Part 20
Ein prächtiges Bild, wie die Herrscher der Wüste durch ihr angestammtes Reich zogen, das sie nur mit wilden Tieren teilten und in dem sie jede Quelle und jeden Weideplatz seit den Tagen ihrer Urväter kannten. Kamele, Pferde und Esel trugen ihre bewegliche Habe, Männer und Knaben, teils beritten, trieben die Lasttiere an. Auf hohen gelben oder weißen Dromedaren ritten die vornehmen Frauen; sie saßen tiefverschleiert in einer Art Vogelbauer, das durch Vorhänge geschlossen werden konnte, jetzt aber geöffnet war; einige hatten ihre kleinen Kinder bei sich. Andere Frauen ritten nach Männerart auf Pferden. Die armen Leute mußten zu Fuß gehen. Gewaltige Schafherden überschwemmten in mehreren Abteilungen die Steppe.
Bald war der Vortrupp an einer salzhaltigen Quelle angelangt. Nun wurden schwarzbraune Zeltbahnen auf dem Boden ausgebreitet, Stangen darunter aufgerichtet, die Zeltbahnen durch Seile gespannt und diese an Pflöcken befestigt. Wände aus Schilfmatten trennten die Räume für Frauen und Küche ab. Die Räume der Männer wurden schnell mit Teppichen und abgenutzten Kissen ausgestattet.
Wir hatten für uns und das Automobil um Unterschlupf während der heißen Tagesstunden gebeten. Der Wagen verschwand unter dem äußersten rechten Flügel eines großen Zeltes, und wir verbrachten hier den ganzen Tag. Wir beobachteten die Araber, und sie nicht minder neugierig uns. Europäer und Autos waren ihnen nichts Neues, aber beide zusammen in einem Zelt als Gäste hatten sie noch nicht erlebt. Erst waren sie scheu und zurückhaltend, allmählich aber brach das Eis. Einige besonders schöne Gestalten mit blitzenden Augen, aristokratisch geschwungenen Nasen und schwarzen Bärten in der kleidsamen Tracht ihrer weißen Tücher (Keffije), deren Zipfel über Schultern und Rücken herabhingen und auf dem Scheitel durch zwei dicke, runde Ringe aus schwarzer oder brauner Ziegenwolle (Aggal) festgehalten wurden, versetzten sogleich meinen Zeichenstift in Unruhe. Es war aber schwer, sie zum Modellstehen zu bewegen, und erst als ich unsern Gendarm vor ihren Augen porträtiert hatte, ohne daß dieser dabei einen Schaden erlitt, und jedem einen halben Medschidije versprach, ließen sie sich dazu herbei. Bald lockte der Klang des Silbers auch Leute aus den Nachbarzelten heran, und alle Furcht vor den moralischen Folgen der Prozedur schien gewichen. Die großen, starken Menschen waren wie die Kinder und schämten sich weder ihres Geizes noch ihres Mangels an Mut. Eine der Frauen zu zeichnen, war dagegen unmöglich. Nicht als ob diese sich geweigert hätten, aber die Männer duldeten das nicht. Der Häuptling des Zeltes erklärte mir, auch für unser ganzes Gold und Silder werde keine Frau des Stammes der Schande des Porträtiertwerdens preisgegeben.
