Aussterbende Tiere

Part 2

Chapter 23,399 wordsPublic domain

Der am Ufer ruhende Biber macht einen gedrungenen Eindruck und erinnert stark an eine riesenhafte Ratte, nur daß die Hinterfront abgestutzt erscheint, weil die Kelle im Ruhezustande unter den Leib geschlagen wird, also überhaupt nicht sichtbar ist (Abb. 1). Von weitem sieht ein solcher ruhender Biber wie ein am Ufer liegender Stein aus und wird deshalb trotz seiner Größe in seiner Unbeweglichkeit vom Unkundigen leicht übersehen. Selbst bei der Anlage ihrer Baue kümmern sich die Biber bisweilen herzlich wenig um die unmittelbare Nachbarschaft des Menschen. So ist im Aakener Hornhafen von jeher ein Biberbau gewesen, und die Tiere haben sich durch das beständige Hämmern und Klopfen der Schiffsbauer eigentlich nie stören lassen. Brieflicher Mitteilung des Herrn Behr zufolge lag früher am hochbewaldeten Ufer der Elbe bei Steckby hinter einem Buhnenwinkel ein weitverzweigter Biberbau, der zuweilen auch von Dächsen und Füchsen befahren wurde. Hochwässer hatten hier einen tiefen Kolk gerissen, der durch eine schmale Rinne mit der Elbe in Verbindung stand, aber bei niedrigem Wasserstande trocken lag, so daß der Biber, um zu seinem Bau zu gelangen, über Land wechseln mußte. Die Zugangsröhren lagen bis auf einige vom Dachs angelegte unter Wasser, wie dies bei Biberbauen stets der Fall zu sein pflegt. Da die Strömung weitere Landmassen wegriß, wurde von der Strombauverwaltung ein Deckwerk aus Faschinen und Steinpflaster angelegt, wobei die tief liegenden Eingänge verschüttet wurden. Diese geräuschvollen Arbeiten konnten aber das hier hausende Biberpaar nicht zum Verlassen seines Heims bewegen, sondern die Tiere benutzten nun eine hochliegende Dachsröhre als Einschlupf, wobei sie eine Strecke von 12 Metern den Hang hinauf zurückzulegen hatten und sich dabei oft prächtig beobachten ließen.

Werden die Biber an solchen Plätzen vom Menschen überrascht, so zeigen sie sich recht blöde und unbeholfen, aber nicht eben furchtsam. Das Tollste in dieser Beziehung hat Herr Amtmann Behr erlebt. Er teilte mir darüber brieflich folgendes mit: »Im Sommer 1922 war der Wasserstand der Elbe überaus niedrig, so daß die Sandbänke, die die Tiere passieren mußten, bis weit ins Flußbett hineinliefen. Des Abends erfolgte der Auswechsel, wenn das Büchsenlicht längst geschwunden war, während sich des Morgens die Heimkehr oft stark verspätete, namentlich wenn Fischer oder Schiffer hier tätig waren. So lag ich einmal im Juli vor Tagesgrauen in meinem Versteck und harrte der Heimkehr meiner Freunde. Auf der Sandbank hatte Herr Hermann Hähnle aus Stuttgart einen Kino-Apparat aufgestellt, um die Tiere zu filmen, was auch tadellos gelang. Da die ständig vorüberfahrenden Kähne ein zeitiges Einwechseln verhinderten, erfolgte dieses erst um 8 Uhr morgens, als die Sandbank schon stark von der Sonne beschienen wurde. Langsam, Schritt für Schritt, stieg der erste Biber schwerfällig über die dünenartige Fläche, wobei er die Kelle nachschleifen ließ (Abb. 2). Am Kolk angelangt, schob er sich ebenso schwerfällig ins Wasser und schwamm, nur den Kopf zeigend, zur anderen Seite hinüber, um hier ebenso täppisch auszusteigen. Als er so ziemlich an das Rohr angelangt war, sprang ich ihm entgegen und stellte mich auf den Wechsel, um ihn wieder in den Tümpel zurückzutreiben. Doch diesen Scherz faßte er falsch auf, ging zum Angriff über und biß mit seinen langen Nagezähnen durch den Schaft meines Wasserstiefels, auch noch durch Beinkleid, Unterbeinkleid und Strümpfe, und erst als ich ihm einen leichten Schlag auf den Kopf versetzte, ließ er los, kehrte um und machte denselben Weg zurück.«

