Part 11
Mit meinem syrischen Führer besuchte ich ein einfaches jüdisches Haus in einer Nebenstraße. Der kleine viereckige Hof, tagsüber der Aufenthaltsort der Hausbewohner, war, wie gewöhnlich, mit quadratischen Ziegelplatten gepflastert, wie man sie etwa in Babylon findet. An der Mauer war ein Brunnen, aus dem man das Wasser mit Hilfe eines Ledereimers herausholte. Links vom Eingang führten wenige Treppenstufen in ein mit zerfetzten Matten und etlichen Schemeln möbliertes Loch, dessen Gitterfenster aus eine kleine offene Halle, den Eivan, hinausgingen. Im übrigen hatte das Haus nur eine Wohnung, deren dunkle Kammern mehrere Familien beherbergten. Die Juden sind arm und drängen sich stets auf möglichst engen Raum zusammen. Nur Frauen und Kinder waren daheim. Die Frauen tragen nichts weiter als ein Zwischending zwischen Kleid und Nachthemd. Die Kinder waren niemals mit Wasser, Seife oder Kamm in Berührung gekommen, und ihre Gesichter und Arme zeigten die Riesennarben der widerwärtigen Bagdadgeschwüre; diese rühren von einer giftigen Fliege her, deren Stich eine jahrelang offene Wunde hervorruft und eine entstellende, unvertilgbare Narbe zurückläßt. Auch ein paar alte Weiber saßen da, grauenhaft anzusehen. Ihre Finger wühlten in dem wirren Haar auf der Jagd nach Ungeziefer, das ihnen keine Ruhe ließ.
Auch dieses einfache Haus hatte einen „Särdab“, einen unterirdischen Raum, wohin man flüchtet, wenn die große Hitze kommt, ein widerliches, schmutziges Loch, eine Heimstätte für Skorpione und Tausendfüßler. Dort stand ein Lehmkrug mit kühlem Wasser, und voll Gastfreundschaft bot man mir einen Trunk. Aber ich lehnte dankend ab und eilte ans Licht und auf die Straße hinaus, wo die Luft doch noch etwas besser war, als in diesen furchtbaren Wohnlöchern der armen Juden.
Die architektonisch so anziehende Ghettostraße mit ihrem bunten Verkehr wollte ich nicht verlassen, ohne sie, wenn auch nur flüchtig, skizziert zu haben. Das war jedoch nicht so leicht zu machen. Die Häuser standen zwar still, aber alles andere war in steter Bewegung und konnte nur hastig in Umrissen angedeutet werden. Am unbequemsten war das Gewühl, das ich selbst verursachte. Alles blieb stehen und drängte sich heran, um zu sehen, was ich vorhabe. Freundliche Krämer boten mir einen Schemel an, um mir freie Aussicht über die Köpfe der Menge zu verschaffen; sie versahen mich mit Limonade und Zigaretten und hielten nach Möglichkeit die Zudringlichen fern. Vergebens! Die Verkehrsstockung wurde so stark, daß ich bald die Aufmerksamkeit der Revierpolizei erregte.
Ein Schutzmann bahnte sich plötzlich den Weg durchs Gedränge und fragte mich in barschem Ton, was ich hier zu zeichnen habe; ich müsse doch wissen, daß es während des Krieges streng verboten sei, im Hauptquartier zu zeichnen und zu photographieren. Da ich ruhig fortarbeitete, fragte er weiter, ob ich mich auf die Bekanntschaft mit einem hervorragenden türkischen Offizier berufen könne. Ich nannte Mesrur Bei. Diesen Namen habe er niemals gehört, erklärte der Mann des Gesetzes. Ich antwortete, er müsse doch den Kommandanten von Bagdad kennen, und die Polizei müsse obendrein wissen, daß ich mich schon seit einigen Wochen in der Stadt aufhalte. Darauf entschuldigte sich der Mann, aber da ich nicht in seinem Bezirk wohne, ersuchte er mich höflich, mit auf die nächste Polizeiwache zu kommen.