Als Dank für die Gastfreundschaft, die die Araber uns gewährten, kauften wir für 7 Medschidije zwei Schafe und ein Lamm und luden die ganze Gesellschaft in ihrem eigenen Zelt zu Gaste. Die Schafe wurden geschlachtet, abgezogen, in der Küche in zwei großen Töpfen gekocht und auf großen Metallplatten das Fleischgericht hereingebracht. In zwei dichten Gruppen knieten die Männer zum Mahle nieder und schlangen mit heißer Gier herunter, was sie erwischen konnten; die abgenagten Knochen zerschlugen sie auf dem Rücken ihrer Messer, um auch das Mark zu genießen. Für uns wurde eine besondere Portion nicht sonderlich schmackhaft in Fett gebräunt. In einiger Entfernung sah ein bleicher magerer Junge mit fieberhafter Aufmerksamkeit der Fütterung zu. Er sei krank, behaupteten die Männer, und dürfe nicht essen; ich reichte ihm ein großes Stück, seine Augen glänzten, seine Zähne blitzten, und in wenigen Augenblicken war seine Beute verschwunden. Seine Krankheit war wohl nur Hunger gewesen. Aus andern Zelten stellten sich noch mehrere Gäste ein, jeder erhielt seinen Anteil, und es blieb sogar noch Fleisch übrig, das zu späterer Verwendung wieder in die Küche geschafft wurde. Sehr befriedigt erhoben sich unsere arabischen Freunde von diesem ungewöhnlichen Festschmaus. Unser Silber hatten sie in der Tasche, das Fleisch der ihnen abgekauften Schafe selbst aufgegessen, und die Felle bekamen sie noch dazu geschenkt -- ein feines Geschäft! Dafür bewirteten sie uns mit Airan, saurer Milch, und dünnem Gerstenbrot, das auf einem Kasserollendeckel gebacken war. Den Schluß machte Kaffee, der bitter war wie Chinin.
Merkwürdigerweise war die Hitze im Zelt gar nicht drückend. Es wehte schwacher Nordwind, aber er kam doch direkt aus der in der Sonne glühenden Steppe, und die Zeltbahnen waren mit so weiten Stichen zusammengenäht, daß die Sonne auf dem Boden allerhand Lichtstreifen zog. Auch mußte die dunkelbraune oder eher schwarze Farbe die Wärme anziehen. Und doch ist in diesen heißen Gegenden kein Schatten wohltuender als der im Zelt der Araber. In den Löchern der Hans oder den unterirdischen Särdab ist der Schatten dichter und die Zahl der Wärmegrade etwas niedriger, aber die eingeschlossene, unbewegte Luft sehr drückend. Die schwarzen Zelte dagegen sind nach allen Seiten hin offen, die Luft kann beständig wechseln, kein frischer Hauch geht verloren, und Licht und freie Aussicht nach allen Seiten geben dazu ein Gefühl der Freiheit, das man in geschlossenen Räumen sehr entbehrt.
Als der Abend dämmerte, meldeten uns die Araber, daß Wagen und Reiter auf der Steppe in Sicht seien. Es waren unsere Leute. Wir verabschiedeten uns also von unseren arabischen Wirten oder vielmehr Gästen, stießen wieder zu unserer Karawane und begaben uns zur Quelle Bilalidsch, wo diesmal unser Nachtlager sein sollte.
Die Karawane hatte einen neuen Unfall erlebt: einer unserer Perser war, jedenfalls im Schlaf, von einem Wagen gestürzt und überfahren worden. Jetzt lag er in einer Droschke, und ein Kamerad pflegte ihn. Gebrochen hatte er nichts, wie sich bei näherer Untersuchung zeigte, aber das Erlebnis hatte ihn doch mächtig angegriffen.
Nach kurzer Nachtruhe waren wir früh um 4 Uhr wieder auf den Beinen. Heute mußten der Herzog, Schölvinck, Busse und ich zu vieren mit dem Auto vorlieb nehmen, da der Weg nach Assur für die Gepäckwagen sehr beschwerlich war, und alle Pferde gebraucht wurden. Er führte über die an sich unbedeutenden Hügel, die den Dschebel Hamrin mit dem Dschebel Makhul verbinden; aber sie sind von Wasser und Wind zu verfitzten Labyrinthen verarbeitet. Bald boten tiefe Rinnen mit steilen Rändern lästige Hindernisse, bald war die Straße so schmal, daß das Auto kaum vorwärts kam, bald lag sie voller Blöcke oder war durch Erdrücken gesperrt. Unser tapferes Auto überwand aber alle Schwierigkeiten und konnte schließlich über ebenerem Gelände in beschleunigter Fahrt dem Tigrisstrom und der alten Königstadt Assur zueilen.