Noch ein anderes hübsches Biberstückchen vom Januar 1913 aus Dessau! Damals kam ein Biber in die sog. Wasservorstadt, nachdem er sich schon im Herbst öfters dort hatte blicken lassen. Er entwickelte eine ganz verblüffende Dreistigkeit und unternahm öfters am hellen Tage Spaziergänge über den Wasserwall hinweg in die eingefriedigten Gärten, um dort mit großem Behagen die Kohlköpfe zu verspeisen. Auch zugeworfene Apfelstückchen nahm er gerne an und ließ sich bei seinen Schmausereien durch Zuschauer nicht im geringsten stören, obgleich einmal ein ganzes Mädchenpensionat um ihn versammelt war. Den Schaden an den Kohlstrünken hätte man ihm gern verziehen, aber leider benagte er auch die Obstbäume, und es wurde deshalb beschlossen, ihn einzufangen und an die Forstverwaltung abzuliefern. Bald war zur Ausführung dieser schwarzen Tat ein Mann mit einem großen Sack zur Stelle. Der Biber aber setzte sich ruhig hin und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Es sah aus, als wäre es eine Kleinigkeit, ihm den Sack überzustülpen, aber sobald ihm der Mann den Sack vorhielt, sprang der Biber mit Fauchen und Knurren nicht etwa in den Sack, sondern auf den Mann. Sack und Mann verschwanden jedesmal nach der glänzenden Attacke des Bibers, und schallendes Gelächter der Zuschauer belohnte den Sieger. Dieses Schauspiel wiederholte sich einigemal, aber der Biber ließ sich das wenig verdrießen, denn nachdem er seinen Gegner schneidig abgewiesen hatte, ging er in aller Seelenruhe wieder an seinen Kohl und labte sich. Schließlich sah man ein, daß dem Biber bei seiner Tapferkeit und überlegenen Ruhe nicht beizukommen sei und ließ ihn ungestört seines Weges ins nahe Wasser ziehen.

Sportsegler, die im Sommer die Wasserreise von Dresden nach Potsdam zu machen pflegen, haben mir oft versichert, daß sie auch bei Tag auf Reisighaufen oder Weidenköpfen ruhende Biber antrafen, die sich um die lautlos vorbeisegelnden Boote kaum kümmerten, sondern ruhig weiter dösten, um erst im Wasser zu verschwinden, wenn man Lärm machte oder ihnen gar zu nahe auf den Leib rückte. Besonders menschenscheu kann man nach alledem den Elbebiber also unmöglich nennen, wenn er auch unter gewöhnlichen Umständen immer genügend auf seine Sicherheit bedacht bleibt. Erschwert wird seine Beobachtung aber durch seine nächtliche Lebensweise und durch die sumpfige Beschaffenheit des Geländes, in dem man es an Sommerabenden vor Stechmücken kaum aushalten kann. Die unverkennbaren Spuren seiner Anwesenheit müssen schon jedem halbwegs aufmerksamen Spaziergänger auffallen, am meisten natürlich die Burgen und abgeschnittenen Hölzer mit der sanduhrartig gestalteten Schnittfläche und die herumliegenden Späne, auf denen sich der Eindruck der großen Nagezähne deutlich erkennen läßt. Aber auch die regelmäßig begangenen Wechsel stechen sehr ins Auge, sei es als deutliche Straßen im hohen Wiesengrase, sei es als glatte Rutschbahnen am abschüssigen Ufer, sei es als scharf ausgeprägte Fährte auf einer Sandbank. An solchen Stellen kann man sowohl die Schwimmhäute der Hinterbeine wie die Zehen der Vorderfüße deutlich erkennen, wenn auch alles durch den nachschleifenden Schwanz etwas verwischt erscheint (Abb. 3). Stellt man sich an einem solchen Wechsel etwas gedeckt an und verhält man sich nur bewegungslos, so wird man namentlich an schönen, stillen Sommerabenden oft die Freude haben, den Biber im nahen Wasser unter der Oberfläche entlang schwimmen zu sehen, wobei er nur die Nasenspitze herausstreckt, während sich zwei feine Striche im Wasserspiegel abzeichnen. Wo das Tier sich ganz sicher fühlt, taucht es auch weiter aus dem Wasser hervor, so daß der halbe Kopf und der Rücken hervorragen (Abb. 4). Schließlich steigt der Biber an Land, schiebt sich schwerfällig die Böschung hinauf, schüttelt sich das Wasser aus dem Pelz und trottet langsam am Ufer entlang, bis er nach einiger Zeit mit weithin hörbarem Plumps wieder ins Wasser zurückfällt. War er irgendwie erschreckt worden, so stößt er mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig nach oben aus, schlägt gleichzeitig mit dem Schwanze laut klatschend auf die Wasseroberfläche, was wohl ein Warnungszeichen für seine Kameraden sein soll, und sinkt dann fast senkrecht in die Tiefe. Oft aber gleitet er auch völlig lautlos ins feuchte Element, wenn nämlich ringsum alles ruhig blieb. Beim Tauchen werden die auch auf der Innenseite dicht behaarten Ohrmuscheln zusammengefaltet und so der Gehörgang verschlossen, die durchsichtige Nickhaut über die kleinen Rundaugen gezogen und die Nasenflügel mit Hilfe besonderer Muskeln fest zusammengepreßt. Die Lehrbücher geben übereinstimmend an, daß der Biber etwa zwei Minuten unter Wasser bleiben könne, dann aber zum Atemholen wieder an die Oberfläche kommen müsse. Indessen ist diese Zeitangabe sicherlich viel zu niedrig gegriffen. Ich selbst konnte mit der Uhr in der Hand an einem in Gefangenschaft gehaltenen Biber feststellen, daß er volle 10 Minuten unter Wasser blieb, und Behr sah in einem kleinen, klaren Tümpel bei Steckby einen Biber sogar 14 Minuten lang ruhig auf dem Grunde liegen, ehe er von neuem Atem schöpfte. Ein Förster und ein Bühnenarbeiter wollen dasselbe 15 bis 20 Minuten lang beobachtet haben. Die außergewöhnlich großen Lungen des Tieres vermögen ja auch eine ganz bedeutende Luftmenge zu fassen. Das Geruchsvermögen des Bibers ist gut entwickelt, während die etwas blöde dreinblickenden Augen stark kurzsichtig sind. Die selten zu hörende Stimme ist leise knurrend, bei Ärger zornig fauchend. Die noch im Bau liegenden Jungen wimmern nach Mertens wie kleine Kinder.

