Part 3
Des Königs Jagd war aus, Verzehrt der Abendschmaus, Manch Ruhgezelt Schön aufgestellt Und ringsum still die ganze Welt; Die Frösche aber schrien im See, Es taten den Menschen die Ohren weh. Des Alten Fritzen Vater sprach: „Nun könnt ich ruhen ganz gemach, Wenn das vertrackte Gequarr nicht wär. Wo kommen die Kuckucksfrösche her? Es werden ihrer immer mehr, Das lärmet wie ein großes Heer; Ein Chor, der so zu trinken hat, Wird auch so leicht nicht müd und matt. Das quarrt, das plarrt, Das muckt, das gluckt, Das blökt und quäkt, Das meckert und sägt, Man wird ein Narr Von dem Geschnarr, Von dem Geknarr und Wirrewarr! Weiß keiner von euch zu stillen die Brut? Den Becher empfängt, der es kann und tut.“ Da meldet ein flinker Jägersmann Sich an als einer, der so was kann, Und springt hinaus: es fällt ein Schuß, Drauf folgt ein Zischen, wie von Verdruß, Ein Knall und -- der Cantate Schluß: Die erst so laute Wasserwelt Schweigt ringshin um das Königszelt. Da sehn sich alle verwundert an, Und manchem graut vor dem Jägersmann. Der sich den Becher holt und lacht Und keinem sagt, wie er’s vollbracht. Man legt sich allgemach zur Ruh, Der König schließt kein Auge zu, So müd er ist: das Stillesein Der Frösche macht ihm jetzt nur Pein; Er denkt: „Ich glaub an keinen Zauber, Indes die Sache, gänzlich sauber Scheint sie mir nun und nimmermehr. Man soll von der Natur nicht wanken; Dem Teufel meinen Schlaf zu danken, Das halt ich wider meine Ehr. Die Frösche sollen wieder schrein!“ Er ruft den Jäger sich herein: „Nein lieber Mann, Hör mich an: Hier steht zum Becher noch der Krug, Ich habe des Schweigens nun genug. Ist Er so klug, Mach Er die Frösche wieder schrein: So ist der Krug wie der Becher sein. Laß Er sie wieder singen Und Gott dem Herrn ihr Loblied bringen, Es mag nun, wie es will, erklingen.“ Da sprach der Mann mit Lachen: „Sorgt nicht, das will ich machen.“ -- Er eilt hinaus; nicht lange Zeit Vergeht, als schon ein Fröschlein schreit, Ein zweites stimmet sacht mit ein, Nun hört man schon drei, viere schrein, Fünf, sechs, und jetzt schreit hinterher Das ganze große Fröscheheer, Als ob gar nichts passieret wär. Der Lärm ist ärger als zuvor, Es orgelt alles Chor bei Chor. Der Jäger kommt, der König spricht: „So tolles Ding kapier ich nicht, Nehm Er den Krug, doch sag Er jetzt, Mit was für Kunst Er’s durchgesetzt? Wie Er die Schreier still gemacht Und wieder sie zum Schrein gebracht?“ „Erst lud ich Pulver in den Lauf Und einen guten Schwärmer drauf Und schoß den über den See daher, Da meinete das Fröscheheer, Daß das ein Donnerwetter wär; Sie sind bei solchem immer still, Oft schon bevor es aufziehn will.“ Der König sprach: „Das seh ich ein, Nur eins will noch erkläret sein, Wie bracht Er sie aufs neu zum Schrein?“ „O Herr, das war ein leichter Spaß, Ich quarrte wie ein Frosch etwas, Da stimmte das nächste Fröschlein ein, Bald hörte man drei, viere schrein, Und endlich kriegte die ganze Bagage, Den Schreck vergessend, von neuem Courage.“ -- Der König sprach: „Gut ausgedacht! Das Stück hat mir Pläsier gemacht, Schieß noch einmal, sie schrein zu sehr.“ „Gern,“ sprach der Jäger, „nur heut nicht mehr; Sie haben gemerkt, man will sie vexieren, Und werden sich heute nicht weiter genieren.“ „Hum,“ sagte der König, „was ist zu tun? Ich will versuchen, so zu ruhn.“ Im Traum noch lachend schlief er ein Und ließ die Frösche Frösche sein.
August Kopisch
Schlittschuhläufer
O welche Lust, zu ist der Fluß! Da liegt er wie ein Silberguß. Jetzt schnall ich meine Schlittschuh an Und fliege auf der Silberbahn, Als wenn ich Flügel hätte.
Wie scheint der Mond so herrlich klar! Wie leuchtet alles wunderbar! Der Fluß ist ein Kristallpalast, Mit Diamanten eingefaßt. Es blitzt und strahlt und funkelt.
Ich neide keines Vogels Flug, Ich neide keines Rosses Zug, Den Wind nicht, der so flüchtig reist; Ich selber fliege, wie ein Geist So schnell, wie der Gedanke.
Ach, frör doch zu der Ozean! Dann flög ich auf der Riesenbahn Rasch von Karthago bis zum Belt In einem Fluge durch die Welt Bis an des Nordpols Grenzen.
v. Plönnies
Abendschiffahrt
Wenn von heiliger Kapelle Abendglocke fromm erschallet, Stiller dann das Schiff auch wallet Durch die himmelblaue Welle; Dann sinkt Schiffer betend nieder, Und wie von dem Himmel helle Blicken aus den Wogen wieder Mond und Sterne. Eines ist dann Wolk und Welle, Und die Engel tragen gerne, Umgewandelt zur Kapelle, So ein Schiff durch Mond und Sterne.
Justinus Kerner
Der Rheinborn
Ich bin den Rhein hinaufgezogen Durch manches schattge Felsentor, Entlang die blauen frischen Wogen Zu seinem hohen Quell empor.
Ich glaubte, daß der Rhein entspringe So liedervoll, so weinumlaubt, Aus eines Sees lichtem Ringe, Doch fand ich nicht, was ich geglaubt.
Indem ich durch die Matten irrte Nach solchen Bornes Freudeschein, Wies schweigend der befragte Hirte Empor mich zum Granitgestein.
Ich klomm und klomm auf schroffen Stiegen, Verwognen Pfaden, öd und wild, Und sah den Born im Dunkel liegen Wie einen erzgegoßnen Schild.
Fernab von Herdgeläut und Matten Lag er in eine Schlucht versenkt, Bedeckt von schweren Riesenschatten, Aus Eis und ewgem Schnee getränkt.
Ein Sturz! Ein Schlag! Und aus den Tiefen Und aus den Wänden brach es los: Heerwagen rollten! Stimmen riefen Befehle durch ein Schlachtgetos.
C. F. Meyer
Am Vorderrhein
Wie ahnungsvoll er ausgezogen, Der junge Held, aus Kluft und Stein! Wie hat er durstig eingesogen Die Milch des Berges, frisch und rein! Nun wallt der Hirtensohn hernieder, Hin in mein zweites Heimatland: O grüß mir all die deutschen Brüder, Die herrlichen, längs deinem Strand!
So grüß auch all die deutschen Frauen Und lerne ritterlichen Brauch; Und wenn du wirst die Dome schauen, Die krausen Käuze, grüß sie auch! Sonst wüßt ich niemand just zu grüßen, Vielleicht die schlimme Lorelei Und deiner Reben freudig Sprießen -- Den Vierzigen geh still vorbei!
Es taucht ein Aar ins Wolkenlose Hoch über mir im Sonnenschein; Ich werfe eine Alpenrose Tief unten in den wilden Rhein: Führ nieder sie, führ sie zum Tale, Und eh du trittst zum Meerestor, Den Vettern halt, im Eichensaale, Den harrenden, dies Zeichen vor!
Gottfried Keller
Warnung vor dem Rhein
An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein. Mein Sohn, ich rate dir gut, Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei, Als wär es ein adlig Geschlecht, Gleich bist du mit glühender Seele dabei: So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön Und die Stadt mit dem ewigen Dom: In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höhn Und blickst hinab in den Strom.
Und im Strome, da tauchet die Nix aus dem Grund, Und hast du ihr Lächeln gesehn, Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund, Mein Sohn, so ist es geschehn:
Dich bezaubert der Laut, dich betört der Schein, Entzücken faßt dich und Graus: Nun singst du nur immer: „Am Rhein, am Rhein!“ Und kehrst nicht wieder nach Haus.
Karl Simrock
Sie sollen ihn nicht haben!
Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gierge Raben Sich heiser danach schrein.
Solang er ruhig wallend Sein grünes Kleid noch trägt, Solang ein Ruder schallend In seine Wogen schlägt!
Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Solang sich Herzen laben An seinem Feuerwein.
Solang in seinem Strome Noch fest die Felsen stehn, Solang sich hohe Dome In seinem Spiegel sehn!
Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Solang dort kühne Knaben Um schlanke Dirnen frein.
Solang die Flosse hebet Ein Fisch auf seinem Grund, Solang ein Lied noch lebet In seiner Sänger Mund!
Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Bis seine Fluten begraben Des letzten Manns Gebein!
Nikolaus Becker
„Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!“
Wo solch ein Feuer noch gedeiht, Und solch ein Wein noch Flammen speit, Da lassen wir in Ewigkeit Uns nimmermehr vertreiben. Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein, Und wär’s nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Herab die Büchsen von der Wand, Die alten Schläger in die Hand, Sobald der Feind dem welschen Land Den Rhein will einverleiben! Haut, Brüder, mutig drein! Der alte Vater Rhein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Das Recht und Link, das Link und Recht, Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht! Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht, Des Franzmanns Mühle treiben. Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein, Und wär’s nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Der ist sein Rebenblut nicht wert, Das deutsche Weib, den deutschen Herd, Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert, Die Feinde aufzureiben. Frisch in die Schlacht hinein! Hinein für unsern Rhein! Der Rhein soll deutsch verbleiben.
O edler Saft, o lauter Gold, Du bist kein ekler Sklavensold! Und wenn ihr Franken kommen wollt, So laßt vorher euch schreiben: „Hurra! Hurra! Der Rhein, Und wär’s nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.“
Georg Herwegh
Bischof Hatto
Fürwahr, es ist kein Zweifel dran, Daß die Maus gar wohl schwimmen kann: Denn als Hatto, Bischof von Menz, Das Korn sammelt in seiner Grenz Und arme Leute kamen gelaufen, Um für ihr Geld ihm Korn abzukaufen, Versperrt er die in einer Scheur Und ließ sie verbrennen im Feur.
Als aber die gefangenen Mann Ihr Jammergeschrei huben an, Lacht der Bischof von Herzensgrund, Sprach mit seinem gottlosen Mund: „Wie schön können die Kornmäus singen! Kommt, kommt, ich will euch mehr Korn bringen!“ Von Stund an sah er Abenteuer: Die Mäus liefen zu ihm vom Feur So häufig, daß niemand konnt wehren, Sie wollten ihn lebend verzehren. Darum baut er mitten im Rhein Einen hohen Turm von rotem Stein, Den euer viele haben gesehen, Darauf den Mäusen zu entgehen; Aber es war verlorne Sach: Sie schwammen ihm mit Haufen nach, Stiegen mutig den Turm hinauf, Fraßen ihn ungebraten auf.
Georg Rollenhagen
Der Mäuseturm
Am Mäuseturm, um Mitternacht, Des Bischofs Hatto Geist erwacht: Er flieht um die Zinnen im Höllenschein, Und glühende Mäuslein hinter ihm drein!
Der Hungrigen hast du, Hatto, gelacht, Die Scheuer Gottes zur Hölle gemacht. Drum ward jedes Körnlein im Speicher dein Verkehrt in ein nagendes Mäuselein!
Du flohst auf den Rhein in den Inselturm, Doch hinter dir rauschte der Mäusesturm. Du schlossest den Turm mit eherner Tür, Sie nagten den Stein und drangen herfür.
Sie fraßen die Speise, die Lagerstatt, Sie fraßen den Tisch dir und wurden nicht satt! Sie fraßen dich selber zu aller Graus Und nagen den Namen dein überall aus. --
Fern rudern die Schiffe um Mitternacht, Wenn schwirrend dein irrender Geist erwacht: Er flieht um die Zinnen im Höllenschein, Und glühende Mäuslein hinter ihm drein.
August Kopisch
Das Tal
Mit dem grauen Felsensaal Und der Hand voll Eichen Kann das ruhevolle Tal Hundert andern gleichen.
Kommt der Strom mit seinem Ruhm Und den stolzen Wogen Durch das stille Heiligtum Prächtig hergezogen.
Und auf einmal lacht es jetzt Hell im klarsten Scheine, Und dies Liederschwälbchen netzt Seine Brust im Rheine!
Gottfried Keller
Rheinfahrt
Wimpel grüßen, Böller krachen, Lustig schwimmen wir im Rhein, Tiefe Boote, leichte Nachen Wollen uns Geleite sein.
Wohl, nun geht es rauschend weiter, Lachend Bild, wohin wir sehn, Die Gestade grün und heiter Und darüber Rebenhöhn.
Städte mit den alten Zinnen Laden gastlich uns herzu, Burgen, die verlassen sinnen, Ragen einsam, tief in Ruh.
Überall in trauter Nähe Winkt ein ander Bild herbei, Eh ich alles übersehe, Ist es wie ein Traum vorbei.
Martin Greif
Die Zwingburg
Gebrochen ist der alte Twing, Ringsum ergrünt sein Mauerring, Der Eppich schwankt im Fenster, Versunken in der Erde Schoß Tief unter das besonnte Moos Sind Ritter und Gespenster.
Wo durch das tiefgewölbte Tor Die zorn’ge Fehde schritt hervor Und ließ die Hörner schmettern, Da hat sich, duftig eingeengt, Ein Zicklein ans Gesträuch gehängt Und nascht von jungen Blättern.
Wo wildverträumt Frau Minne stund, Zerrann auf blauem Wiesengrund Der kecke Bau des Erkers; Wo im Verließ der Haß gegrollt, Ist in das weiche Gras gerollt Ein Quaderstein des Kerkers.
Und wo den Teich vom Hügelhang Herab die trotzge Feste zwang, Ein finster Bild zu spiegeln, Da rudert, von der Flut benetzt, Der Burg zerstörtes Wappen jetzt: Ein Schwan mit Silberflügeln.
C. F. Meyer
Auf einer Burg
Eingeschlafen auf der Lauer Oben ist der alte Ritter; Drüber gehen Regenschauer, Und der Wald rauscht durch das Gitter.
Eingewachsen Bart und Haare, Und versteinert Brust und Krause, Sitzt er viele hundert Jahre Oben in der stillen Klause.
Draußen ist es still und friedlich, Alle sind ins Tal gezogen, Waldesvögel einsam singen In den leeren Fensterbogen.
Eine Hochzeit fährt da unten Auf dem Rhein im Sonnenscheine, Musikanten spielen munter, Und die schöne Braut, die weinet.
Joseph von Eichendorff
Gute Landung
Düstrer wird’s am Binsenstrande, Hohl und grün die Wogen ziehn, Fern ein Regenstrich im Lande Malt sich an den Wolken hin.
Da im Grau der Nebeldüfte Winkt es tröstlich aus dem Strom, In die abendlichen Lüfte Steigt ein wunderbarer Dom.
Martin Greif
Vor dem Münster
Vom Frühgeläut umsummet, In hehrer Klänge Strom, Davor der Markt verstummet, Steigt vor mir auf der Dom.
Nicht brauch ich einzutreten, Um andachtsvoll zu sein, Mich dünkt, ich könnte beten Hier außen auch allein.
Martin Greif
Sonntags am Rhein
Des Sonntags in der Morgenstund, Wie wandert’s sich so schön Am Rhein, wenn rings in weiter Rund Die Morgenglocken gehn!
Ein Schifflein zieht auf blauer Flut. Da singt’s und jubelt’s drein; Du Schifflein, gelt, das fährt sich gut In all die Lust hinein?
Vom Dorfe hallet Orgelton, Es tönt ein frommes Lied, Andächtig dort die Prozession Aus der Kapelle zieht.
Und ernst in all die Herrlichkeit Die Burg herniederschaut Und spricht von alter, starker Zeit, Die auf den Fels gebaut.
Das alles beut der prächtge Rhein An seinem Rebenstrand Und spiegelt recht in hellem Schein Das ganze Vaterland.
Das fromme, treue Vaterland In seiner vollen Pracht, Mit Lust und Liedern allerhand Vom lieben Gott bedacht.
Robert Reinick
Rheinbild
Schaum und Brandung, feste Städte, Burg und Fels und stilles Kloster, Und die Rebe reift am Hügel, Und der Wächter grüßt vom Turme, Und die Wimpel flattern lustig, Und von hoher Klippe tönt Wundersam der Lurlei Sang.
Joseph Viktor v. Scheffel
Die Lorelei
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin? Ein Märchen aus uralten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl, und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar; Ihr goldnes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldnes Haar.
Sie kämmt es mit goldnem Kamme Und singt ein Lied dabei; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die +Lorelei+ getan.
Heinrich Heine
Die Jungfrau auf dem Lurlei
In alten Zeiten ließ sich manchmal auf dem Lurlei um die Abenddämmerung und beim Mondschein eine Jungfrau sehen, die mit so anmutiger Stimme sang, daß alle, die es hörten, davon bezaubert wurden. Viele, die vorüberschifften, gingen am Felsenriff oder im Strudel zugrunde, weil sie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeuges achteten, sondern von den himmlischen Tönen der wunderbaren Jungfrau gleichsam vom Leben abgelöst wurden, wie das zarte Leben der Blume sich im süßen Duft verhaucht. Niemand hatte die Jungfrau noch in der Nähe geschaut, als einige junge Fischer. Zu diesen gesellte sie sich bisweilen im letzten Abendrot und zeigte ihnen die Stellen, wo sie ihr Netz auswerfen sollten. Jedesmal, wenn sie den Rat der Jungfrau befolgten, taten sie einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten nun, wo sie hinkamen, von der Huld und Schönheit der Unbekannten, und die Geschichte verbreitete sich im ganzen Lande umher. Ein Sohn des Pfalzgrafen, der damals in der Gegend sein Hoflager hatte, hörte die wundervolle Märe und faßte eine innige Zuneigung zu der Jungfrau. Unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, nahm er den Weg nach Wesel, setzte sich dort auf einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die Sonne war eben untergegangen, und die ersten Sterne am Himmel traten hervor, als sich das Fahrzeug dem Lurlei näherte. „Seht ihr sie dort, die verwünschte Zauberin? Das ist sie gewiß!“ riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte sie aber bereits erblickt, wie sie am Abhang des Felsenberges, nicht weit vom Strome, saß und einen Kranz für ihre goldnen Locken band. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nötigte die Schiffer, am Fels anzufahren, und noch einige Schritte davon wollte er ans Land springen und die Jungfrau festhalten. Aber er nahm den Sprung zu kurz und versank in dem Strome, dessen schäumende Wogen schauerlich über ihm zusammenschlugen.
Die Nachricht von dieser traurigen Begebenheit kam schnell zu den Ohren des Pfalzgrafen. Schmerz und Wut zerrissen die Seele des armen Vaters, der auf der Stelle den strengsten Befehl erteilte, ihm die Unholdin tot oder lebendig zu liefern. Einer seiner Hauptleute übernahm es, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen; doch bat er sich aus, die Hexe ohne weiteres in den Rhein stürzen zu dürfen, damit sie sich nicht vielleicht durch lose Künste aus Kerker und Banden befreie. Der Pfalzgraf war dies zufrieden. Der Hauptmann zog gegen Abend aus und umstellte mit seinen Reisigen den Berg in einem Halbkreise vom Rheine aus. Er selbst nahm drei der Beherztesten aus seiner Schar und stieg den Lurlei hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von Bernstein in der Band. Sie sah die Männer von fern kommen und rief ihnen zu, was sie hier suchten. „Dich, Zauberin,“ antwortete der Hauptmann. „Du sollst einen Sprung in den Rhein hinunter machen.“ -- „Ei,“ sagte die Jungfrau lachend, „der Rhein mag mich holen.“ Bei diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton:
„Vater, geschwind, geschwind, Die weißen Rosse schick deinem Kind! Es will reiten mit Wogen und Wind.“
Urplötzlich rauschte ein Sturm daher. Der Rhein erbrauste, daß weitum Ufer und Höhen vom weißen Gischt bedeckt wurden; zwei Wellen, welche fast die Gestalt von zwei weißen Rossen hatten, flogen mit Blitzesschnelle aus der Tiefe auf die Kuppe des Felsens und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie verschwand.
Jetzt erst erkannten der Hauptmann und seine Knechte, daß die Jungfrau eine Undine sei und menschliche Gewalt ihr nichts anhaben könne. Sie kehrten mit der Nachricht zu dem Pfalzgrafen zurück und fanden dort mit Erstaunen den totgeglaubten Sohn, den eine Welle ans Ufer getragen hatte.
Die Lurleijungfrau ließ sich von der Zeit an nicht wieder hören, obgleich sie noch ferner den Berg bewohnte und die Vorüberschiffenden durch das laute Nachäffen ihrer Reden neckte.
A. Schreiber
Der Drachen-Schläger
Die Trauer barg in schweren Gewölken das Land am Rhein: Der Drache trug Begehren nach des Königs Töchterlein. Man konnte sie nicht versagen des wilden Wurmes Gewalt: Die Helden lagen erschlagen, der König war viel zu alt. Die schwarze Trauerfahne, sie wallte weit ins Land: Auf hohem Turm-Altane die schöne Jungfrau stand: „Fahrt wohl nun, Rosen und Reben! Fahr wohl, du rauschender Rhein: Nun muß mein junges Leben in den Tod gegeben sein.“ Da nach dem Königsschlosse ein schimmernder Reiter ritt: Er ritt auf weißem Rosse, drei Schwäne flogen mit. „Nun laßt das Trauern und Klagen, nun wird das Weh gewandt; Ich werde den Lindwurm schlagen, Siegfried von Niederland. Aus eitel Sonnenlichte geschmiedet ist mein Schwert, Vor mir wird all zunichte das Nachtgewürm der Erd.“
Felix Dahn
Frühgesicht
Im Zwielicht raget Dom an Dom, An allen Fenstern lauscht’s verstohlen; Doch auf gedankenleichten Sohlen Vorüber eilt der Schattenstrom.
Das rauscht und tauschet Hand und Kuß, Der Sturmhauch rührt verjährte Fahnen Wie neues Hoffen, altes Mahnen, Erschauernd wie ein Geistergruß.
Was brav und mannhaft ist, vereint Zieht es, den letzten Streit zu schlagen; Es klirrt zu Fuß, zu Roß und Wagen, Zum Freunde wird der alte Feind, Und neben Siegfried reitet Hagen.
Gottfried Keller
Siegfrieds Tod
Gunther und Hagen, die Recken wohlgetan, Berieten mit Untreuen ein Birschen in den Tann: Mit den scharfen Speeren wollten sie jagen Schwein Und Bären und Wisende: Was konnte Kühneres sein?
Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn. Man bracht ihnen Speise mancherlei dahin. An einem kalten Brunnen ließ er da das Leben; Den Rat hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben.
Da ließ man herbergen bei dem Walde grün Vor des Wildes Wechsel die stolzen Jäger kühn, Wo sie da jagen wollten auf breitem Angergrund, Da war auch Siegfried kommen: das ward dem König kund.
Von den Jagdgesellen ward umhergestellt Die Wart nach allen Enden: da sprach der kühne Held, Siegfried, der starke: „Wer soll uns in den Wald Nach dem Wilde weisen, ihr Degen kühn und wohlgestalt?“
„Wollen wir uns scheiden,“ hub da Hagen an. „Ehe wir beginnen zu jagen hier im Tann? So mögen wir erkennen, ich und die Herren mein. Wer die besten Jäger bei dieser Waldreise sein.
Leute so wie Hunde, wir teilen uns darein: Dann fährt, wohin ihn lüstet, jeglicher allein, Und wer das Beste jagte, dem sagen wir den Dank.“ Da weilten die Jäger bei einander nicht mehr lang.
Da sprach der edle Siegfried: „Der Hunde hab ich Rat, Ich will nur einen Bracken, der so genossen hat, Daß er des Wildes Fährte spüre durch den Tann: Wir kommen wohl zum Jagen!“ so sprach der Kriemhilde Mann.
Da nahm ein alter Jäger einen Spürhund hinter sich Und brachte den Herren, eh lange Zeit verstrich, Wo sie viel Wildes fanden. Was des erstöbert ward, Das erjagten die Gesellen, wie heut noch guter Jäger Art.