Ich beendete meine Arbeit und folgte ihm. Die Wache war eine kleine, offene Veranda an einer Straßenecke. Dort unterwarf mich ein Polizeioffizier einem eingehenden Verhör. Alles wurde notiert. Dann erhielt ich meine Freiheit ohne Bürgen -- aber nur für die Nacht.
Am nächsten Morgen wurde ich von zwei Gendarmerieoffizieren abgeholt und vor den Polizeimeister selbst geführt. Er war sehr höflich, bot mir Kaffee und Zigaretten an, ging meine Papiere genau durch und verglich ihren Inhalt mit dem Polizeirapport vom Tage vorher. Er merkte glücklicherweise nicht, daß ich mit der ausgelassensten Heiterkeit kämpfte -- ich, der Freund Halil Paschas, in demselben Basar verhaftet, in dem englische Offiziere und Soldaten in größter Freiheit umherstreiften! Ein starkes Stück, aber das Abenteuer war zu lustig, als daß ich es durch einen ernsthaften Protest hätte stören sollen.
Schließlich aber machte ich einen Vorschlag, der sogleich Klarheit in die dunkle Sache bringen müsse: wir sollten uns zu Mesrur Bei begeben, dessen Amtsräume im selben Hause lagen. Das leuchtete dem Polizeigewaltigen ein. Zwei Gendarmen und ein Offizier begleiteten uns. So traten wir in das Zimmer des Kommandanten.
Von Untergebenen und Besuchern umringt, saß Mesrur Bei an seinem Schreibtisch. Als er mich so plötzlich als Gefangenen vor seinem Richterstuhl sah, brach er zunächst in schallendes Gelächter aus. Als er sich dann erholt hatte, rief er: „Was, Sie arretiert? Dann bitte ich darum, Ihnen sofort wieder die Freiheit schenken zu dürfen.“ Eine vornehme Gebärde gab meiner Eskorte das Zeichen, zu verschwinden, und als sie abzog, grüßte ich höflich zum Abschied. Die türkischen Gendarmen hatten mir ja Gelegenheit gegeben zu sehen, daß sie ihre Instruktion genau befolgten.
Will man im Orient sein Skizzenbuch mit Volkstypen bereichern, so bieten nur die Frauen fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Der freundlichen Vermittlung der französischen Dominikanerschwestern verdanke ich es, wenn ich gleichwohl eine Anzahl charakteristischer Frauenbilder darbieten kann. Jede saß eine Stunde für ihr Porträt und erhielt als Lohn einen blanken Medschidije; die Schwestern riefen dazu besonders Arme ins Kloster, für die vier Mark ein kleines Vermögen bedeuteten.
Einige Schwestern und mehrere ihrer jungen Schützlinge wohnten den Sitzungen mit gespannter Aufmerksamkeit bei, und eines der Mädchen fächelte mir mit Palmenblättern Kühlung zu, was in einem Zimmer mit etwa 38 Grad Tagestemperatur sehr willkommen war. So zeichnete ich eine leicht verschleierte junge Türkin, die sich träumend ans Fenster lehnt (Bild S. 120), Habuba, eine sechsundzwanzigjährige Chaldäerin aus Tell-keif, die ihre Stirn mit Silbermünzen und ihre Brust mit bunten Ketten geschmückt hatte (Bild S. 137), und ihre Landsmännin, die fünfzehnjährige Mariem aus Alkosch. Ferner Jüdinnen verschiedenen Lebensalters. Auch von den Schützlingen des Klosters mußten einige Modell sitzen. Selbst eine mohammedanische Araberin, die fünfzehnjährige Munteha vom Stamm Mufarridj aus Sobeïd, ließ sich nach vielen Wenn und Aber dazu bewegen, ihren Schleier zurückzuschlagen und ihre von der Wüstensonne gebräunten Züge und die schwarzen, brennenden Augen zu zeigen. Am rechten Nasenflügel trug sie einen silbernen Ring, und Ringe vom selben Metall schmückten ihre Handgelenke. Sie kam in Begleitung einer Schwester und einer Freundin, der achtzehnjährigen Bahije aus Hille, die ich mit dem charakteristischen Wasserkrug porträtierte (Bild S. 223).
Unter meinen männlichen Modellen war das ergötzlichste ein alter mohammedanischer Barbier, der in dem Herzog Adolf Friedrich und seinen Freunden getreue Kunden besaß.
Die Bevölkerung von Bagdad ist im Gegensatz zu den Einwohnern von Aleppo z. B. bekannt wegen ihrer Ruhe und ihrer freundlich-friedlichen Gesinnung gegen die Europäer. Ein Fremder wird in Bagdad nie belästigt, wenn er einsam durch die engen Gassen streift; nicht einmal die Armen sind zudringlich wie sonst in den Städten des Orients. Das erklärt sich zum Teil aus dem Haß, der zwischen Sunniten und Schiiten herrscht und die Abneigung gegen die Christen weit übersteigt. In rein schiitischen Städten wie Mesched-Hussein oder Kerbela, Mesched-Ali, Nedschef oder Kasimen dagegen sind die Europäer keineswegs sicher.
Wer das Volksleben Bagdads genauer studieren will, muß sich natürlich längere Zeit und vor allem im Frieden dort aufhalten. Nur dann hat er Gelegenheit, einer der prächtigen, mit Tänzerinnen und Saitenspiel gefeierten orientalischen Hochzeiten beizuwohnen, an denen auch Christen teilnehmen, oder ein jüdisches Begräbnis bei nächtlichem Fackelschein zu sehen. Und wenn er zufällig zur Zeit einer Mondfinsternis dort weilt, kann er erleben, wie abergläubische Leute durch Trommelwirbel, Klirren mit Kasserollen und anderen Spektakel den „Mondhund“ zu verjagen suchen. Der Durchreisende hört von all dem nur erzählen.
Nach meiner Rückkehr von Babylon, von dem spätere Kapitel meines Buches berichten werden, folgte ich der liebenswürdigen Einladung des Herzogs und des Konsuls Richarz und zog in des letzteren Haus. Schölvinck und ich teilten uns in ein geräumiges Zimmer in dem unsre Kisten, Kleider und übrigen Habseligkeiten eine angenehme Unordnung schufen, gegen die Gustav, der prächtige Diener des Rittmeisters, einen vergeblichen Kampf führte. Nach dem Frühstück pflegte ich in den Labyrinthen der Stadt zu verschwinden, das Mittagessen ersetzte ich meist im Basar durch Früchte und Brot. Nach 4 Uhr versammelten wir uns zum gemeinschaftlichen Tee. Daran schloß sich oft eine Bootfahrt auf dem Tigris, um nach der Hitze des Tages etwas aufzuatmen. Solch eine Abendfahrt sei hier beschrieben.
Namo, das Faktotum des Konsuls, ein Syrier mit Fes, erhält den Befehl, ein Belem oder Ruderboot zu beschaffen. Er verschwindet auf der Halil Pascha-Straße, und noch ehe wir die Treppe des Kais hinabgestiegen sind, kommt er mit dem gemieteten Boot angerudert. Der Herzog nimmt am Steuer Platz. Über unsern Köpfen hängt an zwei Stangen ein aufgespanntes Sonnendach.
Die beiden Ruderer legen los. Wir wollen stromabwärts auf das rechte Ufer hinüber, zum Hause der deutschen Marinesoldaten. Die Wasserfläche wimmelt von Fahrzeugen aller Art. Hier fährt ein Belem mit munteren syrischen Mädchen, dort einer mit deutschen und türkischen Offizieren, die dienstlich unterwegs sind. Eben kreuzt vor uns ein Boot mit französischen Dominikanerschwestern, die nach schwerer Tagesarbeit bei den Kranken nach Hause zurückkehren. Ein Meheile wird quer über den Strom gerudert; das Spiegelbild seines hohen Mastes zittert auf der Wasserfläche.
Nun sind wir drüben und fahren an den Terrassen des rechten Ufers entlang. Welche Reihe amüsanter Bilder! Guffas und Belems werden von Ruderern an langen Seilen bugsiert. Überall geschäftige Tätigkeit; Kinder und Pferde werden gewaschen, Tische und Kleider gereinigt. Und diese lustige Pracht der weißen, grünen, gelben, hellroten und hellblauen Häuser mit schattigen Veranden vor dem Hintergrund des tiefen Grüns der Palmen!
Bald werden die Häuser seltener, die Gärten zahlreicher und größer. Lautlos treiben wir im Schatten der Dattelbäume stromabwärts; die Schiffer ruhen an ihren Rudern. Das Stöhnen einer Dampfmaschine, die Wasser in einen Kanal pumpt, unterbricht die Stille. Daneben ist ein Paternosterwerk mit altehrwürdigem Pferdegöpelbetrieb im Gang, sogar die primitive Einrichtung mit den auf- und abgehenden Ledersäcken, die gellend ihr melancholisches Lied singen, findet sich auch hier noch. Die Wasserwerke am Tigris sind aber fester gebaut als die am Euphrat, sie ruhen gewöhnlich auf runden Ziegelmauern, die den Schiffern sehr hinderlich sind, wenn sie vom Ufer aus ihre Fahrzeuge stromaufwärts ziehen.
Wir haben es uns auf den Polstern der Bänke bequem gemacht. Kein Windhauch regt sich. Der Zigarettenrauch steigt in blauen Ringen empor und steht wie ein Nebelstreif hinter dem vorwärts gleitenden Boot in der Luft. Palmen breiten ihre friedlichen Blätter über den Strom. Man gerät ins Träumen. Wenn es doch so weiter ginge bis tief in die Nacht! Selbst der hier überall und stündlich drohende Flecktyphus hat seine Schrecken verloren.
Vor uns biegt nun der Strom nach rechts ab; weiter abwärts windet er sich nach Seleucia, Ktesiphon, Kut-el-Amara, mitten hinein in das Lager der Feinde. Dort stehen die Engländer. Wie wäre es, wenn wir die Fahrt bis zu ihnen fortsetzten? Wie weit wurden wir wohl mit heiler Haut kommen? Wir wären kein übler Fang für sie.
Lieber doch umkehren! Unsere Belemtschis springen ans Land und bugsieren unser Boot stromaufwärts. Noch einmal zieht das reizvolle Uferbild mit seinen Palmen, Wasserwerken und Villen vorüber. An einer offenen Strandstelle badet jetzt eine Kompagnie türkischer Soldaten, und weiter oben holen farbige englische Gefangene Wasser.
Die Sonne geht unter und ergießt ihr rötestes Gold über den Strom. Schon nähern wir uns der Schiffbrücke, aus deren unsicheren Planken Bagdads Söhne und Töchter von einem Ufer zum andern lustwandeln. Eine kleine Flottille von Meheiles ist am Brückenkopf vertäut, sie hat ihre Ladung noch nicht gelöscht. Ein Knäuel enger Gassen mündet hier; es sind die Zufahrtsstraßen zu den Basaren des rechten Ufers. Überall der gleiche lebhafte Verkehr! An einer kleinen Landungsbrücke liegen mehrere Guffas; ihre Besitzer warten geduldig auf zahlungsfähige Kunden.
Kuppeln, Minarette und Masten bilden herrliche Schattenrisse auf dem Hintergrund des noch hellen Horizontes. Aber die Dämmerung ist kurz im Orient. In einer Stunde schläft Bagdad schon, aber noch sind die Balkone aller Kaffeehäuser voll von Gästen, nicht zum wenigsten von persischen Pilgern und Soldaten. Sie trinken Tee oder Kaffee, rauchen Zigaretten oder Nargileh, genießen ihren „Keif“, ihre Siesta, nehmen das Leben in echt orientalischer Ruhe und achten kaum auf das Brausen des Weltkriegs, der doch so nahe herantobt.