Wenn man unsere Abb. 5 betrachtet, wird man sehr geneigt sein, den Biber für einen argen Waldverwüster zu halten, denn er hat hier in der Tat ganz greulich gewirtschaftet. Unser Erstaunen wird noch wachsen, wenn wir hören, daß hier die Arbeit eines einzigen Bibers vorliegt, der sich im Frühjahr 1913 als Einzelgänger bei Törten a. d. Mulde aufhielt. Er war zugewandert, als an seinem alten Wohnorte die Weidenanpflanzungen immer seltener wurden und hatte nun seinen Stand in hohes Laubholz verlegt, wo er Espen fällte, darunter Stämme bis zu 40 +cm+ Durchmesser. Der Schlag erreichte schließlich eine Größe von 3/4 Morgen. Der Übeltäter war ein ungewöhnlich starkes Tier und wurde von Förster Radtke, der ihn öfters beobachtete, auf 80, von anderen sogar auf 90 Pfund geschätzt (Brehm gibt das Gewicht des Bibers mit 20 bis 30 +kg+ sicher zu niedrig an), ein Zeichen dafür, daß trotz unvermeidlicher Inzucht noch keine Entartung des deutschen Biberbestandes eingetreten ist. Trotz unserer lehrreichen Bilder ist der forstliche Schaden des Bibers nicht so groß, wie vielfach angenommen wird, und wird eigentlich nur dann wirklich empfindlich, wenn man den Tieren ihre natürliche Hauptnahrung, nämlich Weiden- und Wurzelwerk von Wasserpflanzen, schmälert. Es sind ja immer nur einzelne Stücke, die dazu neigen, übermäßig zu schneiden und auch stärkere Bäume anzugehen. Man sollte also die Schädlichkeit des Bibers nicht noch aufbauschen, wie es leider vielfach geschieht, um Freund Bockert »interessanter« zu machen; es fehlt ohnehin nicht an Stimmen, die den Abschuß der letzten Elbebiber immer und immer wieder verlangen. Seine Arbeiten verrichtet der Biber nur des Nachts bei völlig hereingebrochener Dunkelheit und läßt sich dabei nicht gerne belauschen. Dies war sogar im Hamburger Tiergarten der Fall, wo das Bibergehege einen besonderen Anziehungspunkt bildet. Selbst in mondhellen Nächten konnten die Tiere nicht beim Fällen der für sie eingepflanzten Pappelstümpfe beobachtet werden. Sie brauchten 29 Tage zum Fällen eines 36 +cm+ starken Baumes, weil sie offenbar nur mit großen Unterbrechungen daran arbeiteten, da sie ja anderweitige Nahrung im Überfluß hatten. Die von Brehm gepflegten Biber zeigten sich etwas umgänglicher und schnitten schließlich auch in den späteren Nachmittagsstunden. Zum Umlegen einer 8 +cm+ dicken Weide brauchten sie nur fünf Minuten. In Steckby vom Biber abgeschnittene Stämme hatten gewöhnlich eine Dicke von 15 bis 30, manchmal aber auch 40 und selbst 60 +cm+, und zwar handelte es sich in diesem Falle stets um Schwarz- oder Silberpappeln. Nach einem Berichte Friedrichs wurde am Kühnauer See bei Dessau eine Pappel von 192 +cm+ Umfang in mehrjähriger, von großen Pausen unterbrochener Arbeit umgelegt. Für mich unterliegt es gar keinem Zweifel, daß solche starke Bäume nicht zu Nahrungszwecken, sondern lediglich zum Schärfen der Schneidezähne angenommen werden, oft wohl auch nur aus Langeweile und Spielerei. So sah ich im Gasthause in Aaken die Photographie einer riesenhaften Pappel, die aus vier Stämmen zusammengewachsen war. An diesem gewaltigen Baum hatten fünf Biber jahrelang genagt, natürlich nur ab und zu. Dieses Biberfraßstück sollte auf eine Ausstellung nach Leipzig geschickt werden, aber sein Umfang erwies sich als so groß, daß der Transport unterbleiben mußte. Ein halbes Jahr später riß ein Sturm den mächtigen Baum um, und zwar an der angefressenen Stelle. Schneereiche Winter bereiten dem Schneiden mancherlei Schwierigkeiten. So sah ich einen Stamm, der vom Biber zunächst in der gewöhnlichen Weise unten angeschnitten war. Tiefer Schnee hatte ihn dann genötigt, die Arbeit an einer höheren Stelle von neuem zu beginnen. Hier wiederum durch stärkeren Schneefall vertrieben, hat er endlich in großer Höhe nochmals angefangen und nun den Baum wirklich gefällt, der also unterhalb der Bruchstelle noch zwei weitere tiefe Einschnitte zeigt. Pappeln und Weiden sind die Lieblingsbäume des Bibers, er geht aber auch alle anderen Weichhölzer des Auenwaldes an, mit Vorliebe Ahorn, Wildbirne, Holzapfel und Haselstrauch, seltener die bitteren Schwarzerlen und Eichen, nur ausnahmsweise die Birke und die Kiefer, die er aber nicht entrindet, weil ihm wahrscheinlich ihr Harzgehalt zuwider ist. Sehr gern werden neu auftauchende Baumarten heimgesucht, wie dies ja auch von den Spechten bekannt ist. So erzählt Mertens, daß auf dem Klostergut Prester eine ganze Reihe frisch gesetzter Apfelstämmchen in wenigen Nächten abgeschnitten und ins Wasser geschleppt wurde.

