Bagdad, Babylon, Ninive

Part 16

Chapter 163,306 wordsPublic domain

Von der Göttersage der Babylonier sei hier nur gesagt, daß sie unter dem Schutz vieler übernatürlichen Mächte zu stehen glaubten. Von ihren Göttern finden wir ein paar in der Bibel wieder: Bel und Merodach oder Marduk. Ischtar war eine Göttin; die hohen Tore ihres Tempels stehen noch heute. Ihre im Tempel aufgestellten Bildsäulen waren vergoldet und mit Edelsteinen und kostbaren Gewändern geschmückt. Als Sadrak, Mesak und Abed-Nego sich weigerten, „niederzufallen und das goldene Bild anzubeten, das König Nebukadnezar hatte setzen lassen“, wurden sie in den feurigen Ofen geworfen, und als Daniel an seinem heimischen Gottesdienst festhielt, warf man ihn in die Löwengrube. Zu den apokryphen Büchern gehört der Brief, den Jeremias „denen schickte, die vom König der Babylonier in die Gefangenschaft geschleppt werden sollten“, und in dem er auf ganz prächtige Art sie vor den Götzen aus Gold und Holz warnt, die „sich nicht gegen Rost und Würmer schützen können, trotzdem sie in purpurne Kleider gehüllt sind“. -- „Sie zünden ihre Lampen an, sogar mehr als für sich selbst, und doch können die Götzen nicht einen einzigen von ihnen sehen. Ihre Gesichter sind geschwärzt vom Rauch in den Tempeln, Fledermäuse, Schwalben und andre Vögel kommen geflogen und setzen sich auf ihre Leiber und Köpfe, ja sogar Katzen kommen und setzen sich auf sie.“ Die Opfer werden den Priestern überwiesen, deren Frauen das Opferfleisch einsalzen. In den Tempeln „sitzen die Priester mit zerrissenen Kleidern und mit geschorenem Haar und Bart und entblößen die Köpfe und heulen und rufen vor ihren Götzen, wie manche beim Leichenschmaus tun.“ Die Götzen können keinen König in einem Land einsetzen, „sie sind wie die Krähen, die zwischen Himmel und Erde fliegen, sie sind wie Vogelscheuchen auf einem Gurkenfeld.“

Im Anhang zum Buche Daniel, der mit den wohlbekannten Worten beginnt: „Es war ein Mann zu Babylon mit Namen Jojakim, der hatte ein Weib, die hieß Susanna“, befindet sich die gelungene Erzählung, wie Daniel die Priester Bels ertappte und ihren Götzen und seinen Tempel verhöhnte. „Es war auch ein großer Drache daselbst, den sie zu Babel anbeteten.“ Wir werden ihm noch begegnen, denn er spielt in der babylonischen Kunst eine Rolle.

Sechzehntes Kapitel.

Die Ruinen Babylons.

Was bisher von dem babylonischen Trümmerfeld auf dem linken, östlichen Euphratufer ausgegraben werden konnte, bildet ein Dreieck, dessen Spitzen nach Norden, Osten und Süden gerichtet sind, und dessen Westseite sich an den Euphrat lehnt. Seine Nordspitze umschließt den Hügel Babil, die Südspitze den Hügel Amran; die Mitte der Westseite am Euphrat bildet der Hügel Kasr. Jenseits, auf dem rechten Euphratufer, ist noch kein Spatenstich geschehen, doch wird sich dort ein ähnliches Geländedreieck voller Ruinen finden, wenn Herodot damit Recht hat, daß Babylon quadratisch angelegt gewesen sei und der Euphrat die Stadt mitten durchschnitten habe.

Dieses gewissermaßen auf der Südspitze stehende Quadrat war von der äußeren Stadtmauer umschlossen, deren Länge die alten Geschichtschreiber Herodot und Ktesias auf 86 bzw. 65 Kilometer angeben; in Wirklichkeit betrug sie nur etwa 18 Kilometer. Die durch Ausgrabungen freigelegte Nordostseite mißt 4,4 Kilometer; die Südostseite jedenfalls ebensoviel. Gleichwohl war Babylon die größte Stadt des antiken Orients, auch Ninive nicht ausgenommen, das zu Herodots Zeiten schon vom Erdboden verschwunden war.

Richtiger sind die Angaben der griechischen Schriftsteller über die sonstige Anlage der Mauer, die eine dreifache Befestigung darstellte: zuerst eine 7 Meter dicke Mauer aus Lehmziegeln; 12 Meter vor und parallel mit ihr eine 7,80 Meter dicke Mauer aus gebrannten Ziegeln, und vor dieser noch eine Grabenmauer von 3,30 Meter Dicke. Vor letzterer lag jedenfalls der Graben mit seiner Kontereskarpe. Die Ziegel der Grabenmauer messen 33 Zentimeter im Quadrat -- das übliche Ziegelmaß in Babylonien -- und tragen den Stempel Nebukadnezars. Die 12 Meter breite Gasse zwischen den beiden ersten Mauern war, jedenfalls bis zur Krone der Ziegelmauer, mit Erdreich ausgefüllt. Dies ist der Fahrdamm, der auf die klassischen Schriftsteller einen so tiefen Eindruck machte, weil er so breit war, daß ein Viergespann darauf umwenden konnte. Diese Breite der Mauerkrone war militärisch von größtem Vorteil; sie ermöglichte schnellste Truppenbewegung bei Verteidigung der Festung. In Abständen von ungefähr 50 Metern wurden beide Mauern von 330 Türmen überragt. Die Höhe dieses gewaltigen Festungspanzers ist unbekannt, da ja nur seine Fundamente und oft nicht einmal diese erhalten sind; nach Herodot betrug sie 200, nach Strabo nur 50 Ellen.

Nebukadnezar war es, der die Stadt in eine Festung verwandelte. In einer seiner Inschriften spricht er von dieser Mauer, von dem gewaltigen Graben davor und von den aus Zedernholz gefertigten, mit Kupfer überzogenen Türflügeln in den Mauertoren. Später verlor Babylon den Festungscharakter; in der parthischen Zeit benutzte man die Mauer als Grabgewölbe, wie aufgefundene Sarkophage beweisen.

Inmitten dieses, durch die beiden Seiten der alten Stadtmauer und den Euphrat bezeichneten Dreiecks liegt nun eine Welt von Erd- und Schutthaufen, von Mauer- und Burgresten, die meinem Reisekameraden und mir ein rätselhaftes Durcheinander geblieben wäre, hätte uns nicht Professor Koldewey mit unermüdlicher Ausdauer, unter seiner schwarzen Lammfellmütze des glühenden Sonnenbrandes nicht achtend, drei Tage lang umhergeführt und Licht in dieses Dunkel der Gräben und Schächte gebracht. Unter seinem Zauberstab erwachte uns Babylon zu neuem Leben. Die Steine erhielten Sprache, die breite Straße der Prozessionen bevölkerte sich mit Babyloniern. Er wußte Episoden aus den alten Schriften, z. B. Daniels Besuch am Hofe Nebukadnezars, einzuflechten, als wenn er selbst zugegen gewesen wäre, und so lebendig, packend und anschaulich, daß man den großen König in seiner majestätischen Pracht vor sich zu sehen glaubte. -- Die großen, flachen Ziegelsteine, von der Sonne so erhitzt, daß man sie nicht anfassen kann, liegen ja noch genau so da wie vor 2500 Jahren, als Nebukadnezar und Daniel darüber wandelten. Keines Menschen Blick ist seit jener Zeit auf diese Inschriften gefallen, die nach so langem Schweigen heute unmittelbar zum Forscher reden, und nichts erscheint mir begreiflicher als die inbrünstige Ehrfurcht, mit der ein Mann der Wissenschaft wie Professor Koldewey jedes neue Geschichtsblatt dieser Art, das er mit Spaten oder Brechstange dem Erdboden entringt, zur Hand nimmt.

Was ich von diesem dreitägigen Vortrag Koldeweys, dem fesselndsten, den ich je in meinem Leben hörte, behalten habe und aus den Schriften der deutschen Archäologen, besonders aus seinem eigenen klassischen Werke „Das wiedererstehende Babylon“ ergänzen durfte, sei hier in einigen Umrissen wiedergegeben.

Wie schon erwähnt, stammt der weitaus größte Teil der bisher ausgegrabenen Ruinen aus Nebukadnezars Zeit. Seinen Namen nennen Millionen Ziegelstempel, die sich vor allem in den Ruinen des Hügels Kasr gefunden haben. Denn hier erhob sich sein Königspalast, den er während seiner ganzen Regierungszeit erweiterte und verschönerte.

