Bach und Strom

Part 4

Chapter 43,109 wordsPublic domain

Da wurde viel des Wildes vom grimmen Tod ereilt. Sie wähnten es zu fügen, daß ihnen zugeteilt Der Preis des Jagens würde: das konnte nicht geschehn, Als bei der Feuerstätte der starke Siegfried ward gesehn.

Da ließ der König künden den Jägern wohlgeborn, Daß er zum Imbiß wolle: da wurde laut ins Horn Einmal gestoßen: damit war nun bekannt, Daß man den edeln Fürsten bei den Herbergen fand.

Da sprach der edle Siegfried: „Nun räumen wir den Wald.“ Sein Roß trug ihn eben, die andern folgten bald. Sie ersprengten mit dem Schalle ein Waldtier fürchterlich, Einen wilden Bären; da sprach der Degen hinter sich:

„Nun will ich uns Kurzweil schaffen auf der Fahrt: Den Bracken löst, einen Bären hab ich hier gewahrt, Der soll mit uns von hinnen zu den Herbergen fahren. Er müßte hurtig fliehen, wollt er davor sich bewahren.“

Da lösten sie den Bracken: gleich sprang der Bär hindann; Da wollte ihn erreiten der Kriemhilde Mann. Er fiel in ein Geklüfte: da konnt er ihm nicht bei; Das starke Tier wähnte von den Jägern schon sich frei.

Da sprang von seinem Rosse der stolze Ritter gut Und begann ihm nachzulaufen. Das Tier war ohne Hut, Es konnt ihm nicht entrinnen: er fing es allzuhand, Ohn es zu verwunden; der Degen eilig es band.

Kratzen oder beißen konnt es nicht den Mann, Er band es auf den Sattel: aufsaß der Schnelle dann; Er bracht es an die Feuerstatt in seinem hohen Mut Zu einer Kurzweile, der Degen edel und gut.

Da ritt der edle Degen stattlich aus dem Tann. Ihn sahen zu sich kommen, die in Gunthers Bann. Sie liefen ihm entgegen und hielten ihm das Roß: Da führt er auf dem Sattel einen Bären stark und groß.

Als er vom Roß gestiegen, löst er ihm das Band Vom Mund und von den Füßen; die Hunde, gleich zur Hand, Begannen laut zu heulen, als sie den Bären sahn. Das Tier zum Walde wollte: das erschreckte manchen Mann.

Der Bär in die Küche von dem Lärm geriet; Hei! was er von dem Feuer der Küchenknechte schied! Gerückt ward mancher Kessel, zerzerrt mancher Brand; Hei! was man guter Speise in der Asche liegen fand!

Da sprangen von den Sitzen die Herren und ihr Bann; Der Bär begann zu zürnen: der König wies sie an, Der Hunde Schar zu lösen, die an den Seilen lag: Und wär es wohl geendet, sie hätten fröhlichen Tag.

Mit Bogen und mit Spießen, man versäumte sich nicht mehr, Liefen hin die schnellen, wo da ging der Bär; Doch wollte niemand schießen, von Hunden war’s zu voll: So laut war das Getöse, daß rings der Bergwald erscholl.

Der Bär wurde flüchtig vor der Hunde Zahl; Ihm konnte niemand folgen als Kriemhilds Gemahl. Er erlief ihn mit dem Schwerte, zu Tod er ihn da schlug, Wieder zu dem Feuer das Gesind den Bären trug.

Da sprachen, die es sahen, er wär ein starker Mann. Die stolzen Jagdgesellen rief man zu Tisch heran: Auf einem schönen Anger saßen ihrer genug. Hei! was man Ritterspeise vor die stolzen Jäger trug!

Da sprach der Herre Siegfried: „Mich verwundert sehr, Man bringt uns aus der Küche doch so viel daher, Was bringen uns die Schenken nicht dazu den Wein? pflegt man so der Jäger, will ich nicht Jagdgeselle sein.“

Da sprach der Niederländer: „Ich sag euch wenig Dank: Man sollte sieben Säumer mit Met und Lautertrank Mir hergesendet haben; konnte das nicht sein, So sollte man uns näher gesiedelt haben dem Rhein.“

Da sprach von Tronje Hagen: „Ihr edeln Ritter schnell, Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell: Daß ihr mir nicht zürnet, da rat ich hinzugehn.“ Der Rat war manchem Degen zu großen Sorgen geschehn.

Als sie von dannen wollten zu der Linde breit, Da sprach von Tronje Hagen: „Ich hörte jederzeit, Es könne niemand folgen Kriemhilds Gemahl, Wenn er rennen wolle; hei! schauten wir doch das einmal?“

Da sprach von Niederlanden Siegfried, der Degen kühn: „Das mögt ihr wohl erproben; wollt ihr zur Wette hin Mit mir an den Brunnen? Wenn der Lauf geschieht, Soll der uns Sieger heißen, den man den vordersten sieht.“

„Wohl, laßt es uns versuchen,“ sprach Hagen, der Degen. Da sprach der starke Siegfried: „So will ich mich legen Hier zu euern Füßen nieder in das Gras.“ Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das!

Da sprach der kühne Degen: „Ich will euch mehr noch sagen: All meine Geräte will ich mit mir tragen, Den Speer samt dem Schilde, dazu mein Birschgewand.“ Das Schwert und den Köcher er um die Glieder schnell sich band.

Ab zogen sie die Kleider von dem Leibe da; In zwei weißen Hemden man beide stehen sah. Wie zwei wilde Panther liefen sie durch den Klee; Man sah bei dem Brunnen den kühnen Siegfried doch eh.

Den Preis in allen Dingen vor manchem man ihm gab, Da löst er schnell die Waffe, den Köcher legt er ab, Den Speer, den starken, lehnt er an den Lindenast: Bei dem fließenden Brunnen, da stand der herrliche Gast.

Siegfrieds Tugenden waren gut und groß. Den Schild legt er nieder, wo der Brunnen floß: Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank, Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank.

Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut; Da neigte sich Gunther hernieder zu der Flut. Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann; Also hätte auch gerne der kühne Siegfried getan.

Da entgalt er seiner Tugend: den Bogen und das Schwert Trug Hagen beiseite von dem Degen wert. Dann sprang er schnell zurücke, wo er den Wurfspieß fand, Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.

Als Siegfried der Degen aus dem Brunnen trank, Schoß er ihm durch das Kreuze, daß aus der Wunde sprang Das Blut seines Herzens hoch an Hagens Staat, Kein Held begeht wieder also große Missetat.

Der Held in wildem Toben von dem Brunnen sprang; Ihm ragte von den Schultern eine Speerstange lang. Nun wähnt er da zu finden Bogen oder Schwert, So hätt er Lohn Herrn Hagen wohl nach Verdienste gewährt.

Als der Todwunde das Schwert nicht wiederfand, Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand; Den hob er auf vom Brunnen und rannte Hagen an: Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Untertan.

Wie wund er war zu Tode, so kräftig doch er schlug, Daß von dem Schilde niederträufelte genug Des edeln Gesteines: der Schild zerbrach ihm fast. Wie gern gerochen hätte sich der herrliche Gast!

Gestrauchelt war da Hagen von seiner Hand zu Tal; Der Anger von den Schlägen erscholl im Widerhall. Hätt er sein Schwert in Händen, so wär es Hagens Tod: Sehr zürnte der Wunde; es zwang ihn wahrhafte Not.

Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr stehn: Seines Leibes Stärke mußte gar zergehn, Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug. Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug.

Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann: Das Blut von seiner Wunde stromweis niederrann. Da begann er die zu schelten, ihn zwang die große Not, Die da geraten hatten mit Untreue seinen Tod.

Da sprach der Todwunde: Weh, ihr bösen Zagen, Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen? Ich war euch stets gewogen und sterbe nun daran: Ihr habt an euren Freunden leider übel getan.“

Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag. Das war ihrer vielen ein freudeloser Tag. Wer irgend Treue kannte, von dem ward er beklagt: Das hatt auch wohl um alle verdient der Degen unverzagt.

Der König der Burgunden beklagt auch seinen Tod. Da sprach der Todwunde: „Das tut wohl nimmer Not, Daß der um Schaden weinet, durch den man ihn gewann; Er verdient groß Schelten, er hätt es besser nicht getan.“

Da sprach der grimme Hagen: „Ich weiß nicht, was euch reut, Nun hat zumal ein Ende unser sorglich Leid. Nun mag’s nicht manchen geben, der uns darf bestehn: Wohl mir, daß seiner Herrschaft durch mich ein End ist geschehn.

Die Blumen allenthalben wurden vom Blute naß. Da rang er mit dem Tode, nicht lange tat er das, Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr: Auch mußte bald ersterben dieser Degen kühn und hehr.

Als die Herren sahen, der Degen sei tot, Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde rot. Da gingen sie zu Rate, wie es sollt ergehn, Daß es verhohlen bliebe, es sei von Hagen geschehn.

Da sprachen ihrer viele: „Ein Unfall ist geschehn; Ihr sollt es alle hehlen und einer Rede stehn: Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann, Da schlugen ihn die Schächer, da er fuhr durch den Tann.“

Da sprach von Tronje Hagen: „Ich bring ihn in das Land. Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt, Die so betrüben konnte Brunhildens hohen Mut; Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und tut.“

Da harrten sie des Abends und fuhren überrhein: Von Helden konnte nimmer so schlimm gejaget sein. Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib. Bald mußte sein entgelten viel guter Weigande Leib.

Karl Simrock nach dem Nibelungenlied

Hagen und Volker

Wenn ihn auch alle hassen, Ich aber haß ihn nicht! Und wenn ihn alle lassen, Ich aber laß ihn nicht! Ich weiß, er ist wie Erz so hart Und ist wie Erz auch treu. Das gibt zu meiner Spielmannsart Die beste Melodei.

Die andern mögen sagen, Er sei ein kalter Wicht. Ich kenn den finstern Hagen, Die Sippschaft kennt ihn nicht. Er sprach noch nie ein Wort davon, Daß er mir gut gesinnt; Doch hundert Male merkt ich’s schon, Wie der von Tronje minnt.

Die Liebe, die ihm eigen, Die weckt nur die Gefahr. Er scheut sich, sie zu zeigen; Doch ist sie treu und wahr. Er spielt ein stolzes Minnelied Mit seinem guten Schwert. Ich ward des Lauschens nimmer müd, Wie oft ich’s auch gehört.

In allen meinen Weisen Schuld ich den vollsten Klang Dem Lied, das mir sein Eisen In hohen Tönen sang. Dem Helden folgt sein Troubadour, Dem Winterfrost der Mai -- Es kennt von Tronje Hagen nur Der Volker von Alzei!

Ernst Weber

Hagen

Unten wiehert ein Roß. Zur steilen Wacht Empor steigt Hagen mit funkelnder Pracht, Heiser hat sich der Tag gekräht, Ein Felsenwind herüberweht. Lache, du blaue Nacht.

Lorchheim schimmert noch fern am Rhein, An beiden Ufern mit bleichem Schein Die milchweißen Häuser hängen, Die sich im Wasser drängen.

So schwer ist ihm das braune Gold, Das auf dem Schilde klappt und rollt. Lang hat er’s nun mühselig gesucht, Jetzt fühlt er, daß der Schatz verflucht. Lache, du blaue Nacht.

Von geneigtem Schilde Gold und Gestein Platscht in die trüben Wellen hinein Und schäumend, jubelnd greift die Flut Mit Armen nach dem kostbaren Gut.

„Nun ist es vorbei!“ Ein Schein noch blinkt Von dem Gold, das langsam untersinkt. Und Nixen drohen im Schleiertuch: „Wohl, der Schatz zerging, doch es blieb der Fluch! Lache, du blaue Nacht!“

Wilhelm von Scholz

Der versenkte Hort

Es war einmal ein König, ein König war’s am Rhein, Der liebte nichts so wenig als Haders Not und Pein. Es stritten seine Degen um einen Schatz im Land Und wären fast erlegen vor ihrer eignen Hand.

Da sprach er zu den Edlen: „Was frommt euch alles Gold, Wenn ihr mit euern Schädeln den Hort erkaufen sollt? Ein Ende sei der Plage, versenkt ihn in den Rhein; Da bis zum jüngsten Tage mag er verborgen sein.“

Da senkten ihn die stolzen hinunter in die Flut: Er ist wohl gar geschmolzen, seitdem er da geruht. Zerronnen in den Wellen des Stroms, der drüber rollt, Läßt er die Trauben schwellen und glänzen gleich dem Gold.

Daß doch ein jeder dächte, wie dieser König gut, Auf daß kein Leid ihn brächte um seinen hohen Mut. So senkten wir hinunter den Kummer in den Rhein Und tränken frisch und munter von seinem goldnen Wein.

Karl Simrock

Rheinweinlied

Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher, Und trinkt ihn fröhlich leer. In ganz Europia, ihr Herren Zecher! Ist solch ein Wein nicht mehr.

Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen, Noch wo man franzmännisch spricht; Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen, Wir holen ihn da nicht.

Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle; Wie wär er sonst so gut! Wie wär er sonst so edel, wäre stille Und doch voll Kraft und Mut!

Er wächst nicht überall im Deutschen Reiche; Und viele Berge, hört, Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche Und nicht der Stelle wert.

Thüringens Berge zum Exempel bringen Gewächs, sieht aus wie Wein; Ist’s aber nicht. Man kann dabei nicht singen, Dabei nicht fröhlich sein.

Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen, Wenn Wein ihr finden wollt. Das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen Und etwas Lausegold.

Der Blocksberg ist der lange Herr Philister, Er macht nur Wind wie der; Drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster Auf ihm die Kreuz und Quer.

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben; Gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin und geben Uns diesen Labewein.

So trinkt ihn denn und laßt uns allewege Uns freun und fröhlich sein! Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein.

Mathias Claudius

Die Weinmörder

Im Rheingau treiben die Reben, Mit einem Kusse lind Erweckte sie zum Leben Ein weicher Frühlingswind. Und grüßend jauchzt der Ferge, Der auf dem Strome zieht: „Gott schirm die schimmernden Berge Und was drauf sproßt und blüht!“

Hoch droben aber im Blauen, Dort schmunzelt Sankt Urban, Dort lacht beim Herunterschauen Manch seliger deutscher Mann. Dort ruft Herr Karl, der Degen, Des Rebenbaus Wardein: „Allvater, gib deinen Segen Dem Weine am deutschen Rhein!“

Schon will der Herr willfahren Und schreitet zur Himmelstür, Da tritt aus den frommen Scharen Sankt Bonifaz herfür: „Genug ist, Herr an Weine! Halt ein, eh dich’s gereut! Ich kenne die am Rheine, Das sind gar durstige Leut!

Jetzt beten sie und halten Dein Wort in Zucht und Scham. Das kommt vom Wasser, dem kalten, Das einst beim Taufen ich nahm. Der Wein tät wieder erwecken Die Götter, die ich beschwor: Die trinkgewaltigen Recken Odhin und Asathor.

Statt Glocken hörte man läuten Die Becher in Zechers Hand, Wallfahrer sähe man schreiten Von Schenke zu Schenke durchs Land. Die Pfaffen und die Laien Am sonnigen Ufer des Rheins Vergäßen auf Glauben und Treuen Beim Überschwange des Weins.

Drum laß zwei Helfer mich wählen; Wir tilgen in kurzer Frist, Was drunt zum Schaden der Seelen Zu üppig gediehen ist.“ „Sei’s denn, so schafft’s mir Trauer,“ Spricht darauf des Höchsten Mund. „Gern hätt ich dem rheinischen Bauer Ein gutes Tröpflein vergunnt!“ --

Im Rheingau treiben die Reben, Doch all die Frühlingspracht Traf tief ins junge Leben Ein Reiffrost über Nacht. „Das haben,“ so schelten mit Grimme Die Schiffer im gleitenden Kahn, „Pankraz, Servaz und der schlimme Herr Bonifaz getan!“

O. Kernstock

Der Ritter vom Rheine

Ich weiß einen Helden von seltener Art, So stark und so zart, so stark und so zart; Das ist die Blume der Ritterschaft, Das ist der erste an Milde und Kraft, So weit auf des Vaterlands Gauen Die Sterne vom Himmel schauen.

Er kam zur Welt auf sonnigem Stein Hoch über dem Rhein; hoch über dem Rhein; Und wie er geboren, da jauchzt überall Im Lande Trompeten- und Paukenschall, Da wehten von Burgen und Hügeln Die Fahnen mit lustigen Flügeln.

In goldener Rüstung geht der Gesell, Das funkelt so hell, das funkelt so hell! Ob ihm auch mancher zum Kampf sich gestellt, Weiß keinen, den er nicht endlich gefällt; Es sanken Fürsten und Pfaffen Vor seinen feurigen Waffen.

Doch wo es ein Fest zu verherrlichen gilt, Wie ist er so mild, wie ist er so mild! Er naht, und die Augen der Gäste erglühn, Und der Sänger greift in die Harfe kühn Und selbst die Mädchen im Kreise, Sie küssen ihn heimlicherweise.

O komm, du Blume der Ritterschaft, Voll Milde und Kraft, voll Milde und Kraft! Tritt ein in unsern vertraulichen Rund Und wecke den träumenden Dichtermund Und führ uns beim Klange der Lieder Die Freude vom Himmel hernieder!

Emanuel Geibel

Das Lied vom Rhein

Es klingt ein heller Klang, Ein schönes deutsches Wort In jedem Hochgesang Der deutschen Männer fort: Ein alter König hochgeboren, Dem jedes deutsche Herz geschworen -- Wie oft sein Name wiederkehrt, Man hat ihn nie genug gehört.

Das ist der heilge Rhein, Ein Herrscher, reich begabt, Des Name schon wie Wein Die treue Seele labt. Es regen sich in allen Herzen Viel vaterländssche Lust und Schmerzen, Wenn man das deutsche Lied beginnt Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.

Sie hatten ihm geraubt Der alten Würden Glanz, Von seinem Königshaupt Den grünen Rebenkranz. In Fesseln lag der Held geschlagen: Sein Zürnen und sein stolzes Klagen, Wir haben’s manche Nacht belauscht, Von Geisterschauern hehr umrauscht.

Was sang der alte Held? -- Ein furchtbar dräuend Lied: „O weh dir, schnöde Welt! wo keine Freiheit blüht, Von Treuen los und bar von Ehren! Und willst du nimmer wiederkehren, Mein, ach! gestorbenes Geschlecht Und mein gebrochnes deutsches Recht?

O meine hohe Zeit! Mein goldner Lebenstag! Als noch in Herrlichkeit Mein Deutschland vor mir lag. Und auf und ab am Ufer wallten Die stolzen, adligen Gestalten, Die Helden, weit und breit geehrt Durch ihre Tugend und ihr Schwert.

Es war ein frommes Blut In ferner Riesenzeit Voll kühnem Leuenmut, Und mild als eine Maid. Man singt es noch in späten Tagen, Wie den erschlug der arge Hagen, Was ihn zu solcher Tat gelenkt, In meinem Bette liegt’s versenkt.

Du Sünder! Wüte fort! Bald ist dein Becher voll; Der Nibelungen Hort Ersteht wohl, wenn er soll, Es wird in dir die Seele grausen, Wenn meine Schrecken dich umbrausen, Ich habe wohl und treu bewahrt Den Schatz der alten Kraft und Art!“

Erfüllt ist jenes Wort: Der König ist nun frei, Der Nibelungen Hort Ersteht und glänzet neu! Es sind die alten deutschen Ehren, Die wieder ihren Schein bewähren: Der Väter Zucht und Mut und Ruhm, Das heilge deutsche Kaisertum!

Wir huldgen unserm Herrn, Wir trinken seinen Wein. Die Freiheit sei der Stern! Die Losung sei der Rhein! Wir wollen ihm aufs neue schwören; Wir müssen ihm, er uns gehören, Vom Felsen kommt er frei und hehr, Er fließe frei in Gottes Meer!

Max von Schenkendorf

Erhöre mich!

An dessen Hand die Sonnenmeere laufen, Erhöre mich, du ewige Ewigkeit, Du fährst empor, mit Not und Tod zu taufen Und tünchst mit Blut das Tor der kranken Zeit.

In unser Treiben schlug dein grimmes Schelten. In unsere Lügen donnerte dein „Nein!“ In unsere wohlgewogenen kleinen Welten Brach deine Flut zum Niederreißen ein.

O laß uns nicht im Unglücksstrom ersticken, Erwürg uns nicht, der aller Odem ist, Und stoß uns nicht von allen Lebensbrücken, Der du die Brücke in das Leben bist.

Gustav Schüler