Zwischen den Pontons hindurch wenden wir zum linken Ufer hinüber, um die Brücke dort noch einmal zu kreuzen und uns dann vom Strom nach dem Kai des Konsuls treiben zu lassen. Fast könnte man sich hier nach Venedig träumen. Ruderer stehen auf den Bänken ihrer Boote und stoßen ihr Fahrzeug mit Hilfe der Balken vorspringender Balkone stromaufwärts. An den Mündungen der kleinen Gassen schießen die Fahrzeuge hin und her. Öllampen werden angezündet, und hier und da strahlt schon in den Häusern ein Licht.
Am Ziel angelangt, lassen wir uns in Korbstühle auf dem Kai nieder. Das Leben am Ufer ist jetzt zur Ruhe gekommen, die Nacht hält ihren Einzug in die Stadt. Mitten auf dem Strom leuchten nebeneinander zwei winzige Lämpchen; sie scheinen direkt auf der Wasserfläche zu schwimmen. Frauen, die eines Mannes Liebe gewinnen oder ihre Ehe mit Kindern gesegnet sehen wollen, setzen solche Lichter auf Brettchen und übergeben sie der Strömung. Dann beobachten sie gespannt, wohin ihr Lichtchen treibt und wie lange es auf den Wellen brennt. Langsam schwimmen die beiden Lichtpünktchen den Strom hinab. Allmählich trennen sie sich von einander. Das eine wird von rascheren Wirbeln erfaßt und scheint den Vorsprung zu gewinnen; aber plötzlich wird es kleiner, flammt noch einmal auf und erlischt. Arme Beterin! Nun geht sie heim mit sinkender Hoffnung. Das andere Licht setzt seine Fahrt noch eine Weile ruhig fort und verschwindet schließlich auch.
Auf der höchsten Dachterrasse wird der Tisch zum Abendbrot gedeckt. Die große Petroleumlampe in seiner Nähe lockt ganze Schwärme fliegender Insekten an. Noch immer ist es unerträglich heiß; schlimmer als die 37 Grad, die das Thermometer zeigt, ist die dicke, feuchte Luft, die so still ist, daß man das Licht ohne Glocke brennen lassen könnte. Manchmal weht ein Lüftchen, aber so schwach, daß man es nur an den Bewegungen des Tabakrauches merkt. Man trinkt in einem fort von dem gekühlten, kohlensäurehaltigen Wasser, das wenigstens einen Augenblick lang erquickt.
Mai, August und September gelten als die schlimmsten Monate in Bagdad; besonders der Mai ist furchtbar infolge der schweren, drückenden, feuchten, unbeweglichen Luft.
Im Juni und Juli steigt das Thermometer zwar höher, zuweilen bis zu 50 Grad Celsius. Aber diese Hitze ist trocken und wird von erfrischenden Winden gemildert. Die höchste Gradzahl, die ich im Mai erlebte, war 42 Grad Celsius. Im August begibt sich alles, was dazu in der Lage ist, Eingeborene wie Europäer, nach Gärten und Palmenhainen unterhalb Bagdads und wohnt in luftigen Zelten am Ufer des Tigris. Wer in der Stadt arbeitet, läßt sich des Morgens nach Bagdad hinaufrudern und fährt am Abend nach den Zelten zurück. Diese Sommerfrische dauert bis Anfang November. Dann ist die Hitze vorüber, und der regnerische, oft ziemlich kalte Winter zieht ein. Der Winter 1915/16 brachte Bagdad sogar mehrere tüchtige Schneefälle.
Daß bei solchem Klima die gesundheitlichen Verhältnisse Bagdads nicht sonderlich günstig sind, läßt sich denken. Die gewöhnlichen Krankheiten sind Ruhr, Dysenterie, Cholera, Typhus, Flecktyphus und Malaria, dazu eine Reihe zum Teil neu entdeckter tropischer Fieber und ein eigentümliches Herzleiden, über das sich die Ärzte noch nicht im klaren waren. --
Statt sich an die Hitze zu gewöhnen, wird der Europäer, wie mir versichert wurde, mit jedem Jahr dafür empfindlicher. Den ersten Sommer erträgt er leicht; er erinnert sich der abschreckenden Beschreibungen der infernalischen Glut, sieht ihrem Herannahen mit einigem Bangen entgegen und ist erstaunt, daß er dies Fegefeuer so leicht übersteht. Der zweite Sommer macht schon empfindlicher und reizbarer, im dritten wird man schlaff und willenlos, und der vierte ist eine Qual. Dehnt sich der Aufenthalt länger aus, so wird man wohl schließlich Orientale; die Beduinen schützen nur Kopf und Hals durch ein leichtes Tuch vor den brennenden Sonnenstrahlen und können hundert und mehr Kilometer zurücklegen ohne andere Nahrung als eine Handvoll Datteln und etwas Wasser aus dem mitgeführten Lehmkrug. Der Europäer überspringt am besten einen Sommer und zieht sich in seine Heimat, nach dem Libanon oder dem Himalaja zurück.
Die Stunde wirklichen Behagens schlägt erst, wenn man sein Bett auf dem Dache aufsucht. Eilig wirft man die Kleider ab und kriecht vorsichtig unter das Mückennetz, dessen Kanten sorgfältig unter die Matratze gestopft werden. Im Mai bringt aber selbst die Nacht nicht immer Linderung. Man liegt da und krümmt sich wie in einem Dampfbad. Man schläft splitternackt, aber unerreichbar den Mücken und Moskitos, die das Netz umsummen, und sieht die ewigen Sterne zu seinen Häupten blitzen. Eine Weile liegt man wach und lauscht den Stimmen der Nacht. In einem Nachbargrundstück unterhält sich ein Mann mit seiner Frau; vom Tigris her klingen taktfeste Ruderschläge eines späten Bootes, sie kommen näher, gehen vorüber und verstummen in der Ferne. Ab und zu hört man die Flügelschläge eines Nachtvogels oder die melodischen Phantasien einer Nachtigall. Die Schwalben schlafen in ihren Nestern; in den heißesten Stunden des Tages pflegen sich etwa fünfzig in den Zweigen eines großen Maulbeerbaumes auf unserem Hof im Schatten niederzulassen, um am Abend wieder auszufliegen. Wenn sie von der Hitze ermattet ganz still sitzen, sind sie ein wunderhübsches japanisches Gemälde. Jetzt beginnt ein Hund zu bellen, andere erwidern, und plötzlich geht ein Geheul wie eine Woge über die Stadt und weckt ein Echo am andern Ufer. Dann läßt es nach, hört ebenso plötzlich auf, und Stille breitet sich wieder über Bagdad. Keine Turmuhr verkündet hier den Gang der Stunden, die Kirchenglocken fehlen ja. Aus der Ferne tönt nur hin und wieder das schallende Gelächter der Schakale herüber.
Zwölftes Kapitel.
Zwei Deutsche: von der Goltz und Moltke.
Am Tag nach meiner Ankunft in Bagdad besuchte ich mit dem Herzog das Grab des Feldmarschalls. Es lag am Tigrisufer in einem runden Vorsprung der Erosionsterrasse, den eine niedrige Brustwehr aus Ziegelsteinen einfaßte, nur wenige Schritt unterhalb des Hauses, von dem aus der alte Krieger die Operationen der 6. Armee geleitet und wo er seine Tage beschlossen hatte.
Der Tote ruhte zwei Meter tief unter der Erde in einem Zinksarg. Kein Kreuz, kein Denkstein, keine Kränze zierten die Stätte; nicht einmal Gras hatte man auf dem Hügel gesät -- nichts als grauer Staub der Straße. Der einzige sichtbare Schmuck waren einige englische 15 Zentimeter-Granaten.
Sollte diese spartanische Einfachheit sagen: Ganz Bagdad ist sein Grabdenkmal? Nein, der Tote hatte hier keine bleibende Rast. Einige Tage später wurde das Grab zur Nachtzeit geöffnet, der Sarg herausgenommen, über den Tigris geschafft und mit der Bahn nach Samarra und weiterhin zu Wagen bis Ras-el-Ain befördert. Von da ging die Fahrt nach Konstantinopel und Therapia, wo auf dem schönen Hügel oberhalb der Sommerresidenz der Deutschen Gesandtschaft ein neues Grab bereitet war. Das türkische Generalkommando hatte den Wunsch ausgesprochen, seinen alten Lehrer in der Kriegskunst behalten zu dürfen. Und diese seine neue Grabstätte hat eine zweifache Bedeutung: Sie ist eine Erinnerung an die Vergangenheit und eine Warnung für die Zukunft, denn sie blickt auf den nördlichen Teil des Bosporus und das Schwarze Meer, eine Wasserstraße, die für russische Kriegsschiffe verschlossen ist und verschlossen bleiben wird.
An jenem schmucklosen Grab, das die irdischen Überreste des Feldmarschalls nur vorübergehend barg, hatte gleich nach dem Siege von Kut-el-Amara eine um so eindrucksvollere Feier stattgefunden, bei der Refik Bei, der Chef des Etappenwesens der 6. Armee, die folgenden schönen Worte sprach:
„Ruhmreicher Märtyrer, großer Marschall! An dem Tag, da dein sterblicher Teil in die osmanische Erde und dein unvergängliches Andenken in die osmanischen Herzen gesenkt wurden, da sprach mit vor Rührung zitternder Stimme dein Generalstabschef Oberst Kiasim Bei, zu deinem Haupte stehend und dein hohes Bild vor Augen, diese Worte: deine siegreiche Armee, die dort unten mit dem Feinde kämpft, wird binnen kurzem Kut-el-Amara einnehmen und den Lorbeerkranz des Siegs dir um die Stirn flechten. Ruhmreicher Heerführer! Möge die glückliche Botschaft zu deinem Ohr dringen: deine Armee hat den verheißenen Sieg erfochten, Kut-el-Amara eingenommen und 5 Generale, 500 Offiziere und 13000 englische Soldaten zu Gefangenen gemacht. Deine Armee hat das an Zahl überlegene feindliche Heer gezwungen, vor ihren Bajonetten zu fliehen. Das osmanische Heer, das du liebtest, wie dein eigenes Leben, wird mit Hilfe des Allmächtigen den Feind aus ganz Mesopotamien vertreiben. Unsterblicher Lehrmeister des osmanischen Heeres! Wir geloben an deinem Grab, daß deine Armee darnach streben wird, deine Seele mit neuen Siegesbotschaften zu erfreuen. Ruhe sanft, geliebter großer Heerführer!“
Als dann der Sarg jenseits des Bosporus angelangt und bei Therapia beigesetzt war, wurde auch in Berlin eine Trauerfeier für von der Goltz veranstaltet. Sie fand am 18. Juni 1916 in einem der großen Säle des Reichstagsgebäudes statt. Der Saal war mit Flaggen und Palmen geschmückt. Hinter dem Rednerpult standen Büsten des Kaisers, des alten Moltke und des Toten selbst. Mehrere Redner ergriffen das Wort, alles Zivilisten. Als der letzte geendet hatte, erhob sich -- ganz unprogrammäßig -- Generaloberst Hellmuth von Moltke -- schritt zum Rednerpult und widmete seinem alten Kameraden folgende tiefempfundenen Abschiedsworte: