Part 5
Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen, fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in jeder Beziehung vom Scheitel bis zur Sohle eine echte Katze. Er steht höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht. Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 +kg+. Döbner erhielt aus Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war. Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen, als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes, unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt, gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen, und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen.
Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 +m+ Luftlinie etwas Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs, der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 +m+ über dem Luchs stand -- ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab. Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und wurde bald unsichtbar. -- Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten, urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 +km+^2. Bei ausgedehnten Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt: »Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs, wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten, während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit gebracht. Am nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen beigebracht.«
Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt, setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens 1-1/2 +m+ Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige Schlupfwinkel bevorzugt er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier, streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter, Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt. Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung, daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode. Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie alle Katzenarten schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will, wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier.
Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird. Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis drei Riesensprüngen von je 4 +m+ Weite und wirft es nieder, um ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben kann, zieht er dieses den Haustieren entschieden vor, und da er äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772 im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken. Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert. Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche, wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte, als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb. Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf, aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär, aber scharfsinniger. Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen, daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster.
Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen. Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley, »wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten. Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft, die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben, und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert. Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf kürzere Streifzüge mit und bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen, so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus, der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an mehrere Liebhaber verschenke.
Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können. So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt. Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde verbellte Luchs zunächst nur angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein, obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt, geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit dem Leben bezahlen mußte.