Bach und Strom

Part 2

Chapter 23,539 wordsPublic domain

„Ich denk gar, das ist die kohlschwarze Stina gewesen,“ sagte mein Vater vor sich hin, „wie närrisch lauft denn die herum in der Nacht!“

„Der wäre es sicher nicht uneben gewesen, wenn sie unsere Bleichleinwand noch gefunden hätt auf dem Anger,“ meinte meine Mutter daheim.

„Ei, das kannst nicht wissen,“ sagte mein Vater ablehnend. „Sie macht sich ihr Brot bei der Kohlenbrennerei, und Schlechtes kann man ihr doch just gerade eben nicht gar recht viel nachsagen.“

„Gutes auch nicht,“ versetzte die Mutter, dann war nicht weiter mehr davon die Rede.

Wir gingen zum Abendessen. Nach diesem setzte sich meine Mutter zum Spinnrad und sang ein Lied und erzählte ein Märchen. Das Märchen von der weißen Frau, wie sie um Mitternacht durch das Ritterschloß schwebt und mit dem blutigen Dolche eine Unglücksprophezeiung an die Wand schreibt -- es ließ mir die ganze Nacht keine Ruhe, und ich kroch aus Angst und Furcht vor der weißen Frau dem alten Einleger-Jobst, bei dem ich schlief, schier hinters Hemd hinein.

Am andern Morgen, als wir aufstanden, war die Nachricht da, mein Vater müsse eilends roboten gehen. Zwar war es schon ein Stück Weile nach dem Jahre des Heiles achtundvierzig, aber unser guter Verwalter hielt stets noch an der ehrwürdigen Sitte, die Bauern ins Joch zu spannen, und die Bauern bogen willig ihre sonst so steifen Nacken.

Mich aber traf’s an diesem Morgen wie ein Donnerschlag; „Bub,“ sagte der Vater zu mir, „so mußt heut du der Müllner sein unten im Schierlinggraben.“

Noch ging er mit mir hinab, um die Tür aufzuschließen und die Mühle anzurichten.

Ersteres wäre nicht nötig gewesen; die Tür war kaum verriegelt und mein Vater brummte: „So ein hölzern Schloß ist just für die Katz; der erst best Bettelmann taucht mit dem Stock den Riegel in Scherben.“

Dann gab mir der Vater noch Verhaltungsmaßregeln; unterwies mich, wie man mittels der Wandstange das Wasser vom Holzfloße leite, daß es seitwärts tief in das steinige Bett hinabstürze und die Mühle stehen bleibe. Ferner bereitete er mir einen Kübel Wassers auf dem Schüttboden, „im Falle, daß was sein sollte“. Er dachte ans Feuer. Dann ging er, und ich war allein in der dunklen, klappernden Mühle.

Mir war, als obläge mir die Sorge über eine ganze wildwirbelnde Welt. Ich schlich und spähte herum, ob überall alles in Ordnung; ich guckte in die Aufschüttmulde; es rieselte immer aus ihr, aber sie wollte nicht leerer werden. Ich hub in Gedanken an zu zählen und dachte, bis ich fünftausend gezählt hätte, würde das Korn wohl zur Rüste sein; aber ich zählte bis zehntausend, zählte bis -- da war mir plötzlich, als stiege aus dem Mehlkasten Rauch empor.

Ich stürzte zur Stange, bald stand das ganze Radwerk still und ich sah, es war nicht Rauch, es war nur Mehlstaub gewesen.

Ich richtete die Mühle wieder an und wurde nun etwas zuversichtlicher. Aber in dieser ewigen Dunkelheit des alten Baues, in diesem fortwährenden Tosen und Klirren wurde ich anderartig aufgeregt ... Ich spähte nach rechts und nach links und gegen die dunkelsten Winkel hin. Was gängelt doch das Weihbrunngefäß in einem fort! -- Schon wieder wollt ich zur Wandstange eilen, da ist plötzlich ein Gepuster und Gepolter -- siehe dort! -- langsam und von sich selbst hebt sich der Deckel des Mehlkastens, eine Gestalt, eine Menschengestalt richtet sich auf im Kasten, -- bleich ist sie bis in die Augen, bis in den Mund hinein. Jesus und Heiland! Die weiße Frau! -- Meine Augen wollen vergehen vor Schreck; aber sie sehn es noch, wie die Gestalt polternd aus dem Kasten steigt und hinaushuscht zur Tür.

Ich bin sehr erschrocken; aber der Schreck war verhältnismäßig kurz gewesen. Die Hast und Eile des Gespenstes kam mir verdächtig vor; ein ordentlicher Geist weiß sonst stets Würde und Anstand zu bewahren.

Wenn das ein Mensch gewesen wäre, ein schlechter Mensch, ein Mehldieb, den wir des Morgens in der Mühle überrascht und der sich in den Kasten verkrochen? -- Noch immer wirbelte der weiße Staub aus dem Mehlkasten auf. Ich guckte zum Fensterchen hinaus. Ich sah, wie die weiße Gestalt durch das Gesträuche kroch. Zuweilen, wo das Gebüsche eben recht dicht war, blieb sie ein wenig kauern und lauerte; sie meinte wohl, von der Tür aus müsse sie verfolgt werden, aber ich beobachtete sie durchs Fensterchen. Sie strich ängstlich hin und her, kroch endlich durch Erlen und hohe Germen und Sauerampfer in das steinige Bett des Baches, über welchen das Mühlfloß ging. Hier in dem tiefen Graben mochte sie sich sicher denken; mir aber kam ein verteufelter Gedanke. -- „Jetzt, bist du ein Geist oder nicht,“ dachte ich, „frisch Wasser ist eine Gottesgabe; das kann nicht schaden.“

Sofort rückte ich die Wandstange, und in demselben Augenblicke kreischte ein heller Schrei draußen im Wassergraben, in welchen das ganze Mühlwasser niederschoß auf die weiße Gestalt.

Diese blieb sie aber nicht lange; kaum sie sich soweit aus den Fluten hervorgearbeitet hatte, daß ich sie wieder sehen konnte, war sie nicht mehr weiß, war fahlgrau, war braun, wie die kohlschwarze Stina.

Sie hatte sich so sehr in ihre nassen Kleider und in das Gestrüppe verwickelt und verkettet, daß sie noch hübsch an Ort und Stelle war, als ich zu ihr hinauskam.

„Stina!“ sagte ich, „hast du uns wollen das Korn stehlen oder das Mehl“

Da wollte sie mit einem Steine nach mir werfen. Darüber erhob ich einen gewaltigen Lärm, und als auf denselben der Nachbar Thoma, der in der Schlucht Zaunstangen gehackt hatte, herbeikam, war die davonwatschelnde Stina noch zu sehen.

„Mach dir nichts draus, daß dich mein Mühlwasser schwarz gewaschen hat,“ rief er ihr nach, „in der Haftstuben wirst schon wieder trocken werden. Mein Weib freilich, die hängt die nassen Lumpen zum Trocknen an den Strick!“

Hierauf untersuchten wir den Mehlkasten; da drin war arg gewirtschaftet worden, und hätte der brave Mehlstaub die Diebin nicht noch rechtzeitig aus dem Schlupfwinkel getrieben, ich und mein Vater, wir hätten das Korn nicht für uns gemahlen.

Ich richtete die Mühle nicht mehr in den Gang; der Thoma faßte das Mehl in einen Sack und trug es hinauf in unser Haus.

Dann ging er und fing die Kohlschwarze ein.

Die Mühle im Schierlinggraben steht heute noch und ist versteckt unter den Büschen.

Das Mehl, das ich gemahlen, ist längst gebacken und gegessen, die kohlschwarze Stina längst trocken und vergessen.

Peter Rosegger

Fisch und Falke

Ein Fischlein steht am kühlen Grund, Durchsichtig fließen die Wogen, Und senkrecht ob ihm hat sein Rund Ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn Zuhöchst im Himmelsdome; Er sieht das Fischlein ruhig stehn Glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht Ins Blaue durch seine Welle, Ich glaube gar, das Sehnen zieht Eins an des andern Stelle!

Gottfried Keller

Die Forelle

In der hellen Felsenwelle Schwimmt die muntere Forelle, Und in wildem Übermut Guckt sie aus der kühlen Flut, Sucht, gelockt von lichten Scheinen, Nach den weißen Kieselsteinen, Die das seichte Bächlein kaum Überspritzt mit Staub und Schaum.

Sieh doch, sieh, wie kann sie hüpfen Und so unverlegen schlüpfen Durch den höchsten Klippensteg, Grad, als wäre das ihr Weg! Und schon will sie nicht mehr eilen, Will ein wenig sich verweilen, Zu erproben, wie es tut, Sich zu sonnen aus der Flut.