Seinem Schneideplatze nähert sich der Biber erst nach völlig hereingebrochener Dunkelheit und mit erhöhter Vorsicht, wie sich dies sehr hübsch auf unserer nach einer Blitzlichtaufnahme hergestellten Abb. 6 sehen läßt, wo das Tier gerade in den zum Schneiden bestimmten Weidenstrauch kriecht. Beim Schneiden nimmt es eine eichhörnchenartig hockende Stellung an, und in den Erholungspausen setzt es sich fast aufrecht, wobei es sich fest auf die Kelle stützt. Durch das schnelle Schneiden entsteht ein schnarrendes Geräusch, und dünne Stangen fallen schon nach Verlauf weniger Minuten. Während dünne Weidenzweige glatt durchgenagt werden, erhält die Schnittfläche bei stärkeren Stämmen schließlich das sanduhrartige Aussehen, das wir auf den Abb. 5 und 7 gut bemerken können. Auf Abb. 7 sehen wir zugleich, daß Meister Bockert manchmal auch vergeblich arbeitet, indem der Baum zwar fällt, aber mit seinem Wipfel in den Nachbarbäumen hängen bleibt. Kommt der Stamm dabei recht schräg zu liegen, so besteigt der Biber ihn wenigstens, um die Rinde zu äsen. Am Schneideplatz liegen massenhaft Späne bis zu 10 +cm+ Länge herum, denen die Spur der Nagezähne so deutlich aufgeprägt ist, daß man nach ihrer größeren oder geringeren Breite leicht das ungefähre Alter des Bibers bestimmen kann. Nähert sich die Arbeit ihrem Ende, so rückt der Biber von Zeit zu Zeit von dem Stamm ab und blickt spähend zum Wipfel empor, als ob er sich vergewissern wolle, nach welcher Richtung hin der Baum wohl fallen wird. Er muß in dieser Beziehung ein sehr gutes Urteilsvermögen besitzen, denn nur äußerst selten kommt es vor, daß ein Biber von dem fallenden Baum erschlagen wird. Mir ist diesbezüglich nur ein gut beglaubigter Fall zu Ohren gekommen. Mertens geht also immerhin zu weit, wenn er angibt, daß es überhaupt niemals vorkäme. Ich vermute, daß auch die eigentümliche sanduhrartige Form des Schnitte die Fallrichtung in bestimmter Weise beeinflußt, aber über diesen Punkt wären noch weitere und gründlichere Untersuchungen notwendig. Die beim Schneiden gewonnene Rinde wird gleich an Ort und Stelle behaglich zerschrotet. Die gefällten Bäume werden dann nach und nach in »handliche« Stücke zerschnitten, aber nicht entrindet, und allmählich ins Wasser geschleppt, besonders die Weiden. Muß das Tier dabei über Sandbänke hinweg, so entstehen auf diesen förmliche Schleifbahnen (Abb. 8). Das Hinabschaffen der Zweige an den mit Gestrüpp bewachsenen Steilufern wäre nicht leicht, wenn jedesmal eine andere Stelle benützt werden sollte, und deshalb schafft sich Meister Bockert durch beständige Benutzung der gleichen Stelle eine Schlittenbahn, auf der er mit seinen Vorräten leicht und vergnüglich hinabrutscht. Die eingesammelten Hölzer bilden schließlich ein Floß vor dem Eingang zum Biberbau, und im Wasser erhält sich die Rinde namentlich der Weidenzweige frisch und schmackhaft und kann dann an ungemütlichen Wintertagen als Nahrungsvorrat dienen. Der Biber futtert ja am liebsten naß. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die Anlage von Weidenpflanzungen die erste Vorbedingung für das Gedeihen dieser Tiere ist. Exinger beobachtete an seinen gefangenen Bibern, die er auf einem ziemlich großen Teiche hielt, daß sie ein feines Vorgefühl für die kommende Witterung haben und sich nach ihr zu richten wissen. Eines Abends machten sie sich bei schönem Wetter plötzlich mit großer Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2 bis 3 +m+ Länge und 8 bis 11 +cm+ Dicke ins Wasser geschafft, und wirklich trat ein Witterungsumschlag ein, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest zugefroren und mit einer 7 +cm+ dicken Eiskruste bedeckt.

Neben Weidenzweigen bilden die Wurzeln von allerlei Sumpf- und Wasserpflanzen die Hauptnahrung des Bibers, wodurch sich auch seine Vorliebe für die alten und toten Elbearme und die kleinen Seen im Urstrombette erklärt. Bevorzugt werden die süßen Wurzelknollen vom Rohr, Schilf und namentlich der beiden Wasserrosen. Der Biber beißt sie unter Wasser ab, so daß sie zur Oberfläche emporsteigen, oft viele an einer Stelle. Wo Zuckerrübenfelder in der Nähe des Wassers sich befinden, werden sie auch nächtlicherweile vom Biber gern heimgesucht. Während der schönen Jahreszeit werden als Zukost auch die zartesten Blätter und Blüten der Wasserpflanzen verspeist, junges Gras auch nicht verschmäht und sogar Seerosenfrüchte aufgenommen, deren harte Samenschalen unverdaut wieder abgehen. Mertens hatte einmal einen merkwürdigen Anblick, indem auf der von leichtem Nebel verschleierten Wasserfläche eine weiße Welle sich zu nähern schien. In Wirklichkeit war es ein Biber, der Seerosenblüten in großer Zahl gepflückt und in den Fang genommen hatte, so daß sie rechts und links wie ein Strauß heraushingen.

