Bagdad, Babylon, Ninive

Part 13

Chapter 133,455 wordsPublic domain

Am Abend des 7. Mais gaben die in Bagdad sich aufhaltenden deutschen Offiziere im Garten des deutschen Konsulats Halil Pascha und etwa zwanzig türkischen Offizieren ein Fest zu Ehren des Sieges von Kut-el-Amara. In den Gängen brannten Fackeln und Pechpfannen und unter den Palmen zahllose bunte Laternen. Herzog Adolf Friedrich feierte in packender Rede den Sultan und Halil Pascha und gedachte dabei auch des toten Feldmarschalls und seiner hohen Verdienste. In seiner weichen schönen Muttersprache dankte Halil mit kernigen Worten.

Halil Pascha, der nach von der Goltz’ Tode und in seinem Geiste die Operationen gegen Kut-el-Amara leitete und jetzt der Nachfolger des Feldmarschalls als Chef der 6. Armee war, wohnte an der vornehmsten Straße Bagdads in einem einfachen Ziegelhaus, das ein kleiner Hof umgab. Im jugendlichen Alter von dreiunddreißig Jahren hatte er diese hohe Würde errungen und einen Ruhm, der seinen Namen in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Halil Pascha ist ein großer, schlanker Mann von ebenmäßigem Körperbau, schönen, sympathischen Gesichtszügen und hellem, offenem Blick. Er trägt sich äußerst einfach, die ihn trefflich kleidende türkische Offiziersmütze aus Lammfell mit stolzer Siegesgewißheit keck zurückgeschoben; kein Abzeichen verrät seinen hohen Rang; auf der Straße konnte man ihn für einen gewöhnlichen Leutnant halten.

Als ich ihn zum Fall von Kut-el-Amara beglückwünschte, machte er nicht viel Wesens von dem Erfolg, den er und seine Truppen erstritten hatten. Von dem britischen Befehlshaber General Townshend sprach er mit bescheidener Zurückhaltung, wunderte sich aber immer wieder über die Kapitulation, da die Engländer ungefähr fünfmal so stark gewesen waren, wie die Türken.

Gerade als mir Halil Pascha in vortrefflichem Französisch von den letzten Tagen der Festung erzählte, wurde unsere Unterhaltung durch die hohe Priesterschaft Bagdads unterbrochen, die in vollem Ornat dem Feldherrn ihre Aufwartung machte und um die Erlaubnis bat, die neugebaute Hauptstraße nach ihm zu benennen. Sie läuft parallel mit dem Ufer des Stroms und erleichtert die Verbindung zwischen dem oberen und unteren Teile der Stadt. Zahlreiche am Wege stehende Häuser wurden rücksichtslos niedergerissen, und man hatte es damit so eilig, daß ihren Besitzern oft nur wenige Tage Frist blieb, ein neues Unterkommen zu suchen. Denn diese Straße hatte zugleich auch eine symbolische Bedeutung: sie ging quer durch das Grundstück des englischen Konsulats, das vor dem Kriege niemand hätte antasten dürfen; jetzt waren keine Engländer mehr da, die Einspruch hätten erheben können.

Zwei Tage nach dem vorhin erwähnten Siegesfest stand ich mit dem Herzog und Schölvinck aus der hochgewölbten, kühlen Veranda des englischen Konsulats und erwartete die Ankunft des ersten Trupps englischer Gefangenen. Ein französischer Arzt und mehrere französische Dominikanerschwestern waren ebenfalls zugegen; auch sie waren Gefangene der Türken, hatten aber in Bagdad bleiben dürfen unter der Bedingung, daß sie in den mehr als dreißig Krankenhäusern, die alle überfüllt waren, Dienst taten. Es hieß, 6 bis 7000 Plätze seien belegt, meist mit Typhus und Ruhr.

Während wir uns mit den französischen Schwestern und dem Arzt unterhielten, kam der Raddampfer „Hamidije“ mit zwei Booten, die zu beiden Seiten an ihm festgemacht waren, langsam und majestätisch den Strom herauf. Aus dem oberen Deck des „Hamidije“ saßen englische Offiziere in Korbstühlen und auf Bänken, und in den beiden Booten weiße und farbige Unteroffiziere.

Nun wurde das Schiff am Kai festgemacht und die Landungsbrücke ausgeworfen. Türkische Offiziere gingen an Bord. Am Ufer wartete der Stadtkommandant, der stellvertretende Chef des XIII. Armeekorps in Bagdad, Oberst Mesrur Bei. Zuerst kamen die fünf Generale an Land, und der Kommandant begrüßte seine „Gäste“. Einer von ihnen war krank und stützte sich auf einen Stock und auf die Schulter eines Adjutanten. Im Schatten einiger Bäume wurden Stühle für sie aufgestellt, und Mesrur Bei unterhielt sich mit ihnen höflich in französischer Sprache.

Dann kamen die Obersten und Oberstleutnants an die Reihe, die Majore, Hauptleute und Leutnants. Alle dem Rang nach geordnet und aufgestellt, um sofort in ihre Quartiere geführt zu werden.

Mit welchen Gefühlen mochten die Engländer, die früher in Bagdad gewesen waren, das prachtvolle Konsulat wiedersehen, das sich als ein Symbol der englischen Macht im Orient prunkvoll vor ihnen erhob, und auf dessen Turm früher die Flagge des größten Weltreichs geweht hatte. Nun flatterte an demselben Mast der Rote Halbmond. Von Mohammedanern besiegt, als deren Herren sie sich immer gefühlt hatten, betraten sie jetzt nicht mehr eigenen Boden, und kein Vertreter Großbritanniens hieß sie willkommen. Sie waren nicht mehr wie so oft Gäste, sondern Gefangene der Türken. Aber keine Miene, keine Bewegung verriet ihre Gedanken. Mit der unerschütterlichen Ruhe und der stolzen Haltung, die ihrer Rasse eigentümlich ist, sahen sie den Dingen entgegen, die da kommen sollten.

Die Generale fuhren in Droschken nach ihren neuen Wohnungen, und ihre Ordonnanzen schafften ihr Gepäck auf Lastwagen fort. Als ich mit Mesrur Bei die Front der Majore entlang schritt, hörte ich plötzlich meinen Namen rufen und erkannte Major Rybot, mit dem ich im Jahre 1906 oft in Simla zusammen gewesen war. Nachdem wir uns die Hand gedrückt, bat auch Mesrur Bei, dem Major vorgestellt zu werden; er ließ ihn aus der Reihe treten und lud uns ein, ihm in eine Laube zu folgen, wo Tische mit Erfrischungen bereitstanden. In ungezwungenster Unterhaltung über Irak und Mesopotamien, über den Verlauf des Weltkrieges und nicht zum wenigsten über unsre gemeinsamen Erinnerungen an Indien verging uns hier eine inhaltreiche Stunde.

Die englischen Offiziere wurden von den Türken mit der größten Rücksicht und Höflichkeit behandelt und genossen eine Freiheit, die geradezu überraschend war. Denn gerade damals standen die Russen in der Gegend von Kasr-i-Schirin, kaum 170 Kilometer von Bagdad entfernt, und es wäre für die Gefangenen nichts leichter gewesen, als verkleidet zu fliehen und ihren russischen Verbündeten wichtige Nachrichten über die Lage Bagdads zu bringen. Mehrmals erzählte man auch von solchen Entweichungen, doch weiß ich nicht, ob die Gerüchte der Wahrheit entsprachen. Sicher ist, daß man täglich englischen Offizieren begegnete, die sich in den Basaren völlig frei bewegten. Als ich zwei Tage nach Ankunft der Gefangenen dem amerikanischen Konsul Mr. Brissel einen Besuch abstattete und wir uns gerade über China unterhielten, erschienen vier englische Offiziere ohne jede türkische Bewachung. Sie zeigten noch immer die gleiche Würde und ruhige Miene, als ob nichts geschehen und Kut-el-Amara nur eine bedeutungslose Episode sei. Und doch hatte dieser Schlag die von den Engländern beabsichtigte Verschmelzung der russischen und englischen Fronten vorläufig gänzlich durchkreuzt. Einstweilen ist der Feldzug im Irak verloren, mochten sie denken; aber sie ließen nichts davon merken. Mir gegenüber, dessen fester Standpunkt in diesem Kriege genügend bekannt war, zeigten sie eine offene Ritterlichkeit und meinten, jeder freie Mann habe das Recht seiner politischen Überzeugung.

Am Abend desselben Tages hatte ich einige schwedische Freunde und den deutschen Arzt ~Dr.~ Schacht, der als Gatte einer Landsmännin von mir das Schwedische ohne fremden Beiklang spricht, zu einem Abendbrot im Garten des Hotels „Tigris“ geladen. Als wir eben bei Kaffee und Zigaretten saßen, trat eilig der Adjutant Halil Paschas heran und bat mich, nach der Residenz hinüber zu kommen, wo der Pascha gerade ein Abschiedsessen für seinen vornehmsten Gefangenen, den General Townshend, gab. Ich entschuldigte mich bei meinen Freunden für kurze Zeit und folgte ihm. Dieses historische Gastmahl, das Sieger und Besiegten, Verteidiger und Bezwinger von Kut-el-Amara am selben Tisch vereinte, mochte ich nicht versäumen; außerdem kannte ich General Townshend von Simla her, wo er der Stabschef Lord Kitcheners war; dort war ich oft mit ihm zusammen, als ich beim Oberstkommandierenden der englischen Armee wohnte.

Wenige Schritte brachten uns zur Residenz, die damals noch gerade gegenüber lag; später wurde sie in das Haus des Hauptquartiers verlegt, wo der Feldmarschall gewohnt hatte. In seiner freundschaftlichen Hast widerfuhr dem Adjutanten in der Vorhalle ein Renkontre mit einer orientalischen Porzellanvase, die schmetternd auf dem Steinboden in tausend Stücke zerschellte und mich vor der offenen Tür des Speisesaals mit überflüssigem Knalleffekt anmeldete.

Am Tisch präsidierte Halil Pascha. Ihm gegenüber saß General Townshend, neben ihm der Stabschef und der Adjutant des englischen Oberbefehlshabers, hohe, kräftige Gestalten. Die übrigen Gäste waren türkische Offiziere und sonst nur Zivilisten, unter ihnen der Bürgermeister von Bagdad mit schwarzem Bart und Brille, schwarzem Gehrock und rotem Fes.

Nachdem ich Halil und seine Gäste begrüßt hatte, wurde ich eingeladen, an Townshends Seite Platz zu nehmen. „Erinnern Sie sich noch unseres Zusammentreffens in Simla?“ rief er mir entgegen. „Hier sehen Sie mich nun als Besiegten!“ Wir sprachen von Kitchener, von den indischen Zedern und Mangobäumen und den schneebedeckten Bergen des Himalaja oberhalb Simlas. Townshend trug sein Geschick mit Gleichmut. Die Stimmung an der Tafel war sogar heiter; es war ein wirkliches Verbrüderungsfest, und der Champagner floß in Strömen. Halil Pascha füllte sein Glas und toastete auf seinen Ehrengast, dem er eine glückliche Zukunft wünschte, und der Engländer dankte für die Gastfreundschaft, die er in Bagdad erfahren hatte. Nach diesem feierlichen Schlußakt des Gastmahls fuhr Townshend in Halil Paschas Automobil nach Hause. Am andern Tag sollte er nach Konstantinopel weiterreisen, wo ihm auf einer der Prinzeninseln eine Villa angewiesen war.

Die folgenden Tage über kamen unaufhörlich neue Schiffe mit Gefangenen von Kut-el-Amara. Die größere Masse aber marschierte zu Fuß heran und wurde in einem Lager auf dem rechten Flußufer untergebracht. Die Eisenbahn beförderte sie später nach Samarra, und von dort marschierten sie nach Ras-el-Ain. In elenden Schuppen und kleinen weißen Zelten lagen da Tausende von Sikhs, Gurkhas, Patanen und andern Repräsentanten des unglücklichen, unterdrückten indischen Volkes. Ausgemergelt, mager und hungrig wehklagten sie laut über ihr Schicksal. Schon in Kut-el-Amara hatte man sie auf schmale Rationen gesetzt, Maulesel- und Pferdefleisch war ein Leckerbissen gewesen. Satt wurden sie auch jetzt nicht von dem Essen, das sie sich, in verschiedenen Gruppen nach Nationen, Religionen und Kasten geteilt, an ihren kleinen Feuern bereiteten. Ich konnte sie nur mit der Hoffnung trösten, daß in Konia, Angora und andern Teilen Kleinasiens, wohin sie geschafft werden sollten, besser für sie gesorgt würde, als hier auf dem Durchmarsch auch beim besten Willen möglich war. Unter den englischen Soldaten waren, wie gewöhnlich, brillante Typen. General Townshend schien übrigens bei seinen Truppen beliebter zu sein als bei seinen Offizieren.

Rund zwei Drittel der Gefangenen von Kut-el-Amara waren indische Truppen, 9000 Mann! Ein Tropfen im Meer, verglichen mit den Massen farbiger Menschen, die England in Europa, Asien und Afrika auf die Schlachtbank geführt hat, um der deutschen Kultur ein Ende zu bereiten. Man kann sich denken, mit welchem Ingrimm sich diese unschuldigen Opfer nun von ihrer Heimat abgeschnitten sahen! Als sie zu Schiff nach Basra gebracht wurden, wußten sie weder weshalb, noch gegen wen sie in dem fremden Lande kämpfen sollten. Einige wagten vor Furcht auf meine Fragen gar nicht zu antworten. Andere meinten, sie hätten nichts von einer Bedrohung Indiens gemerkt. Einer von ihnen berief sich auf die Versicherungen englischer Offiziere, daß Deutschland der Feind der gesamten Menschheit sei. Nach dem Fall von Kut-el-Amara behaupteten die englischen Zeitungen, mehr als 4000 Mann hätten dort überhaupt nicht gestanden. Die Farbigen waren also keine Menschen, lediglich Kanonenfutter, und brauchten in der englischen Presse nicht als Verlust gebucht zu werden!

Unter den indischen Truppen befanden sich mehrere mohammedanische Regimenter. Es war zweifellos ein Wagestück, sie gegen Bagdad zu führen, das im ganzen mohammedanischen Indien als eine der vornehmsten Städte der Welt gilt. In Bagdad steht auch eine Moschee, ein Heiligengrab, Abdel Kader genannt, das die Nachfolger des Propheten in Hindostan in großen Ehren halten. Ich besuchte dieses Heiligtum und erhielt von seinem Nakib oder Oberpriester, Abdurrahman Gilani, einem dicken, behäbigen achtzigjährigen Greise, Aufschluß über die Bedeutung des Platzes. Seine Würde, erzählte er mir, sei erblich, und die sechs Priester, die ihn bei meinem Besuch umgaben, seien seine Brüder. Er hatte zwölf Söhne, alle verheiratet und Väter vieler Kinder. Sie waren Sunniten von arabischer Abstammung und Seïden oder Abkömmlinge des Propheten, also Glieder in der Kette einer priesterlichen Dynastie und, wie die Moschee selbst, mächtig reich. Denn die indischen Pilger kommen nach Abdel Kader nicht mit leeren Händen. Außerdem machte der älteste Sohn, der zukünftige Nakib, jährlich Reisen zu den indischen Mohammedanern, um Gaben für die Grabmoschee und ihre Priester zu sammeln. Die Moschee umgaben zahlreiche Häuser mit Unterkunftsräumen für die indischen Pilger; jetzt waren sie alle dem Roten Halbmond überlassen. Als Ende November 1915 die Engländer über den Dijala gingen und gegen Bagdad vorrückten, sollen zwei mohammedanische Regimenter gemeutert haben, da sie die Stadt, die Abdel Kaders Grab einschloß, nicht angreifen wollten. Dieses Ereignis scheint den englischen Rückzug beschleunigt zu haben.

* * *

Siegesstimmung erfüllte Bagdad, als ich dort weilte. Jetzt, da ich dies schreibe, kaum ein Jahr später, erklingen wieder Jubelrufe in der Kalifenstadt, aber nicht mehr der Osmanen, sondern der Briten.

Das englische Ansehen im Orient hatte durch den Fall von Kut-el-Amara einen schweren Stoß erlitten. Was sollten die Völker Indiens und Ägyptens, was Araber, Perser und Afghanen von einer europäischen Großmacht denken, die nicht einmal Asiaten standhalten konnte? Also galt es, jedes Opfer zu bringen, um den Schimpf jener Niederlage wieder abzuwaschen. Es ging um Englands Ehre und Ansehen im Orient, um die Zukunft der britischen Herrschaft auf asiatischem Boden.

Anfang des Jahres 1917 meldete der Telegraph wiederholt, daß die Engländer durch das Irak wieder mit bedeutenden Kräften vordrängen, und am 25. Februar brachten alle Zeitungen der Welt ein Telegramm aus Konstantinopel, Kut-el-Amara sei von ihnen wiedererobert.

Am 6. März hatte englische Kavallerie Ktesiphon passiert und stand 6 englische Meilen südöstlich vom Nebenfluß Dijala. Offenbar ging der englische Oberbefehlshaber auf nichts Geringeres aus, als auf die Eroberung Bagdads. Schon am 11. März kam auch aus London die lakonische Mitteilung, Bagdad ist gefallen. Ihr folgte eine amtliche Meldung, in der es hieß:

„Unsern Truppen, die den Fluß Dijala entlang mit dem Feinde Fühlung hielten, gelang es trotz Mondscheins in der Nacht zum 8. ds. Mts., überraschend den Dijala zu überschreiten und sich auf dem rechten Ufer dieses Flusses festzusetzen. Nachdem über den Tigris, unterhalb seines Zusammenflusses mit dem Dijala, eine Brücke geschlagen war, setzte eine starke englische Abteilung auf das rechte Ufer hinüber und stieß mit dem Feind ungefähr 9 Kilometer südwestlich von Bagdad zusammen. Die Türken wurden aus ihrer Stellung in eine zweite, 3 Kilometer dahinter gelegene, gedrängt und am 9. auch aus dieser vertrieben. Unsere Truppen lagerten auf dem gewonnenen Gelände. Der Vorstoß wurde am 10. März trotz furchtbaren orkanartigen Sandsturms zu Ende geführt und die Türken bis 5 Kilometer vor Bagdad zurückgeworfen. -- Soeben telegraphiert nun der Oberbefehlshaber in Mesopotamien, daß Bagdad am 11. März frühmorgens von den englischen Truppen genommen wurde.“

Ohne Zweifel war die Expedition von General Maude gut vorbereitet; die Engländer wollten den Völkern des Orients zeigen, daß sie den Türken nicht nachständen. Die Londoner Presse schwelgte in ungeheurem Jubel, als könne der Ausgang des Weltkrieges nun nicht länger zweifelhaft sein: „Der Sieg vernichtet den deutschen Traum Berlin-Bagdad und macht Deutschlands hochfliegenden Plänen im Orient ein Ende. Dieses Ereignis hat die größte Seifenblase des Pangermanismus zum Platzen gebracht und eine an den Grenzen des indischen Reiches beständig drohende Gefahr entfernt.“

Weder Deutschland noch die Türkei haben jemals Absichten auf Indien gehabt. Welche Gefahr diesem am ersten droht, darüber könnte General Kuropatkin, der Erbe von Skobelews Invasionsplan, merkwürdige Dinge erzählen. Außerdem wird das Schicksal der Türkei oder auch nur Mesopotamiens nicht in Bagdad entschieden, sondern allein an der Westfront.

Aber die Freude der Engländer ist nur zu verständlich. Der Krieg ruiniert sie, und sie brauchten eine Ermunterung. Bagdad, Dar-es-Salaam, das Heim des Friedens, war bisher die einzige Stadt, die sie während des Weltkrieges erobern konnten, abgesehen von einigen kaum verteidigten afrikanischen Nestern. Die Zukunft wird zeigen, wie lange sie sich in der Residenz Mansurs werden halten können.

Vierzehntes Kapitel.

Meine Fahrt nach Babylon.

Am 15. Mai wurde ich bei Tagesanbruch geweckt, kleidete mich in aller Eile an und eilte zum Kai hinunter, wo bereits ein Belem auf Herzog Adolf Friedrich, Rittmeister Schölvinck und mich wartete.

Unser Reiseziel war Babylon. Die deutschen Ordonnanzen des Herzogs, sein Kammerdiener und sein Koch, beide Neger aus Togo, dessen Gouverneur der Herzog bei Kriegsausbruch war, sowie mein arabischer „Silberdiener“, wie Schölvinck Sale nannte, waren mit dem Gepäck vorausgefahren. Wir hätten den ganzen Weg im Kerbelawagen zurücklegen können, zogen es aber vor, die Feldbahn nach Risvanije zu benutzen und von dort aus auf dem Euphrat zu fahren.

Es war ein herrlicher Morgen. Die Luft war lau, am Himmel segelte nur hier und da ein Wölkchen. Wie ein Ball weißglühenden Eisens stieg die Sonne empor, von den Gebetsrufern der Minarette begrüßt, und vergoldete die Balkone und Palmen auf dem rechten Ufer.

Das Boot landete an dem Kai, wo die Feldbahn beginnt. Eine Draisine stand bereit, und bald rollten wir durch die stille Wüste, als eben die Eidechsen, Heuschrecken, Käfer und andere Insekten ihr Tagewerk begannen. Heute ging es schneller als das vorige Mal: in drei Stunden waren wir am Ziel.

Mein alter Schahtur lag noch an seinem Platz. Doch brauchten wir ihn nicht. Der Herzog hatte die große Fähre „Emden“ instand setzen lassen, und sie hatte sich, seitdem ich in ihrer Gesellschaft den Euphrat hinabgefahren war, sehr angenehm verändert. Mittschiffs erhob sich ein Deck mit Bänken, Tischen und Feldstühlen; darüber war auf senkrechten Stangen ein Zeltdach gespannt. An den Seiten stand unser Gepäck aufgeschichtet, und hinten residierte der schwarze Koch mit seinem Petroleumofen und seinen Proviantkisten. Die Besatzung bestand aus acht Arabern und einer Eskorte von zwei bis an die Zähne bewaffneten Gendarmen. Der Flußweg bis Babylon galt nicht für sicher, besonders in diesen unruhigen Zeiten, die jetzt auch in der Provinz Irak herrschten. Auch der Herzog hatte als geschickter Jäger und Schütze seine und seiner Soldaten Waffen in Bereitschaft.

Die Fähre stieß vom Land und wurde sogleich von der gewaltigen Strömung fortgeführt. Wir saßen auf bequemen Stühlen unter dem Sonnendach mit freier Aussicht flußabwärts, zogen unsere Jacken aus, zündeten die Zigaretten an und genossen die Fahrt in vollen Zügen. In Gedanken aber war ich den ganzen Tag in meinem lieben, alten Heim zu Stockholm, wo mein ehrwürdiger Vater heute sein neunzigstes Lebensjahr vollendete.

Schon vor 12 Uhr betrug die Temperatur im Schatten 36 Grad. Die Hitze wurde aber etwas gemildert durch den Nordwind, der uns zuweilen nach dem rechten Ufer hinübertrieb und uns zwang, die Fähre ziehen zu lassen. Doch ließ er bald nach, und es gab eine herrliche Fahrt an Jublatije und den weiten Weizenfeldern von M’Gessab vorüber.

Auf dem rechten Ufer erhebt sich die Grabkapelle El-Fasl, und von vereinzelten Palmen geschmückt liegt im Sonnenbrand das Dorf El-Batsch. Am Uferrand knarren die üblichen Wasserwerke mit ihren unermüdlichen Ledersäcken. Auf der Steppe zu beiden Seiten hüten die Nomaden ihre Schafe und Ziegen; hier und da hat ein wandernder Stamm seine schwarzen, immer gleich malerischen Zelte aufgeschlagen. Bei dem Dorf Nahrlatefije auf dem linken Ufer weiden zahlreiche Pferde, Esel und Zebuochsen. Bei El-chidr-lias ruht ein Heiliger unter einer weißen, von Palmen beschatteten Grabkuppel. In dieser Gegend zeigen sich am Ufer seichte Seen, die Chor genannt werden. Zuweilen sieht man Fischereigeräte derselben Art, wie an den Ufern des Tarim in Ost-Turkestan.

Um 1 Uhr zeigt das Thermometer 37 Grad, und der Wind hat aufgehört. Das Flußwasser hat eine Temperatur von 24,1 Grad. Der Himmel ist türkisblau und völlig klar, nur eine einzige kleine Wolke schwebt über der Wüste, über der die Luft wie Dampf über einer bratenden Pfanne zittert.

Zu Beginn der Fahrt machte der Euphrat scharfe Windungen. Jetzt geht er geradeaus und ist zuweilen nach Südosten offen wie eine Meeresbucht. Bäume und Palmen werden selten, das Land ist kahl und flach. Aber häufig zeigen sich die prismatischen Strohdächer der Lehmhütten, in denen Nomaden und Bauern wohnen.

Gegen Abend wird es herrlich, trotzdem wir noch um 5 Uhr über 36 Grad haben. Aber die Sonne ist etwas bedeckt, und ein leichter Nordwind beschleunigt unsere Fahrt nach Südsüdosten.

Wir hielten uns in der Mitte des Stroms, der hier gegen 800 Meter breit und 5-6 Meter tief ist. Da erschien nicht weit vor uns das Dorf Soba, und wir sahen etwa zehn Araber am Ufer stehen. Sie waren mit Gewehren bewaffnet, und als wir uns näherten, nahmen sie eine drohende Haltung ein; einige hockten in Schußstellung und brachten auf einer kleinen Brustwehr ihre Gewehre in Anschlag, andere standen schußbereit da und forderten uns in befehlendem Tone auf zu landen.

Der eine von unseren beiden Gendarmen legte eilig sein Gewehr über die Reling, und der Herzog lud kaltblütig seine Büchse. Die Lage war etwas kritisch, und wir warteten natürlich mit einiger Spannung, wer wohl zuerst schießen werde. Unterdes trieb die Fähre mit der Strömung ruhig weiter; wir waren schon den kriegerischen Arabern gerade gegenüber, ohne daß etwas geschah, und entfernten uns schon wieder langsam von ihnen. Da gaben sie plötzlich ihre drohende Haltung auf, bildeten eine Gruppe und unterhielten sich lebhaft. Einer von ihnen, wahrscheinlich der Führer, rief uns, wohl um ihr Benehmen zu entschuldigen, zu: „Wir wußten nicht, daß ihr Deutsche an Bord hattet.“ Jedenfalls hatten sie uns, wie unsere Begleiter meinten, für Kaufleute gehalten, die mit Waren stromabwärts reisten und, wenn sie sich hätten einschüchtern lassen zu landen, in aller Ruhe geplündert worden wären.