Aussterbende Tiere

Part 1

Chapter 13,350 wordsPublic domain

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Dr. Kurt Floericke

Aussterbende Tiere

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung / Stuttgart

KOSMOS-BÄNDCHEN

AUSSTERBENDE TIERE

KOSMOS

Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten. -- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im

KOSMOS

Handweiser für Naturfreunde

Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen

Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und Änderungen auch im Text vorbehalten):

~Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere~ ~Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald~ ~H. Günther, Was ist Magnetismus~? ~W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher~

Jedes Bändchen reich illustriert

Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen; daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.

Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart

Aussterbende Tiere

Biber / Nerz / Luchs / Uhu

Von

Dr. Kurt Floericke

Stuttgart Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung 1927

Mit 17 Abbildungen und einem farbigen Umschlagbild

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten Nachdruck verboten

+Copyright 1927 by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart Printed in Germany+

Druck von Holzinger & Co. Stuttgart

Einleitung

Wer gleich dem Verfasser die freilebende Tierwelt unseres Vaterlandes vier Jahrzehnte lang fleißig und liebevoll beobachtet hat, der wird tief erschrocken sein darüber, wie furchtbar sie innerhalb dieser Zeitspanne, die doch vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus nur als winzig bezeichnet werden kann, verarmt und verödet ist. Wir wissen alle, daß die sogenannte menschliche Kultur mit ihren mancherlei unangenehmen Begleiterscheinungen und Auswüchsen die Hauptschuld an dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung trägt, und zur Abwendung des Schlimmsten ist ja als notwendiges Gegengewicht gegen den Siegeszug von Industrie und Technik die Naturschutzbewegung ins Leben getreten, die erfreulicherweise bereits weite Kreise unseres Volkes erfaßt hat. Es ist dringend zu wünschen und zu hoffen, daß es ihr gelingen möge, wenigstens kärgliche Reste einstiger Herrlichkeit in großen Naturschutzparken oder durch strenge und vernünftige Gesetzesvorschriften, die aber nicht nur auf dem Papier stehen dürfen, in letzter Stunde zu retten und den kommenden Geschlechtern zu erhalten. Nun wird von mancher Seite den Naturschützern entgegengehalten, daß zwar die rastlos fortschreitende Kultur manche Tiere, die sog. Kulturflüchter nämlich, ausgerottet oder in ihre entlegensten Schlupfwinkel verdrängt, daß sie aber dafür andere Arten, denen gerade die Beschaffenheit der neuzeitlichen Kultursteppe zusagt, zur Einwanderung veranlaßt oder ihre Vermehrung und Ausbreitung weitgehend begünstigt habe. Das ist auch gar nicht zu leugnen und wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber der Tausch, den der Naturfreund dabei gemacht hat, ist doch ein herzlich schlechter. Verschwunden sind die urwüchsigen und reckenhaften Gestalten des altgermanischen Waldgebiets, eingezogen sind kleine und unansehnliche Formen, die unserem Gemüt wenig zu sagen haben, zumal sie teilweise gar nicht alteingesessene Arten sind, sondern ursprüngliche Bewohner der Mittelmeerländer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns erst recht klar wird, wenn wir die betreffenden Tiere einmal näher betrachten. Ich möchte deshalb zunächst in diesem Kosmosbändchen einige wenige Vertreter dieser Tiere unseren Lesern eingehender vorführen, um ihnen zu zeigen, welch unersetzliche Naturschätze wir schon verloren haben oder zu verlieren im Begriff stehen. Ich möchte weiter dartun, in welcher Schnelligkeit und in welcher Weise die Ausrottung vor sich ging und welche Hoffnungen noch bestehen auf Erhaltung der Überbleibsel. Wenn dadurch die Teilnahme weiterer Kreise für solche schwer bedrohten »Naturdenkmäler« wachgehalten und das Interesse für die Schaffung großer Naturschutzparke (vgl. S. 78) zu ihrer Erhaltung gesteigert würde, so wäre der vornehmste Zweck dieses Büchleins erreicht.

