Aus tiefem Schacht

Part 24

Chapter 243,169 wordsPublic domain

Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt -- das hatte ihn still werden lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden, und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm zu plaudern.

Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause zurückkehre -- und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.

An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren Schloßhof führte, wurden Stimmen laut.

Hellstern erhob den Kopf.

»Ist es denn möglich!« rief er. »Eycken -- Pastor -- sind Sie es wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch nicht gänzlich vergessen?!«

»Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern -- ich habe sie redlich verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen -- und nun mal zuvörderst die Hand -- beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben: Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!«

Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit.

Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und einander viel zu erzählen.

»Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum noch Mensch bin,« sagte Eycken. »Meine Anstalt ist fertig und vorgestern eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus -- was mir vom Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es erhofft habe.«

»Kann ich mir denken,« warf Hellstern ein.

»Nein -- es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,« fuhr Eycken fort, »und der Selbstmord der kleinen Klempt -- eurer Dörthe -- der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt's nicht mehr aus in der Gemeinde. Was sag' ich, Gemeinde -- die alte Gemeinde existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund -- auch heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat, ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und deshalb zog ich mich zurück.«

Der Baron nickte. »Ich verstehe es,« entgegnete er; »ich sah das alles vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab's seinerzeit auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich ja auch nicht, Pastor -- wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich --, aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das Ganze in geordnete Wege zu leiten -- aber als er im Winter einmal hier war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach zurückziehen.«

»So ist es,« bestätigte Eycken, »er ist der ewigen Zänkereien mit den Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse. Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda und Axel denn dahin?«

Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen, den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige, etwas schüchterne junge Mensch von früher ...

Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen die Herren herzlichen Abschied voneinander.

»Kommen Sie bald wieder, Pastor,« sagte Hellstern. »Ich höre gern etwas Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich der August wirklich einmal heraus -- nach Oberlemmingen zu setze ich keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen -- nie wieder, -- ich glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof wird wohl auch bald abgetragen werden -- nein, Eycken, ich hänge doch noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!«

Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die Decken abnehmen.

»Pack an, mein Alter -- unter den rechten Arm -- so -- hupp! ... Hör mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte --«

»Reden der Herr Baron doch nicht _so_ etwas!«

»Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben sollte, da möcht' ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk' ich, gleicht aus und versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den hab' ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht 'ran. Also verstehst du: unter der Linde will ich begraben sein!«

»Ich versteh' schon,« entgegnete August; »aber der Herr Baron werden's am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch 'n bißchen warten tun. Es eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben, dann dauert's mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So 'n altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine gleiche Behandlung. Ins Neue leb' ich mich auch nicht mehr 'rein -- da geht's mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der liebe Gott wird ja wissen, wenn's Zeit ist.«

»Das wird er,« erwiderte Hellstern ernsthaft. »Vielleicht läßt er uns am gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August, denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht' ich, nur noch ein schweres Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich. Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer, alter Esel bist.«

Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August klinkte die Tür auf.

»Gott sei Dank!« sagte er, »ich hör's am Ton: es wird schon noch ein ganzes Weilchen Jahre gehn.«

* * * * *

An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.

Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das sie führte.

Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im Pavillonstil kommen ...

Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete, er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und trank, bis er sinnlos war.... »Er macht's nicht mehr lange,« sagte Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; »gestern früh hat ihn der Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.« Ach ja, so war es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem gemordeten Kinde an.

Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr im Traume geraten.

Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.

Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel; der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den Wiesen.

In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten. Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die Dörthe geblieben -- und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst die Gerechtigkeit der Welt -- aber seines Kindes Mörder stiegen an Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... »Verfluchte Quelle! ...«

Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit Trost und Heilung bringen sollte -- _ihn_ hatte sie zum unglücklichen Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing -- sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...

Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen Augenblick. Schlief Tante Pauline? -- Mit raschem Entschlusse trat er in ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen, den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte mit schnellen Schritten hinaus -- das Gesicht weiß, doch mit unheimlich flimmerndem Blick.

Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen, nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter.

Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.

Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab.

Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ...

Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht. Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu vernehmen. Die Quelle war still geworden.

Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...

Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der große Pan reckte und streckte sich -- die Natur erwachte.

Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen -- sie wurde wieder lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie wiederum fangen und ihren Segen entehren würden.

Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage entgegen ...

Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte, Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.

_Ende._

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9 und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext#

Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the printed edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below lists all corrections applied to the original text.

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S. 15: [extra quotes] frage gar nichts!« Her mit dem Rock! S. 17: ein gemachter Mann war uud -> und S. 46: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts -> Ölporträts S. 52: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet. S. 54: verrriet sich sogar -> verriet S. 79: Vietz mit se nem Geiger -> seinem S. 79: stob unter erneutem Geheul auseiander -> auseinander S. 89: Das war ein herrlicher Neujahrtstag -> Neujahrstag S. 109: hat es stark geschneit -> hatte S. 128ff: [normalized] Woydczynska -> Woydczinska S. 137: Notwendigkeit einer Aussöhnnng -> Aussöhnung S. 148: noch ein par Jahre warten -> paar S. 177: Auguste nickte -> August S. 259: den Sonnenstahlen wehrte -> Sonnenstrahlen S. 274: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater S. 304: [normalized] und dann die Abschiedstunde -> Abschiedsstunde S. 309: Uber die Wiesenlichtung -> Über S. 246ff: [normalized] Grödicke -> Grödecke

End of Project Gutenberg's Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz