Part 4
„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.
„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.
„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,“ sagte er dann zu Leo.
Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er unrecht hatte.
„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er.
„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“
„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“ entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.
Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging er weiter.
Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen zu lächeln.
Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.
Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.
Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine Rede.
Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.
„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.
„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.
Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel übrig gehabt.
„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte Antwort.
Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –
Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.
Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.
* * *
Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater. Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.
Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden: „die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und „die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.
Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so guten Zweck herzugeben.
Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.
Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.
„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.
„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“
„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik ausgesetzt?“
„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“
Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.
Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“
„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“
„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“
„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.
Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal anders.
Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.
„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,“ tröstete sie.
Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.
„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.
Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“ nahte.
Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.
Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache war abgemacht.
Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und Requisitenmeister.
Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?
Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde.
„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften „Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht und wäre doch zu kurz.
Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.
„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht blamieren.“
Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker sein.
Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.
„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung.
„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“ jammerte sie.
Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“
„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie.
„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das übernehmen?“ fragte Leo.
„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“ sagte Ilse plötzlich. „Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“
„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“ sagte Nellie. „Kann ich nicht das Mädchen spielen? Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch wohl nicht?“
Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das Dienstmädchen.
Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen.
Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der „Jugendliebe“ zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.
Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das „Kind“ war in der Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. Die „taube Tante“ flog wie ein Fangball zwischen beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer solchen Rolle sei denn das „Kind“ doch noch zu jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte.
Das „Kind“ erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die „taube Tante“ von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.
„O,“ rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, „mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“
„Einen Prolog?“ fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!