Aus Trotzkopf's Ehe

Part 6

Chapter 63,736 wordsPublic domain

In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen.

Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, Fragen, Schwatzen ohne Ende!

In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.

Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort förmlich umringt.

„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“

„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst frisieren!“

„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“

Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.

„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter, etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.

In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“ zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben, als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.

„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid erschien.

„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“

Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.

Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die Wange.

„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!“

Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“, das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war eigentlich zu ärgerlich.

Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender Blick in den Spiegel.

„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“

Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt der Muse das volle Weinglas an die Lippen.

„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.

Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!

Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine Instrumente stimmte.

Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.

Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male hebt, nachfühlen!

Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen hatte.

Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe.

Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber.

„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des „Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!

Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.

„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln. Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.

„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“ sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.

„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.

„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten Menschen.

Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit lachte.

Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.

„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“, so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von „wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.

Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher nicht tun.

Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.

„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“

Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien, erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe verwies.

Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.

„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“ sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war.

„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“

Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.

„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem vollen Hause um.

Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz.

Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die „Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten sogar mit lauten Bravorufen. –

Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und wieder in das alltägliche verwandelt.

Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.

Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“

Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so viel Jammer und Elend zu lindern.

In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos, daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. –

Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand nehmen.“

Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.

Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.

Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen „Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte wohl mal wieder!“

„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne.

„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.

„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders geworden, nicht wahr?“

Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran erinnern ließ.

Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch immer so reizen!“

Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.

Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.

Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er auch nicht zu ihnen geschickt!

„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“ rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.

Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe.

Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.

„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.

Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der Luft schwenkend.

„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller Freude.

Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter und Schwester erwarten würde.

Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.

„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft.

Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.

„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.

„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte.

Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:

„Lieber Onkel Heinz!