Die gewöhnlichen Wohnbaue der Biber werden ganz nach Art des Fischotters im Steilufer des Flusses angelegt, womöglich der größeren Festigkeit halber im Wurzelgeflecht einer alten Eiche, Rüster oder Weide, immer so, daß das Tier auch bei niedrigem Wasserstande unter Wasser in seine Behausung gelangen kann. Bisweilen wird dabei der schützende Baum derartig unterwühlt, daß er schließlich zum Umstürzen gebracht wird, wie dies im Aakener Hornhafen vorgekommen ist. Auch am Nordufer des Steinsees haben die Biber eine 80 +cm+ starke Eiche durch Unterwühlen des Erdreichs zu Fall gebracht. Alte Baue können im Laufe der Zeit einen recht beträchtlichen Umfang annehmen, und manche Röhren führen dann so niedrig unter der Erdoberfläche entlang, daß das Begehen oder Befahren solcher Uferstrecken geradezu gefährlich wird und namentlich bei der Heuernte gar nicht selten Menschen oder Pferde durchbrechen. Der Biber fährt dann erschrocken aus seinem Bau und flüchtet ins Wasser. Noch schlimmer wird die Sache, wenn die Biber in den Deichen wühlen, was glücklicherweise selten vorkommt. Doch muß die Strombauverwaltung in dieser Beziehung immer ein scharfes Auge auf sie haben. Auch in solchen Fällen ist es nicht nötig, die Tiere abzuschießen, weil sie sich auch durch andere Mittel leicht vergrämen lassen. Mertens gibt an, daß der Damm bei Ranies in den Jahren 1920 und 1921 stark unterwühlt war und deshalb mit großen Kosten wieder ausgebessert werden mußte; die Gesamtlänge der damals aufgegrabenen Röhren soll nicht weniger als 86 +m+ betragen haben. In den Wohnkessel des Baus werden einige derbe Holzprügel eingetragen und zu ganz feinen Spänchen zernagt, wodurch eine weiche Unterlage geschaffen wird.

Wo Ruhe im Revier herrscht und der Biber sich unbehelligt weiß, errichtet er außer diesen Bauen, die dann nur als Notwohnungen dienen, auch noch sog. Burgen, wie ich selbst eine am Schmiedersee besichtigen konnte. Sie sind oberirdisch sichtbar und haben backofenförmige Gestalt (Abb. 9). Diese Burg fiel schon von weitem durch die teilweise entrindeten und deshalb weißen Weidenzweige auf, die zu ihrer Herstellung verwendet waren. Obenauf lagen lange, trockene Rohr- und Schilfhalme. Die Baustoffe werden nicht etwa sorgfältig angeordnet, sondern liegen wirr, kreuz und quer durcheinander, so daß der ganze Bau ein sehr sparriges Aussehen erhält. Früher befand sich dort mitten im Wiesengelände eine zweite Biberburg dicht beim sog. Försterfriedhof auf einer kleinen Erhebung, die den winzigen Rest der sog. Schmiedburg, eines alten Bollwerks der Sachsen gegen die Wenden, darstellt. Im Goldberger See bei Lödderitz befindet sich gleichfalls im Schilf und Rohr versteckt eine regelrechte Biberburg, die ziemlich hoch und etwa 3 +m+ breit ist. Zu den Burgen führen im tieferen Wasser mündende Geschleife. Ändern sich die Örtlichkeitsverhältnisse in unerwünschter Weise, so verlegen die Biber ihren Wohnsitz. So lebte vor einigen Jahren ein Paar im sog. Kuhlenhagen. Da aber dieser Teil der alten Elbe Fischreichtum aufwies und infolgedessen immer stärker befischt wurde, haben sich die ruheliebenden Tiere nach dem nördlichen Teile der Kreuzhorst verzogen, wo sie unter Naturschutz stehen und deshalb weniger gestört werden. Fortwährend haben die Tiere an ihren Burgen herumzubasteln, zu ändern, zu vergrößern und zu verbessern. Alle erforderlichen Dichtungsstoffe, wie Gras, Erde, Sand, Lehm und Schlamm, werden (wie auch bei den Dammbauten) nur mit dem Maule und mit den Händen bewegt und ausschließlich mit letzteren verarbeitet, also nicht mit der Kelle, welches unausrottbare Märchen sich immer wieder in den Büchern fortpflanzt. An schönen, ruhigen Tagen sonnt sich der Biber gerne auf dem Dache seiner Burg oder auf in der Nähe befindlichen Kopfweiden, oder er richtet sich als lauschige Ruheplätzchen besondere Sassen her. Die Sasse, von der ich selbst einen Biber aufscheuchte, war in den lehmigen Morast eingetieft und mit trockenem Gras und Laub gepolstert, übrigens so angelegt, daß bei nahender Gefahr ein einziger Satz das Entkommen ins Wasser ermöglichte.