Part 12
„Hochverehrte Anwesende! Das Bild des Mannes, zu dessen Gedächtnisfeier wir uns hier versammelt haben, ist in einer so ausführlichen, glänzenden und wahrheitsgetreuen Weise geschildert worden, daß Sie es von mir nicht als Vermessenheit ansehen wollen, wenn ich Sie bitte, mir zu einem ganz kurzen Worte ein geneigtes Ohr zu schenken. Es sind zwei Gründe, die mich dazu bewegen, zu Ihnen zu sprechen: erstens meine langjährigen persönlichen, kameradschaftlichen, ich darf wohl sagen, freundschaftlichen Beziehungen, die mich mit dem Verstorbenen verbunden haben, und zweitens die Empfindung, daß an dem Grabe eines Soldaten auch aus soldatischem Munde ein Wort für ihn erklingen muß; denn Soldat war er doch in erster Linie. Ich war ein junger Offizier, wie ich von der Kriegsakademie zum Generalstab kommandiert wurde und mit dem damaligen Major von der Goltz in Beziehungen trat. Er hatte die reichen Erfahrungen, die er im Verlauf des Feldzugs 1870/71 bei der Armee des Prinzen Friedrich Karl gesammelt hatte, bereits schriftstellerisch verwertet zum Segen der Armee, und wir sahen schon mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht zu ihm auf. Diese Ehrfurcht wich aber bald einer aufrichtigen Verehrung und Hingebung. Wie rasch lernten wir den Mann kennen, der uns nicht als Vorgesetzter, sondern als Kamerad entgegentrat, in dem Bestreben: wir alle wollen dasselbe, wir alle wollen arbeiten für die Armee und für unser Land. Ich glaube, wenn auf irgend jemand der lateinische Spruch: ‚~Homo sum, nihil humani mihi alienum esse puto~‘ zutrifft, so war es der Verstorbene. Seine hervorragenden menschlichen Eigenschaften, seine Herzensgüte, gewannen ihm die Herzen aller, die mit ihm in Berührung traten. Diese kameradschaftlichen Empfindungen sind allen denjenigen geblieben, die das Glück gehabt haben, mit ihm in persönliche Beziehungen zu treten. Bei mir haben sie angedauert bis an sein Ende, und sie sind ausgeklungen in einem Briefwechsel, der erst kurze Zeit vor dem Tode des Feldmarschalls seinen Abschluß gefunden hat. Meine hochverehrten Herrschaften, ich darf das nicht wiederholen, was hier gesagt worden ist. Sie wissen ja den Lebensgang des Verstorbenen, Sie wissen, daß er als junger Offizier bereits nach der Türkei ging, daß er dort zwölf Jahre lang dem Sultan gedient hat, und daß er damals den Grundstein gelegt hat zu den freundschaftlichen Beziehungen, die heute das Osmanische Reich und das Deutsche Reich in gemeinsamen Kriegsunternehmungen vereinigt. Sie wissen, daß er, von dort zurückgekehrt, die Geschäfte als Generalinspekteur der Pioniere übernahm, und alle diejenigen, die damals mit ihm gearbeitet haben, bewahren ihm noch heute ein Andenken, denn auch diese ihm fremde Materie wußte er nach kurzer Zeit entsprechend zu beherrschen. Dann kam seine schönste Zeit, als er von Sr. Majestät zum Kommandierenden General des 1. Armeekorps berufen wurde. Wie freute sich sein Herz, da war er in seinem Element, unermüdlich im Zusammenleben mit der Truppe, die höchsten Anforderungen an sich selbst stellend. Keine Mühen scheuend, lebte er mit seinen Soldaten zusammen, als Vater, Freund und Kamerad. Er mußte dann die Stellung eines Generalinspekteurs übernehmen, die ihm die Truppen in die Ferne rückte, und erst nach Eröffnung des jetzigen Feldzugs, als ihm das Generalgouvernement von Belgien übertragen wurde, trat er wieder in aktive Tätigkeit. Ich habe damals Gelegenheit gehabt, des öfteren mit ihm zusammenzutreffen. Wenn ich nach Brüssel kam -- während der Belagerung von Antwerpen -- man traf ihn selten zu Hause; stets hieß es: ‚Der Feldmarschall ist draußen an der Front.‘ Es hielt ihn nicht an dem Schreibtisch, er mußte hinaus, und diejenigen, die mit ihm waren, erzählten, mit welch unbeschreiblicher Tapferkeit und Todesverachtung er mitten im Gefecht stand in den Reihen seiner Soldaten, als wenn er sich auf dem Exerzierplatze befände, und wenn er abends zurückkam, besprach er die Ereignisse des Tags, wie man ein Manöver bespricht, mit vollständiger Ruhe und Objektivität, und mancher von denen, die mit ihm im Schützengraben waren, kehrte nicht mehr zurück; der Feldmarschall selbst ward auch verwundet. Aber wenn er auch mit unermüdlicher Treue und Aufopferung durch seinen scharfen Verstand es wohl verstanden hat, die zerrütteten Teile des okkupierten Landes zunächst wieder in geordnete Verhältnisse zu bringen, so war doch sein Herz nicht bei der Sache, er war Soldat, und ich glaube, er ist nicht ungern von seinem schwierigen und undankbaren Posten zurückgetreten, als er dann auf Wunsch des Sultans von dort als oberstes Bindeglied zwischen der osmanischen und deutschen Armee nach der Türkei berufen wurde. Er erlebte den gewaltigen Kampf unserer Bundesgenossen auf Gallipoli, er sah die Früchte seiner jahrelangen Tätigkeit greifbar vor sich, und dann kam der Augenblick, da er selbst das Kommando übernehmen mußte und hinauszog nach Bagdad, um den Kampf gegen die Engländer aufzunehmen. Als er in Bagdad eintraf, fand er die Engländer in starker Stellung bei Kut-el-Amara. Seine Aufgabe war, sie zurückzuschlagen. Mit wie schwierigen Verhältnissen, mit welch schlechten Zufahrtstraßen, mit einer wie großen Entfernung mußte er rechnen, bis überhaupt Verstärkungen herangeführt werden konnten. Meine verehrten Herrschaften, es wiederholt sich in der Geschichte öfters, daß Heldentum und Tragik nebeneinander stehen. So war es auch hier. So, wie es Moses einstmals zwar vergönnt war, einen Blick in das Gelobte Land zu tun, nicht aber es zu betreten, so war es auch dem Generalfeldmarschall nicht vergönnt, den letzten Kampf seiner Armee zu erleben, aber sein scharfer Blick hat wohl den Ausblick in das Gelobte Land getan, denn sicher hat er den Sieg von Kut-el-Amara vorausgesehen.“
„Meine verehrten Herrschaften, ich habe dem Bild des Feldmarschalls nur noch eine persönliche Note hinzufügen können. Ich habe es getan, weil ich glaube, daß ich in diesem Falle wohl im Namen der Armee und namens des Generalstabs sprechen darf, dem wir beide lange Jahre angehört haben. Ich will nicht sprechen von dem tiefen Schmerz, der auch mich ergriffen hat, als die Kunde von dem tragischen Ende des Feldmarschalls eintraf, und ich möchte nicht, daß dieser Tag vorübergeht, ohne daß wir an diesem Tag ein Lorbeerblatt auf die Bahre gelegt haben.“
Als Moltke geendet, stieg er vom Rednerpult herab, drückte der Freifrau von der Goltz die Hand und kehrte auf seinen Platz neben Generaloberst von Kluck zurück. Da reckte er sich plötzlich, führte die Hand zum Herzen, sank zusammen und war binnen wenigen Minuten eine Leiche. Die Tragik, in der ihm noch soeben das Schicksal seines Freundes von der Goltz erschienen war, daß er wie Moses das Gelobte Land -- den Sieg -- nur aus der Ferne schauen durfte, hatte ihn selbst getroffen.
Und diese traurig-wunderbare Fügung war nicht die einzige bei diesem erschütternden Vorfall. Sobald die Erkrankung des Feldmarschalls in Berlin bekannt geworden, hatte man zwei Schwestern zu seiner Pflege nach Bagdad geschickt. In Konstantinopel erreichte sie die Nachricht von seinem Tode, darauf kehrten sie zurück. Beide waren bei der Trauerfeier in Berlin zugegen, als Moltke jene letzte Rede hielt, und erwiesen nun +ihm+ den letzten Liebesdienst, der seinem Freunde versagt geblieben war. Und ich selbst -- war ich nicht der Bote eines Toten an einen Toten geworden? Moltkes Brief, den er mir zum Geleit auf diese meine Reise mitgegeben hatte, fand seinen Empfänger im Grabe; aber es sollte mir auch nicht mehr vergönnt sein, ihn der Hand seines Absenders zurückzustellen. Bei meiner Rückkehr nach Berlin blieb mir die traurige Pflicht, ihn der Witwe des von mir so hochverehrten Mannes zu übergeben.
Merkwürdig war auch, daß Gräfin Moltke mir bereits im Februar 1916 anvertraut hatte, sie fürchte, daß ihr Mann noch vor Ende des Weltkriegs heimgehen werde. In einem Traumgesicht hatte sie ihn bereits auf der Bahre liegen sehen, von Palmen und Kandelabern umgeben in demselben Zimmer, wo der Sarg des Feldmarschalls Moltke vor fünfundzwanzig Jahren gestanden hatte. Sie war daher auf das Schlimmste vorbereitet, als sie in den Saal des Reichstagsgebäudes zur Leiche ihres Gatten geführt wurde, und ertrug ihren Schmerz mit bewundernswerter Fassung.
Tags darauf stand denn auch der mächtige, schwere Eichensarg mit den großen silbernen Handgriffen dort, wo der Feldmarschall aufgebahrt worden war. Sechs hohe Kandelaber, jeder mit sechzehn Lichten, brannten in einem Wald von Palmen. Thorwaldsens Christus streckte segnend seine Hände über das Haupt des entschlummerten Kriegers, und dem Toten gegenüber stand eine Büste des Oheims. Offiziere trugen den Sarg hinaus nach dem Invalidenfriedhof.
Hellmuth von Moltke war einer der tüchtigsten und edelsten Männer des jungen Deutschlands und einer der vornehmsten Charaktere, die ich kennen gelernt habe. In seiner Nähe verspürte man die Macht und zugleich die große Bescheidenheit der überlegenen Persönlichkeit. Er war einer der wärmsten Patrioten Deutschlands, was viel besagen will in einer Zeit, in der das ganze Volk alles für das Vaterland opfert. Dabei war er ein frommer Christ und starb wohlvorbereitet in dem Augenblick, als er den Kranz auf das Grab des Kameraden niederlegte.
Seine hervorragendsten Eigenschaften waren unerschütterliche Ruhe und ein Ernst, der auch nicht einem flüchtigen Scherz Raum gab. Er war niemals heftig, und harte Worte hörte man von ihm nie. Tadel und Herabsetzung Abwesender waren ihm fremd. Jeder liebte und bewunderte ihn, und wer Gelegenheit gehabt hat, viele Stäbe an den verschiedenen Frontstellen zu besuchen, der weiß, daß über Moltke in der Armee nur ein Urteil herrschte. Er war wortkarg wie sein Onkel, aber was er sagte, war klar und tief, und mit wenigen Sätzen wußte er Fragen zu beantworten, die andern lange zu schaffen machten. Als ihn im zweiten Kriegsjahr ein amerikanischer Zeitungsmann über die Stimmung Deutschlands gegen Amerika aushorchen wollte, antwortete er kurz und bestimmt: „Wir sind in der Lage eines Mannes, den drei Straßenräuber überfielen. Er verteidigt sich tapfer und schlägt einem nach dem andern die Waffen aus der Hand. Hinter den dreien aber steht ein vierter, der ihnen immer wieder neue Waffen in die Hände drückt. Dieser Vierte ist Amerika, das den Kampf von Jahr zu Jahr verlängert.“
Mit Recht wurden an Moltkes Bahre folgende Worte gesprochen: „So hat er sein Werk als einer der intimsten Mitarbeiter an der Seite seines geliebten kaiserlichen Herrn geleistet. Seine Lebenstat war, das deutsche Heer auf den gewaltigsten und größten Krieg, den die Geschichte kennt, vorzubereiten, und wir können an Generaloberst von Moltke nicht denken, ohne uns des 4. Augusts 1914 zu erinnern, des Tags, da er, ein Lächeln auf den Lippen, sagen konnte, nicht eine einzige Frage sei an den Großen Generalstab zurückgekommen. Die unerhörte Maschinerie arbeitete mit unerschütterlicher Ordnung.
„So lenkte er das deutsche Schwert. So bereitete er den Aufmarsch der deutschen Armeen und den herrlichen Siegeszug vor, und daher denken wir bei seinem Namen an die wundervollen, überwältigenden, unvergeßlichen Tage, als in dieser schwersten Zeit der Mut, die Siegesgewißheit und das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes so herrlich erstarkten. Ja, für dieses Volk arbeitete er, und diese Tage krönten sein stilles, geduldiges Arbeiten. Für dieses Ziel dachte und strebte er. Dazu lenkte und erzog er uns, und die deutschen Feldherrn, Generale und Offiziere, die an seiner Seite arbeiteten, denken mit tiefster Dankbarkeit an das Große und Herrliche, was Moltke für sie gewesen ist.“
Selten oder nie sind wärmere und edlere Worte aufrichtiger Trauer einer Feder entflossen als die, welche der Kaiser an die Gräfin nach dem Tode ihres Gemahls richtete. So spricht nur der, der weiß, daß er einen Freund verloren hat, auf dessen Treue er zu jeder Stunde felsenfest bauen konnte. Ich zweifle nicht, daß die Zukunft Moltke in die erste Reihe der germanischen Gestalten des Weltkriegs stellen wird.
In seiner Denkrede auf von der Goltz erinnerte Moltke an den Mut des Feldmarschalls und seine Todesverachtung, von der auch ich in meinem Buche „Ein Volk in Waffen“ bewundernd gesprochen habe. Als ich damals von der Goltz mein Buch sandte, antwortete er mir am 11. Juni 1915 aus Konstantinopel:
„Ihre Bemerkung, die mich betrifft, hat mich tief gerührt und in der Tat den geheimen Wunsch getroffen, den ich im Herzen trug. Wer der Vollendung seines 72. Lebensjahres nahesteht, wie ich, und eine 52jährige aktive Dienstzeit, die sich jetzt noch um ein Jahr verlängert, sowie drei große Kriege hinter sich hat, kann sich, wie Sie mit Recht bemerken, kaum einen schöneren Abschluß denken als den Sie erwähnen, aber das Schicksal hat ihn mir bisher verweigert; ich konnte es nur bis zu einem leichten Streifschuß unter dem linken Auge bringen. Das Geschoß, ganz in der Nähe aus einem englischen Schützengraben abgefeuert, als ich übers Feld in den unsrigen gehen wollte, meinte es ehrlich, es hatte aber den Fehler, einen Zoll zu weit nach rechts zu fliegen, worüber ich ihm eigentlich böse bin.
„Nun hat es aber doch wohl so kommen sollen, und Allah, mein alter Beschützer, verfolgte noch einen Zweck dabei. Er wollte mir die Gelegenheit geben, mich an der Wiedererhebung der Türkei, an der ich in früherer Zeit 13 Jahre lang emsig mitgearbeitet habe, zu erfreuen. Was die türkischen Truppen heute leisten, ist zugleich die beste Antwort auf die häßlichen Angriffe gegen meine Person, die in ganz ungerechtfertigter Weise nach dem unglücklichen Balkankriege in bezug auf meine ältere hiesige Tätigkeit gegen mich und meine Kameraden gerichtet wurden. Die Unterlegenheit in jenem Krieg erklärt sich durch ganz besondere Umstände, der tüchtige Kern aber, der im türkischen Volke steckt, kann sich heute, wo es von einer energischen und wohlgesinnten Regierung geleitet wird, kräftig entwickeln und gute Früchte tragen, die in den Kämpfen an den Dardanellen sich gezeigt und die Welt, aber nicht die alten Freunde des Landes überrascht haben. -- -- -- Am endlichen Siege unserer guten Sache zweifeln wir alle nicht; wir könnten immer noch ein paar Feinde mehr vertragen. Ich beispielsweise erwarte solche zurzeit leider vergeblich mit meiner Armee an der stark bewehrten Küste des Schwarzen Meeres ....“
Anfang April 1916 war von der Goltz auf einem der Tigrisdampfer nach Bagdad zurückgekehrt. Derselbe Dampfer brachte auch kranke Soldaten flußaufwärts, darunter viele, die an Flecktyphus darniederlagen; die unterwegs starben, wurden den trüben Wellen des Tigris übergeben. Die Kranken lagen auf Deck, und der Feldmarschall ging während der Fahrt von einem zum andern, an alle aufmunternde Worte richtend. Es wimmelte von Ungeziefer, aber er achtete nicht der Gefahr, der er sich aussetzte. Und diesmal kam er in ihr um; auch er erlag der mörderischen Krankheit und starb in wenigen Tagen.
Seinen Wunsch, den echten Soldatentod zu sterben, hat ihm das neidische Schicksal nicht erfüllt.
Dreizehntes Kapitel.
Kut-el-Amara.
Wie ich schon erwähnte, hatte ich in meiner Jugend einmal Kut-el-Amara besucht, das damals noch eine junge Stadt, aber ein wichtiger Handelsplatz für die arabischen Wollhändler der Umgegend war. Seither ist es bedeutend gewachsen, und heute hat es obendrein einen historischen Namen: es bezeichnet einen der schönsten Siege der Türken und eine der größten Niederlagen der Engländer während des Weltkrieges.
Gleich zu Kriegsbeginn hatten die Engländer Basra besetzt. Der Wali von Bagdad, Dschavid Pascha, hatte nur zusammengeraffte Araber zur Verfügung, mit denen nichts auszurichten war. Ein tapferer Offizier in Bagdad, Ali Askari Bei, gab jedoch die Hoffnung auf Wiedereroberung der Stadt nicht auf. Die Kriegsleitung in Konstantinopel versprach, ihm reguläre Truppen zur Unterstützung zu schicken; aber er antwortete, er könne sich ohne sie behelfen. Tatsächlich gelang es ihm, mehrere Araberstämme aufzubieten und die „Muschtehids“, die hohe Priesterschaft von Kerbela, für sein Unternehmen zu gewinnen.
Mit einem bunt zusammengewürfelten Heer von wie es hieß 20000 Mann, so gut wie ohne Artillerie, zog er gegen Basra. Einige junge Deutsche nahmen an diesem abenteuerlichen Zuge teil, die Herren Lührs, Schadow und Müller; der zuletzt genannte führte Material mit sich, um im Schatt-el-Arab Minen zu legen. Auch ein Österreicher namens Back war dabei.
Als Ali Askari Bei mit seinen Scharen das Dorf Schaïbe bei Basra erreicht hatte, wurde er von den Engländern angegriffen und völlig geschlagen, außerdem noch im Rücken von einigen Araberstämmen überfallen, deren Mut wuchs, als sie sahen, daß es den Türken schlecht ging. Der tapfere, aber etwas unvorsichtige Befehlshaber wurde verwundet und in einen Wagen geschafft und beging Selbstmord. Der Rückzug seiner Truppen vollzog sich in weniger guter Ordnung, als der Xenophons; sie wurden zersprengt, und nur ein Teil erreichte Amara.
Der Deutschen und ihres österreichischen Kameraden warteten auf der Flucht traurige Schicksale. Auf ihrer Wanderung tigrisaufwärts fielen sie feindlichen Arabern in die Hände und wurden bis auf die Haut ausgeplündert. Dann gelang es ihnen, sich bis zu Fasil Pascha durchzuschlagen, der sie vom Tode rettete und mit allem Nötigen versah, und endlich erreichten sie Bagdad, wo ich später zwei dieser unverwüstlichen Männer traf.
Auf ihrem Rückzug versuchten die türkischen Scharen vergebens, sich in Amara und Kut-el-Amara zu halten. Sie mußten sich bis nach Sulman Pak zurückziehen, das auf dem linken Tigrisufer in der Nähe von Ktesiphon, gerade gegenüber den Ruinen von Seleucia, liegt. Die Engländer rückten nach und kamen im Sommer 1915 bis Sulman Pak; hier entschlossen sie sich jedoch, sich gegenüber den Türken einzugraben. Diese hatten mittlerweile Verstärkungen erhalten; Halil Pascha war von Aserbeidschan an der kaukasischen Front her mit einer Division zu ihnen gestoßen. Mitte November griff der neue Befehlshaber Nureddin Bei die englischen Stellungen an. Anfangs hatte er auch Erfolg; der Widerstand war aber doch zu stark, und er dachte schon daran, die Offensive aufzugeben, als Halil durch einen kräftigen Flankenangriff von Norden her die Lage rettete. Die Engländer räumten ihre Gräben und zogen sich in neue, stark geschützte Stellungen bei Kut-el-Amara zurück. Nureddin Bei folgte und griff von neuem an, wurde aber mit großen Verlusten zurückgeschlagen.
Da kam Feldmarschall von der Goltz, der zum Chef der 6. Armee ernannt war, in Bagdad an und fuhr ohne Aufenthalt nach Kut-el-Amara weiter. Er sah sogleich, daß eine Fortsetzung der Angriffe zwecklos war, weil die Türken nicht genügend Artillerie besaßen. So begann auch hier der Stellungskrieg.
Inzwischen erhielten auch die Engländer Verstärkungen. Eine neue Armee marschierte zum Entsatz nach Kut-el-Amara tigrisaufwärts. Hier war jetzt Halil Pascha Oberbefehlshaber, da man Nureddin Bei wegen eines Dienstversehens zurückgerufen hatte. Ein Teil der Truppen Halils ging den Engländern entgegen, und beim Wadi Kelal kam es Anfang Januar 1916 zum Kampf. Der Ausgang veranlaßte den Feldmarschall zum Rückzug in die Stellung bei Fellahije, die sich im Norden auf ein Sumpfgebiet stützte. Verschiedene Angriffe der Engländer gegen sie scheiterten an der gut geleiteten Verteidigung.
Mitte Februar machte der Feind deshalb einen Versuch, auf dem rechten Tigrisufer vorwärtszukommen. Eine neue türkische Division, die jedoch drei Bataillone an die persische Front hatte abgeben müssen, wurde nun über den Tigris geschafft, um in einer Stellung bei Simsir die Engländer aufzuhalten. Diese griffen vom 8. bis 11. März zweimal an, und die Lage der Türken wäre mehr als kritisch geworden, hätte nicht Halil rechtzeitig die Gefahr bemerkt und alle verfügbaren Truppen nachgeschickt. Eine Division, gegen 4000 Mann, wurde in einer einzigen Nacht auf Fähren und Booten über den Tigris gesetzt. Die Deutschen rühmten dieses Unternehmen als besonders gut ausgeführt. Die Schnelligkeit, mit der Halil seine überraschenden Bewegungen ausführte, brach die Angriffskraft der Engländer und zwang sie, ihren Vormarsch auf dem rechten Flußufer ganz aufzugeben.