Von der Nordostecke des Kasr-Hügels aus legte er für den Gott Marduk die Prachtstraße der Prozessionen an, die durch das Ischtartor nach Süden bis zu Marduks Tempel Esagila führte. Sie war in der Mitte mit quadratischen Kalksteinplatten von 1,05 Meter Seitenlänge, rechts und links davon mit Brecciaplatten von 0,66 Meter Seitenlänge gepflastert. Der Kalkstein wurde jedenfalls von Hit und Ana auf Kähnen herangeführt. Jede Platte trägt an der Seite die Inschrift: „Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn Nabopolassars, Königs von Babylon, bin ich. Die Babelstraße habe ich für die Prozession des großen Herrn Marduk mit Schadu-(Gebirgs-)Steinplatten gepflastert. Marduk, Herr, schenke ewiges Leben!“ Die Oberflächen der Steine sind glatt und blank; viele weiche Sandalen und nackte Fußsohlen sind darüber hingegangen. Die Unterlage der Pflasterung war eine Asphaltschicht, die, soweit die Steine fehlen, jahraus jahrein der glühenden Sonne ausgesetzt ist, ohne an Härte einzubüßen; mit ihr hat man vor zweieinhalb Jahrtausenden den Ziegelbelag darunter vergossen.

Die Straße der Prozessionen liegt 12,5 Meter über dem Nullpunkt, dem mittleren Niveau des Grundwassers, und steigt zum Ischtartore sanft an; man hat von ihr aus einen herrlichen Überblick über das ganze Trümmerfeld. Zu Nebukadnezars Zeit aber war sie rechts und links durch hohe, 7 Meter dicke, von Türmen überragte Festungsmauern geschlossen, die mit prachtvollen Löwen aus Emaille geschmückt waren. Scherben davon hat man zusammenfügen können. Es waren im ganzen 120 solcher Relieflöwen, jeder 2 Meter lang, meist gelb auf blauem Grund. Vor Beginn der deutschen Ausgrabungen kannte man keine Plastik aus der Regierungszeit des großen Königs; jetzt hat man den ganzen Schmelzvorgang dieser Emaille ergründet. Die Ziegel wurden in Formen gegossen, und jeder trug einen kleinen Teil des Reliefbildes, das sich mosaikartig zusammensetzte. Die Festungsmauer war aus Ziegeln erbaut; über jeder Ziegelschicht lag eine dünne Schicht Asphalt und darauf eine ebenso dünne Schicht Lehm. Bei jeder fünften Schicht ersetzte den Lehm eine Matte aus geflochtenem Schilf; diese ist mit der Zeit verrottet, hat aber Abdrücke in dem Asphalt hinterlassen; man sieht deutlich, wie die Schilfstengel durch Klopfen gespalten und wie Bänder zusammengeflochten sind. Matten dieser Art werden noch heute von den Beduinen angefertigt.

Über dem Schutt erhebt die Fassade des Ischtartores ihre 12 Meter hohen, gigantischen Mauerblöcke. Sie ist die größte und interessanteste Ruine Babyloniens, ja ganz Mesopotamiens und bestand aus zwei dicht hintereinander liegenden Torgebäuden. Ihre Architektur ist vornehm einfach, sie zeigt nur wage- und senkrechte Linien. Wie der Überbau dieser ungeheuer starken Mauerpfeiler ausgesehen hat, weiß man nicht. Die Torhöfe hatte Nebukadnezar, wie eine Inschrift sagt, mit „gewaltigen Stierkolossen aus Bronze und den mächtigen Schlangenbildern“ auf Sockeln schmücken lassen, und die Wände des Baues waren mit Reliefbildern von Stieren und Drachen (Sirrusch) bedeckt. 152 von den wahrscheinlich 575 Reliefs sind ausgegraben. Sie stehen in Reihen übereinander, jede Tierart stets für sich.