Unsere Reisegenossen aber kamen nicht so glücklich durch. Als wir nach Besichtigung der Ruinen von Assur ausruhten, langte des Herzogs Ordonnanz Gustav mit der Nachricht an, ein Jaile sei auf dem schwierigen Wege umgestürzt und zerbrochen und habe dem Kutscher, einem alten Manne aus Bagdad, den Oberschenkel zerschmettert. Sofort schickten wir das Auto, um den Verunglückten zu holen. Konsul Schünemann und Wachtmeister Schmitt hatten ihn so gut wie möglich geschient, und wir ließen ihm alle Pflege angedeihen. Der Alte weinte über sein Mißgeschick, war aber mit einigen Zigaretten schnell getröstet. Als dann am Abend unter Gepolter und Hallo die übrige Kolonne mit ihren schwitzenden Gäulen und schwer bepackten Wagen, die auch noch die Last des verunglückten Jaile hatten übernehmen müssen, angekommen war, übergaben wir unsere beiden Patienten dem Bahnhofsvorsteher und ließen einen von der Mannschaft bei ihnen, um sie nach einigen Ruhetagen auf einem Kelek nach Bagdad zu bringen.
Diese kleinen Mißgeschicke waren aber nur ein Vorspiel dessen, was auf dem Wege von Assur nach Mosul unser wartete.
Zwanzigstes Kapitel.
Die Königsstadt Assur.
In Assur ging es uns nicht so gut wie in Babylon, wo uns der beste aller Führer zur Seite war. Hier mußten wir uns damit begnügen, aufs Geratewohl über Schutthügel und Fundamente von Palastmauern zu wandern, in der glühenden Sonnenhitze die tiefen Suchgräben und Schächte zu durchklettern, die das Ruinenfeld rechtwinklig durchqueren, und hier und da im Schatten einer Marmorplatte oder eines unterirdischen Gewölbes auszuruhen. Wir fanden auch den großen, zerschlagenen Steinsarkophag, den die deutschen Archäologen mit unendlicher Geduld wieder zusammengefügt haben. Die Ausgrabungen begannen mit Erlaubnis der türkischen Regierung und unter Leitung der Deutschen Orient-Gesellschaft im September 1903 und wurden bis zum Ausbruch des Weltkriegs fortgesetzt. Ihre Ergebnisse gliedern sich in fünf Gruppen: ~A~) Baudenkmäler aus assyrischer Zeit; ~B~) Einzelfunde aus assyrischer Zeit; ~C~) Denkmäler aus parthischer Zeit; ~D~) Verschiedenes; ~E~) Die Inschriften von Assur. Bisher sind vier Foliobände der Gruppe ~A~ erschienen; daraus kann man sich eine Vorstellung von dem Umfang eines Werkes machen, das nur die Schilderung einer einzigen Stadt enthält. Aber diese Schilderung muß in Zukunft die Ruinen ersetzen, denn diese sind, wie mir Professor Andrae schon in Bagdad sagte, durch die Ausgrabungen zerstört worden. Ohne letztere hätte jedoch die wissenschaftliche Forschung niemals die Stadt erobern können, die dem assyrischen Reich seinen Namen gegeben hat.
Nach meiner Heimkehr versuchte ich, in die Folianten von Professor Andraes grundlegendem Werk „Der Anu-Adad-Tempel in Assur“ (Leipzig, 1909) einzudringen. Assyrische Tempelbauten waren vordem wenig bekannt, und man ersehnte seit langem die Gelegenheit, über die sargonischen, also jungassyrischen Tempel in Chorsabad (etwa 720 v. Chr.) hinaus ältere Denkmäler dieser Art zu erforschen, um Material zum Vergleich mit den besser bekannten babylonischen und den umstrittenen salomonischen Tempelbauten zu gewinnen. Der Anu-Adad-Tempel am Nordtor der Stadt Assur zwischen dem Palast Assurnasirpals im Osten und dem „neuen Palast“ Tukulti-Ninibs im Westen erfüllte diesen Wunsch.
Anu und Adad sind zwei Götter, Anu der Himmelsgott und Gottvater, Adad „sein tapferer Sohn“, der Gott des Blitzes und des Wetters. Die Ruinen ihres Tempels zeigen zwei typisch assyrische Heiligtümer; das ältere wurde Ende des 12. Jahrhunderts von Assurrisisi begonnen und von Tiglat-Pileser I. vollendet; das jüngere baute Salmanassar auf den geschleiften Mauern des alten in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.
Beide Tempel bezeichnen zwei verschiedene Bauperioden, die in Einzelheiten sehr voneinander abwichen, im Hauptplan aber miteinander übereinstimmten: die eigentlichen Tempelräume lagen jedesmal zwischen zwei mächtigen Türmen (Zikkuraten) nebeneinander, ihre Tore gingen nach Südosten, und davor war ein Hof, den allerhand Seitengebäude umgaben.
Von dem älteren Tempel ist nur der Unterbau erhalten, bis zu fünf Meter hohe, dicke Mauerteile aus steinharten Ziegeln von gelbem Lehm. Sie stehen auf felsigem Grund, der durch Erdfüllung geebnet worden ist. Die Reste genügen, um den Grundriß mit größter Sicherheit zu bestimmen. Rätselhaft ist nur der Überbau mit den Toren und Türen. Auch Inschriften des Erbauers fand man an Ort und Stelle; eine von ihnen lautet: „Assurrisisi, Priester des Gottes Assur, Sohn des Mutakkilnusku, des Priesters des Gottes von Assur, des Sohnes von Assurdan, dem Priester des Gottes Assur, Erbauer des Tempels Adads und des Gottes Anu“.
Der Hof ist 50,5 Meter breit und 28 Meter tief. Seine Mitte nahm ein Brunnen ein. Die geringfügigen Reste der umliegenden Gebäude mit ihren Zimmern und Gängen geben viele Rätsel auf. Wer Assurs jetzige Schuttlabyrinthe gesehen hat, muß aufs Höchste den Scharfsinn bewundern, der diese Tempel und Mauern rekonstruiert und sogar Detailzeichnungen von ihnen entworfen hat.
Der Grundriß der beiden Türme ist quadratisch, ihre Seitenlänge 36 Meter. Aber wie sahen sie selbst aus? Konnte man sie besteigen und wie? Ein Vorbild aus assyrischer Zeit bietet der Tempelturm von Chorsabad, um den sich eine einfache Rampe zur Spitze emporwindet. Wahrscheinlich waren auch die beiden Türme des Anu-Adad-Tempels massiv wie alle bekannten Zikkurate. Andrae vermutet, daß ihre Höhe etwa 50 Meter betrug, und daß ein fünf Meter breiter, langsam ansteigender Weg vom Hof aus hinaufführte. Baudokumente auf Ziegeln und Terrakottaprismen nennen Tiglat-Pileser I. als Vollender dieses Tempelbaues. Die im Jahre 1852 von Rassam und Layard gefundenen, heute im Britischen Museum befindlichen berühmten Prismen, deren achthundert Textzeilen die Regierungstaten Tiglat-Pilesers verewigen, verschweigen, daß sein Vater Assurrisisi, wie Andrae nachweisen konnte, den Grundstein zu dem Tempel gelegt hat.
Von dem jüngeren Tempel ist fast die ganze Nordseite verschwunden, von andern Teilen aber sogar der Überbau erhalten. Zweihundertundfünfzig Jahre nach Tiglat-Pileser I. ließ Salmanassar II. die jedenfalls noch bedeutenden Reste des alten Tempels bis auf fünf Meter über dem Felsengrund abtragen und errichtete nun auf diesem eingeebneten Grund den Neubau, der an Umfang kleiner, aber noch immer sehr groß war. Eine hier gefundene Urkunde berichtet, das Dach habe aus Zedernholzbalken bestanden; eine andere ist in Basalt eingehauen und lautet: „Salmanassar, der mächtige König, der König des Alls, der König des Landes Assur, der Sohn Assurnasirpals, des Königs des Landes Assur, des Sohnes von Tukulti Ninib, dem Könige des Landes Assur, der Erbauer des Tempels des Gottes Anu, des Tempels des Gottes Adad“.
Salmanassars Brunnen auf dem Hofe ist von einer Ringmauer umgeben und bis zum Grundwasser 29,5 Meter tief. Unter den Tempelmauern fand man Beile und Schwerter, die wahrscheinlich symbolische Bedeutung hatten. Nach dem goldenen Blitz zu urteilen, den Adad in der Hand hielt, müssen die Götterbilder prächtig ausgestattet gewesen sein.
Neun Jahre verwandten Andrae und seine Mitarbeiter auf die Freilegung der Festungswerke Assurs (vgl. „Die Festungswerke von Assur“ von Walter Andrae. 2 Bde., 1913), denn ihre Bestimmung war nicht nur wichtig für die Erkenntnis der ganzen Stadtanlage, für Ermittlung ihrer Zugänge und zugleich des Verlaufs der wichtigsten Handelsstraßen, sondern auch für die Geschichte der Befestigungskunde überhaupt, da man assyrische Festungen bis dahin nur ungenügend kannte. Die Arbeit war um so schwerer, als die Mauern am Rande des Stadthügels naturgemäß am meisten der Vernichtung ausgesetzt waren, und obendrein der Tigris den größten Teil der Ostfront zerstört hatte.
Assur liegt auf der Spitze eines Ausläufers der Chanukekette, und der Platz war für eine Festung wie geschaffen. Im Osten bespülte ihn der schnellfließende, das ganze Jahr über tiefe Tigris, ein Angriff von dort war also unmöglich. Im Norden fiel der Fels (weicher Sandstein und Kieselkonglomerat) jäh nach einem Stromarm ab, der trefflich als Festungsgraben diente. Am Rande dieses noch erkennbaren Flußbettes hatten wir unser Lager aufgeschlagen. Vor der Westfront erleichterten zwei kleine Täler die Anlage von Gräben, die nur da zugeschüttet waren, wo Straßen zu den Toren führten. Im Süden war eine Geländesenkung. Der einzige Nachteil war, daß man von dem Hügelplateau im Westen aus in die Stadt hineinsehen konnte. Deshalb baute man die Westmauer am höchsten.
Das Alter der Festungsbauten Assurs ist sehr verschieden. Andrae unterscheidet die archaische Zeit bis zur Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends, die altassyrische bis Ende des 2. Jahrtausends, die jungassyrische vom Anfang des 1. Jahrtausends bis Sargon, die spätassyrische unter Sargon und den Sargoniten bis zur Zerstörung des assyrischen Reiches im Jahre 606 v. Chr., die nachassyrische der Wiedereinwanderung unter den Neubabyloniern und Cyrus (6. Jahrhundert) und die parthische Zeit, die ersten zwei Jahrhunderte vor und nach Christus.
Aus vorgeschichtlicher Zeit haben sich keine Befestigungen gefunden, nur Grundmauern von Häusern, Feuerstätten und Kanälen. An der Ostseite führte man schon zu Anfang des 2. Jahrtausends Mauern auf, um die Stromfahrt zu beherrschen und das Ufer gegen die Erosion zu schützen. Diese Mauern befestigte Adadnirari I. in altassyrischer Zeit. Davon ist noch vieles erhalten. Auch legte man Landeplätze und Treppen am Ufer an. An der Nordostecke der Stadt lag der Assurtempel mit der Front nach Norden, und an der Nordwestecke der Palast Tukulti-Ninibs I. auf seiner ungeheuren Plattform.
In jungassyrischer Zeit baute Salmanassar III. im Westen und Südwesten eine äußere und eine innere senkrechte Mauer, auf denen je eine Fahrstraße hinlief. Blaugelbe und schwarzweiß glasierte Ziegel schmückten die Zinnen. Nach seiner Regierung, aber vor Sargon, verfiel die innere Mauer; an ihrer Stelle entstanden Wohnhäuser, und davor legte man eine niedrigere Mauer an.
In spätassyrischer Zeit führten Sargon und Sanherib noch mancherlei Verbesserungen aus. Die Achämeniden dagegen ließen die Befestigungen unverändert, und auch in der parthischen Zeit wurde nichts daran getan.
Aus der Zeit Salmanassars III. grub man sieben Tore aus. Jedes Tor flankierten zwei Türme; nach innen waren Wachtstuben, Rampen und Treppen, die zur Mauerzinne hinaufführten. Eines der Tore hieß Abul gurgurri, das Stadttor der Metallarbeiter; die übrigen sind bisher namenlos. Die Zapfen der gewaltigen Flügel des Gurgurritores, zylinderförmige Basaltblöcke, sind noch vorhanden. Verkohlte Zedernholzbalken lassen auf eine Feuersbrunst schließen. Zwei sargonitische Kalksteinblöcke an diesem Tor tragen Sanheribs Namen. Eine Bildsäule Salmanassars III., die im Gurgurritor stand, besitzt jetzt das Ottomanische Museum in Konstantinopel, eine andere, die den König auf seinem Throne sitzend darstellt, das Britische Museum. Beide sind in Lebensgröße.
Der ebenfalls ausgegrabene, offenere Zugang von Norden her, den man nicht als Tor bezeichnen kann, hieß Muschlal und wird schon Ende des 3. Jahrtausends auf Ziegelinschriften erwähnt. Adadnirari I. in altassyrischer Zeit ließ ihn erneuern; auch die jungassyrische Zeit unter Salmanassar III. kennt ihn. Unter Sanherib heißt es: „Der Palast Muschlal in der Stadt Assur“, und bei Assarhaddon: „Bît muslalu, das am Palast der Stadt Assur liegt, ließ ich aufs neue erbauen als Ein- und Ausgang“.
Straßen an der inneren Mauer stammen aus spätassyrischer Zeit; sie erinnern an die Straßen Pompejis und der heutigen Städte des Orients.
Professor Andrae beschreibt ausführlich alle Einzelfunde, die an den Mauern gemacht wurden, Ziegelkanäle, Straßen und Häuser, Abflußtrommeln, Poternen, Wehrgänge, Turmtreppen, Bastionen, emaillierte Terrakottareliefs, Kupferbecken, Konsolen, Haken und Pfeilspitzen aus Bronze, Gräber und Ziegel mit Inschriften, von denen folgende aus der Zeit Salmanassars III. als Probe angeführt sei: „Salmanassar, der König des Alls, König des Landes Assur, der Sohn des Assurnasirpal, des Königs des Landes Assur. Erobernd herrschte ich vom großen Meer beim Lande Amurru gegen Sonnenuntergang bis zum Meer beim Lande Kaldu, genannt Marratu (d. h. der Salzstrom). Da brach ich die Ruinen der früheren Festungsmauer meiner Stadt Assur nieder, die Tukulti-Ninib, Salmanassars Sohn, ehedem gebaut hatte; ich erreichte ihren Grund; von ihrem Fundament bis zu ihrer Brustwehr fügte und vollendete ich sie; prächtiger und gewaltiger als zuvor machte ich sie. Meine Tafeln und Urkunden brachte ich an. Ein zukünftiger Fürst soll ihre Ruinen wieder aufrichten und meinem Namen wieder seinen Platz einräumen, dann wird Assur seine Gebete erhören.“
Salmanassar gedachte also der kommenden Jahrtausende, die seinen Namen vergessen könnten. Dann sollten die Steine für ihn reden!
Andraes Grabungsmethode in den Ruinen Assurs war eine andere als die Koldeweys in Babylon. Er zog 5 Meter breite „Suchgräben“ quer über das ganze Stadtgebiet; sie laufen je 100 Meter voneinander entfernt parallel von der Westmauer bis nach dem Tigrisufer im Osten. Stieß solch ein Graben auf Reste von Palästen, Mauern, Toren, Häusern, Kanälen usw., so grub man seitwärts weiter, bis der ganze Fund bloßgelegt war. Manchmal zwangen Bodengestaltung oder neuere mohammedanische Grabstellen zur Aufgabe des 100-Meter-Zwischenraums. Solch ein unregelmäßiger Graben führte in den Jahren 1909-1911 zur Entdeckung der merkwürdigen Königspfeiler im Winkel zwischen dem breiten Nordteil und dem schmalen Südteil der Stadt. (Vgl. „Die Stelenreihen in Assur“ von Walter Andrae, Leipzig, 1913).
Diese Pfeiler stammen aus der Zeit zwischen dem 14. und 7. Jahrhundert v. Chr. Sie sind flach, oben abgerundet und tragen eine Inschrift oder ein Reliefbild der Personen, zu deren Gedächtnis sie errichtet wurden. Die größten sind aus Basalt und nennen Tukulti-Ninib I., Semiramis und Assurnasirpal III.; kleinere sind mit den Namen anderer Könige und hoher Beamten bezeichnet. Einer aus körnigem, gelbgrauem Kalkstein zeigt das Bild einer Palastdame Sardanapals. Sie sitzt, nach rechts gewendet, auf einem Thron, ist mit Armbändern und Ohrringen geschmückt, trägt Rosetten auf den Schultern und auf ihren üppigen, den Rücken herabwallenden Locken eine Königskrone; in der Linken hält sie eine Blume, die Rechte streckt sie nach oben. Das Gesicht entspricht dem Schönheitsideal des Orients: volle runde Wangen, kräftiges Kinn, gerade, scharf gezeichnete Nase, schön geschwungene, breite Augenbrauen und lachende Lippen.
Eines dieser Denkmäler nennt Andrae den „Kalksteinpfeiler der Semiramis“. Auf ihm stehen die Worte: „Pfeiler für Sammuramat, die Palastdame Samsi Adads, des Königs des Alls, des Königs von Assur, die Mutter des Adadnirari, des Königs des Alls, des Königs von Assur; die Schwiegertochter Salmanassars, des Königs der vier Weltgegenden.“ Die in dieser Inschrift genannten Könige sind Salmanassar III., Samsi Adad V. und Adadnirari IV., die zwischen 858 und 781 regierten. Nach einem Schlummer, der vor der Gründung Roms begann, hat also der Forscher diese Semiramis von den Toten erweckt und ihre Verwandtschaft mit drei Königen festgestellt. Von ihrem sonstigen Schicksal aber wußte der Stein nichts zu melden. --
So weit war Andraes Werk über die Ausgrabungsergebnisse von Assur gediehen, als der Weltkrieg auch dieses stolze Denkmal deutscher wissenschaftlicher Forschung einstweilen zu einem Torso machte.
Wir besuchten auch das Haus der deutschen Archäologen am Ufer, ein großes, festes Gebäude, auf dessen Innenhof, wie üblich, eine offene Galerie hinausging. Am Tor trat bei unserer Ankunft die Wache ins Gewehr. Dann empfing uns ein alter Türke, erzählte von der Zeit, als Andrae, Jordan, Lührs und Bachmann hier arbeiteten, und zeigte uns die Zimmer, die jeder von ihnen bewohnt hatte. Jetzt lagen darin vierzehn englische Soldaten und eine Anzahl schwerkranker Inder, die auf dem Wege in die Gefangenschaft zusammengebrochen waren.