrer Heimat vermißte, habe der König durch diese Anlage den Charakter des persischen Landes nachahmen wollen. --
Im Norden des Kasr liegt die „Hauptburg“, die bei Beginn der deutschen Ausgrabungen unter einer 8-12 Meter dicken Erd- und Schuttschicht begraben war. Auch diesen Palast hat Nebukadnezar errichtet und aus vortrefflichen steinharten, hellgelben Ziegeln erbauen lassen. Er war noch reicher ausgeschmückt als die Südburg; an seinen Fronten schimmerten große Reliefs in blauer Fayence; der Boden war mit Platten aus weißem und buntem Sandstein belegt, jeder Stein verzeichnete an der Seite den Namen des Bauherrn. Die Dachbalken waren aus Zedern- und Zypressenholz. Hier hatten Nebukadnezar und sein Nachfolger unermeßliche Kunstschätze zum „Staunen der Menschheit“ gesammelt; wertvolle Proben davon wurden ausgegraben. Den Eingang bewachten wie in den assyrischen Palästen gewaltige Basaltlöwen, wie aus Bruchstücken hervorgeht, die die deutschen Archäologen gefunden haben. An der Nordostecke stand bereits bei Ankunft der Deutschen der schon erwähnte, aus der Zeit Nebukadnezars stammende gewaltige Basaltlöwe, der von seinem Sockel aus die Gegend beherrscht, eine nur grob ausgeführte Plastik ohne feinere Detailkunst. Seine Seiten zeigen zahlreiche Spuren von Flintenkugeln und Steinwürfen. Die Arme des unter dem Löwen liegenden Mannes sind ebenfalls abgeschlagen -- ein Zerstörungswerk der Beduinen, die in dem Löwen einen „Dschin“, einen bösen Geist der Wüste, erblicken. Einige Gelehrte sehen in dieser Gruppe eine allegorische Darstellung von Babyloniens Sieg über Ägypten, andere wollen Daniel in der Löwengrube darin erkennen, ein Gedanke, der aber nach Koldewey der babylonischen Kunst fremd ist. Zu den merkwürdigsten Funden auf dem Hügel Kasr gehört eine in neubabylonischer Schrift gefertigte Kopie der berühmten Keilinschrift von Behistun, worin König Darius Hystaspes (521-485) in persischer, susischer und babylonischer Sprache eine ausführliche Geschichte seiner Regierung und der von ihm niedergeschlagenen Empörungen in fast allen Provinzen seines Reiches hinterlassen hat.
In der Südostecke des Kasr fand man die ältesten Ziegelstempel Nebukadnezars. Es gibt verschiedene Arten. Bei einigen wurden die Stempel aus Holz geschnitzt, in Formsand abgedrückt und in dieser Form in Bronze gegossen. Sie sagen fast immer dasselbe: „Nebukadnezar, der König von Babylon, der Pfleger von Esagila und Esida, der Sohn Nabopolassars, des Königs von Babylon.“
Die Ziegel wurden in viereckige Holzrahmen gepreßt, die auf geflochtenen Rohrmatten lagen; meist sind die Abdrücke der letzteren auf der einen Flächenseite noch sichtbar. Dann brannte man sie in Ziegelöfen, ohne Zweifel derselben Art, wie sie noch heute außerhalb Bagdads in Gebrauch sind. Verbrecher in solche Öfen zu werfen, gehörte zu den neupersischen Exekutionsmitteln, die auch Nebukadnezar nicht fremd waren, wie Daniel berichtet.
Einige Stempel haben acht Zeilen. Von ihnen fanden sich 412 Stück. Von anderen Stempeln gibt es Millionen. Niemals wohl hat ein König in solchem Umfang für seine Unsterblichkeit gesorgt wie Nebukadnezar; fast jeder dieser steinharten Ziegel nennt seinen Namen, und sie waren in solcher Menge da, daß in späteren Zeiten ganze Städte daraus errichtet werden konnten. Die einfachen Häuser in Kweiresch sind zum größten Teil aus solchen Ziegeln vom Palast der entschlafenen Großkönige erbaut.
Hier und da finden sich in den Mauern auch Steine mit größeren Inschriften. Eine derselben, die Koldewey in einer Hofmauer der Südburg entdeckte, berichtet ausführlich von dem Bau dieses Palastes. „Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn Nabopolassars, des Königs von Babylon, bin ich,“ so lauten die sechs Zeilen Keilschrift in dem üblichen, pomphaften Stil dieser Urkunden. „Den Palast, die Wohnung meines Königtums aus der Erde Babylons, die in Babylon ist, baute ich. Mächtige Zedern vom Gebirge Libanon, dem glänzenden Wald, brachte ich, und zu seiner Bedachung legte ich sie. Marduk, der barmherzige Gott, der mein Gebet erhört: Das Haus, das ich gebaut, an seiner Behaglichkeit möge er sich sättigen! Das Kisu, das ich errichtet, seinen Verfall möge er erneuern. Darin, in Babylon möge alt werden mein Wandel. Meine Nachkommenschaft möge in Ewigkeit die Schwarzköpfe beherrschen.“
Sein Gebet zum Gotte Marduk wurde nicht erhört, sein Reich zerfiel schon unter seinem Nachfolger, und diese Trümmer auf dem Kasrhügel sind die noch immer gewaltigen Reste der großen Babel, die König Nebukadnezar sechs Jahrhunderte v. Chr. zum königlichen Haus erbaut hatte, „durch seine große Macht, zu Ehren seiner Herrlichkeit“. Ehe er aber, auf der Zinne der Palastmauer wandelnd, diese stolzen Worte ausgesprochen hatte, ertönte eine Stimme vom Himmel: „Dir König Nebukadnezar wird gesagt: dein Königreich soll dir genommen werden, und man wird dich von den Leuten verstoßen, und sollst bei den Tieren, so auf dem Felde gehen, bleiben; Gras wird man dich essen lassen wie Ochsen, bis daß über dir sieben Zeiten um sind, auf daß du erkennst, daß der Höchste Gewalt hat über der Menschen Königreiche und sie gibt, wem er will.“
Den westlichen Teil der Südburg nennt Koldewey auf Grund einer Inschrift Nebukadnezars den Palast Nabopolassars. Er ist der älteste der auf dem Kasr gefundenen Überreste, während die ältesten Baudenkmäler ganz Babylons aus Hammurabis Zeit (um 2200 v. Chr.) stammen.
Nordöstlich von Kasr liegt der Hügel Homera, östlich das griechische Theater, und südlich der weltberühmte Turm von Babel, dessen Spitze nach dem 11. Kapitel der Genesis bis an den Himmel reichte. Etemenanki war sein alter Name. Er stand im „eherntorigen Heiligtum des Zeus Belus“, das noch zu Herodots Zeiten erhalten war und zwei Stadien im Geviert gemessen haben soll. „In der Mitte des Heiligtums,“ berichtet dieser Geschichtschreiber, „erhebt sich ein fester Turm, ein Stadium lang und ein Stadium breit. Auf diesem Turm steht ein zweiter, auf diesem ein dritter und so fort bis zu acht Türmen. Auf die Zinne führt eine Treppe, die um alle diese Türme außen herumgeht. Ungefähr auf ihrer Mitte ist ein Absatz mit Bänken, wo die Hinaufsteigenden sich niedersetzen und ausruhen. Auf dem letzten Turm aber steht ein großer Tempel, und darin ein geräumiges, wohlbereitetes Bett mit einem vergoldeten Tisch davor. Kein Standbild schmückt den Tempel, und nachts bleibt niemand dort außer einem eingeborenen Weib, das der Gott gerade auserwählt hat; so versichern wenigstens die Chaldäer, die Priester dieses Gottes. Sie sagen auch, der Gott selbst besuche den Tempel und ruhe auf dessen Lagerstätte; das scheint mir aber nicht glaublich.“
Ein späterer griechischer Geschichtschreiber, Diodorus aus Sizilien, gibt zwar keine Beschreibung des Turmes selbst, berichtet aber, daß er, wie allgemein versichert werde, außerordentlich hoch gewesen sei, und daß „die Chaldäer dort ihre Beobachtungen anstellten, da sie von einem so hohen Bau aus aufs genaueste den Auf- und Niedergang der Gestirne beobachten konnten. Das Ganze war kunstvoll und mit großen Kosten aus Ziegeln und Erdpech zusammengefügt. Oben an der Treppe standen drei goldene Bildsäulen, die des Zeus, der Hera und der Rhea. Die des Zeus, der stehend und schreitend dargestellt war, maß 40 Fuß in der Höhe und war tausend babylonische Talente schwer. Rhea saß auf einem goldenen Stuhl. Ihre Bildsäule war ebenso schwer wie die des Zeus. Neben ihren Knien standen zwei Löwen, und neben diesen silberne Schlangen von außerordentlicher Größe, jede wog 30 Talente. Hera war stehend dargestellt; in der Rechten hielt sie eine Schlange am Kopf, in der Linken ein mit Edelsteinen besetztes Zepter. Ihr Bild wog 800 Talente.“
Der Historiker Strabo, geboren im Jahr 63 v. Chr., kennt auch das Heiligtum des Zeus Belus, er aber nennt es eine vierseitige Pyramide aus gebrannten Ziegelsteinen, ein Stadium im Quadrat und ein Stadium hoch. Xerxes habe es zerstört, Alexander es wieder aufbauen wollen; dieser sei aber vorher gestorben, nachdem er erst in zweimonatiger Arbeit durch zehntausend Mann den Schutt habe wegräumen lassen.
Die Inschriften der Bauherren selbst schließlich rühmen nur die Höhe des Bauwerks. Nabopolassar, der auf Befehl des Gottes Marduk mit Wiederherstellung des vorher eingestürzten Turms begonnen haben will, versichert, seine Spitze habe „himmelan“ streben sollen, und sein Sohn Nebukadnezar verkündet der Nachwelt: „Etemenankis Spitze aufzusetzen, daß mit dem Himmel sie wetteifere, legte ich Hand an.“
Und was ist von diesem, zu einer Mythe gewordenen Wunderbau der Alten Welt noch übrig? So wenig, daß es fast rätselhaft erscheint, wie die Forschung seinen Standort hat ermitteln und die kümmerlichen Reste nach den dürftigen Angaben der Historiker hat identifizieren können! Nicht einmal ein Hügel ist mehr zu sehen, nur ein Durcheinander von Erderhöhungen, die hier und da mit Ziegelsteinscherben bedeckt sind, zwischen denen etliche genügsame Wüstenpflanzen ihre Stengel und Blätter trotzig der unbarmherzig strahlenden Sonne entgegenstrecken. Wo sich ehemals die dicken Mauern des Turms erhoben, findet man einen ebenso breiten Graben mit kristallklarem, grünem Wasser, ein verführerisch einladendes Quellbecken. Menschen späterer Zeiten haben die unerhörten Ziegelmassen geraubt, die Mauern Fuß für Fuß abgetragen und schließlich dem Erdboden gleichgemacht. Aber nicht einmal damit hat man sich begnügt, sondern die Plünderung sogar bis zu den Grundmauern fortgesetzt, bis der Spiegel des Grundwassers ihr halt gebot. Steinharte, gebrannte Ziegel waren wertvolle Seltenheiten, deren Herstellung Mühe und Kosten erforderte. Die letzten Plünderer waren Leute aus Hille, Kweiresch und andern Dörfern der Umgegend. Auf dem Grund des Grabens findet sich vielleicht noch diese oder jene Ziegelschicht, aber die deutschen Archäologen haben bisher noch nicht weiter nachforschen können. Das Wasser ist salzhaltig und ungesund. Algen und andere Pflanzen gedeihen darin, und über seinem stillen Spiegel, der mit dem Wasserstand des Euphrat steigt und fällt, heben die Frösche ihre Köpfe, um abends ihre Liebeslieder anzustimmen. In den heißesten Tagesstunden sind sie schläfrig und stumm; nur ab und zu hört man ein leise brodelndes Quaken. In majestätischer Ruhe liegt jetzt dieser Platz, auf dem ehemals die Babylonier lärmende Tempelfeste feierten; die lautlose Stille legt sich fast beklemmend auf die Brust. Auf dem Abhang eines nahen Hügels erhebt ein mohammedanisches Heiligengrab seine kleinen weißgelben Kuppeln.
Nur den Fundamentgrundriß des babylonischen Turms hat die Wissenschaft bisher feststellen können; er bildet ein Viereck von 90 Metern Seitenlänge, und von Südsüdosten führte eine mächtige Freitreppe zum ersten Absatz empor. Auch den Grundriß des Peribolus, der den Turm umgebenden Ringmauer mit ihren zahlreichen monumentalen Gebäuden, die jedenfalls als Priester- und Pilgerwohnungen dienten, hat man aufgedeckt. Wie der Turm selbst aussah, weiß man aber noch nicht. Die Schilderung Herodots ist unklar. Wahrscheinlich war er eine „Zikkurrat“, d. h. einer von den im alten Mesopotamien verbreiteten massigen Türmen, um deren Außenwand herum ein langsam ansteigender Weg zur Spitze hinaufführte. Professor Koldewey hofft, die Lösung des Rätsels bei Ausgrabung der am besten erhaltenen Zikkurrat von Borsippa oder Birs Nimrud zu finden, die 20 Kilometer südlich von Babylon liegt. --
Die Gegend östlich von Etemenanki führt den arabischen Namen Merkes, d. h. das Lager. Hier stand ein großer Teil der Bürgerhäuser Babylons. Die Grabungen ergaben, daß das Grundwasser jetzt höher steht als im Altertum. In der 2-3 Meter tiefen obersten Schicht finden sich spärliche Ruinen aus parthischer Zeit. Die darunterliegende, 4 Meter tiefe Schicht enthält Überreste aus der Glanzperiode der neubabylonischen Könige und reicht bis in die persische und griechische Zeit. Die Häuser lagen dicht zusammengedrängt an engen Straßen, denn die Bevölkerung war zahlreich. Die Mauern sind solid aus Lehmziegeln errichtet. Auch der Boden besteht aus Ziegeln, und Rundbrunnen sind allgemein. In der nächsttieferen Schicht finden sich nur wenige Wohnhäuser. In der darauffolgenden Kulturschicht, die Keilschrifttafeln aus der Zeit 1300-1400 v. Chr. barg, sind sie wieder häufiger. 1 Meter unter dem Nullpunkt enthält die unterste Schicht Urkunden der ersten babylonischen Könige (2250 v. Chr.), d. h. aus einer Zeit, auf die der Patriarch Abraham zurückblicken konnte, als er von Ur und Haran aus ins gelobte Land zog. Die Straßen der Stadt waren gerade, schnitten sich fast rechtwinklig und waren, im Gegensatz zur Prozessionsstraße, meist ungepflastert. Die kleineren Tempel lagen mitten in den Straßenlabyrinthen, wie das noch heute in den Städten des Orients üblich ist. Hier und da gab es auch offene Plätze und kleine Märkte.
Der Stadtteil Merkes umschließt auch viele Gräber aus den verschiedensten Zeiten. In den ältesten, tiefsten Kulturschichten, die Hammurabi und seinen Nachfolgern angehören, wurden die Leichen unmittelbar der Erde anvertraut, höchstens in Strohdecken gehüllt oder mit Ziegelsteinen umgeben. Sie lagen lang ausgestreckt und anscheinend dort, wo sie bei Lebzeiten ihre Wohnung hatten. Bis 3 Meter über dem Nullpunkt fanden sich Gräber, deren Leichname in hockender Stellung in lange, topfähnliche Gefäße mit rundem Deckel eingeschlossen waren. In der nächsten Schicht folgen kurze und hohe, ebenfalls mit Deckeln versehene Lehmsärge aus der Zeit Nebukadnezars und seiner nächsten Vorgänger; hier sind die Leichname so stark zusammengedrückt und gekrümmt, daß die Kniee bis an das Kinn hinaufreichen. Die 4-7 Meter über Null liegende Schicht enthält trogförmige Särge, die auch zu kurz sind, um die Toten ausstrecken zu können. Die oberste Schicht zeigt griechisch-parthische Gräber mit Ziegelsarkophagen, in denen die Toten in Holzsärgen lagen. Gewöhnlich gab man den Verstorbenen Schmuck mit ins Grab, selten Waffen.