Man staunt über die künstlerische Vollendung dieser Tiergestalten. Nur eine hochentwickelte Kunstauffassung konnte eine Form wie die des weitberühmten „Drachen von Babel“ oder der „gehenden Schlange“ erfinden. Das Schuppenkleid, die Bauchringe des Körpers, der Kopf mit der gespaltenen Zunge und die beiden gerade emporstehenden Hörner, von denen in der genauen Profilstellung des Reliefs nur eines sichtbar ist, sind, wie Koldewey ausführt, offenbar der in Arabien häufigen Hornviper nachgebildet. Die Beine sind die einer hochläufigen Katzenart, die Hinterfüße aber mit ihren mächtigen Klauen und großen Hornplatten sind einem starken Raubvogel entlehnt. Das Auffallendste ist, daß das Tier zugleich Schuppen und Haare hat. „Diese gleichzeitige Ausstattung mit Schuppen und Haaren,“ sagt Koldewey, „sowie die starke Differenzierung der Vorder- und Hinterextremitäten ist sehr charakteristisch für die vorweltlichen Dinosaurier; auch die Kleinheit des Kopfes im Verhältnis zum Gesamtkörper, die Haltung und die übermäßige Länge des Halses entspricht durchaus dem Habitus jener ausgestorbenen Eidechsenart. Es weht ein förmlich selbstschöpferischer Geist in diesem uralten Kunstgebilde, das an Einheitlichkeit des physiologischen Gedankens alle übrigen Phantasietiere weit übertrifft. Wenn nur die Vorderbeine nicht so bestimmt ausgeprägten Katzencharakter trügen, so könnte ein solches Tier gelebt haben. Die Hinterfüße sind auch bei lebenden Eidechsen denen der Vogelfüße oft sehr ähnlich.“

Dieser Drache, der auf den Kunstgebilden jener Zeit, auf Siegeln, Grenzsteinen usw., häufig wiederkehrt, war den Göttern Marduk und Nabo heilig. Der erstere war zu Nebukadnezars Zeit Gegenstand außerordentlicher Verehrung; ihm gehörte der größte Tempel Babylons, Esagila, ihm weihte Nebukadnezar auch die Prozessionsstraße und selbst das Ischtartor, das Haupttor von Babylon, das mit dem Tier der Göttin Ischtar (Astarte), dem Löwen, geschmückt ist, einem in der babylonischen Kunst aller Zeiten sehr beliebten Motiv. Der Stier galt als das heilige Tier des Wettergottes Ramman.

Die Prozessionsstraße, der Hauptverkehrsweg der Stadt und eine der großartigsten Straßen, die es auf Erden gegeben hat, erstreckte sich nach Süden über Dämme, Kanäle und einen später gebildeten Arm des Euphrat fort und führte östlich um Etemenanki, den Turm von Babel, herum zum Tempel Esagila. Auch in der südlichen Fortsetzung sind noch die schweren Kalksteinplatten Nebukadnezars vorhanden, auf denen Daniel und Darius wandelten und auf die der Schein der Erdpechfackeln fiel, die neben Alexanders des Großen Wagen hergetragen wurden. Noch weiter südlich scheinen sie in griechischer und parthischer Zeit zu Kugeln für Wurfmaschinen, die damaligen Kanonen, verarbeitet worden zu sein. Die größten haben einen Durchmesser von 27,5 Zentimeter. Die Steinplatten im Süden tragen dieselbe Inschrift wie die auf Kasr; einige nennen aber auch Sanheribs Namen (705-681 v. Chr.), der ebenfalls die Stadt verschönte, sie aber dann völlig zerstörte und in Ninive residierte. Nebukadnezar sagt davon nichts; er nennt nur seinen Vater Nabopolassar. Die Inschrift eines Ziegelsteins, der aber nicht in seiner ursprünglichen Lage gefunden wurde, sagt von der Prozessionsstraße: „Nebukadnezar, König von Babylon, der Ausstatter von Esagila und Esida, der Sohn Nabopolassars, des Königs von Babylon. Die Straße Babylons, die Prozessionsstraßen Nabos und Marduks, meiner Herren, die Nabopolassar, der König von Babylon, der Vater, mein Erzeuger, mit Asphalt und gebrannten Ziegeln glänzend gemacht hat als Weg: ich, der Weise, der Beter, der ihre Herrlichkeit fürchtet, füllte über dem Asphalt und den gebrannten Ziegeln eine mächtige Auffüllung aus glänzendem Staub, befestigte ihr Inneres mit Asphalt und gebrannten Ziegeln wie eine hochgelegene Straße. Nabo und Marduk, bei eurem frohen Wandeln in diesen Straßen -- Wohltaten für mich mögen ruhen auf euren Lippen, ein Leben ferner Tage, Wohlbefinden des Leibes. Vor euch will ich auf ihnen (?) wandeln (?). Ich möchte alt werden für ewig.“

Durchschreitet man das Ischtartor nach Süden, so liegt zur Linken der Tempel der Ninmach, der „großen Mutter“. Seine Mauern waren mit Toren und Türmen versehen und mit weißem Putz bedeckt, so daß sie wie Marmorwände aussahen. Durch Portal und Vorhalle gelangt man auf den offenen Tempelhof und von da in die Gemächer selbst. Der ganze Bau war stark wie eine Festung, die von den Priestern verteidigt werden konnte. In den Vorraum hatte auch das profane Volk Zutritt. In einem Nebenraum fand sich Sardanapals Gründungszylinder, auf dem man unter anderem liest: „Zu eben jener Zeit ließ ich Emach, den Tempel der Göttin Ninmach in Babel, neu machen.“

