Part 9
Prag teilt mit sieben Hauptstädten Österreichs die Ehre, der Schauplatz einer öffentlichen Lotterieziehung zu sein, einen Sammelkanal für jene Wissenschaft des Unverstandes zu besitzen, die sich unfruchtbar müht, die wirren und unzusammenhängenden Traumgebilde mit nüchternen Ziffern und Zahlen auszudrücken, die unklaren Wünsche und unklar ersehnten Schicksale ziffermäßig zu werten, und die exakteste und klarste Wissenschaft, die Mathematik in den Dienst waghalsigen Aberglaubens zu stellen. In dem an der Ecke der Ziegengasse und des Ziegenplatzes stehenden Ärarpalaste, der die Berghauptmannschaft und das Münzamt beherbergt, ist auch das Lottoamt untergebracht. Alle vierzehn Tage — immer am Mittwoch — findet hier die „Prager Ziehung“ statt, auf deren Ergebnis tausende und abertausende aus allen Teilen des Reiches mit hoffender Zuversicht harren. Die, die zur Ziehung kommen, sind gewissermaßen eine Elite: Nicht alle jene, die ihr mühsam erworbenes Hab an den Schaltern der Kollekturen entrichten, wissen, daß sie dabei sein können, wenn sich ihr Los entscheidet. Aber die zur Ziehung kommen, das sind die Gewohnheitsspieler, welche die staatliche Kontrolle kontrollieren wollen, das sind die Vertreter des Verstandes in diesem Reiche des Unverstandes, das sind die Menschen, die alles von dem Moment der Ziehung erwarten und es nicht erwarten können, bis die Kollektanten die fünf blauen Ziffern an ihren Läden affichieren.
Der Ziehungssaal steht im Hofe des Gebäudes. Schon um halb 2 Uhr nachmittags bilden sich an den Ziehungstagen im Hofe debattierende Gruppen. Weiber mit Kopftüchern sind da, Burschen, denen man ansieht, daß sich der Großteil ihres Tagewerkes auf die Pflege ihrer „šístky“, ihrer Sechserlocken, erstreckt, dann die Typen der Prager Straßen, Bettler und Hausierer, Halbidioten und Trunkenbolde. Sechs Wachleute halten hier Dienst.
Die Gespräche drehen sich durchwegs um Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Debatten werden zwar ernst und sachlich geführt, aber es kann eine Einigung nicht erzielt werden, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß weder Unterausschüsse noch Referentenkomitees eingesetzt werden. Eine Gruppe wird gänzlich von der Frage beherrscht, ob „Verhaftung“ die Ziffer 79 bedeutet, wie das eine der beiden tschechischen Traumbücher besagt, oder die Ziffer 88 — die Ansicht des anderen Traumbuches. Frau Kratochvil vom Obstmarkt und Frau Lenovsky aus der Markthalle haben nämlich in der Nacht von Sonntag auf Montag den gleichen Traum gehabt: der Markthelfer Jaro Krejsa sei arretiert worden. Kaum hatte sich in den Kreisen der Halledamen das Gerücht von dieser Duplizität der Träume herumgesprochen, als die Polizei wirklich den Jaro Krejsa, diesen Lumpen, wegen Diebstahls verhaftete. 79 oder 88, das ist hier die Frage.
Auch in einer anderen Gruppe sind Traumbücher aufgeschlagen. Aber es handelt sich beileibe nicht um simple Traumdeutungen, sondern um mathematisch-kabbalistisch-astrologische Berechnungen höheren Grades. Das Traumbuch, das — so sagt das Titelblatt — „von Madame Lenormand nach besten Quellen und untrüglichen Erfahrungen altägyptischer Priester und persischer Magier“ zusammengestellt ist, enthält auch eine Fülle von tabellarischen Systemen und saturnalischen Quadraten, nach denen die Amben und die Ternen zusammenzustellen sind. Die Grundlage bilden die Ziffern, die bei den letzten Ziehungen in Brünn, Wien, Innsbruck, Lemberg, Linz, Prag und Triest Treffer brachten. Das sind die Intelligenzspieler. Sie verachten und belächeln jene Lotteriespieler, die ihr Glück dem Zufall anvertrauen, die sich von den an den Kollekturen ausgehängten Marginalenummern, den sogenannten „trhačky“ (Abreißzetteln), einen beliebigen auswählen oder gar sich willenlos der Prophezeiung des Kollektanten unterwerfen, indem sie einfach die Ziffern setzen, die auf einer schwarzen Tafel im Innern der Kollektur als besonders empfehlenswert aufgeschrieben sind und „Kabbala“ genannt werden.
Die Gruppe der verachtenden Intelligenzspieler wird wieder von einer Gruppe verachtet, die über alle anderen erhaben ist. Nicht bloß, weil sie die drei Stufen besetzt hält, die zu dem Saaleingang führen, sondern weil sie alle die Manipulationen und Berechnungen als hellen Unsinn erkennen.
„Die blöden Weiber,“ sagt der eine, der mit höhnischem Lächeln ein Gespräch der benachbarten Weibergruppe zugehört hat, „sie glauben, daß man die Einer der bei der letzten Ziehung herausgekommenen Zahlen zur ersten Ziffer addieren muß. _Subtrahieren_ muß man sie.“
Diese Übergescheiten spielen auf Sieg und nicht wie die anderen auf Platz. In der Prager Lotteriesprache heißt dieser Turfausdruck „Na Ruf“ und bedeutet, daß die gesetzte Ziffer an eine bestimmte Stelle, z. B. als dritte, gezogen und ausgerufen werden muß. Sie können sich diese Vorausbestimmung schon leisten, denn nach ihren präzisen Berechnungen müssen sie ja gewinnen. Sie sind auch gar nicht aufgeregt und spötteln über die Aufregung der anderen. Wenn man sie aber fragen wollte, warum sie denn dann hierhergekommen seien und warum sie sich unmittelbar an der Türe anstellten, dann würden sie wohl die Antwort schuldig bleiben.
Vom Turme der Jakobskirche tönen zwei Glockenschläge. Alles drängt sich zur gläsernen Eingangstüre, durch die jetzt im Innern des Saales der Amtsdiener sichtbar wird. Der sperrt die Türe auf und alles strömt in den Ziehungssaal.
Wie im Hofe, so stehen auch im Ziehungssaale Polizisten, Acht an der Zahl. Vier von ihnen bilden an der kaum acht Meter langen Barriere, welche den für das Publikum reservierten Raum der Breite nach abgrenzt, einen Kordon. Reelle Geschäfte pflegen im allgemeinen polizeilichen Schutzes nicht zu bedürfen. Aber das macht die Leute nicht stutzig, die sich durch die Türe aus dem Hofe in den Saal ergießen.
Die Wachleute sind nicht die einzige Sicherheitsvorkehrung, durch die sich das Lottoamt vor seinen Kundschaften schützt. Die Distanz wird gewahrt. Zwischen der Barriere und dem Podium ist ein etwa zwei Meter breiter Zwischenraum und längs des Podiums zieht sich neuerlich ein Geländer.
Überdies bemüht sich die Verwaltung, durch Beobachtung allerhand strenger Kautelen darzutun, daß das Lotto schon an sich ein so lukratives Geschäft ist, daß es nicht auch zu seiner Durchführung einer Düpierung des Publikums oder gar eines Schwindels bedarf. Als noch das alte Lottoamt bestand, war das Podium sehr erhöht und das Publikum konnte den Beamten nicht genau kontrollieren. Da gab es denn arge Verdächtigungen.
„Aha! Seht Ihr den Kerl? Die richtigen Nummern legt er auf den Tisch und seine eigenen Nummern gibt er in die Kapseln!“
Solche und ähnliche Rufe wurden gegen den Finanzrat laut, der oben am Tische saß. Überhaupt das alte Lottoamt! Die bejahrten Kundschaften Frau Fortunas wissen davon sehr viel übles zu berichten. Damals war noch der „langnasige Hausmeister“. War das ein Lumpenkerl! Der drehte und drehte das Glücksrad wie er es brauchte. Wenn er achtmal drehte, dann kamen die kleinen Nummern heraus, wenn er siebenmal drehte, die großen.
Und erst die Waisenknaben! Das waren ausgesuchte Lausbuben. Die hatten die Nummern schon im Gefühl und wer sie am besten bezahlte, dem taten sie den Gefallen und zogen sein Terno.
Ja, und die Soldaten! Das war auch ein Schwindel. Früher bildeten nämlich Soldaten das Spalier an der Barriere. Wenn nun die Herren vom Lottoamt wollten, dann bestellten sie sich die Jäger, die kleinen Soldaten. Natürlich wurden dann immer die kleinen Nummern gezogen. Aber wenn man die Ziehung großer Nummern beabsichtigte, dann bestellte man die größten Soldaten vom Infanterieregiment Teuchert-Kauffmann, daß diese das Herz der mannstollen Frau Fortuna beeinflussen mögen. War es da nicht berechtigt, daß man die 88er-Infanteristen mit unverhohlenem Unwillen empfing, wenn man gerade die kleinen Nummern gesetzt hatte?
Heute ist’s anders. Es kommen keine Soldaten mehr, sondern Wachleute, der langnasige Hausmeister ist einem Amtsdiener mit einer indifferenten Nase gewichen und das Podium ist so niedrig, daß man den Beamten gehörig auf die Finger schauen kann. An dem Tische auf dem Podium sitzen drei Beamte. Einer in Uniform, zwei in Zivil. Der eine sitzt in der Mitte des Tisches, sein Gesicht ist dem Publikum zugewendet. Die beiden anderen sitzen zu seinen Seiten und zeigen dem Publikum nur ihr Profil. Einer von ihnen hat eine Kassette vor sich, in der die Nummern 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt die erste Nummer und reicht sie einem vierten Beamten, dem Assistenten, der — mit dem Rücken zum Publikum gekehrt — bei dem Tische steht. Der Assistent steckt den Zettel zunächst dem uniformierten Beisitzer zu, der diesen mit ostentativ scharfen Blick betrachtet. Dann reicht der Assistent den Zettel dem in der Mitte des Tisches sitzenden Finanzrat und verkündet dabei laut:
„Jedna — Eins.“
Der Finanzrat kontrolliert neuerlich, ob sich der Inhalt des Papierstreifens mit der ausgerufenen Nummer deckt, und legt dann den Zettel in eine hagebuttenähnliche Holzkapsel. Diese Hülse schraubt er mit feierlicher Langsamkeit zu und wirft sie dann in das zu seiner Rechten stehende Glücksrad, dessen Seitenwände aus Glas sind und so den kritischen und mißtrauischen Beobachtern den Einblick in das Innere gewähren. Glück und Glas.
Mit den nächsten Nummern geht es ebenso. Die einzelnen Ziffern werden von den Stammgästen mit allerhand Glossen und Reminiszenzen begleitet. Jeder der Beteiligten konstatiert mit Befriedigung, daß auch seine Nummer der Glastrommel einverleibt wurde: Der erste Schritt zum Terno ist getan. Manche stoßen, wenn die Ziffer ihres Extratos in das Glücksrad geworfen wird, inbrünstige Wünsche aus. Die Nennung der Zahlen 79 und 88, die durch die Verhaftung des Markthelfers Jaro Krejsa besondere Aktualität gewonnen haben und im Vordergrunde des Interesses stehen, wird allseitig mit beifälligem Gemurmel begrüßt. Der Zettelvorrat in der Kassette des Beamten nimmt zusehends ab, was sich von der Aufregung im Zuschauerraum nicht behaupten läßt. Im Gegenteil. Sie steigt mit der Höhe der verkündeten Ziffern.
„Hned bude neunzig,“ prophezeit Frau Lenovsky.
Sie hat recht. Bald ruft der Assistent die „Neunzig“ aus und das Glücksrad wird verschlossen. Der Amtsdiener schnallt einen Riemen um den Messingmantel des Glücksrades. Einer der beiden Waisenknaben, die bislang unbeachtet in einer Ecke des Podiums saßen, steigt auf den Stuhl, der zwischen dem Rat und dem Rad steht. Auf einen Wink des Finanzrates beginnt der Diener die Kurbel der Glastrommel zu drehen. Einigemale nach rechts, einigemale nach links. Die hölzernen Hagebutten springen klappernd in ihrem gläsernen Palaste hoch empor und hopsen lustig durcheinander, als ob sie nicht wüßten, daß sich an sie ein verzehrendes Hoffen und Sehnen der Leute da unten knüpfe. Und wieder ein Wink des Finanzrates. Es klingelt, und das Rad steht still. Ein Fensterchen in der Messingwand des Glücksrades wird geöffnet. Der Waisenknabe streckt seinen rechten Arm in die Höhe. Der rechte Ärmel seines grauen Zwilchmantels, den er soeben anstelle seines Rockes angezogen hat, ist bei der Schulter abgeschnitten, das Hemd hinaufgeschlagen, so daß der Arm nackt ist. Der Bub streckt die Finger der Hand von sich, damit man sehe, daß er auch hier nichts verborgen habe. Er macht das ganz putzig und lächelt dazu.
„Ein entzückender Junge,“ registriert Frau Lenovsky, „und was er für zarte Fingerchen hat. Der zieht sicher etwas gutes.“
Inzwischen hat der also Belobte seinen Arm in Fortunas Rad versenkt, eines der hölzernen Futterale herausgezogen und es einem Mitgliede des Beamtenquartetts gereicht, der die Hülse auseinanderschraubt, den Papierstreifen herausnimmt, entfaltet, betrachtet und dann seinen Kollegen reicht. Einer von diesen schreibt die gezogene Nummer ins Protokoll und der Assistent ruft in tschechischer und deutscher Sprache in die atemlose Stille hinein:
„Erster Ausruf: Vier.“
Im Nu weicht die Ruhe einem Gemurmel des Entsetzens. Von den verehrten Festgästen hat gerade auf „vier“ niemand gesetzt, wie sich aus den Mienen der Enttäuschung und den Ausrufen der Bestürzung erkennen läßt. Ein Marktweib findet die Lösung des Rätsels, wieso gerade der Vierer gezogen wurde:
„Weil sie den Jaro Krejsa in den Vierer gebracht haben!“
Der „Vierer“ wird im Volksmunde das Departement IV der Polizeidirektion, das Sicherheitsbureau, genannt. Wie Schuppen fällt es von der Leute Augen. Daß man daran gar nicht gedacht habe! Jaros Verhaftung hatte weder 79, noch 88 zu bedeuten, sondern 4. Natürlich!
„Vielleicht wird noch außerdem die Neunundsiebzig gezogen.“ An diese Hoffnung versucht sich eine Dame der Halle zu klammern. Aber die alten Stammgäste der „Tante Lotty“ belehren sie eines besseren.
„Wenn einmal eine kleine Nummer gezogen worden ist, dann kommen lauter kleine Nummern.“
Der Assistent hat unmittelbar nach seinem Ausrufe den gezogenen Zettel in die Menge geworfen. Ein junger Lebemann von der Podskaler Wasserkante hat ihn erhascht und diesen Talisman eingesteckt. Das nächstemal wird er auf „vier“ setzen.
Die Prozedur wiederholt sich. Beim zweiten Ausruf wird die Ziffer „81“ gezogen, was nicht ganz dem prophetischen Ausspruche entspricht, daß heute nur kleine Nummern gezogen würden. Aber auf dieses Nichteintreffen der Prophezeihung ist die Erregung der Gemüter nicht zurückzuführen, die sich nach jedem Ausruf des Assistenten in den Ausrufen des Publikums Luft macht. Die verlesenen Zettel werden abwechselnd in den rechtsstehenden und in den linksstehenden Teil des Publikums und in dessen Mitte geworfen. Die Papierstreifen sind das einzige, was Frau Fortuna ihren Bewerbern aus dem Füllhorn beschert ... Der Verkündung der letzten Nummer ist ein besonderer Sturm der Entrüstung gefolgt. Keiner der Harrenden hat gewonnen. Was nützt es, wenn von den drei Nummern, welche jene Frau gesetzt hat, eine gezogen wurde? Erst zwei gezogene Nummern des Ternos, erst zwei gezogene Nummern des Ambosolos bedeuten einen Gewinn. Was nützt es, wenn jenem Burschen die Ziffern eines Extratos in verkehrter Reihenfolge herausgekommen sind? Mit Unwillen werden die Marginalzettel, diese Dokumente trügerischer Träume und falscher Deutungen, in kleine Stücke zerrissen.
„Seht Ihr den Galgenvogel,“ kreischt Frau Lenovsky den Waisenknaben an, den sie vorher nicht genug zu loben wußte, und der sich jetzt mit knabenhaftem Lächeln wieder seinen Rock statt des ärmellosen Amtskittels anzieht. „Seht Ihr den Lumpenkerl, den Wechselbalg. Seht Ihr die Diebsfinger? Zum Stehlen, da taugt er. Aber zu etwas Anständigem? Gott weiß, wer sein Vater war!“
Das Unglücksrad wird versiegelt. Der Saal leert sich. Die Kollektanten eilen in ihre Geschäfte, um dort die fünf roten Ziffern auszuhängen, welche heute ausgelost worden sind. Noch früher aber als die Kollektanten sind in deren Geschäften die Leute, die jetzt ihr Glück den blauen Ziffern von Brünn anvertrauen. Die Hyperklugen aber eilen in besondere Kollekturen, in jene in der Wassergasse, in der Myslikgasse, auf dem Petersplatz und in der Schalengasse, wo man nicht bloß auf die blauen und roten Gewinnziffern, sondern auch auf die goldenen der Wiener Ziehung, auf die schwarzen von Linz und Triest und auf die grünen von Graz setzen kann.
Sie werden auch dort den großen Reichtum nicht erringen, trotz aller ihrer geometrisch-astrologisch-okkultistisch-kabbalistisch- kryptographisch-arithmetischen Kombinationen. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Und graue Gewinnziffern gibt es nicht.
Die Irren
Sie gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen, sie stehen in Gruppen beisammen oder schauen aus den Fenstern in den beschneiten Garten hinunter, den fünf Gassen der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine raucht eine Zigarette, ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die Zigarre im Mund. Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite einen schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen Straßenanzug. Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im offenen Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach — brillante Spieler, sagt der Arzt.
Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen Patienten. Das Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen Rapport eines Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und fein säuberlich mit Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht den Akt mit dem Polizeirapport, der Überreicher steht wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt der Arzt französisch zu mir.
Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig gekleidet, und hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart. Er geht weg, und der Arzt sagt zu mir: „Der Mann hat vor einigen Jahren einen Prager Stadtverordneten aus Rache auf der Straße erschossen. Das Verfahren wurde eingestellt, da sich herausstellte, daß der Mörder unzurechnungsfähig war. Jetzt versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die Übersetzung des tschechischen Polizeirapports und die Übertragung auf der Schreibmaschine hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an den Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt zu sein, hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben, und schließlich war sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen, daß er dem Feinde auflauerte und ihn erschoß. Und jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich und innerlich so ausgeglichen aus.
Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir geläufig. Er hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben Prags regen Anteil genommen. Er spricht mit meinem Begleiter.
„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung gelangt, daß Ihre Diagnose falsch ist?“
Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der Jurist als Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist hierher gebracht worden, weil er in Intervallen von etwa zwei Jahren gefährliche Anfälle bekommt; er ist überzeugt, daß er mit Unrecht in der Irrenanstalt zurückgehalten wird:
„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage nicht mehr gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn ins Irrenhaus sperren.“
Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von englischem Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge trägt er eine schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin erschossen und sich selbst durch einen Revolverschuß ins Auge verletzt. Sein Vater ist Rektor in einer Stadt in Deutschland; er will von dem entarteten Sohn nichts wissen. Der junge Mann ist der Freund des internierten Doktors. Die beiden Geisteskranken sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das die größte Anspannung geistiger Kräfte verlangt.
Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur, der früher Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr stand, liegt mir eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er einem der klinischen Ärzte eingehändigt hat und die seine Stimmung in der Irrenanstalt schildern. Aus einem Sonettenzyklus „Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier veröffentlicht:
„Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen Noch einmal, da sie lange schon gestorben, So wie die grüne Frucht, die früh verdorben Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen.
Vielleicht ist ihnen mancher Wunsch geworden, Eh’ sie die fahlen Augen endlich schließen: Ein süßes, schwelgerisches Traumgenießen Und Kampfgetön, wie ferner Wind von Norden.
Sie schwinden dann, wie Glocken, die zerschlagen, Weil die metallne Mischung einst mißlungen, Da ihre Hüter in der Schenke lagen.
In Harmonien und in Dämmerungen Von neuem Blühen und von neuen Tagen Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“
Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine Mutter töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen konnte. Man denkt wieder an Lombroso: Genio e follia.
Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt. Drüben in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes Mädel beim Fenster, und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche Institut. Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber die Kleine ist schnippisch; es ist eine äußerliche Keckheit, die innere Zagheit und Schwäche verbergen will. Das Mädchen will mir seine Zeichnung nicht zeigen.
„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es.
Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke es her. Es ist mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik ist darin zu sehen, und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar. Das Mädchen befaßt sich viel mit Kunstgeschichte: früher war Manes, jetzt ist Aleš ihr Lieblingsmaler. Die junge Malerin ist früher Köchin gewesen; der Tadel über eine mißlungene Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief ihrer Herrschaft, wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die Wälder der Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu essen oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie fand. Jetzt sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder auf den Gang hinaus.
„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an.
Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor.
„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium zusammengestellt. Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen Dreier zu meinem Namen. Na, wir werden ja sehen, wie’s gehen wird.“
Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen wirklichen Namen rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist dem Armen zu Kopf gestiegen.
Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient kommt auf uns zu, und bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen zu dürfen. Und nun spricht er den Puppenspieler-Faust, die Stimme variierend, wenn neue Personen auftreten. Er erzählt von den Taten des Doktor Faust, von seiner Geistesbeschwörung und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und von den Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas tanzen dürfe, fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst im Zimmer herum. Die anderen Patienten betrachten seine Sprünge kaum, so wie sie früher nicht auf seine Rezitation geachtet haben. Sie kennen diese letzten Reste der Kunst, die der Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und Schaubudenbesitzer — aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit hinübergerettet hat.
Wir müssen noch eine andere Vorstellung über uns ergehen lassen. Ein Irrsinniger, der nicht sprechen, sondern nur unverständliche Laute zu stammeln vermag, hängt einen Hampelmann an einen Schrank, umhüllt sich und einen anderen stummen Irren mit einem Laken, schlägt mit einem Löffel dreimal an ein Wasserglas, und beginnt nun vor dem Hampelmann verzückte Tänze und Körperschwingen zu exekutieren. Er singt dabei in eintönigem Rhythmus irgendwelche Worte. Sein Genosse, der überhaupt sein willenloses Werkzeug ist, hat nur die Aufgabe, die Bewegungen zu kopieren, und tut es mit einem dumpf-begeisterten Lachen. Was aber in dem Innern des Protagonisten vorgeht, des Irren, dem die Anbetung des Hampelmannes etwas Primäres ist — wer weiß das zu sagen.
Noch trübere Bilder: Ein Kranker steht gebückt in seinem Bett und starrt aus dem Fenster hinaus ins Leere. Eine Woche steht er schon so da, und selbst wenn man ihm Speise einflößt, schaut er aus dem Fenster hinaus in jene Richtung, in der sein Sehnsuchtsland liegt.
Ein ganz kleiner Junge, der sehr, sehr schwer krank ist, treibt in einem Krankenzimmer seine Possen. Er ist der Liebling seiner alten Zimmerkollegen, und sie vollführen alle seine Wünsche. Der Kleine ist ein Adeliger, der Enkel eines Hofrates, der früher in Österreich eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Die Töchter des Hofrates sind tief gesunken, der kleine Enkel kam zunächst ins Waisenhaus und dann hierher.