Über einem blanken Steine Wälzt sie sich im Sonnenscheine, Und die Strahlen kitzeln sie In der Haut, sie weiß nicht wie; Weiß in wähligem Behagen Nicht, ob sie es soll ertragen, Oder vor der fremden Glut Retten sich in ihre Flut.

Kleine, muntere Forelle, Weile noch an dieser Stelle Und sei meine Lehrerin: Lehre mich den leichten Sinn, Über Klippen wegzuhüpfen, Durch des Lebens Drang zu schlüpfen Und zu gehn, ob’s kühlt, ob’s brennt, Frisch in jedes Element!

Wilhelm Müller

Die Libelle

Es flattert um die Quelle Die wechselnde Libelle, Mich freut sie lange schon: Bald dunkel und bald helle, Wie das Chamäleon, Bald rot, bald blau, Bald blau, bald grün; O daß ich in der Nähe Doch ihre Farben sähe!

Sie schwirrt und schwebet, rastet nie! Doch still, sie setzt sich an die Weiden. Da hab ich sie! Da hab ich sie! Und nun betracht ich sie genau Und seh ein traurig dunkles Blau.

So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden!

Wolfgang v. Goethe

Der Fischer von Gotin

Was regt sich dort um Mitternacht? Elz hat das Netz zu Strand gebracht, Die Havel hegt viel Fische. Da ruft’s von drüben mit fremdem Laut: „Hol über!“ so wüst, daß Eulen graut, Elz aber frägt: „Wer ruft da?“ „Hol über!“ ruft’s mit grimmem Ton; Ein andrer wär da bald entflohn, Elz aber ruft: „Wer seid Ihr?“ „Hol über!“ ruft’s mit solcher Wut, Daß her zum Nachen rauscht die Flut, Elz aber nimmt das Ruder, Kennt keine Furcht und keinen Schreck, Er springt ins Schiff und rudert keck, Bis er gelangt zum Strande.

Da schleppt sich herab aus wildem Wald Eine riesig dunkle Graungestalt Ins Schiff wie mit bleiernen Füßen, So schwer, daß fast es niedergeht. Doch Elz stößt ab das Boot und steht Hochschwebend am andern Ende. Wie auch das schwanke Holz erkracht, Elz stehet fest und lenkt’s mit Macht Hin durch den Strom der Havel. Der Fremde blickt ihn furchtbar an, Elz wieder ihn, als echter Mann, Und schwingt gemach das Ruder, Und wie er kommt zum andern Strand, Steigt schweren Tritts der Gast ans Land, Elz aber heischt das Fährgeld. „Es liegt im Schiff, worin ich saß, Den keiner zu fahren sich je vermaß, Als du allein, du Kühner! Denn wisse, daß der Tod ich bin: Ich ziehe vor Tage nach Gotin, Und alles wird da sterben. Nur du sollst spät mich sonder Graun Mit leichten Flügeln wiederschaun Als sanften Seelenlöser.“ So sprach der Riese und verschwand, Elz aber sah ins Schiff und fand Es strahlend voll von Golde.

August Kopisch

Nixe Binsefuß

Des Wassermanns sein Töchterlein Tanzt auf dem Eis im Vollmondschein, Sie singt und lachet sonder Scheu Wohl an des Fischers Haus vorbei.

„Ich bin die Jungfer Binsefuß, Und meine Fisch wohl hüten muß, Mein Fisch, die sind im Kasten, Sie haben kalte Fasten; Von Böhmerglas mein Kasten ist, Da zähl ich sie zu jeder Frist. Gelt, Fischermatz? Gelt, alter Tropf, Dir will der Winter nicht in Kopf?

Komm mir mit deinen Netzen! Die will ich schön zerfetzen! Dein Mägdlein zwar ist fromm und gut, Ihr Schatz ein braves Jägerblut. Drum häng ich ihr, zum Hochzeitsstrauß, Ein schilfen Kränzlein vor das Haus, Und einen Hecht, von Silber schwer, Er stammt von König Artus her, Ein Zwergen-Goldschmieds-Meisterstück. Wer’s hat, dem bringt es eitel Glück: Er läßt sich schuppen Jahr für Jahr, Da sind’s fünfhundert Gröschlein bar. Ade, mein Kind! Ade für heut! Der Morgenhahn im Dorfe schreit.“

Eduard Mörike

Am Schilfe

Mir kommt es vor zuweilen Am nahen Schilf, Als hört ich’s leis sich teilen Und lispeln: hilf!

Der Laut -- soll es geschehen, Daß er mich täuscht? Die Winde drüber gehen, Der Reiher kreischt.

Wollt nie mir Binsen schneiden Als Kind am Teich, Als könnte was erleiden Den Todesstreich.

Es war als wie ein Grinsen Und ein Genick Der langen schwarzen Binsen -- Ich floh zurück.

Doch stellt am andern Morgen Ich neu mich ein, Als müßt, was dort verborgen, Mir sichtbar sein.

Als ob es mich umfassen Mit Bitten wollt, Als ob ich’s nicht verlassen Im Leide sollt.

Martin Greif

Die Nixen

Die Nixen han im Fluß viel Fisch, Doch wollen’s Fleisch für ihren Tisch.

Ein Nixlein hätt auch Fleisch gewollt, Doch fand’s in seinem Fluß kein Gold.

Da nahm’s vom Karpfen Schuppen blank, Trug sie ins Dorf zu Metzgers Bank.

Er strich für bare Münz es ein, Und fand die Schuppen hinterdrein.

Und als es ihm dreimal war geschehn, Da mußt er’s seiner Frau gestehn.

Da sprach das Weib zum Metzger schlau: „Das tut gewiß die Wasserfrau.“

Drauf, als das Nixlein wiederkam, Der Metzger scharf ins Aug es nahm.

Da war sie rings am ganzen Leib Getan als wie ein andres Weib.

Nur hinten ihres Rockes Saum War wie getaucht in Wasserschaum.

„Nun, fremdes Weiblein, tritt heran, Daß ich dein Fleisch dir hauen kann.“

Sie wirft die Schuppen auf den Tisch Und greift nach ihrem Fleische frisch.

Doch eh sie recht es angepackt, Ist ihr der Finger abgehackt.

Ihr Blut bespritzt die Metzgerei, Und sie erhebt ihr Wehgeschrei.

Und aus der Flur und aus dem Wald Erklingt es wieder tausendfalt.

Die Nixen kommen all herbei Und fragen, was geschehen sei.

Und als sie’s ihnen kundgetan, Da heben sie ihr Wesen an.

Da wird dem Metzger schlimm zu Mut Vor dem vergoßnen Nixenblut.

Sie ziehn einher aus Fluß und Bach Mit ihren Wogen tausendfach.

Sie wollen all mit ihrer Flut Aufwaschen ihrer Schwester Blut.

Da waschen sie so lang ums Haus, Bis es zerfällt in Schutt und Graus.

Sie waschen ums ganze Dorf so lang, Bis das Wasser es gar verschlang.

Friedrich Rückert

Vetter Michel und der Wassermann

Vetter Michel hatte dem Wassermann, Ich weiß nicht was, verschafft; Da wurden sie einig und tranken dann Zusammen Brüderschaft. -- „Die Brüderschaft mit dem Wassermann, Wer weiß, wozu die gut sein kann?“ --

Sie aßen an einem runden Tisch Und tranken fröhlich Wein: „Bruder Michel, hast du Lust zu Fisch, Kannst du mein Gästchen sein.“ -- „Fisch essen mit dem Wassermann, Wer weiß, wozu das gut sein kann?“

Vetter Michel ging mit ihm hinab In Wassermannes Haus. Er merkte den Weg sich gut hinab, Das Haus sah gläsern aus. Er geht hinein mit dem Wassermann: „Wer weiß, wozu das gut sein kann?“

Sie aßen gut, sie tranken gut, Der Wassermann war dumm, Vetter Michel hatte guten Mut, „Komm, führ mich im Haus herum!“ -- Da führt ihn herum der Wassermann: „Wer weiß, wozu das gut sein kann?“

Und wie sie treppauf und nieder gehn, Sieht Michel Topf an Topf Gestülpt in einer Kammer stehn Und schüttelt mit den Kopf: „Möcht wissen, was dir Wassermann So vieles Topfzeug nützen kann?“

Da sprach er: „Unter den Töpfen sind --“ Und lachte sich in die Hand -- „Die Seelen von allerlei Menschenkind, Das Tod im Wasser fand.“ -- Vetter Michel denkt: „Herr Wassermann, Ich weiß, wozu das gut sein kann!“

Und wie darauf, ein andermal, Verreist der Wassermann, Steigt Michel hinunter und schleicht im Saal Zur Kammer flink hinan. -- „Die Brüderschaft mit dem Wassermann, Nun weiß ich, wozu sie gut sein kann!“

Vetter Michel stülpt alle Töpfe um: „Die Katz ist nicht zu Haus!“ ... Die Seelen saßen so lange krumm. Husch, husch, wie flogen sie aus! „Lauf Michel, lauf, eh der Wassermann Am Kripse dich erwischen kann!“

Doch Michel stülpt unter jeden Topf Erst je einen andern Fisch, Dann läuft er heim über Hals und Kopf; „Frau, Frau, flink deck den Tisch! Bald kommt, bald kommt der Wassermann, Wer weiß, was dann passieren kann!“ --

-- Da kommt der Wassermann zurück, Und läuft zur Kammer hin, Er klopft an jeden Topf: tück, tück! „Klein Seelchen, bist du drin?“ -- Da schlagen die Fische, der Wassermann Weiß nicht, was das bedeuten kann. --

Nun lüpft er einen Topf, da schlüpft Ein Aal hervor! Wusch, wisch! Und wie einen andern Topf er lüpft, Kommt immer ein andrer Fisch! -- Hei, wie erbost’s den Wassermann: „Wer weiß, wozu das gut sein kann?“

„Fort, Fische, fort aus meinem Haus! Ihr freßt mir die Seelen weg, Ich werf euch alle zum Teich hinaus!“ -- Vetter Michel läuft zum Steg: „Wirf alle heraus, Herr Wassermann, Damit ich sie kochen und braten kann!“

Hei, hi, was wirft der Wassermann Für Fisch aus seinem Teich! Vetter Michel füllt alle Zuber an: „Frau, Frau, wir werden reich! Tob immerzu, Herr Wassermann, Wir wissen, wozu das gut sein kann!“ --

August Kopisch

Mein Fluß

O Fluß, mein Fluß im Morgenstrahl! Empfange nun, empfange Den sehnsuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange! -- Er fühlt mir schon herauf die Brust, Er kühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesange.

Es schlüpft der goldne Sonnenschein In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder; Die Arme hab ich ausgespannt, Sie kommt auf mich herzu gerannt, Sie faßt und läßt mich wieder.

Du murmelst so, mein Fluß, warum? Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen; Du eilst so sehr und läufst so sehr, Als müßtest du im Land umher, Man weiß nicht wen, drum fragen.

Der Himmel, blau und kinderrein, Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seele dein: O laß mich ihn durchdringen! Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin Und kann sie nicht erschwingen!

Was ist so tief, so tief wie sie? Die Liebe nur alleine. Sie wird nicht satt und sättigt nie Mit ihrem Wechselscheine. -- Schwill an, mein Fluß, und hebe dich! Mit Grausen übergieße mich! Mein Leben um das deine!

Du weisest schmeichelnd mich zurück Zu deiner Blumenschwelle. So trage denn allein dein Glück Und wieg auf deiner Welle Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh: Nach tausend Irren kehrest du Zur ewgen Mutterquelle!

Eduard Mörike

Das Lied vom braven Manne

Hoch klingt das Lied vom braven Mann, Wie Orgelton und Glockenklang, Wer hohen Muts sich rühmen kann, Den lohnt nicht Geld, den lohnt Gesang. Gottlob, daß ich singen und preisen kann, Zu singen und preisen den braven Mann.

Der Tauwind kam vom Mittagsmeer Und schnob durch Welschland trüb und feucht. Die Wolken flogen vor ihm her, Wie wann der Wolf die Herde scheucht. Er fegte die Felder, zerbrach den Forst, Auf Seen und Strömen das Grundeis borst.

Am Hochgebirge schmolz der Schnee; Der Sturz von tausend Wassern scholl; Das Wiesental begrub ein See; Des Landes Heerstrom wuchs und schwoll; Hoch rollten die Wogen entlang ihr Gleis Und rollten gewaltige Felsen Eis.

Auf Pfeilern und auf Bogen schwer, Aus Quadersteinen von unten auf Lag eine Brücke drüber her, Und mitten stand ein Häuschen drauf. Hier wohnte der Zöllner mit Weib und Kind. -- „O Zöllner, o Zöllner, entfleuch geschwind!“

Es dröhnt und dröhnte dumpf heran, Laut heulten Sturm und Wog ums Haus, Der Zöllner sprang zum Dach hinan Und blickt in den Tumult hinaus. „Barmherziger Himmel! Erbarme dich! Verloren, verloren! Wer rettet mich?“

Die Schollen rollten, Schuß auf Schuß, Von beiden Ufern, hier und dort, Von beiden Ufern riß der Fluß Die Pfeiler samt den Bogen fort. Der bebende Zöllner mit Weib und Kind, Er heulte noch lauter als Strom und Wind.

Die Schollen rollten, Stoß auf Stoß. An beiden Enden, hier und dort, Zerborsten und zertrümmert, schoß Ein Pfeiler nach dem andern fort. Bald nahte der Mitte der Umsturz sich. „Barmherziger Himmel! Erbarme dich!“

Hoch auf dem fernen Ufer stand Ein Schwarm von Gaffern, groß und klein; Und jeder schrie und rang die Hand, Doch mochte niemand Retter sein. Der bebende Zöllner mit Weib und Kind Durchheulte nach Rettung den Strom und Wind.

Wann klingst du, Lied vom braven Mann, Wie Orgelton und Glockenklang? Wohlan! So nenn ihn, nenn ihn dann! Wann nennst du ihn, mein schönster Sang? Bald nahet der Mitte der Umsturz sich. O braver Mann! Braver Mann, zeige dich!

Rasch galoppiert ein Graf hervor, Auf hohem Roß ein edler Graf. Was hielt des Grafen Hand empor? Ein Beutel war es, voll und straff. -- „Zweihundert Pistolen sind zugesagt Dem, welcher die Rettung der Armen wagt!“

Wer ist der Brave? Ist’s der Graf? Sag an, mein braver Sang, sag an! -- Der Graf, beim höchsten Gott! war brav, Doch weiß ich einen bravern Mann. -- O braver Mann! braver Mann! zeige dich! Schon naht das Verderben sich fürchterlich. --

Und immer höher schwoll die Flut, Und immer lauter schnob der Wind, Und immer tiefer sank der Mut. -- O Retter! Retter! Komm geschwind! -- Stets Pfeiler bei Pfeiler zerborst und brach. Laut krachten und stürzten die Bogen nach.

„Hallo! Hallo! Frischauf! Gewagt!“ Hoch hielt der Graf den Preis empor. Ein jeder hört’s, doch jeder zagt, Aus Tausenden tritt keiner vor. Vergebens durchheulte mit Weib und Kind Der Zöllner nach Rettung den Strom und Wind.

Sieh, schlecht und recht, ein Bauersmann Am Wanderstabe schritt daher, Mit grobem Kittel angetan, An Wuchs und Antlitz hoch und hehr. Er hörte den Grafen, vernahm sein Wort Und schaute das nahe Verderben dort.

Und kühn in Gottes Namen sprang Er in den nächsten Fischerkahn; Trotz Wirbel, Sturm und Wogendrang Kam der Erretter glücklich an. Doch wehe! der Nachen war allzuklein, Um Retter von allen zugleich zu sein.

Und dreimal zwang er seinen Kahn, Trotz Wirbel, Sturm und Wogendrang. Und dreimal kam er glücklich an, Bis ihm die Rettung ganz gelang. Kaum kamen die letzten in sichern Port, So rollte das letzte Getrümmer fort. --

Wer ist, wer ist der brave Mann? Sag an, sag am, mein braver Sang! Der Bauer wagt ein Leben dran; Doch tat er’s wohl um Goldesklang? Denn spendete nimmer der Graf sein Gut, So wagte der Bauer vielleicht kein Blut.

„Hier,“ rief der Graf, „mein wackrer Freund! Hier ist dein Preis! Komm her! Nimm hin!“ -- Sag an, war das nicht brav gemeint? -- Bei Gott, der Graf trug hohen Sinn. -- Doch höher und himmlischer, wahrlich, schlug Das Herz, das der Bauer im Kittel trug.

„Mein Leben ist für Gold nicht feil. Arm bin ich zwar, doch eß ich satt. Dem Zöllner werd eur Gold zuteil, Der Hab und Gut verloren hat!“ So rief er mit herzlichem Biederton Und wandte den Rücken und ging davon. --

Hoch klingst du, Lied vom braven Mann, Wie Orgelton und Glockenklang! Wer solchen Muts sich rühmen kann, Den lohnt kein Gold, den lohnt Gesang. Gottlob! daß ich singen und preisen kann, Unsterblich zu preisen den braven Mann.

Gottfried August Bürger

Die vexierten Frösche