Aus Trotzkopf's Ehe

Part 7

Chapter 73,712 wordsPublic domain

„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig gegeben für den weg.

Es grüst Dich Deine libe Ruth.“

Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel Heinz.

Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.

„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!

Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe standen und die Glocke gezogen hatten.

Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.

Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung die Treppe hinauf.

Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.

Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten ließe einzutreten.

Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie zaghaft und scheu.

Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war.

Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete.

„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich.

Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf sich stürmisch in seine Arme.

„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich noch enger an ihn.

Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.

„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz.

Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.

„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.

„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.

Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.

Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation geschickt zu benehmen.

Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als seine Arbeit, seine Bücher.

Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es niemand besser verstand.

„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die letzte?“ fragte er in diesem Augenblick.

„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte gewesen!“

„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..“

„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“

„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“

„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“

Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen zu können.

Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.

„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone.

„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“

„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort.

„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.

Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.

Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.

„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor.

„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“

Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung unterwarfen.

„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“ fragte Ilse wieder.

„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“ antwortete er nicht gerade liebenswürdig.

Dann schwiegen wieder beide.

Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.

„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an.

Er antwortete nicht.

„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort.

„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig.

Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese Bemerkung.

„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.

„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein.

„Ja, aber wieso denn?“

„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten mehr!“

„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“

Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft zumute.

„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.

Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile fuhr er fort:

„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort.

„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“

„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken mußte.

„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“ fing er wieder an.

„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“ erwiderte Ilse etwas verlegen.

„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“

Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.

„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“ fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“

„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders erzogen werden müssen.“

„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, „Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“

„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so dachte und fühlte er oft!

„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum nicht?“

Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.

„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“

„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach, „sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das nicht?“

Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe er mit seinen Gefühlen.

„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft manchmal herunter!“

Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.

„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“

„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind, dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur sagen.“

„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja doch Ausnahmen unter den Juristen!“

„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell.

„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck zur Antwort.

Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu verlieren?

Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es gegen seine Überzeugung ging.

Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?

Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.

Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?

Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und das war gut.

Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren Galgenhumor.

Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.

Laut rief er sie bei Namen.

„Ruth, Marianne, kommt herein!“

Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins Zimmer.

„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“

Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!

„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang – weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit herunter?“

Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm verlangten.

„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“

„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, „was soll man denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“

„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“

„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“

Streiten mußte er nun einmal immer.

„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal wiederkommen?“

Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste Freundlichkeit.

So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.

Beim Fortgehen sagte Ilse leise:

„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“

Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte.

„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.

Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärtlicher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.

Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.

So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.

Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit.

„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich.

Er erwachte wie aus einem Traume!

„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.“

Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –

Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher.

Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten Vertrauens würdig war.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. –

Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an.

Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden.

So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören.

* * *

Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.

Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.

Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.