Über die Verwendung der verschiedenen Räume und den Kult des Gotteshauses ist wenig bekannt. Gewisse Eigenschaften sind allen vier vollständigen Tempeln Babylons gemeinsam; sie haben eine Turmfront, eine Vorhalle, einen Hof und eine Zella mit einem Postament in einer flachen Wandnische. Einige Seitengemächer dienten jedenfalls zur Aufbewahrung kultlicher Gegenstände, andere zum Aufenthalt der Tempeldiener und Pförtner. Lange, schmale Gänge zeigen wahrscheinlich die Plätze an, wo Treppen auf das flache Dach hinaufführten.

In den Ruinen dieses Tempels fanden sich Massen von Terrakottabildern, die Hausgötzen gewesen zu sein scheinen. Sie sind nur 12 Zentimeter hoch, stellen meist eine stehende Frau dar mit auf babylonische Art gefalteten Händen und geben einen Begriff von den großen Götterbildern Babylons, von denen Herodot erzählt.

In diesem Tempel der Ninmach hat, wie Koldewey in seiner Schrift „Die Tempel von Babylon und Borsippa“ (Leipzig 1911) annimmt, Alexander der Große seine täglichen Opfer dargebracht, auch während seiner letzten Krankheit, und die Erinnerung an ihn wird angesichts dieser Trümmer lebendig.

Ein alter römischer Geschichtschreiber namens Quintus Curtius Rufus, von dem man nicht weiß, wann er lebte, hat in einem umfangreichen Werke die Taten des Mazedonierkönigs in fast romanhafter Form geschildert. Im ersten Kapitel seines fünften Buches beschreibt er auch seinen prunkvollen Einzug in Babylon. An der Spitze seines Heeres fuhr Alexander in einem von der Leibwache umgebenen Wagen. Die Triumphstraße war mit Kränzen und Blumen geschmückt, an den Straßenrändern brannte duftender Weihrauch auf silbernen Altären. Die Geschenke, mit denen man den Sieger empfing, waren Vieh und Pferde, Löwen und Leoparden in Käfigen. Hymnen singende Magier und chaldäische Sterndeuter schritten im Zuge einher. Ihnen folgten Musikanten und zuletzt babylonische Reiter.

Alexander war, wie alle, die Babylon zum erstenmal sahen, entzückt von seiner Schönheit, und er verweilte hier länger als in irgendeiner anderen Stadt. Aber kein Ort erwies sich als verderblicher für die militärische Disziplin; der Historiker malt in drastischen Zügen das leichtfertige, sittenlose Leben, das in Babylon geführt wurde. Die neue Hauptstadt wurde das Capua der alten mazedonischen Armee, und auch der König selbst fand hier wenige Monate nach seinem Einzug einen allzufrühen plötzlichen Tod.

Der griechische Schriftsteller Arrianus berichtet darüber Folgendes: Bei dem Günstling Medius wurde ein Trinkgelage abgehalten, zu dem auch Alexander eine Einladung angenommen hatte. Man trank und scherzte, und nach dem Fest badete der König und ging zur Ruhe. Auf einer Bahre ließ er sich zum Opfer tragen, das er keinen Tag versäumte. Seinen Generalen gab er Befehle für eine neue kriegerische Unternehmung; einige Truppen sollten die Landstraße einschlagen, andere südwärts auf dem Euphrat befördert werden; in fünf Tagen sollten mehrere Generale ihn auf den Triremen begleiten. „Vom Tempel ließ er sich auf seiner Bahre zum Ufer hinabbringen, ging an Bord eines Fahrzeugs und fuhr über den Strom nach dem Park, wo er wieder badete und dann ausruhte.“

Am folgenden Tag opferte er wieder, aber von da ab lag er in ununterbrochenem Fieber. Trotzdem erteilte er tags darauf Nearchus und den übrigen Hauptleuten seine Befehle zum Abmarsch. Am Abend des nächsten Tages stand es bereits schlecht mit ihm. Trotzdem erschien er noch zwei Tage zum Opfer im Tempel. Beim nächsten Morgengrauen aber entbot er die Generale in die Vorhalle, während die übrigen Befehlshaber an den Toren warten mußten. Er hatte sich aus dem Park in die Königsburg tragen lassen; und als die Generale an sein Lager traten, erkannte er sie wohl, vermochte aber nicht mehr zu sprechen. In der Nacht wurde das Fieber bösartig. Dieser Zustand hielt zwei Tage an.

