Part 6
Aussichtsvoller als die Jagd auf den Luchs ist der Fang mit dem Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte, das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen, um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder die Fangzähne abbricht. Ein gefangener Luchs war mit dem schweren Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft, wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte. Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot, fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. -- Der Balg des Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag, unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen Wildgeschmack und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem Stolze an der Uhrkette.
Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte. Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich. Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam, daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen, Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy« sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen, und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn an die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend, laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend. So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham- und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei.
Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte. Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen, Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren. Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der 15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund und munter blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern. Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber) wegfraß.
Der Uhu
Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490 +mm+, die der Männchen 430-465 +mm+. Das durchschnittliche Gewicht der Weibchen beträgt 3-1/2, das der Männchen nur etwa 3 +kg+. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen; wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert der Ansicht, daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen, Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird, während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu.
Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen, goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen, breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, -- und dann wird man zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold, sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen, freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein schauerliches Rufen im Verein mit Schlangengezisch und Gefauche die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof, wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen!
Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, ~etwas~ selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt, wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte: Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar. Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht« heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der Auchjäger schert sich den Teufel darum.
Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten. In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts »nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen, Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen. Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont, schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an, daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei, besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf 19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren, leider nicht zu verkennen ist.
Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar, dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 +m+ über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch, daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen etwa 1-1/2 +m+ tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten, übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen. Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal dieses Paares nichts mehr gehört.
Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In den Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch einmal ein Stück erlegt. -- Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät. In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal.