Part 7
Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur entgegen. Er zog sie in die Küche. »Es ist alles abgemacht,« sagte er hastig, mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; »der Kommerzienrat schießt uns das Nötige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm nach Berlin zu seinem Anwalt ...«
Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche umher. »Seht ihr wohl -- hurra!« schrie er; »ich hab' ihn breitgetreten!«
Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres wissen. Sie rückten Albert dicht auf den Leib und bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklärte auch, vom Geschäftlichen verständen sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei, daß der Stein nun ins Rollen käme.
»Natürlich ist das die Hauptsache,« bemerkte Fritz, »alles übrige wird sich schon finden. Und wie ist's nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo wir alle so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine Verlobung feiern!«
»Sei doch man still,« fuhr die Alte auf, und Albert fragte: »Deine Verlobung? -- Ach, mit der Dörthe?!«
»Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!«
Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nächsten Augenblick nickte er lebhaft mit dem Kopfe. »Schön,« meinte er, »ich hab' nichts dagegen ...« Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und führte ihn etwas abseits. »Sag mal, du,« fuhr er im Flüstertone fort, »Klempts Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?«
»Dichte 'ran, Albert -- dichte 'ran!«
»Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Dörthe das Ganze als einziges Kind?«
»Alles -- i nu selbstverständlich, -- Vater Klempt hat's uns vorhin erst wieder auseinandergesetzt, daß die Dörthe noch gar nicht die schlechteste Partie ist.«
Albert nickte wieder. »Ich glaube, der Klempt wird's nicht mehr allzu lange machen, Fritz. Er sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht -- na, verlob dich nur erst! Meinen Segen hast du!«
Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Möllers mit Dörthe Klempt öffentlich verkündet. Fritz kletterte während der nächsten Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er hinzu, seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein paar hinter die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mädel. Und nachdem er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und die Musik mußte einfallen, und alles brüllte mit, umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte und witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches Schnattern, während draußen noch immer mit leisem Plätschern der Regen fiel und das abziehende Wetter den Horizont erhellte.
Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht wie von Sonnenschein überflutet war. Selbst die Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe mußte ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte »in Familie« gegessen werden. Der alte Möller stieg selbst in den Keller, ein paar Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die könne »jeder Vater mit seinem Sohne trinken«. Klempt wurde genötigt, im Extrazimmer auf dem grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, wie ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Möllers gefaßt gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab.
In der Schankstube wurden inzwischen die fünfzig Mark vertrunken, die der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurückgezogen. Beide wisperten eifrig miteinander.
»Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen 'rumgekriegt hat,« flüsterte Liese. »Aber 's wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt' was erzählen, wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in der Kirche seh' ich die beiden noch nicht. Ich möchte wetten, daß da noch was darmang kommt --«
»Dörthe!« erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Möllern aus der Küche.
Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun glänzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, Preiselbeeren und Milchreis mit Zimmet.
Fünftes Kapitel
Es war am Neujahrstage, als Hedda, in der Pelzjacke, die Pelzkappe auf dem Kopfe und den Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer trat. »Ich will zum Pastor, Papa,« sagte sie, »ihm meinen Glückwunsch bringen. Hast du etwas zu bestellen?«
»Schöne Grüße, nichts weiter,« antwortete der Baron. »Und warum er sich denn gar nicht mehr sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als meine.«
»Werd's ausrichten. Hat die Post nichts Neues gebracht?«
Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor den Kopf. »Sapperment,« schalt er, »ich fang' wirklich an, tranig zu werden! Die Hauptsache vergess' ich!«
Er nahm einen Brief vom Tisch. »Weißt du, wer geschrieben hat?«
»Dein Verleger?«
»Gott bewahre! Rat mal!«
Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.
»Dummerle,« rief der Alte endlich, »Axel hat geschrieben!«
Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß sie sich setzen mußte.
»Axel?« wiederholte sie. »Der Jarlsberger?«
»Ja, ja -- unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will uns im Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!«
Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.
»Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen Diensten steht,« sagte sie. »Ich glaubte, er täte gar nichts -- lebte von seinen Reichtümern -- reiste in der Welt umher -- als Globetrotter --«
»Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß dem nicht so ist. Über den angekündigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude. Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten -- und der junge Herr wird verwöhnt sein.«
Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.
»In der Fremdenstube regnet's durch,« klagte sie. »Auch muß da neu tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht bekümmert.«
»Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,« versetzte der Freiherr begütigend; »wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu entwerfen. Außerdem weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind -- und überdies soll mir's sehr gleichgültig sein, ob es ihm in Jarlsberg besser gefällt als auf dem Baronshof.«
»Puh!« machte Hedda, »hier ist's aber fürchterlich heiß, Papa. Hältst du das denn aus?«
»Ich schmore am liebsten -- da spüre ich meine Ischias am wenigsten.«
»Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa --«
»Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bißchen an die Riviera, nicht wahr? Wir haben ja das Geld dazu!«
»Für die Badereise werd' ich's schon schaffen. Vielleicht versuchst du es auch einmal mit _unsrer_ Quelle --«
»Nicht um die Welt, Hedda! Das hab' ich mir vorgenommen: diese ekelhafte Quelle existiert für mich nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von ihr.«
Hedda stand achselzuckend auf.
»Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir die Liebe und laß dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß kommen sicher zur Gratulation.«
Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.
»Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!« stöhnte er.
»Nein,« erwiderte Hedda, »denn sie wissen, was sich schickt.«
»Papperlapapp -- die Unsitte der Neujahrsgratulation ist längst aus der Mode gekommen!«
»In Oberlemmingen noch nicht.«
»Opponiere nicht ewig!«
»Ich bin _dein_ Fleisch und Blut.«
»Dann gib mir 'nen Kuß!«
Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie.
Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch, und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte, wohin sich das Auge wandte.
Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah, lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der kleinste und frechste rief ihr »Prost Neujahr!« nach, und dann jubelten allesamt wild durcheinander ihr »Prost Neujahr!«
Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht. Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt, dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte. Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel, zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch nachträglich Theologie studierte.
Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus, von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun und Köstlichkeit die Bibel erzählt.
Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar nichts zu tun. Er war denn auch »oben« nicht sonderlich gut angeschrieben.
Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum neuen Jahre.
»Danke, Frau Stege,« antwortete das junge Mädchen; »so Gott will, gehen Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?«
»Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, -- einer von den jungen Herren aus dem Auschlosse.«
Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem anzumelden.
Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür rechtsseitig des Flurgangs und rief: »Immer herein, Fräulein Hedda! Sie stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher durch.«
Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche vor. Dann begrüßte sie Gunther mit freundlichem Handschlag. »Seit wann wieder hier, Herr Doktor?« fragte sie.
»Erst seit vorgestern, Baronesse,« erwiderte Gunther unter leichtem Erröten; »aber ich will den Winter über aushalten, vielleicht sogar bis in den Mai hinein --«
»Ah -- Sie bleiben längere Zeit?«
»Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.«
»Nibelungenforschung?« fragte Hedda lächelnd.
»Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten möchte ...«
Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda knüpfte ihr Pelzjackett auf. Es war warm im Zimmer. Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, auf einfache tannene Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und unten am Boden, am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrühren; der Pastor pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. Übrigens beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Büchern gefüllt. Der Pastor besaß an zehntausend Bände.
Hedda schlug erstaunt in die Hände.
»Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor!« sagte sie naiv. »Ihre Predigten können Sie doch unmöglich so stark in Anspruch nehmen!«
»Nein, mein Kind,« erwiderte Eycken, »das tun sie in der Tat nicht. Ich studiere zu meinem Vergnügen, wie andre Leute ins Theater gehen, Konzerte, Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.«
»Eine verständliche,« fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die Bücherreihen.
Hedda interessierte das. »Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht veröffentlichen, Herr Pastor?« forschte sie weiter.
Eycken zuckte mit den Schultern.
»Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,« entgegnete er. »Für mich hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft, eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.«
Hedda schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht,« sagte sie. »Wenn ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst, sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in gewisser Weise egoistisch -- Pardon, Herr Pastor --, es den andern vorzuenthalten.«
»Richtig, Hedda,« erwiderte Eycken. »Es wäre egoistisch, wenn ich mir von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen -- ach, vor langen Jahren« -- und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz -- »in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme, von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die Hypothese beginnt -- da breche ich ab und lege das Manuskript zu den übrigen ...«
Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre 1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt hervorzurufen.
Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich, daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte, braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda nur Zuhörerin war, errötete er wieder -- das passierte ihm häufig -- und wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück.
»Ich langweile Sie, Baronesse,« sagte er. »Mehr oder weniger sind wir Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon den historischen Faust --«
Er unterbrach sich und lachte.
»Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe stattfinden.«
Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. Er war ein begeisterter Anhänger der Ferienkolonieen, für die er große Summen spendete, und trug sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus für bedürftige Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwürdig, daß gerade dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt eine so heiße Liebe und eine so große Barmherzigkeit entgegentrug. Es war, als erschöpfe sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen Herzens.
Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht sei. Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche der Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewähr für eine solide Entwicklung des Unternehmens gegeben. Für die Möllers hatte er auch nicht viel übrig.
Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der Gartentür die Hand reichten, fragte der junge Mann:
»Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?«
»Leidenschaftlich gern,« antwortete Hedda, »und der Döbbernitzer See bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.«
Gunther verneigte sich. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie begleiten zu dürfen,« sagte er. »Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es ist heute so wunderbares Wetter.«
Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fuß ging er nach dem Auschlosse zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig war.
Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber beiläufig von ihrer Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht -- sie wisse doch sonst, was Takt sei.
Sie verteidigte sich lebhaft.
»Ich weiß nicht, was du hast, Papa,« antwortete sie. »Ich bin kein Backfisch mehr und fühle mich durch die Anwesenheit des Doktor Schellheim eher geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen, verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne führen!«
Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches vor sich hin. Es klang so, als sage er, er könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. Sie hatte zum ersten Male das Gefühl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr.
Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann, das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich nicht sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt beobachten können. Und er hieb wütend mit der geballten Faust auf den Tisch.
Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther half ihr beim Einsteigen und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in das weiße Bärenfell, das als Decke diente.
Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefährt nach. Dann glitt ein zustimmendes Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört, daß die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, aber er beeilte sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe er in das Haus zurücktrat.
»Hast du keine Ohren?!« schrie der Freiherr ihn an.
»Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mußte ich dem gnädigen Fräulein helfen!«
»Feuer in den Ofen!« kommandierte der Alte. »Soll ich vielleicht hier erfrieren?«
August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern hing.
»Sechzehn Grad,« sagte er. »Der Herr Baron werden sich noch so verpimpeln, bis Sie nachher kein Lüftchen mehr vertragen können.«
»Halt 's Maul und feure!« schrie Hellstern grob.
August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die eiserne Tür aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern aufstöhnte.
»Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!« rief er.
August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob dann einige Scheite Holz hinterher. Schließlich blies er mit dicken Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.
»Herr Baron,« sagte er plötzlich in fragendem Tone.
»Was ist los?!«
»Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?«
»Ja -- was sonst noch?!«
»Ach -- ich meinte man bloß -- die gnädige Baronesse sahen so stattlich drin aus -- und der Herr Doktor auch -- ein hübsches Paar --«
Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um ihn August an den Kopf werfen zu können. Aber er fand keinen.
»Raus!« schrie er. »Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem -- und dem da per 'hübsches Paar' zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich! Pack deine Sachen zusammen -- pascholl!«
August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus.