Aussterbende Tiere

Part 7

Chapter 72,253 wordsPublic domain

Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der »Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die dort eine wahre Landplage bilden. -- Auch am Rhein haben sich noch spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen, der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar. Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg Eltz, Karden, Kochem und Trarbach.

Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100 +m+ hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt. Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz Hessen und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare, die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden. Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge, Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen.

Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter, mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes, den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die große Eule noch beim Ausgang des vorigen Jahrhunderts die gesamte Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm, sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind (Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen. Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert, bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt hatte.

Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des Forstmeisters Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50 Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger« nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg bei Bilin. -- In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch 1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt, selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B. in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er eine große Seltenheit. In der Schweiz ist er aus den Ebenen und dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis 1904 zwölf Uhus geschossen worden sein.

Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht, der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch »wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei, und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs. Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe, meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte, der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben des Uhus zu verhindern, ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden. Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine nächtlichen Beutezüge auf 30 +km+ und mehr im Umkreise ausdehnt und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober 1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere, der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf bei Schlanders.