Part 8
»Ich fang' nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,« erzählte er, ohne die letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. »Nämlich -- wenn ich mir bücke, dann knackt's mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt auch wieder. Na -- nu kriegen wir ja die Quelle --«
Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich.
»Hat jemand je ein solches Untier gesehen!« rief er. »Die Quelle! Jetzt fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll's recht sein! Mach, was du willst! Aber geh nur 'raus! Ich kann dich nicht mehr sehen! Du bist mir greulich --«
»Ich geh' schon,« sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend, schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit.
Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen Herren vom Auschlosse heiraten würde.
Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas Köstliches. Ein Märchenwald -- ein verzauberter Hain, der aus leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren, schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde. Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche, die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke, die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.
Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern entströmte, jagte vor ihnen her.
Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen.
Und seltsam genug -- während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige #dame d'honneur#, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.
»Der See,« sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß.
»O weh,« gab Hedda zurück, »wir haben an den Schnee nicht gedacht! Werden wir da überhaupt laufen können?«
Er nickte und lächelte dabei. »Die Bucht an der Försterei ist gefegt worden,« entgegnete er. »Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt. Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.«
Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht hatte.
Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort wieder die braune Erde reingefegt.
Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten.
Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann wandte er sich an Hedda. »Darf ich Ihnen helfen?« fragte er und deutete auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.
Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen. Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war ungeschickt.
»Ich werde doch helfen müssen!« rief Gunther lachend. Und schon kniete er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.
Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die Gegenwart des Kutschers sie genierte.
Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es lief sich prächtig.
Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst einmal allein »auszutoben«. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft.
Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne zu ragenden Gletschern empor.
»Aufgepaßt!« rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme. Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat »tausendmal« um Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.
»Halten Sie fest!« rief sie, -- »so!« -- und nun stand auch er.
»Wie war das gekommen?« fragte er verlegen, und sie lachte abermals.
»Mein Gott, wie soll es gekommen sein?« gab sie harmlos zurück. »Ich taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? -- Haben Sie sich verletzt?«
Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich gezerrt haben.
»Nur unbedeutend,« antwortete er; »es wird sich geben, wenn ich erst wieder in Bewegung bin.«
Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem über das Eis.
»Geht es besser?« fragte Hedda.
»Ja -- danke; ich fühle mich sogar außerordentlich wohl.«
Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.
»Treiben Sie viel Sport?« fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema wechselnd. »Man findet das sonst nicht häufig bei Gelehrten -- die Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.«
»Das ist bei mir allerdings auch der Fall,« entgegnete er; »aber ich begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu kränkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfänglich schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine aristokratische Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte ich sie nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie auch den Geist reger und frischer erhalten.«
»Reiten Sie auch?«
»Ja -- aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natürlich eine begeisterte Amazone, Baronesse?«
»Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich über so viel getröstet, daß mir auch das keinen Kummer mehr macht.«
Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurück.
»Ich denke mir,« begann Gunther von neuem, »daß es Ihnen zuweilen recht einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens nicht allzuviel Verkehr.«
»Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, -- er ist ein Fanatiker der Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu' mich darauf.«
»Haben Sie Verwandte in Berlin?«
»Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der Hauptstadt.«
Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn kennen zu lernen -- er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe auf der rechten Wange.
Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich -- sie kennt den Herrn Axel ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!
Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein »gleichgültiger andrer«. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe -- das fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht worden, »gute Partieen« und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein, bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern erwählt hatten. Aber er dankte für eine »gute Partie« in kaufmännischem Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme, deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis, aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer »vornehmen« Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen. Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen man sich nicht zu regen vermochte.
So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb auch gesellschaftlich ziemlich zurück -- schon um den immer wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...
Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste, ihm zuvorzukommen. Aber -- nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger: ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung -- oder eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen Geständnissen -- nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang -- da hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt; auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...
An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? -- Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch zu wirken, war entsetzlich für ihn.
»Prosit!« sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; »ich habe noch immer die bäuerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wünschen, und Papa freut sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er behauptet, das befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hübschen Schnupfen geholt.«
Gunther antwortete zunächst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann atmete er tief auf.
»Es ist gräßlich,« antwortete er. Und wirklich, es war ihm gräßlich, dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen frühlingswarm war.
Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht wieder zurück. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue ging allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im Westen war es noch hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel über den Horizont gehängt, der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte bis an die weißgraue Wolkenschicht, deren unterer Teil völlig durchleuchtet war und den Flammenkragen dieses königlichen Mantels zu bilden schien.
Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam, und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach veränderte sich das Bild. Der Wolkenrand zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf. Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein und spaltete es. Es strömte in hundert verschiedenen Farbentönen über den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem zarten, langsam erlöschenden Violett ...
Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele drängte sich wieder vor: über den nüchternen Forscher gewann zuweilen der leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte er sprechen können.
»Wie schön,« sagte er halblaut. »Ist es nicht wahr, daß die Natur zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen läßt? Daß sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches rhythmisches Denken?«
Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dünkte sie richtig, was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit eines schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewußt zu gebundenem Ausdruck, und als spüre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der arme, verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, und zwar gewaltig, den ganzen Menschen erschütternd, vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an Stelle des Gewollten mit energischer Stimme:
»Lieber Doktor Schellheim, -- ich denke augenblicklich gar nichts weiter, als daß Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heißen Tee trinken müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!«
Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglücksmensch.
Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der beiden.
Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief ihm ein freundliches: »Schön' Dank und gute Besserung!« zu und stieg die Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.
Sechstes Kapitel
Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief. Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge springen, sie neu füllen zu lassen.
Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase und in langem Kaisermantel. »Schlippermilch« wollte wissen, daß das ein Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich, Albert nickte nur.
Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach, und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle »gefaßt« worden, ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ.
An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten, Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden; geldgierig waren sie alle. Doch _wie_ ihnen die Quelle zu diesem Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.
Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus den »paar Tagen« wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: »Sind die Handwerker denn immer noch im Hause?« so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte, gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten -- der Stall war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an. --
Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück zu einer erregten Szene.
Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener hinaus.
»Entschuldigt,« sagte er, »aber ich möchte ein paar Worte allein mit euch sprechen!«
Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck ausgestreckte Hand wieder zurück, und auch die Rätin schaute erstaunt auf.
»Ja,« meinte Schellheim, »was gibt's denn? Hoffentlich nichts Fatales!«
»Nein, Papa,« erwiderte Gunther, »ich will nur euern Rat hören. Es handelt sich um eine Lebensfrage für mich, um meine Zukunft ...«