Nun verlangten die Soldaten nach ihrem König, um ihn noch einmal am Leben zu sehen, da schon Gerüchte umgingen, sein Tod werde von der Leibwache verheimlicht. Die Truppen zogen an seinem Lager vorüber. Der König konnte noch mühsam den Kopf heben, aber nicht mehr sprechen; er betrachtete die Vorüberziehenden und reichte jedem die Hand. Einige seiner Vertrauten verbrachten die Nacht im Serapistempel, um den Gott zu fragen, ob es ratsam und für Alexander besser sei, ihn in den Tempel zu bringen, um bei inbrünstigem Gebet seine Genesung abzuwarten; der Gott antwortete, es werde für den König besser sein, wenn er bleibe, wo er sei. „Kurz darauf war Alexander tot, als ob dies für ihn jetzt das Beste gewesen sei.“

Quintus Curtius erzählt den Hergang etwas anders. Der König habe noch in den letzten Tagen seines Lebens Gesandte der griechischen Republiken empfangen, die ihm goldene Kronen überreichten, und seine Truppen und Galeeren gemustert. Dem Nearchus und den Kapitänen habe er ein glänzendes Gastmahl gegeben und dann am Trinkgelage bei Medius teilgenommen. Sechs Tage später seien seine Kräfte fast erschöpft gewesen, und die vor Kummer weinenden Soldaten hätten Zutritt zu seinem Krankenzimmer erhalten. Als Alexander sie sah, habe er geäußert: „Wo werdet ihr, wenn ich fort bin, einen solcher Männer würdigen König finden?“ Er sei aufrecht sitzen geblieben, bis der letzte Mann der Armee vorübergegangen. Dann sei er, als hätte er dem Leben seinen letzten Tribut entrichtet, ermattet auf sein Lager zurückgesunken. Seinen Siegelring habe er vom Finger gezogen und ihn dem Perdiccas übergeben mit der Bitte, seine Leiche nach der Oase des Jupiter Ammon überführen zu lassen. Als einer fragte, wem er das Reich anvertraue, habe er geantwortet: „Dem Würdigsten.“

Voller Schrecken standen die Babylonier auf ihren Hausdächern und den Mauern. Die Nacht kam und vermehrte die Unsicherheit. Niemand wagte Licht anzuzünden. Die Stadt lag in tiefem Dunkel. Herumstreifende Haufen begegneten einander auf den Straßen, sich mißtrauisch betrachtend. Sechs Tage stritten die Vertrauten des Königs, wer die Macht übernehmen solle. Darüber vergaß man den Toten, dessen sterbliche Hülle jedoch trotz der starken Hitze (Alexander schied aus dem Leben am 13. Juni 323) keine Veränderung erlitten hatte. Schließlich wurde die Leiche von Ägyptern und Chaldäern einbalsamiert und in einen goldenen Sarg gelegt, der mit wohlriechenden Spezereien gefüllt war; das königliche Diadem schmückte seine Stirn. Erst am folgenden Tag brachte Ptolemäus den König der Mazedonier in feierlicher Prozession die endlos lange Straße von Babylon nach Memphis und schließlich nach Alexandria, wo zur Erinnerung an ihn ein prachtvoller Tempel gebaut wurde. Noch im dritten Jahrhundert n. Chr. war der Ort bekannt, geriet aber später völlig in Vergessenheit. --

Rechts vor dem südlichen Ausgang des Ischtartors, gegenüber dem Tempel der Ninmach, ist die Ostfront der von Koldewey so genannten Südburg, der eigentlichen Akropolis von Babylon, die sich an der Stelle erhob, wo die älteste Stadtanlage war, das eigentliche Babilu oder Babilani, die „Pforte der Götter“. Assarhaddon und Nabopolassar sprechen von Babylon und Esagila als von zwei getrennten Plätzen; erst später wurden sie zu einem Großbabylon vereinigt. Dieser gewaltige Gebäudekomplex wurde von Nabopolassar gegründet, von Nebukadnezar aber so durchgreifenden Veränderungen unterworfen, daß man von einem einheitlichen Werk seiner Hand sprechen kann.