Im April unternahmen nun die englischen Truppen unaufhörliche Angriffe auf die Stellung bei Fellahije. Lange ohne Erfolg, und ihre Verluste waren groß. Schließlich aber räumten die Türken ihre vordere Stellung, die von der auf beiden Flußufern aufgestellten englischen Artillerie flankiert wurde. Die Engländer bemerkten die Bewegung erst einen Tag später und verschwendeten noch 20000 Geschosse auf die leeren Schützengräben. Dann aber gingen sie zum Sturm über und drangen bis zur hinteren Linie vor, die von der Goltz inzwischen hatte anlegen lassen. Hier wurden sie mit mörderischem Feuer empfangen, und nach großen Verlusten gaben sie auch diesen Vormarsch auf. Der britische Befehlshaber hätte ganz leicht seine Absicht erreichen können, wenn er, statt immer an der Front anzugreifen, am Kanal Schatt-el-Hai entlang, durch den der Tigris einen Teil seines Wassers an den Euphrat abgibt, vorgerückt wäre und die Fellahijestellung umfaßt hätte. Nach Ansicht der Verteidiger beging die englische Armeeleitung unbegreifliche Mißgriffe. Schon damals hätte sie durch einen kühnen Handstreich Bagdad nehmen können. In der Nacht vom 21. zum 22. November hatten die englischen Truppen obendrein den Dijala überschritten, und ihre Vorposten waren nur 12 Kilometer von der Stadt der Kalifen entfernt, die Nureddin Bei mit einer Handvoll Leute besetzt hielt. Mehrere Tage standen die feindlichen Heere einander gegenüber. Die Ausfälle der Besatzung wurden zurückgeschlagen, und die Engländer rückten schon bedrohlich vor. Da warf sich Halil im rechten Augenblick auf sie und schlug sie aufs Haupt. So wurde die Stadt für diesmal gerettet.
Bagdads Bürger befanden sich in den entscheidenden Tagen in größter Aufregung; jeden Augenblick konnten ja feindliche Truppen einrücken. Die Europäer hatten ihre Wertsachen eingepackt, und Wagen standen bereit, sie nach Aleppo zu schaffen. Mit Halils Erscheinen war die Gefahr gebannt, man atmete wieder auf und blieb.
Bald darauf, Anfang Dezember, wurde General Townshend mit ungefähr anderthalb englischen Divisionen in Kut-el-Amara eingeschlossen. Das lähmte auch die übrigen Unternehmungen der Engländer auf den Kriegsschauplätzen. Verstärkungen wurden tropfenweise zu Entsatzversuchen eingesetzt, die von den Türken sämtlich blutig abgewiesen wurden. Schließlich, am 29. April 1916, mußte Townshend die Waffen strecken. Dabei fielen außer dem Oberbefehlshaber 5 Generale, gegen 500 Regiments- und Kompagnieoffiziere, sowie 13200 Unteroffiziere und Mannschaften, darunter 4500 Engländer, in die Hände der Türken.
Townshend durfte seinen Säbel behalten und wurde sofort nach Bagdad geschafft, wo man ihn, wie alle übrigen Offiziere, mit der größten Achtung und Gastfreundschaft behandelte. Von den englischen Offizieren waren drei vor dem Krieg bedeutende Kaufleute in Bagdad gewesen. Bei Kriegsausbruch hatte man sie als Gefangene nach Aleppo gebracht; ihr Ehrenwort, an Feindseligkeiten gegen die Türkei nicht teilzunehmen, verschaffte ihnen aber die Erlaubnis zur Heimreise. Nun waren sie zum zweitenmal gefangen, und man hielt sie von den übrigen getrennt. Es hieß, wenn sie vor ein Kriegsgericht gestellt würden, sei ihr Schicksal besiegelt.