Aus Trotzkopf's Ehe

Part 5

Chapter 53,715 wordsPublic domain

Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.

Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.

Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.

„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.

Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –

Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen sah sie in das leere Haus!

Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.

Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.

„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:

„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“

Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen.

Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, das „Kind“ fing an, wie ein Kind zu weinen.

Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.

So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß.

„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fräulein, warum weinen Sie denn?“ redete ihr Ilse zu.

„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“ gab das Kind außer sich zur Antwort.

„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“ tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.

„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“

Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.

In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.

„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“

„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab er eilig zur Antwort.

„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“

„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur „Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen.

Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“ auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.

Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie „muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.

„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an, die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.

Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.

„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.

Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das „Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.

„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, er verbesserte sich schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“

Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.

Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.

Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.

„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser machen.“

„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere Rücksicht.“

„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, wenn ich dran komme,“ meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“

„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“

„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“

Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder, daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon gelächelt.

Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.

„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.

Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.

Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im „ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.

Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.

Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.

Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.

Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.

Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.

„O, _darling_, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der Garderobe!“

Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite auffaßte.

„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen,“ sagte Ilse, „und was machen wir dann?“

Leo lachte sie aus.

„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.

Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.

Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen gewesen.

Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.

Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.

„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.

„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“

Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“

„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“

Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.

Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung wieder ein.

Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen konnte.

Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.

Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr übel.

Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste Mal.

So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.

Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.

Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.

Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem Gedanken!

In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.

„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“

„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen.

Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.