Die letzten deutschen Biber

Ein einziges deutsches Säugetier kannte ich bisher noch nicht aus freier Natur: unseren größten und gescheitesten Nager, den sagenumwobenen Biber. Im Sommer 1924 war es mir endlich zu meiner großen Freude vergönnt, diese Lücke bei einem zweitägigen Aufenthalt in Aaken a. d. Elbe auszufüllen. Wenn ich trotz der bedauerlichen Kürze der Beobachtungszeit hier einiges Neue und Wissenswerte über den Biber und seinen gegenwärtigen Bestand mitzuteilen vermag, so verdanke ich dies in erster Reihe der großen Liebenswürdigkeit einiger ortsansässiger Biberfreunde, die mir nicht nur in geradezu mustergültiger Weise als sachkundige Führer dienten, sondern mir auch aus dem reichen Schatze ihrer langjährigen Erfahrungen viele hochinteressante Eigenbeobachtungen zur Verfügung stellten. Besonders gebührt dieser Dank, dem ich hierdurch auch öffentlich Ausdruck geben möchte, Herrn Karl ~Krietzsch~ in Dessau, Herrn Oberpostsekretär ~Winkelmann~ in Aaken und Herrn Amtmann ~Behr~ in Steckby. So schrieb mir z. B. Herr Krietzsch kurz vorher nach Magdeburg: »Punkt 4 Uhr früh schwimmt der Biber bei Aaken über die Elbe, bezieht seinen Bau im Hornhafen und wird dabei photographiert.« Und genau nach diesem Programm verlief die Sache, nur daß sich die Beleuchtung in der frühen Morgenstunde noch als zu schwach für gute photographische Aufnahmen erwies. Es ist eine Lust, unter so ausgezeichneter Führung Naturstudien und Beobachtungen zu machen; der Ortsunkundige wird wohl manchen vergeblichen Gang tun müssen, bis es ihm glückt, eines Bibers ansichtig zu werden, obwohl die vielen Schleif- und Hauspuren des Tieres einem aufmerksamen Auge kaum entgehen können. Für mich war es ein geradezu weihevoller Augenblick, und das Herz schlug mir rascher, als nach einer Viertelstunde bangen Wartens der große Rattenkopf des schwimmenden Bibers in den Elbefluten auftauchte und wir nun rasch einen Kahn bestiegen und auf bequemste Beobachtungsentfernung dem seltenen Wilde bis zu seinem Baue folgten.

Früher war der europäische Biber, +Castor fiber L.+ (der nordamerikanische ist von neueren Forschern unter dem Namen canadensis als besondere Form abgetrennt worden) weit verbreitet und insbesondere in Deutschland durchaus keine Seltenheit, worauf schon Ortsnamen wie Biberach und Bebra hinweisen. Die Stadt Biebrich am Rhein führt einen Biber im Wappen, der aber fälschlich einen Fisch im Maule hält, während in Wirklichkeit der Biber niemals an Fischen oder anderem Getier sich vergreift, sondern ausschließlich Pflanzenfresser ist. Doch wird schon im Mittelalter über rasche Abnahme der Biber an Rhein und Donau geklagt, weil das Tier sich nicht mit dem regen Schiffsverkehr auf diesen Strömen vertrage. Das ganze Mittelalter hindurch spielte der Biber als geschätzter Fastenbraten eine große Rolle, und als besonderer Leckerbissen galt der Biberschwanz, für den man gern den in damaliger Zeit erstaunlichen Preis von 6 Gulden zahlte, und nach dessen absonderlicher Gestalt ja heute noch eine bestimmte Dachziegelart ihren Namen führt. Von Quacksalbern aller Art sehr begehrt war das sog. Bibergeil (man zahlte beim Seltenerwerden des Tieres zeitweise bis zu 180 Gulden für die Geilsäcke eines alten Männchens!), das gegen alle erdenklichen Übel helfen sollte, hauptsächlich aber als Beruhigungsmittel bei Krampfzuständen galt. Großer Wertschätzung erfreute sich auch der feine und leichte Biberpelz, nach welchem ja Gerhart Hauptmann seine prächtige Diebskomödie mit den vielen politischen Spitzen benannt hat. Der mollige Biberpelz, dem die langen Grannenhaare abgeschoren wurden, schützt vortrefflich gegen rauhe Winde und scharfen Frost, während die minderwertigen Felle zu teuren Filzhüten verarbeitet wurden. Da also der erlegte Biber einen erheblichen Geldwert darstellte, kann es nicht wundernehmen, daß die Zahl der Tiere infolge unablässiger und schonungsloser Verfolgung rasch und dauernd zurückging. Zuerst wurde der Biber, wie so viele Tiere, in dem schießwütigen England ausgerottet.

Gegenwärtig ist der europäische Biber nur in Sibirien noch in größerer Menge zu finden, während er in Europa selbst fast völlig ausgerottet und auch an seinen letzten Zufluchtstätten mit dem Untergange bedroht ist. Heute kommt er in Europa nur noch an vier Stellen vor, nämlich 1. im weiten Urstromtale der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg, 2. im südfranzösischen Rhonedelta, 3. im südlichen Norwegen gegenüber dem Skagerrak, 4. im russischen Sumpfgebiet Polesje, das vom Prijpet durchflossen wird. Allerdings sind schon Stimmen laut geworden, daß der Biber durch die Kriegs- und Revolutionszustände dort ausgerottet worden sei; wer aber die Unzugänglichkeit dieser Gegend sowie die große Menschenscheu der dortigen Biber kennt, wird gleich mir nicht recht daran glauben. Ferner findet sich in »Brehms Tierleben« und anderen Werken die Angabe, daß der Biber auch auf der Balkanhalbinsel noch vorkomme und in Bosnien »besonders häufig« sei. Da ich aber dort nie die geringste Spur des großen Nagers gefunden habe, wandte ich mich um nähere Auskunft an meinen alten Freund, den bekannten Balkanforscher Othmar Reiser, der so freundlich war, mir folgendes zu antworten: »Ich habe schon vor Jahren festgestellt, daß es sich bei diesen Angaben um Verwechslungen mit dem Fischotter oder sogar mit dahintreibenden Baumstämmen handelte. Lange kann es freilich noch nicht her sein, daß der Biber von dort verschwunden ist, denn Knochenreste sind vielfach gefunden worden, und ich selbst war einmal zufällig Zeuge, wie bei einer prähistorischen Grabung am Trebewitsch bei Sarajevo ein gut erhaltenes Kieferstück des Bibers zutage gefördert wurde. Außerdem hat sich der slawische Name des Tieres ›Dabar‹ im Dabar-Polje in der Herzegowina, an das Du Dich wohl noch erinnern wirst, und im Namen des Dorfes Dabar im Bezirke Sanskimost erhalten. Als einzigen greifbaren Beweis aus diesen Gegenden kenne ich aber nur die traurigen Überreste eines ausgestopften Bibers in der unbedeutenden zoologischen Sammlung in Belgrad, der in den 60er Jahren in der Drina gefangen worden sein soll.«

Fast alles, was wir über die Naturgeschichte des europäischen Bibers wissen, ist an den Elbebibern beobachtet worden, über die erst neuerdings (1922) wieder Mertens eine sorgfältige und ausführliche Arbeit veröffentlicht hat. Das Wohngebiet des Bibers an der Elbe und ihren Nebenflüssen ist landschaftlich von hohem Reiz und auch sonst für den Tier- und namentlich für den Vogelforscher von hervorragender Anziehungskraft. Dichte Auwaldungen mit üppigem Unterwuchs und eingebetteten Wiesen und kleinen, schilf- und rohrbewachsenen Seen geben der überaus wechselvollen Landschaft das Gepräge. Selten sah ich irgendwo in Deutschland so viel Tagschmetterlinge wie hier, und in hoher Luft entzückte mich das herrliche Flugbild des edlen Wanderfalken. Der Biber liebt besonders die Altwässer der Elbe mit ihren vielen Lachen und Tümpeln, Seerosen, Igelkolben, Schwertlilien und Schachtelhalmen (auch die Wassernuß kommt hier noch vor), mit ihrem stattlichen Wuchs von Weichhölzern und den zahlreichen Weidenhegern am Rande und mit ihren undurchdringlichen, von Brennesseln und wildem Hopfen durchwucherten Dorndickichten. Daß sich der Biber gerade hier in der Nähe großer Industrien und an der durch eine starke Schiffahrt beständig beunruhigten Elbe erhalten konnte, dürfte auf verschiedene Umstände zurückzuführen sein. Vor allem sind diese sumpfigen Geländestreifen verhältnismäßig spät vom Menschen besiedelt worden, denn man scheute die Mühe ihrer Urbarmachung und den Kampf mit dem Hochwasser, der die Errichtung kostspieliger Dämme und Deiche erforderte. Erst in neuerer Zeit ist diese Besiedlung in stärkerem Maße erfolgt, und damit begann auch das allmähliche Erlöschen des Biberbestandes, der bis dahin ein ziemlich ungestörtes Dasein hatte führen können. Ein weiterer glücklicher Zufall war es, daß dieses Gebiet in fast ununterbrochenem Zusammenhange Domänen- oder Regierungsbesitz darstellte, und daß die Fürsten und Herzöge von Anhalt von jeher weidgerechte Jäger und große Naturfreunde waren, ebenso ihre Forstbeamten. Die Biberjagd an sich hatte ja überhaupt für die Fürsten und großen Herren wenig Reiz, denn sie brachte keine stolzen Trophäen, keine Gehörne und Geweihe; sie reizte auch nicht durch die Gefahr, die in der Bekämpfung des Bären oder des grimmen Bassen lag, gab auch keine Gelegenheit zur Entfaltung höfischen Prunkes wie etwa die Reiherbeize. War also auch Aasjägerei ausgeschlossen, so konnte doch die Wilddieberei auf den wertvollen Biber niemals ganz unterdrückt werden, und in der Zeit des Umsturzes ist sie natürlich wieder besonders üppig ins Kraut geschossen. Auch die hohen Steilufer waren dem Biber günstig, denn sie ermöglichten es ihm, seine Baue so anzulegen, daß er jederzeit unter Wasser ausfahren konnte, während der üppige Pflanzenwuchs stets genügende Äsung bot. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, um den Bestand der Elbebiber bis auf die heutige Zeit zu erhalten. Wie lange noch?

Die heutige Anzahl der Biber einigermaßen zuverlässig festzustellen, ist sehr schwer und erfordert unermüdliche Ausdauer neben großer Begeisterung für die Sache. Herr Amtmann Behr brauchte dazu im Jahre 1913 vom September bis Dezember volle 43 Tage. Er führt insgesamt 188 Biber auf. Davon kamen auf preußisches Gebiet 82 Baue mit 114 und auf anhaltinisches 59 Baue mit 74 Bibern. Das bedeutete schon eine wesentliche Abnahme, denn um die Jahrhundertwende herum hatte der verstorbene Forstmeister Freiherr von Nordenflycht in Lödderitz, der sich auch als Jagdschriftsteller einen Namen gemacht hat, den Gesamtbestand der Elbebiber auf 250 Stück angegeben. Leider ist auch seit der Behrschen Zählung eine unverkennbare weitere Verringerung des Biberbestandes eingetreten, und Professor Mertens urteilt sicherlich viel zu optimistisch, wenn er die heutige Kopfzahl auf rund 200 schätzt. Im September 1924 gab mir Herr Krietzsch eine genaue Aufstellung der nach seinen Beobachtungen noch vorhandenen Biber. Darnach wohnten an der Elbe von Wittenberg bis zum Wellmitzhafen bei Dessau vor dem Kriege 92 Biber, heute dagegen nur noch 14 Alte und 4 Junge; an der Mulde von Dessau bis Raguhn früher 81 Biber, heute noch 6 Alte; an der Elbe von Wallmitzhafen bis Magdeburg früher 48 Stück, heute noch 13. Die Gesamtzahl betrug also 1913 immerhin 222 Biber, heute nur noch 37, darunter 6 Junge. Das wäre allerdings ein ganz erschreckendes Zusammenschmelzen innerhalb 12 Jahren, das für die Zukunft des Biberbestandes das Schlimmste befürchten ließe. Es mag sein, daß diese Schätzung etwas zu niedrig gegriffen ist, zumal neuerdings von zuverlässiger Seite eine Zunahme der Biber in der Kreuzhorst bei Magdeburg gemeldet wird, aber immerhin dürfte sie gegenwärtig der Wahrheit näher kommen als die Mertenssche Angabe. Von diesen 37 einwandfrei festgestellten Bibern leben 15 auf preußischem und 22 auf anhaltinischem Gebiet. Amtmann Behr nimmt den heutigen Bestand doch als wesentlich höher an. Wie weit das Hochwasser 1926 geschadet hat, entzieht sich noch meiner Kenntnis.

Im allgemeinen läßt sich in neuerer Zeit eine Verschiebung des Verbreitungsbezirkes nach Norden feststellen; namentlich in der teilweise abgesperrten Kreuzhorst bei Magdeburg scheint infolge Neueinwanderung eine Zunahme des Bestandes stattzufinden.

Außerdem lebte von 1917 bis 1924 noch ein Biber als Einsiedler im Mühlteich bei Mosigkau. Wie der dorthin gekommen sein mag? Er errichtete nicht nur einen Bau, sondern auch eine Burg und ging zur Ranzzeit oft aus dem Wasser heraus aufs Feld. Seit April 1924 ist das Tier spurlos verschwunden, aber anscheinend nicht gewilddiebt worden, sondern liegt wahrscheinlich infolge Äsung von Eichenrinde verendet in seinem Bau. Wo die Biber nämlich an ihren Bauen gestört werden und der eine Teil zugrunde geht, bekommt der andere in der Ranzzeit Sehnsucht nach seinesgleichen, sucht nach einem neuen Gatten, findet ihn nicht und treibt sich deshalb ruhelos in der Gegend umher, wobei er in die Nebenlöcher der Elbe und Mulde gerät, vereinzelt sogar schon weit in die Havel hinaufgeschwommen ist. Weiden gibt es an solchen Plätzen gewöhnlich nicht; die Tiere äsen deshalb aus Not Eichenrinde, deren Gerbsäuregehalt schwere Verdauungsstörungen bei ihnen hervorzurufen scheint. Ein alterfahrener Waldläufer versicherte meinem Gewährsmann, daß viele Biber auf diese Weise umkämen und daß man sein blaues Wunder erleben würde, wenn man einmal alle Baue öffnen wollte. Eine gewisse Bestätigung erfährt diese auch von Krietzsch geteilte Ansicht durch die Sektion eines Bibers, der in den ersten Tagen des Februar 1925 in stark abgemagertem, aber sonst unverletztem und gut erhaltenem Zustande verendet in der Elbe bei Trochheim gefunden und dem Zerbster Museum eingeliefert wurde. Die ganzen Därme waren voll großer Klunkern und die Leber tuberkulös. Auch ein im November 1924 in einem Graben bei Groß-Rosenburg tot aufgefundener Biber wies keine Schußverletzung oder sonstige Spuren von Gewaltsamkeit auf. Das schon recht alte Tier war bereits einige Wochen vorher in offenbar krankem Zustande an der Modderschleuse beobachtet worden.

Durch allerlei dumme Zufälle gehen alljährlich mehrere Biber zugrunde. So ergab die Untersuchung eines wahren Prachtstückes, das am 3. März 1925 im Luch am Elbeufer verendet angetrieben wurde, daß das Tier nicht von Menschenhand getötet, sondern wahrscheinlich von einem Dampfer gerammt worden war. Einige Wochen vorher wurde bei Vogerode ein toter Biber angeschwemmt, der mit dem linken Vorderfuß in einer neuen Bügelfalle hing. Durch das Auslegen von Ottereisen, das im Biberbezirk ganz verboten werden müßte, werden die Biber überhaupt sehr gefährdet, wenn auch meist unabsichtlich. Dazu kommt die immer noch nicht völlig unterdrückte Wilddieberei. So ging im Frühjahr 1924 durch die Zeitungen die Nachricht, der »letzte« Biberbau an der Saale sei von Wilddieben zerstört und seine Bewohner erschlagen worden. Laut brieflicher Mitteilung des Herrn Winkelmann verhielt sich die Sache aber doch etwas anders. Ein berüchtigter Wilddieb hatte während des Frostes den kleineren Biberbau am Goldberger See im Lödderitzforst mit dem Spaten angegraben und dann in die Öffnung hineingeschossen, wobei er von einem Bauern aus der Umgegend beobachtet wurde. Der eine Biber war daraufhin unter das Eis geflüchtet, ist hier elend umgekommen, wurde im Frühjahr beim Fischen gefunden und der Oberförsterei übergeben, die das Skelett aufgestellt hat. Harte Winter sind überhaupt für den Biber insofern schlimm, als dann die Strolche auf dem Eise an jeden Bau herankommen, die Biber selbst aber wegen des Eises schwer flüchten können. So kommen viele um und werden erschossen oder erschlagen. Wie mir Herr Maler Zehle mitteilt, wurde noch im letzten Winter versucht, die Biberburg im Krügersee niederzubrennen und so die Tiere herauszutreiben. Zum Glück brannte aber das Schilf nur auf der einen Seite an, ohne den Bau wesentlich zu beschädigen.

Ferner gehen leider auch ohne besonderes Zutun des Menschen viele Biber dadurch verloren, daß sie in die Reusen und Netze der Fischer geraten und ertrinken, wenn sie sich nicht durch Zerreißen der Netze befreien können. Da das zuweilen geschieht, freuen sich die dadurch geschädigten Fischer über jeden umgekommenen Biber, dreifach aber, wenn sie sich durch heimliche Aneignung des Tieres mit dem wertvollen Pelze, dem teuren Bibergeil und dem schmackhaften Fleisch bereichern können. Besonders gefährlich sind auch die Nachstellungen, die durch die Mordlust der Schiffer drohen, die mit ihren Kähnen zeitweise innerhalb der Biberreviere ankern. Während der Schutzbeamte auf dem Lande sich bewegen muß, kann der Schiffer vom Wasser aus im kleinen Kahne den Biberbauen ungesehen sich nähern, und so wird manches Stück heimlich umgebracht oder angeschossen und später verludert im Bau gefunden. Manchmal werden die Tiere auch bei der Fischerei mit dem Netz ans Land gezogen, denn sie sind zu dumm oder zu träge, um über das Netz hinwegzuspringen. Ein auf diese Weise gefangener Biber benahm sich so zutraulich und täppisch, daß er mit der Rute wieder ins Wasser zurückgejagt werden mußte. Der schlimmste Feind des aussterbenden Tieres ist aber doch plötzlich einsetzendes Hochwasser, namentlich wenn es noch Eisschollen mit sich führt. Die Biber flüchten dann aus ihren Bauen auf die Deichkronen oder andere erhöhte und trockene Plätze und sind hier natürlich allen Zufälligkeiten und Nachstellungen preisgegeben. Bei solchen Gelegenheiten weit sich verirrende Biber werden oft aus bloßer Unkenntnis umgebracht, weil man sie irrtümlich für Fischottern hält. Aber auch für den friedlichen Beobachter ergibt das schöne Gelegenheiten.

So schreibt mir Herr Winkelmann: »Vor zwei Jahren saßen zwei Biber beim Frühlingshochwasser, als der Damm nur 1-1/2 Meter aus der Flut hervorragte, unterhalb des Wachthauses auf dem Damme und versuchten wiederholt, sich in die Deichkrone einzugraben. Dies mußte jedesmal von der Deichwachmannschaft, die dort während des Hochwassers Tag und Nacht in Bereitschaft lag, verhindert werden. Schließlich nahmen die Tiere davon Abstand, hielten sich aber noch tagelang auf der Deichkrone auf. Beim Herannahen von Menschen plumpsten sie jedesmal ins Wasser, schwammen zwischen den Bäumen herum und kehrten nach Vorübergang der Störenfriede auf ihre alten Plätze zurück. Als später das Wasser fiel, suchten sie ihre Baue wieder auf.« Es sei aber ausdrücklich betont, daß auch in solchen Fällen ernsthafte Dammbeschädigungen durch den Biber höchstens bei ganz mangelhafter Aufsicht verursacht werden könnten. Die Tiere kommen auf die Dämme ja überhaupt nur, wenn diese unmittelbar ans Wasser stoßen und kein anderes erhöhtes Ufer zur Verfügung steht. Deshalb erscheint schon aus rein praktischen Gründen der Vorschlag von Mertens sehr beachtenswert, für solche Fälle besondere Biberschutzhügel anzulegen. Auf der Straße von Aaken nach Steutz liegt ein Wirtshaus, das jenseits der Straße noch eine Veranda für die Gäste hat. Bei Hochwasser fährt das Motorboot des Fährmanns bis an die Treppenstufen des Gasthauses. Als Herr Winkelmann einmal das Fährboot benutzte, saßen die beiden am Hornhafen heimischen Biber auf einem Bündel selbst zusammengeschleppten Reisigs unmittelbar hinter der Veranda. Beim Heranfahren des Bootes plumpste der eine ins Wasser, der andere aber blieb ruhig sitzen und äugte die Menschen nur neugierig an. Daraufhin kam auch der andere Biber sofort wieder auf die Sasse zurück, und beide ließen sich nun in aller Ruhe und Bequemlichkeit beliebig lange beobachten.