Part 10
Zu den Sehenswürdigkeiten Bagdads gehört auch die kleine Stadt Kasimen auf dem rechten Tigrisufer mit einer von den Schiiten sorgsam gepflegten Grabmoschee für Imam Musa-el-Kasim (gestorben 801 n. Chr.) und seinen Enkel. Der persische Pilgerverkehr dorthin ist so zahlreich, daß Midhat Pascha auf der zwischen üppigen Palmenhainen hinführenden Landstraße eine Pferdebahn anlegen ließ, deren zweistöckige, sehr abgenutzte Wagen gepfropft voll waren. Auch Kasimen hat seine Basare, Karawansereien und Kasernen. Die Grabmoschee selbst konnte ich aber nur von einem Dache aus sehen und durch das Eingangstor einen flüchtigen Blick in den Tempelhof werfen, dessen Innenfassade mit moderner Fayence farbenprächtig ausgelegt war. Auf dem Rückweg besuchte ich Sitte Sobeïd, ein Mausoleum, das Harun-er-Raschid seiner Lieblingsgemahlin Sobeïd errichtete. Das ursprüngliche Grabmal wurde im Jahre 1051 zerstört, und der jetzige Bau mit seinem pyramidenförmigen Turm zeigt zwar den Stil des 11. Jahrhunderts, ist aber kaum hundert Jahre alt. Zahlreiche neue Gräber mit einfachen Steinplatten umgeben ihn, und in seiner Nähe steht unter Palmen die kleine schöne Grabmoschee Scheik Ma’ruf-el-Kaschi.
Die Angaben über die Bevölkerungszahl Bagdads schwanken zwischen 120 und 300000. Europäer, die lange in Bagdad gewohnt, und fremde Besucher, die es nach allen Richtungen durchwandert und von hochgelegenen Aussichtspunkten aus sein Häusermeer betrachtet haben, sind der Überzeugung, daß die Zahl 120000 der Wirklichkeit am nächsten kommt. Einen brauchbaren Anhaltspunkt für die Berechnung ergibt der Verkehr in den Basaren der verschiedenen Städte; die von Damaskus z. B., das etwa 300000 Einwohner hat, sind viel weitläufiger und besuchter. Der syrische Erzbischof von Bagdad berechnet die Zahl der Bewohner auf 230000 : 150000 Mohammedaner in zweiunddreißig verschiedenen Sekten mit etwa hundert Moscheen, von denen nur ein Drittel Kuppel und Minarett hat, 60-80000 Juden, die fünfzig Synagogen haben und neun Zehntel des Handels beherrschen (nach europäischen Angaben höchstens 45000), 7000 Chaldäer, 2000 Syrier, je 4-500 armenisch-katholische und armenisch-orthodoxe, etliche römische Katholiken, und dazu die wenigen Kurden, die nur von Zeit zu Zeit die Stadt besuchen. Im Jahre 1900 berechnete Max von Oppenheim die Einwohnerzahl auf 200000, davon 150000 Mohammedaner (einschließlich 90000 Schiiten), 10000 Christen und 40000 Juden.
Als ich Bagdad vor dreißig Jahren besuchte, wohnten nur wenige Europäer dort. Vor Ausbruch des Weltkrieges zählte man deren mehrere Hundert. Neue Kaufhäuser und Banken waren seitdem entstanden, besonders hatte die Bagdadbahn viele Deutsche herbeigezogen, und während meines jetzigen Aufenthaltes hatten die Aufgaben des Krieges zahlreiche Europäer, darunter viele Deutsche, Träger berühmter Namen, und mehrere meiner Landsleute in deutschen Diensten nach Bagdad geführt. Einige, die zu meinem nächsten Freundeskreis gehörten, nannte ich bereits. Bei ~Dr.~ Herle sah ich den hervorragenden Arzt Professor Reich, der auf der Rückreise von Persien am Flecktyphus erkrankt war; er schien dem Tode nahe, überwand jedoch die Krisis und konnte Anfang Juni nach Deutschland heimkehren. Die archäologische Forschung war glänzend vertreten durch die Professoren Andrae und Jordan, die Leiter der Ausgrabungen in Assur, und durch Professor Sarre, der gemeinsam mit ~Dr.~ Herzfeld das Geheimnis von Samarra bloßlegte. Beiden Ruinenstädten sind spätere Kapitel meines Buches gewidmet. Die Archäologen ~Dr.~ Lührs und Bachmann waren dienstlich an der Irakfront beschäftigt.
Wie Deutschland in allen großen Städten Vorderasiens überaus tüchtige Konsuln besitzt, so auch in Bagdad, wo ~Dr.~ Hesses vielseitige Kenntnisse auch für die Kriegführung von größtem Nutzen waren. Früher war der englische Generalkonsul der mächtigste Ausländer hier; er unterstand dem Gesandten in Konstantinopel, war aber auch als politischer Agent und Resident der indischen Regierung tätig. Eine Eskorte von Sepoys und ein eigenes Schiff bezeichneten nachdrücklich seine Machtstellung. Jetzt waren die englischen, französischen und russischen Konsuln verschwunden, nur die von Österreich, Amerika und Persien noch auf dem Posten. Dem persischen Konsul machten die Pilger seiner Heimat viel zu schaffen, die lebenden und noch mehr die toten, die in Decken gehüllt auf Mauleseln nach Kerbela überführt werden mußten.
Im Stabe des Herzogs traf ich Rittmeister Tschirner wieder, dem ich an der Ostfront bei Suwalki begegnet war. Stabschef war Major von Köppen. In einem Krankenhause lag in bedenklichem Zustande der deutsche Schriftsteller Armin T. Wegner, bekannt durch seine Bücher „Zwischen zwei Städten“, „Gedichte in Prosa“ und andere. Der deutsche Arzt ~Dr.~ Schacht führte Schölvinck und mich an sein Schmerzenslager, wo wir eine unvergeßliche Stunde verbrachten.
Mit einer gewaltigen Karawane von Mauleseln und persischen Dienern kam von Teheran der dortige deutsche Gesandte ~Dr.~ Vassel und mietete für sich und sein Gefolge ein Stück vor der Stadt ein Haus. Hier wohnte auch Wilamowitz als deutscher Militärattaché in Persien. Als ich meinen Reisekameraden das letzte Mal sah, hatte er hohes Fieber, war aber nicht dazu zu bewegen, das Bett aufzusuchen. Er war gerade Major geworden, und nach ~Dr.~ Vassels Abreise war er deutscher ~Chargé d’affaires~. Er hoffte, den siegreichen türkischen Truppen nach Persien folgen und endlich der erstickenden Hitze entfliehen zu können. Seine Krankheit aber verschlimmerte sich plötzlich, und er starb Mitte Juli, eine trauernde Witwe, geborene Freifrau von Fock, und eine kleine Tochter hinterlassend, die jetzt in Stockholm wohnen.
An Direktor Wurst hatte die Deutsche Bank in Bagdad einen vortrefflichen Vertreter, dessen Arbeitslast sich ungeheuer vermehren wird, wenn die Bagdadbahn einmal fertig ist. Herr Brown, Chef eines großen deutschen Handelshauses, hatte acht Jahre lang an der Piratenküste des Persischen Golfs unter wenig bekannten Araberstämmen gelebt; durch Handelsverbindungen, die er mit ihnen und den Beduinen in Mesopotamien anknüpfte, besaß er einen großen Einfluß auf diese Völker. Er erzählte mir von dem mächtigen Araberhauptmann Ibn Reschid südlich von Hille, der mit einer Streitmacht von 30000 Mann der türkischen Sache treu ergeben ist, und von andern Stämmen weiter unten am Golf, die auf ihren Kriegszügen die vornehmsten Frauen in schimmernder Pracht auf Dromedaren voranreiten lassen, um den Mut der Kämpfer anzufeuern. Bei Brown wohnte der junge Diplomat Herr Dickhoff von der Deutschen Gesandtschaft in Teheran. Herzog Adolf Friedrich mit Gefolge, Graf Wilamowitz und ich waren oft in Browns Haus zu Gaste, besonders an Mondscheinabenden, wenn man ohne Lampe auf der Dachterrasse sitzen und den Anblick des silberblanken Stroms und der seltsam beleuchteten Palmen genießen konnte.
Elftes Kapitel.
Sommertage in „Dar-es-Salaam“.
Bagdads Sehenswürdigkeiten, d. h. das, was 1258 von den Horden Hulagus und hundertfünfzig Jahre später von Tamerlan verschont wurde, lassen sich an einem Tage besichtigen. Und doch -- wie gern verweilt man ein paar Wochen hier, um den unverfälschten Orient und das farbensatte Straßenleben zu genießen. Die Stadt hat eigentlich nur eine Straße, die diesen Namen verdient. Hier kann man sogar Droschke fahren, wenn man nicht gerade in einem unentwirrbaren Knäuel von Karawanentieren, Reitern und Wagen stecken bleibt. Sie setzt die Straße Halil Paschas nach Nordwesten fort und läuft parallel dem Tigris durch die ganze Stadt, durch die vornehmste Pulsader des Basars und weiter am Kopf der Pontonbrücke vorüber auf dem linken Ufer nach der Zitadelle Kala, einem mauerumschlossenen Block von Zivil- und Militärgebäuden, Serail, Konak und Kaserne.
Auf dieser Straße wogt ein bunter Karneval der Rassen -- Semiten, Mongolen, Arier, selbst Neger --, der verschiedensten Religionen, Geschlechter und Stände. An den Ecken sitzen die Armen, die übrigens während des Krieges weit minder zahlreich waren, als man erwarten sollte. Auf weißen Mauleseln oder kostbaren arabischen Stuten reiten die Standesherren. Mit unbewußter Majestät, die geborenen Aristokraten Vorderasiens, tragen die echten Araber, die Wüstenbeduinen, ihre weißen, flatternden Kopftücher unter den Stirnreifen und ihre weiten, bis zu den Füßen reichenden Mäntel. Juden überall, in orientalischen Trachten und leicht erkennbar an ihren ausgeprägten Zügen. Dunkelblau gekleidete Araberinnen verstecken die Glut ihrer Augen hinter undurchdringlichen Schleiern. Die türkischen Damen gehen gewöhnlich schwarz gekleidet, oft in Seide, und lassen ebenfalls keinen Schimmer ihrer Gesichtszüge sehen. Die Christinnen Bagdads: Syrierinnen, Chaldäerinnen, Armenierinnen, tragen helle, leichte Gewänder, die wie zusammengefallene Ballonhüllen ihre Formen verbergen, ihre schmucken Gesichter aber den Augen der Männer freigeben. Auch die Trachten der Jüdinnen gleichen denen der Mohammedanerinnen, nur der Schleier verrät sofort die Rasse, ein kleines schwarzes, goldgerändertes Sonnendach, das von der Stirne wagerecht vorspringt oder schwach abfällt und das Gesicht nicht verbirgt, sondern nur beschattet.
Überall malerische Bilder und Gruppen! Sieh nur dort die arabische Mutter, die ihr kleines Kind auf der rechten Schulter trägt und ihren Buben an der linken Hand führt; oder hier die in dunkelblaue Schleier gehüllten Mädchen, die zum Strand hinab eilen, um in schönen Lehmkrügen oder Kupferkannen Wasser zu holen. Auch im Innern der Stadt trifft man sie, wenn man an den kleinen Wasserbehältern unter den schützenden Ziegelwölbungen stehen bleibt; hier lassen sie sich abends nieder, treffen ihre Nachbarinnen, plaudern und tragen die wildesten Basargerüchte weiter.