Weiter nach Süden führen uns die Hügel von Amran zu einem gewaltigen Schacht, dessen senkrechte Lehmwände noch die rundlichen Spateneindrücke zeigen. Hier wurden Gräber bloßgelegt, in denen teilweise noch Skelette liegen. Auf einem dieser Hügel erhob sich der Marduktempel Esagila. Die Zella an der Nordseite seines Hofes ist wahrscheinlich die, in der die Generale Alexanders den Gott Ea, der in griechischer Zeit mit Serapis identifiziert wurde, um Rat fragten, ob sich der König zu seiner Genesung hierher tragen lassen solle.
In unmittelbarer Nähe dieses Tempels begann die Euphratbrücke, von der sieben aus Ziegel gebaute Strompfeiler ausgegraben sind. Nach den Angaben Herodots, Diodors und anderer Historiker soll die Brücke ans Hausteinen gebaut gewesen sein; jedenfalls ist sie die älteste bekannte Steinbrücke der Erde.
Östlich von Amran liegt der Tempel eines unbekannten Gottes, und noch weiter östlich der Ninibtempel Epatutila, bei dem zahlreiche Terrakottabilder, männliche Figuren, Reiter auf Pferden und anderes, gefunden wurden.
Ebenso gründlich wie bei dem Turm von Babel hat die Zerstörung an dem Punkte gehaust, der durch die Jahrtausende den alten Namen Babil behalten hat, dem Ruinenhügel im äußersten Norden des Ausgrabungsgeländes. Er ist ein Viereck von 250 Meter Seitenlänge und jetzt ein Durcheinander von Erdmauern und tiefen Schächten. Erst glaubt man, hier seien Zimmer und Gänge ausgegraben, erfährt dann aber, daß man, genau so wie beim Turm von Babel, nur gleichsam den Gipsabdruck eines verschwundenen Stadtteils vor sich hat. Schon im Altertum füllte man, wenn die Häuser verfallen waren, das Innere der Ruinen mit Erde und Schutt aus, um festen Grund für neue Gebäude zu gewinnen. So wuchsen die Städte im wörtlichen Sinne in die Höhe und bildeten sich schichtweise die „Tells“ des Orients; ganz Babylon ist solch ein Tell. Als dann die oberen Schichten zerfielen, die Neubauten aufhörten, der Hügel Babil als Steinbruch diente und man bis zu den Ruinen der vorhistorischen Zeit in die Tiefe grub, wurden nur die Mauerziegel fortgenommen; die Erdausfüllung aber schonte man sorgfältig, damit die Ziegelschächte nicht einstürzten. Was also heute Schächte und Gräben sind, waren ehemals die Mauern, die festen Erdblöcke dagegen die leeren Räume -- eine Architektur, die für Uneingeweihte nicht leicht verständlich ist.
Nach Koldewey diente Babel bereits im Altertum, vielleicht schon in der römischen, sicher aber in der parthischen Zeit als Steinbruch. Dann durfte diese Stätte längere Zeit in Frieden ruhen. Um 1890 aber begann eine neue Plünderung, als der Launen des Euphrat wegen der Damm bei Sedde errichtet wurde, um den Strom zu hindern, ganz und gar sein altes Bett aufzugeben. Den türkischen Archäologen Halil Bei und Bedri Bei kommt das Verdienst zu, dieser Verwüstung Einhalt getan zu haben.