Aus tiefem Schacht

Part 23

Chapter 233,572 wordsPublic domain

Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in dem er wie eine große und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen Zylinderhut besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, während seine Braut, ganz in Weiß, was die schwarze Person nicht übel kleidete, die Augen frank und frei im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie den, der etwas wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewöhnlich, und in der Tat wanderten seine Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und bauten Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhöhe des Baronshofs und ringsherum einen Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht mehr; er wußte nun, daß die Zukunft von Oberlemmingen den Möllers gehörte.

Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewählt, das er öfters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei ...« Er sprach länger als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein. Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, während Frida kerzengerade dasaß und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß in der Gemeinde zu erwähnen, ließ Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare vor, daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der Heilquelle ein großes äußeres Glück beschieden worden sei, doch sollten sie sich nicht von diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: »Gleichwie aus der Erde tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden aufsteigen können, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn man seine Kraft nicht zügelt, mit brausender Gewalt den Boden zu unterhöhlen vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in die brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte -- so sprudelt auch oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen auf, das stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen und seiner Herr zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb der Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt Mißgunst und Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen eines jeden von uns entspringt der Quell des Wünschens rein und kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, wenn sich Böses und Übles in ihn mischt, und wie braust er auf und übertönt das Gewissen, wenn man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, bis er, gleich einem wilden Strome, alles Gute in uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr euer Wünschen zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer Hoffnungen -- wie jenen, den Gottes Hand draußen im Felsgestein zum Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln ließ!«

Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief. Stumm und gleichgültig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt.

Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite des Altars, saß die Familie Grödecke, Vater und Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grödecke hatte seine rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so daß man den dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte. Dieser Ring glänzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Götzen errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte Herr Grödecke beständig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er wie die Möllers verstanden schon den Geistlichen; sie wußten, was er meinte. Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der eine Gedanke: 'Wenn es doch erst aus wäre!'

Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor, ein Geräusch, das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. Es schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der großen Säulen, die den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline zurückzudrängen versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und die Posaunen bliesen ...

Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel Möller statt. Man hatte sich genötigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von den Bauern war keiner gebeten worden.

Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten über die Traupredigt aus. Die Männer standen alle zusammen in einer Ecke des großen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grödecke mit vorgeschobenen Leibern, von weißen Westen umspannt, auf denen goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Möller, schon wieder die Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht -- der kleine Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefühl zur Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen Tonarten; Albert allein meinte skeptisch:

»Was schert's _uns_?! Laßt ihn doch reden!«

Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals häuften sich die leeren Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke glühte wie von Flammen bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben und sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während ringsumher der Lärm der Tafelnden immer lauter anschwoll.

Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte sich über das Dorf gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier, auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch See war, seine Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sässige Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen Mauern und Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme überfluteten das Land und brannten die Häuser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus Schutt und Trümmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder lebendig. Dort faßte zuerst die siegende Industrie festen Fuß, ehe sie zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner und die Bauernhütten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide Veränderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre über Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann sind auch die letzten Bauernhäuser verschwunden, die heute noch stehen, und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von blühenden Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das Dunkel des Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich durch das Grün der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten, hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten und Institute, die neuen Bäder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen hohe Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchströmt, sind elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden herbeigeströmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen und überfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den Feldern. Wagen rollen hin und her. Überall Fremde ...

Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur gleicht dem Götzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Räder so strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem Wege zermalmen.

* * * * *

Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Bräutigams wurde Dörthe im väterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhören zu müssen, die der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen und Traum- und Punktierbüchern heraus den fürchterlichsten Untergang prophezeite.

Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer Kammer ununterbrochen geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt und tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Dörthe ruhiger geworden, hatte Heddas Hand geküßt, ihr für ihren gütigen Zuspruch gedankt und war schließlich wieder still und emsig an ihre Arbeit gegangen.

Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstraße hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt, ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu beweisen, wie lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht gegen sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen war zu beschränkt und die Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den starren Trotz hätte klar werden können, der das leitende Motiv zu ihrem Entschlusse war. Sie wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; nun wollte sie ihnen zeigen, daß es anders sei. Sie bedauerte nur, daß sie den Schrecken der Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen könne, wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.

Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Spätnachmittag noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr wieder in die Augen gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin:

»O Vater der Barmherzigkeit, Ich falle dir zu Fuße, Verstoß mich nicht, der zu dir schreit Und tut noch endlich Buße. Was ich begangen wider dich, Verzeih nur alles gnädiglich Durch deine große Güte ...«

Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe. Aber je näher Dörthe dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des Hotels glänzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen.

Dörthe trat in den Schatten des Hauses und drückte sich dicht an die Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte sie angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz gehört. Aber es war unmöglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da.

Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest zurückdenken, auf dem man ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille faßte -- sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumüller und die ganzen jungen Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich losbrechenden Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied »Hans mit de Krusekragen« singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain. Es strömte brennend heiß durch Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch alles gut werden würde ...

Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre Wangen. Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz adressiert, nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund in den See springen würde, weil sie nicht länger leben wolle -- den sollten die Hochzeitsgäste vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals kehrt, schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.

Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst wieder langsamer aus, als sie in den Döbbernitzer Weg einbog.

Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande, und von allen Seiten erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der Ferne scheu über den Weg.

Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner Schatten hatte sie erschreckt. Sie stürzte von neuem weiter, rechtsseitig hinein in den Wald -- da mußte der See liegen! Ihr Herz klopfte zum Springen; sie war in Schweiß gebadet. Ganz plötzlich umflutete sie heller Mondschein -- sie stand auf einer schneeüberwehten Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.

Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie stierte mit großen, glühenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte sie -- eine furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte wieder zurück ...

Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem -- ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf. Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig zu werden ... Mit gellem Schrei stürzte Dörthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann sie stammelnd ihr Lied zu beten: »O Vater der Barmherzigkeit ...« Dann ein letzter Schrei -- ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern und Wogenrollen ...

Im See bildeten sich längliche Kurven, die den glatten Spiegel trübten, sich weiter und weiter wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des Himmels hervor, der sternendurchglänzten Ewigkeit.

Fünfzehntes Kapitel

Wieder war es Frühling geworden -- der erste warme Tag im Jahre, ein Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ.

Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.

Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet; ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen, deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen.

»Uff,« meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat; »August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine Mittagspfeife im Freien rauchen kann?«

»Das konnt' ich mir denken,« erwiderte August, die schwachen Gehversuche des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; »kaum fühlen sich der Herr Baron mal wieder so 'n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein. Aber ich glaube, ich werd's diesmal verantworten können. 's ist wirklich wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die Pelzdecke runterbringen soll.«

Hellstern nickte. »Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein, wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort --«

»Na na, Herr Baron!«

»Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch bewegen -- soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren -- he?«

»Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt, dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so 'n schönes Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch steht. Und nun will ich den Franz rufen.«

Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest.

»Du,« sagte er, »weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus, daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.«

»Na ja -- das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung strengstens verboten. Am besten wär's, der Herr Baron träumten überhaupt nicht.«

»Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!«

Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.

Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm, ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.

Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August begann seinen Herrn einzupacken.

»So,« sagte er schließlich, »nun bleiben der Herr Baron hübsch stille sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.«

»Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!«

August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen -- damals, als die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm -- davon war August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus.

»Herr Baron,« sagte er, »ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit wieder vor. So 'n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.«

Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf, ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.