Von der Hauptstraße führen mehrere kleine Quergassen oder schmale Gänge zwischen den Häusern zum Tigrisufer hinab, wo Boote und Guffas ihre Landungsplätze haben. Dorthin wandern barfuß auch die Sakkas, die Wasserträger; in schwarzen, weichen, tropfenden Ziegenfellsäcken tragen sie Wasser in die Haushaltungen und zu den durstigen Wanderern in den Basaren, oder sie sprengen damit die trockenen Straßen. Der Sack hängt auf der rechten Seite, mit der rechten Hand halten sie ihn zu, während die linke eine kleine, bis zum Rand gefüllte Holzschale darreicht. Besondere Geschicklichkeit gehört dazu, den leeren Sack zu füllen; ein an doppeltem Riemen befestigter Ledereimer wird in den Fluß hinabgelassen, ohne daß der Mann sich bückt, dann mit einer eleganten Bewegung herausgehoben und in die offene Mündung des Sacks hinein entleert.
An einzelnen Stellen lassen Häuser oder Gärten einen schmalen Uferstreifen frei. Hierhin kommen die Wasserträger, die ihre großen Säcke aus Ochsenhaut paarweise von Eseln tragen lassen können. Hier füllen die Frauen ihre Krüge, waschen Kleider oder Kinder; die Schleier sind zurückgeschlagen, die weiten rockähnlichen Hosen bis übers Knie heraufgezogen, und barfuß gehts ein Stück in das seichte Wasser hinein. Dann lassen sie sich in Gruppen am Strande nieder, um zu schwatzen, und kehren schließlich in ihre Häuser zurück, anmutig ihre Krüge bald auf den Schultern, bald auf dem Kopf balancierend.
Knaben, Jünglinge und erwachsene Männer benutzen denselben Platz zum Baden. Schwimmen können sie alle, sie sind ja an dem gewaltigen Strom geboren, von ihm abhängig, mit ihm vertraut. Geschmeidig wie Katzen klettern sie am Kai hinauf, springen wieder ins Wasser, schwimmen umher, tauchen und ringen mit der Strömung, schreien und lachen. Es ist ein Summen wie im Bienenkorb, ein Spritzen und Plantschen, als zöge eine Schar Delphine vorüber. Ohne Gefahr ist solch ein Bad nicht; aus dem Persischen Golf gehen ab und zu Haifische tigrisaufwärts bis nach Bagdad, ja sogar bis Samarra.
Doch zurück in das Gewimmel der Straßen, unter die vornehmen Kaufleute und die Hausierer, die Süßigkeiten, Brot oder Früchte feilbieten, die Beamten in halbeuropäischer schwarzer Kleidung mit rotem Fes, die Syrier, die oft eine europäische Jacke über weißen orientalischen Hemden tragen, die feierlichen Priester in weißen Turbanen und weiten Mänteln, die Pilger, die Beduinen und die anatolischen Soldaten, die auf dem Wege zur Front sind, zum Irak unterhalb Kut-el-Amara oder nach Persien. Während meines Aufenthaltes in Bagdad zogen eines Tages die Truppen ein, die ich einen Monat vorher bei ihrem Aufbruch am Dschirdschib gesehen hatte. Einen langen Weg durch trockene Wüstengegenden hatten sie hinter sich, trotzdem waren sie in bester Verfassung, glänzten von Schweiß und Sonnenbrand und sangen munter zu ihrer Musik. Ihr schweres Gepäck, bestehend aus Gewehr und Ranzen, Spaten, Zeltbahn und anderem mehr, schien sie nicht zu drücken. Sie sahen munter aus, und ihre Schritte hallten taktfest wider. Sie marschierten in einer Staubwolke, aber über ihren weichen Schirmmützen wiegten die Palmen ihre Blattkronen.
Die vornehmen Privathäuser Bagdads sind alle nach demselben Muster gebaut, mögen sie nun Arabern oder Christen gehören. Ich besuchte einige von ihnen. Äußerlich sind sie sehr unansehnlich. Man bemerkt sie kaum von der engen Gasse her, die von grauen, nichtssagenden Mauern eingefaßt ist. Das Haupttor ist klein, aber meist von geschmackvoll behauenen Steinen umrahmt. Durch einen engen, tunnelähnlich gewölbten Gang gelangt man in einen viereckigen, stets mit Ziegeln gepflasterten Hof, wohin kein Blick von der Außenwelt dringt. Hier wachsen Apfelsinen- und Aprikosenbäume, oft findet man auch ein mit Steinen eingefaßtes Wasserbecken. Vom Hof führt eine steinerne Außentreppe zur Veranda oder Galerie hinauf, die um das ganze Haus läuft. Gäste werden im Eivan oder Ivan empfangen, einer Art Nische auf gleicher Fläche mit dem Hof. Hier herrscht immer Schatten, und man wird auf weichen, roten Sofas und Diwans mit Zigaretten, Kaffee und Eislimonade bewirtet. Im ersten Stockwerk hat die arabische Familie ihr Staatszimmer mit bunter Mosaikdecke, Spiegelglasveranda und teppichbelegtem Boden -- persischer Stil und indische Möbel. Im Sommer schlafen auch die Eingeborenen auf dem Dach mit oder ohne Mückennetz. Zu einem vollständigen Haus gehören ein oder mehrere Särdab, die unterirdischen Gelasse, die während der warmen Tageszeit als Wohnräume oder auch als Vorratskeller dienen. An der Decke hängen allerhand Dinge, die den Ratten eine leckere Schnabelweide bieten würden, und an Ratten ist in Bagdad kein Mangel.
In der Hauptstraße des Basars hatte der Syrier Antony Samhiry im Erdgeschoß eines kleinen, einfachen Hauses seinen Geschäftsraum. Hier münden auch ein paar andere Gassen. Der lebhafte Knotenpunkt heißt Ras-el-Karijeh. Bei Samhiry saß ich lange Stunden und sah das bunte Leben vorüberziehen, bald langsam träumend im Takt des Spaziergängers, bald eilig und stoßend, wenn es Geschäften nachging. Eselkarawanen tragen in Weidenkörben oder auf Saumsätteln Gemüse und alle möglichen Waren, die für die tausend kleinen, offenen Kaufläden bestimmt sind. Soldaten und türkische Offiziere in feldgrauer Uniform gehen vorüber, Priester der verschiedenen christlichen Kirchen in langen schwarzen Talaren und sonderbar hohen Kopfbedeckungen, Arbeiter und Träger, ebenholzschwarze Neger, persische Pilger auf dem Weg nach den heiligen Stätten Kerbela, Nedschef oder Kasimen. Manchmal eilt eine Krankenschwester vorbei in ihrer großen, weißen Kappe mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Laute Rufe ertönen: ein Kutscher verlangt für seine Droschke oder seinen Kerbelawagen freien Weg; er bringt Reisende, die in einer der Karawansereien des Basars Unterkunft suchen. Zuweilen werden auch verwundete oder kranke Soldaten auf Bahren nach einem der vielen Lazarette getragen; ja, es vergeht kein Tag, an dem man nicht einem Toten auf dem Weg zum Begräbnisplatz begegnet. Als Leichenwagen dienen oft die wenigen Droschken der Stadt, und der fremde Ankömmling wird deshalb vor ihrer Benutzung gewarnt.
Wohin will die malerische Reiterschar, die da in langsamem Trab durch den Basar die Brücke herauskommt? Jedenfalls nach dem schiitischen Heiligtum Kasimen auf dem rechten Tigrisufer, denn es sind Perser. Voran reitet auf einem großen, weißen Maulesel ein vornehmer Alter. Sattel- und Zaumzeug ist mit Silberplatten belegt, die Decke von rotem Sammet. Ihn begleiten ein junger Mann, wahrscheinlich sein Sohn, und zahlreiche Diener mit der charakteristischen Locke am Ohr und der großen, runden Filzmütze auf dem Kopf. Zuletzt kommen Maulesel und Pferde mit dem Gepäck; die Tscharwadare thronen hoch auf den Bergen von Kisten und Säcken, Ledertaschen und Matten. Die Zahl der persischen Kaufleute in den Basaren ist auffallend groß. Ein lebhafter Handel mit ihrer Heimat geht über Bagdad; die englische Einfuhr aus Indien ist am größten. Wolle, Getreide und Datteln sind die wichtigsten Ausfuhrartikel.
Der auf dem linken Ufer gelegene Stadtteil, in dem auch die Ortsbehörden ihren Sitz haben, ist dreimal so groß wie der auf dem rechten Ufer. Voraussichtlich wird, wie schon erwähnt, die Bagdadbahn dereinst den Schwerpunkt auf das Westufer zurückverlegen, wo sich ehemals die Prachtgebäude der Kalifen erhoben. Dann wird sich der unternehmungslustige deutsche Handel Mesopotamien und weite Gebiete Arabiens dienstbar machen. Daß Bagdad zurzeit in englischen Händen ist, spielt dabei keine Rolle. Das eiserne Band der neuen Bahn wird auch das türkische Reich fest zusammenschweißen. Im Weltreich der Kalifen ging die bedeutendste Handelsstraße nach Indien und China über Bagdad und den Persischen Golf; sie verfiel mit dem Untergang des Kalifats, wird aber von der Bagdadbahn wieder aufgenommen werden. Auch die Basare, die jetzt während des Krieges ein kümmerliches Leben fristen, werden dann aufblühen wie nie zuvor.
An den größten Basarstraßen liegen die Hans oder Karawansereien; durch kleine Tore und dunkle Gänge gelangt man auf ihre Höfe. Hier stehen die Pferde und Maulesel der Fuhrleute an Lehmständer angebunden; eine offene Galerie führt in die Gastzimmer. Die vornehmste Karawanserei heißt Han el-Ortme; sie stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit der Kalifen und ist eine gewaltige Halle mit gewölbtem Dach; die Pilaster und Ziegelmauern sind aus dauerhafterem Material, als man heute herzustellen vermag. Im Innern geht eine freistehende Holztreppe zu einer offenen Galerie hinauf; hier sind in dunklen Kammern die Kontore der Kaufleute. Eine Treppe höher kommt man auf das Dach, von dessen kleinen, flachen Erhebungen sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt darbietet: gerade unter uns die Basare oder vielmehr ihre Dächer aus Stangen und Pfählen, Strohmatten oder Platten, und ringsum das völlig flache, graue Gewirr der Häuser. Nur hier und da reckt eine Moschee ihre schöne Kuppel und ihre schlanken Minarette empor. Dort liegt der Haïdar-khane mit seiner schimmernden, grünen Kuppel, die geschmackvolle „Korallenmoschee“ Dschami Merdschan und Suk-el-Gasl, das mächtige, alte Minarett, der einzige Rest einer Moschee, die Anfang des 13. Jahrhunderts vom Kalifen Mustansir errichtet wurde. Vor dreißig Jahren schon habe ich sie abgezeichnet; jetzt machte ich von ihr ein paar photographische Aufnahmen.
Vom Dach des Han-el-Ortme aus gesehen ist Bagdad eine schöne Stadt. Die grünen Palmengürtel und -gruppen innerhalb der Lehmmauern, die grün und blau schimmernden Kuppeln und die blinkenden Windungen des Stromes heben sich scharf von der grauen Fläche ab. Nur ein schwaches Echo des lärmvollen Lebens unten in den Gassen dringt herauf, und völlig sicher ist man hier vor den Düften, die den Aufenthalt in den überdachten Basaren nicht eben verschönern.
Im Stadtteil der Tänzerinnen sind die Gassen so eng, daß man mit ausgestreckten Armen beide Häuserzeilen berühren kann. Hier herrschen Lärm und Trunkenheit, leichtfertige Burschen und wilde Gesellen streifen hier umher, aber das Auge des Gesetzes in Gestalt der Gendarmen wacht. In den Türen locken bunt und leicht gekleidete Mädchen mit Hals- und Armbändern und Ohrringen aus blinkendem Metall.
Auch Bagdad besitzt ein Ghetto und zwar ein recht geräumiges; denn die Juden sind hier sehr zahlreich. In den größeren Straßen haben die Häuser zwei, manchmal drei Stockwerke. Das Charakteristischste daran sind die auf Balken ruhenden vorspringenden Erker, hinter deren eisenvergitterten Fenstern die Töchter Israels, oft schön wie die Nacht, mit halboffenen, schweren Augenlidern und müden Blicken das Leben auf der Straße beobachten. Die Läden und Basarstände schützt man gegen Sonne und Regen durch kleine viereckige Holzdächer, die durch schräggestellte Stangen gehalten werden. Diese Läden sind elende Löcher, und hinter dem Krämer, der mit gekreuzten Beinen unter seinen Waren auf dem Ladentisch sitzt, gähnt ein abschreckendes Dunkel. Noch anspruchslosere Handelsleute, die keinen festen Stand haben, lassen sich einfach an den Häusermauern nieder und bieten aus großen Körben Aprikosen, Pfirsiche, Gurken, Brot und Süßigkeiten feil. Auch Frauen beteiligen sich am Handel; sie kauern in faltenreiche Schleier gehüllt am Boden, der kleine schwarze, goldgeränderte Gitterlappen ist heraufgezogen und gibt ihre Gesichtszüge frei.
„Airan bos, Airan bos!“ klingt es ab und zu von der nächsten Straßenecke her in gellendem Ton. „Airan“ heißt auf Türkisch die gegorene, mit Wasser vermischte Milch; „bos“ bedeutet Eis. Auf einem Holzgestell steht ein großes Gefäß mit dem erquickenden Trank, in dem klare Eisstückchen schwimmen. Für den Bruchteil eines Piasters bekommt man einen Becher voll.
Das Gedränge in den Straßen des Ghettos ist unheimlich, und man darf nicht empfindlich sein, wenn ein mit einem querliegenden Holzkohlensack beladener Esel dahergetrippelt kommt, oder zerlumpte Kinder in bloßem schmutzigen Hemd sich mit den Ellenbogen den Weg bahnen. Jeder, der nach Bagdad kommt, besucht wenigstens die Hauptstraße des Ghettos, Chaldäer und Syrier, Araber und Armenier, Perser und Türken, Sudanesen, Neger aus Sansibar und dem Herzen von Afrika, und sogar englische Soldaten und Offiziere, die ihre überflüssigen Effekten verkaufen, nachdem sie erfahren haben, wie knapp die Transportmittel auf dem bevorstehenden Weg nach Konia und Angora sind.
Aber die Juden herrschen bei weitem vor. Es riecht geradezu nach Judentum, und es riecht schlecht, obgleich es hier luftiger ist, als in den Basaren der Mohammedaner, wo die üblen Dünste durch die Dächer festgehalten werden und das Tageslicht nur durch Löcher hereindringt. Die Hauptstraße des Ghettos ist nicht überdacht, sondern unter freiem Himmel, nur Erker und die kleinen Schutzdächer dämpfen das Licht. Der Schmutz ist furchtbar, und wenn die Sakkas mit ihren Ledersäcken sprengen, watet man durch Schlamm. Aller Abfall aus den Häusern fliegt einfach auf den Fußsteig, und die Verwandten der Schakale, die gelben Hunde, wühlen darin herum.