Part 4
Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische, Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben des Nerz einen Hauptfeind verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde, beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache. Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art. In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen, lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und wird niemals wirklich zahm. -- Das ist so ziemlich alles, was wir über die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier sind noch große Lücken auszufüllen!
Fußnote:
[A] Eben erfahre ich -- beim Lesen der Korrektur --, daß Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze!
Der Luchs
Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf. Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht, daß allein im Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze, der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht. Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen. Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht. Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet, und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig. Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen 1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht. Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war. In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745.
Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656 bis 1680) auch noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber, aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18. Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald 1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode. Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen bezüglich gesehen worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen.
In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen, während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar 1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts. Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen, daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet; auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch 30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830 noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826 werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr. Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als Jagdtrophäen der dort seit langem ansässigen Försterfamilie. Einer dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein, kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von 600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet, taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich 7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch 1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von 100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere Nachrichten liegen aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben.
Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865 ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde. Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen, aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und 1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet, doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884 bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert und erbeutet. Die Bukowina verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen, und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von 1,4 +m+ Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber nirgends häufig.
Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit Sicherheit feststellen läßt:
1. 1820 bei Gumbinnen.
2. 1832 in der Romintener Heide.
3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde).
4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap (Museum Eberswalde).
5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden).
6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg.
7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen.
8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall.
9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst.
10. März 1898 bei Seetz (?).
11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin).
12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg (Museum Oldenburg).
13. 10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein schwaches Stück von 1,19 +m+ Länge und 43 Pfund Gewicht. Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze. Es dürfte dies der bisher letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden geschossen wurde.
In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4, 1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt. Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle in den Pelzhandel kommen, ist er noch häufig.
In Norwegen ist der Luchs noch spärliches Standwild, wird aber seltener geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889 auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte. Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835 bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres 1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25 Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und 80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte, in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor, während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt.