Part 3
In Amerika, wo es noch viele Biber gibt, vermögen die in großen Siedlungen hausenden Tiere durch ihre Arbeiten geradezu landschaftgestaltend zu wirken, indem sie durch Aufführung von oft 100 +m+ langen und 2 bis 3 +m+ hohen Dämmen weite Strecken der Flußläufe in eine Seenkette verwandeln und durch ihre Holzschläge in den benachbarten Waldungen ausgedehnte Lichtungen, die sog. Biberwiesen, schaffen. Damit ist es für Deutschland natürlich längst vorbei. Immerhin legen auch die wenigen Elbebiber bei niedrigem Wasserstand hier und da einmal Stauwerke an, die wegen der planvollen Umsicht der vierbeinigen Ingenieure immer wieder unsere Bewunderung herausfordern. Ist ja doch der Biber in dieser Beziehung geradezu der Lehrmeister des Menschen gewesen! So hatten vor einigen Jahren die Biber unterhalb Breitenhagen ein Wasserloch vollständig abgedämmt. Als im Forstamt Witlingkau ein Teich abgelassen und auch der dazu gehörige Bach trocken gelegt wurde, fanden die Biber bald die Ursache des Wassermangels heraus und verbauten daher das Zapfenhaus mit Schilf und Schlamm derart, daß kein Tropfen mehr durchkam. Auf diese Weise wollten sie sich das Wasser erhalten, und es kostete nicht geringe Mühe, die Verdämmung zu beseitigen. Einen regelrechten Biberdamm, der quer über einen Arm der Altelbe bei Wartenburg gezogen war, sehen wir auf Abb. 10. Einen anderen Damm hatten die Biber nach Friedrich 1891 im Bruchgraben beim Kühnauer See aufgeführt. Er war geradlinig, 1-1/2 +m+ hoch und 3 +m+ breit. Zur Verwendung gelangten meterlange Knüppel von 10 bis 15 +cm+ Dicke, die Zwischenräume waren mit Haselreisig ausgefüllt und schließlich das Ganze mit schlammigen Rasenstücken so gut abgedichtet, daß es für Wasser vollkommen undurchlässig und fest genug war, um einem erwachsenen Menschen das Begehen des Dammes zu ermöglichen. Mertens erwähnt zwei weitere Dammbauten, die aber des hier besonders reißenden Wassers wegen nicht gerade verliefen, sondern halbmondförmig ausgebuchtet waren. Die durch sie bewirkte Hebung des Wasserspiegels betrug etwa 30 +cm+. Beschädigungen durch Menschenhand an den Biberdämmen werden von den Tieren sehr rasch wieder ausgebessert. Bei dem abgebildeten Damm z. B. hatten Fischer ein großes Loch hineingerissen, um mit ihrem Kahn hindurchfahren zu können, aber schon am nächsten Morgen war die Lücke aufs gründlichste wieder verschlossen. Endlich schafft sich der Biber, der ja viel lieber und sicherer schwimmt als geht, auch noch besondere Schwimmkanäle, wenn das Gelände zu sehr versumpft, indem er die Rinnen durch fortgesetzte Benützung vertieft, auch wohl durch Herausheben von Schlammerde mit den Pfoten nachhilft.
Die gewöhnliche Zahl der Jungen beträgt vier, entsprechend den vier Zitzen des Muttertieres; drei oder gar nur zwei Junge kommen öfters vor, während mir ein Wurf von fünf Jungen nur in einem einzigen Fall bekannt geworden ist. Amtmann Behr hatte einmal das große Glück, Jungbiber im Bau zu beobachten. Er schreibt mir darüber: »Im Juni 1908 war Hochwasser eingetreten und hatte die Biber aus der Saale ins Binnenland getrieben. Da bekam ich von Patretz Drahtnachricht, es sei ein Biberbau mit Jungen gefunden. Schnell wurde der Photoapparat und ein halbes Schock Kassetten gepackt, und fort ging's, dem Ziele zu. Es herrschte glühende Hitze, und die Tierwelt schien wie ausgestorben. Nur Tausende und aber Tausende von Mücken und Stechfliegen erhoben sich aus den üppigen Wiesen, Weidenbüschen und Sumpflachen. Endlich zeigte mein Führer lautlos nach einer Kopfweide, die an einem mit hohen Ufern versehenen Bächlein stand. Ich kroch lautlos durch ein Weizenstück, das teilweise unter Wasser stand. Vorsichtig hob ich dann den ausgestreckten Kopf, auf dem bereits unzählige Mücken und Stechfliegen Platz genommen hatten. Da bot sich mir ein unvergeßlicher Anblick: eine starke Bibermutter mit vier Jungen lag am jenseitigen Grabenufer in einer Erdhöhle unter Weidengestrüpp, Rohr und schilfartigem Gras! Offenbar handelte es sich hier um einen Notbau, denn es war lediglich eine kesselförmige Vertiefung unter dem dichten Weidenstrauch. Die Jungen erkletterten den Rücken der Alten, purzelten wieder herunter und ließen ein lautes Fauchen hören. Auch die Alte wälzte sich öfters herum, geplagt durch unzählige Fliegen, und hatte offenbar keine Ahnung von meiner Gegenwart. Leider war die Beleuchtung in der Höhle so schlecht und die Unruhe in der Familie so groß, daß nur Momentaufnahmen gemacht werden konnten, die zur Reproduktion nicht scharf genug sind, aber immerhin wertvolle Natururkunden bilden. Als mein Begleiter näher kam, erhob sich langsam die Mutter, um gleich darauf blitzschnell im Wasser zu verschwinden. Ein undeutlicher Strich zeigt auf der Aufnahme den Weg an, den sie genommen, und einige Luftbläschen stiegen aus dem ruhig dahinfließenden Wasser empor. Schließlich stieg ich zu den Jungen hinüber und gewahrte nun erst, daß zwei davon verendet und mit Schmeißfliegen bedeckt am Rande der backofenförmigen Vertiefung lagen, während die beiden Überlebenden den Eindringling mit ihren kleinen blauen Augen erstaunt ansahen und fauchende Töne ausstießen. Schnell wurden einige Aufnahmen mit der Handkamera gemacht, und zurück ging's auf den alten Platz. Immer noch ließ sich die Alte nicht sehen. Da kam der eine Jungbiber auf den Ausstieg der Mutter und fuhr gleichfalls zu Wasser, wohin ihm der andere sofort folgte. Nun konnte auch ich nach 3-1/2stündiger Arbeit, die eine große Reihe von Aufnahmen geliefert hatte, den Heimweg wieder antreten, voller Holzläuse und anderem Ungeziefer, gründlich von den Mücken zerstochen, zu Tode erschöpft, aber von dem Gedanken beseligt, der Wissenschaft einen Dienst erwiesen zu haben.«
Wie unheimlich rasch die Abnahme der Biber an manchen Örtlichkeiten vor sich geht, erhellt aus einer Zuschrift des Herrn Winkelmann, der beispielsweise an einer langgestreckten Wasserlache, die zwischen Fährbuhne und Badeanstalt bei Aaken sich hinzieht und nach dem Walde zu Steilufer hat, im Jahre 1915 noch zwölf Baue zählte. »Jetzt sind diese Baue sämtlich verlassen, die Biber teils von Wilddieben gefangen, teils ausgewandert. Wenn man in Aaken Sonntags die Kirchgänger mustert, kann man oft Leute in Biberpelzen sehen, womit man die einfachste Erklärung für das Verschwinden der Biber vor sich hat. Jetzt haben die Kürschner in Köthen und Dessau strenge Anweisung, Überbringer von frischen Biberpelzen festzustellen und zur Anzeige zu bringen.« Diese Bestimmung ist sehr wichtig und erfreulich, sie müßte aber vor allem noch durch eine scharfe Beaufsichtigung der wandernden Fellhändler ergänzt werden. Auch die Kürschner, die frische Biberfelle aufkaufen, müßten als Hehler bestraft werden, denn sie wissen ganz genau, daß solche Felle nicht rechtmäßig erworben sein können. Noch ist es nicht zu spät, einschneidende Maßregeln für die dauernde Erhaltung unseres letzten, hartbedrängten Biberstandes zu treffen, aber es ist höchste, ja allerhöchste Zeit! Neuerdings hat sich namentlich Herr Zehle, der sich als Maler und Bildhauer die künstlerische Darstellung des Bibers zur besonderen Aufgabe gemacht hat, in Wort und Schrift des Bibers warmherzig und nachdrücklich angenommen, und es wäre nur dringend zu wünschen, daß seine hauptsächlich in den Jagdzeitungen erscheinenden Aufrufe nicht ungehört verhallen. Er fordert vor allem eine entsprechende Vermehrung der Aufsichtsbeamten, und da die wenigen, überdies sonst stark in Anspruch genommenen Forstleute für den Biberschutz nicht ausreichen, solle man dazu in passender Weise auch die Fährmeister heranziehen, vielleicht auch geeignete Privatpersonen. Für die Abfassung oder Ermittlung von Lumpen, die den Bibern nachstellen oder ihre Baue und Burgen zerstören, müßten Geldbelohnungen öffentlich ausgeschrieben werden. Die Strafen wären so scharf als möglich zu fassen. Mit Unkenntnis kann sich niemand entschuldigen, denn im Bibergebiet weiß jeder Mensch, wie der Biber aussieht und daß er gesetzlich geschützt ist. Weiter müßten die Weiden erhalten oder neu angepflanzt werden. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt. Man nimmt dem Biber seine natürliche Äsung und schreit dann Zeter und Mordio, wenn er aus Not und Hunger bei den angepflanzten Nutzhölzern Ersatz sucht. Bei Bemessung der Pachtpreise für die Weidengehege sollte eben von vornherein auf den unvermeidlichen Biberschaden Rücksicht genommen werden. Die Weidenpächter wären streng zu verpflichten, die Biber in Ruhe zu lassen und insbesondere keine Biberburgen abzubrennen, wie sie dies gerne tun. Ähnliches gilt für die Fischereipächter. Am besten würde man die Fischwässer im Bibergebiet überhaupt nur an Forstbeamte verpachten, die dann keine Stellnetze und Flügelreusen verwenden und in unmittelbarer Nähe der Biberbaue gar nicht fischen dürften. Wichtig wäre es auch, den Jägern das Auslegen von Tellereisen für Fischottern zu verbieten und bei Hochwasser Zufluchtstätten für die Biber zu errichten.
Herr Zehle ruft zur Gründung eines Biberschutz-Vereins nach Art des Wisentschutz-Vereins auf, und wir wollen nur hoffen und wünschen, daß er damit Erfolg hat. Er ist der Meinung, daß bei nachdrücklicher Durchführung der Schutz- und Hegemaßnahmen der Elbebiber seinen jetzigen Bestand nicht nur wahren, sondern auch mehren und sein Verbreitungsgebiet weiter ausdehnen würde, so daß er im Laufe der Zeit wieder als wertvolles Jagdwild in Betracht kommen könnte, zumal er sich von der Elbe aus auch leicht wieder in der Romintener Heide, im Zehlau-Bruch und an anderen geeigneten Orten einbürgern ließe. Ich selbst denke allerdings nicht so optimistisch, sondern glaube, daß alle Ausdehnungsversuche an der leidigen Habsucht der heutigen Menschheit scheitern werden. Immerhin wird sich der Biber bei genügendem Schutz an der Elbe wohl noch einige Jahrzehnte halten, aber es wäre angezeigt, auch für die Zukunft und damit für eine dauernde Erhaltung vorzusorgen. Mit vollem Recht ist deshalb schon der Vorschlag gemacht worden, einige Biber einzufangen und auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark« in der Lüneburger Heide anzusiedeln.
Der Nerz
Ob man den Nerz, dieses merkwürdige Zwischenglied zwischen Fischotter und Marder, heute wohl überhaupt noch in einem Verzeichnis deutscher Säugetiere mit aufführen darf? Es gibt viele Tierkundige, die diese Frage verneinen. Unser Jagdgesetz ist anderer Ansicht, denn es nennt den Nerz immer noch in der Liste der jagdbaren Tiere. Ich selbst kann mir auch nicht gut denken, daß der Schwimmarder, wie man ihn treffend nennen könnte, bei uns schon gänzlich ausgestorben sein soll, denn trotz aller öden Gleichmacherei der Natur durch die sog. Kultur gibt es doch im ostpreußischen Memeldelta und an den Masurischen Seen, an den verschilften Teichen der schlesischen Bartschniederung, an den brandenburgischen Luchen und beim mecklenburgischen Großgrundbesitz noch verschwiegene Winkel genug, die allen Anforderungen dieses Seltlings durchaus entsprechen und wo immer noch das eine oder andere Pärchen unbeachtet oder unerkannt sein Dasein fristen mag. Allerdings war der Nerz (Abbildung 11) von jeher ein nordöstliches Tier und als solches in Süddeutschland wohl überhaupt nie heimisch, wenigstens nicht in geschichtlicher Zeit, auch in Norddeutschland nie eigentlich häufig, sondern immer nur in einzelnen Gegenden, gewissermaßen in versprengten Stämmen vorhanden. Schon Wildungen klagt 1799, daß der Nerz so selten und manchem wackeren Weidmann überhaupt unbekannt sei. Vor allem muß betont werden, daß der Nerz wegen seiner ausgesprochenen Menschenscheu und seiner streng nächtlichen Lebensweise an seinen versteckten und schwer zugänglichen Aufenthaltsorten überaus schwer zu beobachten ist und von Unkundigen gewöhnlich mit dem Iltis oder mit einem jungen Fischotter verwechselt wird. Sein sumpfiges Wohngebiet ist oft so unzugänglich, daß es überhaupt nur im Winter bei Frost betreten werden kann.
Dann eine Frage: Wie viele Jäger oder Naturforscher gibt es denn in ganz Deutschland, die imstande sind, bei fahlem Mondschein das undeutliche Etwas auf der Wasserfläche richtig als das Köpfchen eines schwimmenden Nerzes anzusprechen? Nur höchst selten fügt es einmal der Zufall, daß ein Nerz von scharfen Teckeln oder Foxterriers aus dem Wurzelgeflecht am Steilhang eines Baches oder Teiches aufgestöbert wird, aber der Herr des Hundes hält dann, selbst wenn er den grünen Rock trägt, also eigentlich in der heimischen Tierwelt gründlich Bescheid wissen sollte, das herausgejagte flinke Tierchen in der Regel für einen Iltis und wundert sich höchstens darüber, daß dieser »Iltis« so gut schwimmen und auch ebenso gut tauchen kann.
Selbst die sorgfältigste Untersuchung der Fährte gibt keine volle Sicherheit, da die kurze, charakteristische Schwimmhaut zwischen den Zehen des Nerz bei gewöhnlicher Gangart selbst in weichem Boden sich nicht mit abdrückt. Und doch sind beide Tiere für den aufmerksamen Beobachter kaum zu verwechseln. Flüchtet das aufgescheuchte Geschöpf sofort ins Wasser und taucht es hier gar anhaltend, so handelt es sich sicher um den Nerz, denn der Iltis ist durchaus kein Freund der Nässe, sondern entfleucht stets aufs feste Land und sucht hier womöglich einen erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ich trete der Auffassung Schlotfelds bei, wenn er z. B. sagt: »Unsere hannoverschen Bültenmoore, der Schrecken und andrerseits wieder die Freude der Jäger, sind nur unter den größten Anstrengungen zu bejagen und oft lange Zeit hindurch ganz unzugänglich. Hier herrscht absolute Ruhe, und mancher Nerz mag hier noch in aller Beschaulichkeit hausen, von dessen Vorhandensein kein Mensch eine Ahnung hat.« Auch Ziegler schrieb schon 1848, daß der Nerz sicherlich viel häufiger sei, als man allgemein glaube.
Die Gegend von Bremen war oder ist der westlichste Verbreitungspunkt des Nerz, und von hier aus erstreckt sich sein Gebiet durch die baltischen Länder nach dem nördlichen und mittleren Rußland, während er z. B. in der Krim fehlt, ebenso wie seine Lieblingsnahrung, die Krebse. Noch häufiger wird der Nerz in Sibirien, China und Japan, in welchen Ländern eigene geographische Rassen sich herausgebildet haben, wogegen der nordamerikanische Nerz, der sog. Mink, eine besondere Art vorzustellen scheint. Um die Jahrhundertwende herum kamen jährlich etwa 370000 Minkfelle gegenüber 55000 meist sibirischen Nerzfellen in den Handel. Da also der Mink noch viel häufiger ist, sind wir auch über seine Lebensweise ungleich besser unterrichtet als über die des echten Nerz, von der wir eigentlich verblüffend wenig wissen. Die Kenntnis seiner Fortpflanzungsgeschichte z. B. beschränkt sich fast nur auf Vermutungen, und es wäre dringend zu wünschen, diese beschämende Lücke auszufüllen, ehe es dazu durch völliges Aussterben des Tieres zu spät wird. Hoffentlich bewahrheitet sich aber auch beim Nerz das alte Sprichwort, daß die Totgesagten noch recht lange leben. Ihm vor allen sollte auch in den großen Naturschutzparken eine letzte Zufluchtstätte gewährt werden. Schon in Livland kommt er noch regelmäßig vor, wenn auch sehr selten; immerhin wird alljährlich hier und da einer geschossen, namentlich in den östlichen und nördlichen Landesteilen, wo nach Mitteilung des Barons von Loewis Händler immer noch eine Anzahl Felle von den unwissenden Bauern als Iltisfelle aufkaufen. Ende März 1905 ging ein dortiger Oberförster aus dem Walde heimwärts, als seine Teckel bei einem Bruch und einer Holzbrücke unruhig wurden und hitzig verbellten. Herausgestöbert wurde ein starker männlicher Nerz und glücklich erlegt. Trotzdem arbeiteten die Hunde weiter fort, und bald darauf kam schwimmend im Wasser ein zweiter Nerz zum Vorschein, der leider angeschossen verloren ging. In Siebenbürgen soll der Nerz heute auf einen winzigen Platz im sumpfigen Maroschtale beschränkt sein; Skelettfunde beweisen aber, daß er früher in diesem Lande viel weiter verbreitet war. Für Schlesien wird der Nerz noch von Gloger angeführt, der aber bereits darüber klagt, daß das Tier überall da rasch verschwinde, wo Entwässerungsarbeiten vorgenommen werden. Auch Brehm kannte schlesische Nerze aus eigener Anschauung, und nach Schlotfeld erhielten die Schweidnitzer Kürschner noch in den 80er Jahren öfters Nerzfelle durch die Bauern, die sie für besonders dunkle Iltisse hielten. In der Provinz Posen wurde 1892 ein Nerz erlegt. Am hoffnungsvollsten lauten wieder einmal die Nachrichten aus dem tierreichen Ostpreußen. Hier führt Rathke 1846 den Nerz noch als sicheres Standwild auf, ohne allerdings selbst einen gesehen zu haben. Zwar entpuppte sich ein später in der Oberförsterei Johannisburg erlegter angeblicher Nerz bei näherer Untersuchung durch von Hippel als Iltis, aber doch liegen auch aus neuerer Zeit sichere Beweise seines Vorkommens vor. So erlegte Förster Gerhardt in Skirwieth (Kreis Heidekrug) am 6. August 1902 ein Stück, dessen Schädel dem Ostpreußischen Fischereiverein übergeben wurde und durch diesen in das Königsberger Museum gelangte. Endlich wurde am 3. April 1908 im Kreise Ortelsburg ein Nerz geschossen und an das Berliner Museum eingeliefert. Es ist dies meines Wissens der vorläufig letzte sichere Nerz, der auf deutschem Boden erbeutet wurde. Wenn seitdem auch aus Ostpreußen nichts mehr über Nerze verlautete, so ist dies bei der Unbekanntheit des Tieres und der großen Schwierigkeit seiner Beobachtung noch lange kein Beweis für sein völliges Ausgestorbensein.[A] In Pommern scheint es dagegen schon seit längerer Zeit tatsächlich keine Nerze mehr zu geben. Länger hat sich der Nerz im seenreichen Mecklenburg und im Lauenburgischen gehalten, wo er namentlich von Ludwigslust, Wismar und vom Müritzsee sowie aus der Umgebung von Lübeck öfters erwähnt wird. Diese Angaben reichen bis zum Jahre 1896, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß das Tier in einsamen Brüchen auch heute noch dort vorkommt, wenn auch nur als große Seltenheit. Besondere Verdienste um die Beobachtung der dortigen Nerze hat sich Förster Claudius erworben, der darüber eingehend an Brehm berichtete. Danach umfaßte das Verbreitungsgebiet bei Lübeck zwar nur wenige Quadratmeilen, aber in diesem war das Tier keineswegs besonders selten und jedem Jäger unter dem Namen Ottermenk bekannt. Sonst heißt er im Volksmunde auch noch Krebsotter, Steinhund, Schwimmarder, Wasserwiesel, Wassermenk und Sumpfotter -- alles recht bezeichnende Namen --, während ihn baltische Jäger unter dem Namen Norke kennen. Claudius, der 1868 selbst ein lebendes Nerzweibchen fing und an Brehm schickte, während 1878 ein Jungnerz von einem scharfen Hühnerhund erwürgt wurde, traf das Tier namentlich an der Wagenitz, dem zwei Meilen langen Abfluß des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck. Hornung hält allerdings alle diese Angaben für veraltet und ist der Ansicht, daß der Nerz bald darauf dort völlig ausgestorben sei, aber dem steht entgegen, daß auch Schlotfeld im Hochsommer 1906 den Nerz im Wietzebruch antraf, einem früher durch die weit ausgelegten Geweihe seiner Rothirsche jagdlich berühmten Revier. Eine Verwechslung mit Iltis oder Fischotter hält er für ausgeschlossen, obwohl er nicht schießen konnte, da der aufgestöberte kleine Räuber sich mutig in die Lefzen seines Hundes verbissen hatte. Bei Plön wurden 1864 zwei Nerze gefangen, und es hat den Anschein, als ob sie damals im östlichen Holstein noch ziemlich verbreitet waren. Im Blockland von Bremen wurde in den 80er Jahren ein Nerz geschossen und gelangte in das Städtische Museum. Dies ist also der bisher westlichste Verbreitungspunkt, da angebliche Beobachtungen aus der Gegend von Emden nicht durch ein Belegstück erhärtet werden konnten. Nach Bechstein kam der Nerz Ende des 18. Jahrhunderts noch vereinzelt an der Leine bei Göttingen vor, Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein Stück an der Werra erlegt, 1852 nach Blasius eines im Harz in der Grafschaft Stolberg und 1858 eines an den Riddagshausener Teichen, also unmittelbar vor den Toren Braunschweigs. Vielleicht ist dieses Stück identisch mit dem Nerz, den Forstrat Hattich als 1859 im Forstgarten bei Braunschweig erlegt meldet. Gewisse Stellen der Lüneburger Heide scheinen noch bis in die neueste Zeit hinein Nerze beherbergt zu haben. Wenigstens meldet Merk-Buchberg aus anscheinend zuverlässiger Quelle, daß bei Wilsede kurz vor Erwerbung der dortigen Ländereien durch den »Verein Naturschutzpark« noch zwei Nerze geschossen worden seien. Diese auch mir mündlich von dortigen Anwohnern gemachte Mitteilung erscheint mir um so glaubwürdiger, als ich selbst bei meinem ersten Besuche dieser Gegend das seltene Glück hatte, einen vom Hunde aufgestöberten Nerz ins Wasser plumpsen und wegtauchen zu sehen. Es wäre herrlich, wenn gerade hier unter dem tatkräftigen Schutze des Vereins der Nerz auch heute noch lebte, was nicht unmöglich ist, obschon Nachrichten aus neuester Zeit fehlen. Außerdem bin ich in meinem ganzen Leben nur noch einmal flüchtig mit dem Seltling zusammengetroffen: es war anfangs der 90er Jahre auf dem ornithologisch berühmten Möwenbruch bei Rossitten auf der Kurischen Nehrung.
Bruchartige, verschilfte Teiche und Seen oder ganz langsam schleichende Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im unzugänglichen Sumpfe das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm. Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos.