Part 10
Dort im Bette in der Ecke verstummt plötzlich das Röcheln, das bislang hörbar war. Der Arzt geht hin und leuchtet dem wachsbleichen Mann unter das Augenlid. Die Irren sammeln sich rings um das Bett und stieren auf den Alten. „Exitus,“ konstatiert der Arzt leise.
Volksküchen
Hiemit will ich einige grundlegende Details über Prager Volksküchen veröffentlichen, auf daß sich der geneigte Leser, der — bei der gegenwärtigen Nahrungsmittelteuerung kann man nicht wissen! — dort Stammgast werden will, nicht so blamiere, wie ich bei meinem ersten Besuche. So habe ich zum Beispiel in der Straße, in der sich die Volksküche befindet, eine Gruppe von Verwahrlosten danach gefragt, wo die Volksküche sei. Da musterte der eine meinen derangierten Anzug, und weil er sich nicht vorstellen konnte, daß ich Lump zum erstenmale den Weg in das Volksrestaurant gehe, und es mit meiner Frage ernst meine, so lachte er:
„Wenn du nicht weißt, wo die Volksküche ist, so kannst du ja ins Hotel „Blauer Stern“ essen gehen. Das ist am Graben.“ Und ein wüstes Gegröhle der anderen lohnte den Witzbold und verhöhnte mich.
Ich fand aber den Eingang zur Volksküche doch, und drängte mich am Schalter. Dort hatte ich Gelegenheit, mich zum zweitenmale zu blamieren.
„Was kostet eine Suppe?“ fragte ich einen Burschen, der sich neben mir drängte.
„Zwei,“ antwortete der Lakonier.
„Zwei Sechser?“, fragte ich weiter.
„Sag gleich zwei Gulden,“ brummte der Gefragte. Dabei maß er mich mit einem Blick, in dem sich die Verachtung über die Unbildung eines Menschen, der nicht weiß, daß eine Suppe zwei Kreuzer koste, mit dem Verdachte paarte, daß ich ihn uzen wolle.
Vor solchen Blamagen will ich den geschätzten Leser bewahren, und so sei hier ein kurzes Vademekum für Volksküchenbesucher publiziert.
Es gibt in Prag sechs Volksküchen, die vom Volksküchenverein unterhalten werden: Für die Alt- und Josefstadt in der Gemeindehofgasse, für die Untere Neustadt in der Petersgasse, für den Wyschehrad in der Wratislawgasse, für die Kleinseite auf dem Malteserplatz, und je eine für Holleschowitz und für Lieben. Die Ausgaben in sämtlichen Küchen betrugen im vergangenen Jahre 49.059 Kronen 34 Heller. Diesen steht als Einnahme die Bezahlung der Speisen im Betrage von 35.518 Kronen 80 Heller gegenüber, so daß in den Küchen ein Defizit von 13.540 Kronen 54 Heller bestand und diese mit einem Schaden von 38 Prozent arbeiten.
Ich selbst pflege in den letzten neunundzwanzig Tagen jeden Monates sehr häufig die Volksküche für die Alt- und Josefstadt zu frequentieren, und von den 122.298 Portionen Suppe à 4 Heller, von den 111.026 Portionen Mehlspeisen à 12 Heller, die im Vorjahre in dieser Speisehalle zur Ausgabe gelangten, habe ich meinen geziemenden Teil verzehrt.
In einem der neuen Häuser, die auf der dem Gemeindehofe gegenüberliegenden Rampe stehen, ist sie untergebracht, in einem Parterrelokale — anscheinend zwei Geschäftsräume, die vereinigt wurden. Auf den glatten Schamotteziegeln, mit denen der Fußboden belegt ist, lagert allmittäglich dicker Kot, denn die Gäste sind von weither gewandert, und sie reinigen ihre Stiefel vor dem Eintritt in das Etablissement nicht. Der Türe gegenüber ist der Schalter zur Speisenausgabe. Die Hungrigen drängen sich in langer Queue. Ihr Geld halten die meisten abgezählt in der Hand, denn wer sich zulange am Schalter zu schaffen macht, wird unbarmherzig zur Seite geschoben. Die wenigsten bestellen ein ganzes Menu, denn dreißig Heller sind viel Geld. Die meisten verlangen nur eine Suppe, das billigste in diesem Restaurant. Vier Heller hat jeder. Manche nehmen zwei Suppenportionen, mancher nimmt zur Suppe eine Mehlspeise. Fleisch ist wenig und teuer, und so sind die Gäste der Volksküche größtenteils unfreiwillige Vegetarianer. Die Küchenverwalterin Frau Schepkes nimmt die Bestellungen und die Bezahlungen entgegen, und reicht die verlangten Speisen. Aus einem Holzkistchen, das am Schalterbrett steht, nimmt sich jedermann einen Zinnlöffel. Auch Messer und Gabel sind darin. Aber dessen bedürfen die wenigsten, da sie ja kein Fleisch kaufen, und man die Mehlspeise mit der Hand zum Munde führen kann. Tafelzeremoniell und Tischetikette gibts hier nicht.
Jeder trägt sich seine Speisen selbst auf seinen Platz. Im Saale stehen dreizehn Tische, drei links, zehn rechts vom Eingang. Sie sind so schmal, das an ihren Breitseiten kein Sessel steht — es wäre kein Raum für die Schüsseln einer hier sitzenden Person. An der Längsseite jedes Tisches läßt eine etwa einen Meter lange Bank für zwei Esser Platz. Aber das genügt nicht für die Schar der Kostgänger, es müssen sich mehrere aneinanderdrängen, und außerdem sitzen an jeder Ecke des Tisches vier Leute halb auf der Bank und halb in der Luft.
Gegen ¼1 Uhr mittags faßt ein Polizist im Saale Posto. Aber er hat nur eine Ordnerfunktion, ist nur zur Hintanhaltung eventueller Exzesse da. Nach Vagabunden und Revertenten fahndet er hier nicht — dieser Zufluchtsort der Hungernden scheint stillschweigend als eine Art exterritorialen Bodens betrachtet zu werden. Beim Eintritte des Wachmannes ist ein hünenhaft gebauter Bursche, in Kleidung, Frisur und Blick der Typus des Prager „Pepiks“, krampfhaft zusammengezuckt. Dann schiebt er den Suppennapf, den er vor sich stehen hat, bedeutend nach links, damit er beim Essen sein Gesicht von dem Polizisten abwenden kann. Wohl nicht aus Abneigung gegen den Hüter des Gesetzes, sondern er scheint eher seit seiner letzten Beichte vor dem Strafrichter eine neue Sünde auf sich geladen zu haben. Aber bald fühlt unser Freund, daß der schlenkernde Blick des Mannes mit der Hahnenfeder auf ihm haften bleibt. So wendet er sich dem Wachmann zu. Aber der nickt nur lächelnd. Und Pepik erwidert mit freundlichem Lächeln den Blick. Nach einer Viertelstunde verläßt der Hüter des Gesetzes wieder den Saal.
„Diesem Kerl habe ich einmal vor „Reismann“ (das bekannte Tanzlokal in der Kastulusgasse) den Rüssel zerschlagen,“ konstatiert jetzt der Bursche laut. Lebhafte Heiterkeit, beifällige Zurufe.
„Und wieviel haben sie dir dafür gegeben?“ forscht ein Gründlicher.
„Sechs Wochen. Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Während es doch eine rein private Angelegenheit zwischen mir und ihm war.“ Neuerliches Halloh.
Ein etwa vierzehnjähriger Bursch im blauen Arbeitshemd, der mit dem Wortführer am selben Tisch sitzt, ist vielleicht der einzige, der dem Gespräch nicht zugehört hat und der in das Beifallslachen nicht einstimmt. Er hat das schwarze Heftchen einer tschechischen Kriminalbibliothek aufgeschlagen vor sich liegen, und während er mit der rechten Hand den Löffel mit Suppe mechanisch zum Munde führt, blättert er mit der linken die Seiten um, deren Inhalt seine glänzenden Augen verschlingen. Was rings um ihn vorgeht, weiß er nicht, er hat die Erzählung des Renkontres von „Reismann“ nicht gehört. Der Junge, der hier die ungesunde Nahrung der geistigen Volksküchen verschlingt, der träumt wahrscheinlich davon, auch einst ein berühmter Räuber zu werden, wie der Betyare Rosza Sandor war. Und wird doch nur ein Pepik werden, wie sein Nachbar.
Es sind noch jüngere Burschen da. Schulkinder, deren Eltern in der Arbeit sind und die sich um achtzehn Heller ihr Mittagsbrot kaufen. Sie verschlingen gierig die stark gezwiebelte Graupensuppe und den Mohnkuchen — ihre einzige Nahrung bis zum Abend, vielleicht bis zum nächsten Mittag.
An Greisen fehlt es nicht im Raume. Altersschwache, müde Männer, denen vielleicht sogar der Weg vom gegenüberliegenden Gemeindehof lang und beschwerlich war. Daß sie von dort kommen, sieht man an ihrer Mütze, die das Stadtwappen trägt. Straßenkehrer sind sie, sieche Angehörige Prags, die eben nur zu einer ganz belanglosen Beschäftigung taugen: Zur Straßenreinigung von Prag.
Ein greiser Bettler wankt gebückt vom Schalter zu einem Tisch. Mit der rechten Hand stützt er den Stock auf, in der heftig zitternden Linken trägt er den Suppennapf, aus dem die heiße Flüssigkeit auf die Erde spritzt. Die Hälfte des Inhaltes ist verschüttet, als sich der Alte endlich niedergelassen hat. Jetzt hebt er mit seiner zuckenden Hand den Löffel, aber auf dem Wege vom Teller zum Munde geht wieder ein beträchtlicher Teil der Nahrung verloren. Und schmerzvoll bedauernd starrt der Alte auf die kleinen Lachen, die das teure Naß auf dem ungedeckten Tisch und auf dem Boden bildet.
Das Mädchen, das von Zeit zu Zeit die leeren Teller und Bestecke von den Tischen räumt, kommt auch zu mir und nimmt, da sie mich nicht mehr essen sieht, meinen Suppennapf weg. Aber kaum hat sie hineingesehen, so stellt sie mir ihn wieder hin. Wirklich, es sind noch etwa drei Löffel Suppe darin!
„Sie können sich den Teller nehmen,“ sage ich. „Ich esse nicht mehr.“
Das Mädchen wundert sich über diese Verschwendung.
Ein tadelnder Ballbericht
Jawohl, ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen Augen nicht, da du dieses liest. Du glaubst — auf langjährige Erfahrung gestützt — es könne keinen Ballbericht geben, in dem nicht stünde, daß das heutige Fest alle bisherigen und künftigen weit übertroffen habe, daß ein Flor bezaubernd schöner und junger Damen in noch nicht dagewesenen Toiletten, von einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt, das Tanzbein geschwungen bis sogar dem Morgen graute, daß die Dekoration den alten Ballsaal — ei, wer hätte das gedacht — zur höchlichsten Überraschung in einen wahren Salon verwandelt hatte, daß Frau Disponent Kanarienvogel in einer duftigen rosa Crêpe-de-Chine-Toilette mit achtzig echten Maréchal-Niel-Rosen am Decolleté und Fräulein Kiki Chocholauschek in ihrem bordeauxgrünen Satinkleidchen mit echten Elbekosteletzer Spitzen wirklich entzückend ausgesehen haben, und daß sich auf der Estrade diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen Beamtenschaft, der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten, Ärzte, Offiziere u. dgl., sowie Herr Larmitzer, Bureauchef der Kolonialwarenhandlung „Porges, Ladovička & Co.“ in der Eisengasse und Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des Südwestböhmischen Briefträgervereines ein Stelldichein gegeben haben etc. etc.
Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht. Es ist allerdings schon lange her, seit er in der Zeitung stand. Das Fest ist längst aus dem Repertoire der Prager Faschingsveranstaltungen gestrichen und das Gebäude, in dem es stattfand, kennen die heutigen Prager kaum vom Hörensagen mehr. Man muß in den alten „Bohemia“-Bänden um fünfzig Jahre zurückblättern, bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner 1861 steht zu lesen:
„Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht mit demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch war bedeutend schwächer, die Logen blieben fast ganz leer und die Galerien waren nur spärlich besetzt. Etwas Hervorragendes machte sich unter den Masken nicht bemerklich. Da sah man außer den unvermeidlichen Dominos die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen, Harlekins, Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag. Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue Zurückhaltung.“
Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat entdeckt hatte, war ich auf einem Maskenball. Nein, war das lustig! Auf was für Ideen doch die jungen Leute kommen, man würde es gar nicht für möglich halten! Man sah Dominos, Bäuerinnen und Pierretten, und einige besonders Erfindungsreiche hatten sich als Jockeys und Zigeunerinnen verkleidet. Und weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft goldige Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer scherzhaften Bemerkung auftat, so hätte man wünschen mögen, daß sie es nicht getan hätten: Sie waren nämlich so raffiniert, sich nicht durch geistreiche und witzige Bemerkungen zu verraten, sondern benützten die Maskenfreiheit kluger Weise dazu, die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und dümmsten Dummheiten famos zu verspotten.
Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während die absolvierten Petschauer und Preßnitzer Musikschüler mit Todesverachtung die Tschinellen aneinander schlugen und in die Flöten bliesen, schrieb ich den Ballbericht. Ich ließ mich durch den Ton des Referates von 1861 nicht beeinflussen und lobte das Fest über den grünen Klee. „Es war ein wahrhaft herrliches Repräsentationsfest des Prinzen Karneval ...“
Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, trat ich wieder in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das veranlaßte eine vorübergehende Maske in spanischem Kostüm zu der Äußerung: „Na Kleiner, du langweilst dich wohl?“ Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen darauf geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten mir. Ich schmiß mich der Spanierin an, wir kamen bald ins Gespräch, ich erzählte ihr von dem tadelnden Ballberichte und war begeistert über die Summe richtiger Folgerungen, die sie daran schloß:
„Was würde der gestrenge Ballkritiker von damals heute alles zu tadeln haben,“ meinte sie. „Damals gab es gewiß noch nicht in den Bällen die Unsitte, während eines Walzers eine tanzende Dame zur Fortsetzung des Tanzes aufzufordern, sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen, bevor noch dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den ganzen Abend kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit schmerzerfülltem Herzen und von höhnischen Blicken gemustert, vor der Mama den ganzen Ballabend stehen bleiben, für den sie so viel Geld an die Schneiderin, für Wagen und Ballentree bezahlt hat. Damals forderte man eine Dame zum Tanze auf und durfte mit ihr einen ganzen Walzer, aber nur einen Walzer tanzen. Dann stellte man sie wieder zur Gardedame.“
Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort: „Und die Herren! Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree bezahlen, die Kosten des Festes von den Damen bestreiten lassen und womöglich noch, wenn sie im Komitee sind, den unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu spielen? Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert und mit verschränkten Armen stehen sie in der Herreninsel und machen hämische Bemerkungen über den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen. Nur wenn sie die bevorstehende Veranstaltung eines Hausballes mit „famosem Fraß“ wittern — da sind sie mit Feuereifer beim Tanz. Hab ich nicht recht?“
Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann sie über den Vortanz zu schimpfen. „Vortanz — so ein Blödsinn. Die paar Mädel, deren Väter Geld haben oder so tun, als wenn sie welches besäßen, und die jungen Topfgucker in ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza die Stiegen hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur den Straußschen Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die anderen Herren aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie ein Stück Weideviehs mit einem Stricke umbunden und dürfen aus dieser Umpferchung nicht hinaus. Die Mädchen aber, die nicht des Vortanzes wert befunden wurden, die dürfen bewundernd dem Göttertanze zuschauen.“
Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame aber fuhr fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“
Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein, nein,“ rief sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider. Früher ist ein Mädchen in einem einfachen Kattunkleidchen zum Tanze gegangen und hat sich fürstlich unterhalten. Jetzt aber muß sie ein Kleid um mindestens hundertsechzig Kronen haben, damit die anderen Damen nicht die Nase rümpfen. Denn den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame hübsch ist.“
Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des Saales Platz genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte unsere Herzen. Ich rückte näher an die Spanierin heran und begann zärtlich mit ihrer Hand zu spielen. Sie aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu noch die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer und wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend ein Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor fünfzig Jahren, da hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka gegeben, aber heute — wer kann heute bei diesen wilden Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“
„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz zeigen, du mußt dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen Worten machte ich meiner verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung Luft. So fein beobachtend, so klug war sie, meine kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den übrigen jungen Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne des Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik an alle die kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt der Herren, an den Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire von Tänzen gar nicht denken, gar nicht denken wollen. Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite, die konnte ihr Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn für Vergleiche, ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen — ein ideales, ein einziges Weib.
„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender, da sie sich noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt, du mußt.“
Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm die Maske ab und ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin wahrscheinlich an dem Feste von 1861 teilgenommen hatte.
Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus
Es wäre vielleicht eine belehrende Illustration zu manchen Vorträgen an der Juristenfakultät und an der Handelsakademie, wenn die Hörer veranlaßt werden würden, Exkursionen in die dunkelsten Gebiete des volkswirtschaftlichen Lebens zu unternehmen, die Tätigkeit jener Gewerbsleute und Händler zu betrachten, die weder konzessioniert noch protokolliert sind, die auch zum großen Teile keine Steuern bezahlen. Man könnte da manche Lücken in den Gesetzen entdecken, manchen Geschäftskniff bestaunen, man könnte da vielleicht konstatieren, daß manche Finanzoperationen, über deren nationalökonomischen Wert und über deren Zulässigkeit an den Börsen und Hochschulen Amerikas gestritten wird, hier im kleinen, ganz kleinen Maßstabe als selbstverständlich praktiziert werden. Und wer weiß, ob die Trusts und die Kartelle der armen Prager Trödler und Hausierer nicht besser organisiert sind als jene der amerikanischen Multimillionäre?
Man kann die Gegenseitigkeitsgeschäfte dieser kleinen Leute, die sich in einem beispiellos erbitterten Kampfe um den kleinsten Gewinst aufreiben und die trotz ihrer Geschäftsschlauheit und ihrer raffinierten Organisation im allgemeinen auf keinen grünen Zweig kommen, leicht beobachten. Man kann unter irgend einem Vorwande in die Partiewarengeschäfte und Trödlerläden, in die Handelcafés in der Zeltnergasse und auf dem Ziegenplatz kommen, man kann aber auch den öffentlichen Feilbietungen in der gerichtlichen Auktionshalle im Landesgerichtsgebäude, den Pfänderversteigerungen im „K. k. Pfand- und Leihamt“ in der Leihamtsgasse und in den zahlreichen privaten Pfandleihanstalten beiwohnen und dort diese Börsenspekulanten in Partiewaren in sinnfälliger Massenwirkung bei der Arbeit sehen.
* * * * *
Ein Kaffeehaus, hart an der Grenze der Alt- und Josefstadt. Die Operationsbasis für die Geschäfte der Tandler und der „Šalváří“, der Spezialisten in echten und falschen Juwelen. Es ist früh. Ein Gast kommt herein:
„Adalbert, bring’ mir ein Schmalzbrot,“ ruft er dem Kellner zu.
„Schmalz ist nicht, aber harte Grieben kannst du haben,“ sagt der Kellner. Die Brücke, die vom Gast zum Kellner führt, führt auch vom Kellner zum Gast: Sie duzen einander.
„Also bring’ mir die Grieben, und das „Amtsblatt“ möchte ich haben.“
„Da liegt es doch,“ ruft der Kellner unwillig, und deutet auf die Zeitung, die wirklich auf dem Sessel neben dem Neuangekommenen liegt.
Der aber ist neugierig, zu erfahren, wer schon früher das Amtsblatt studiert hat. Und der Kellner erwidert, daß Karl Neuhof gerade weggegangen ist.
„Und wohin?“ forscht der Gast mit einer durch die Konkurrenz begründeten Neugier weiter.
„Nach Žižkow zu irgend einer Feilbietung,“ verrät der Garçon.
Da wendet sich der Gast mit Grausen. Er spuckt aus: „Die Werkstätteneinrichtung von Nechvátal! Schöne Sachen, was da zu kriegen sind! Dort wird Neuhof kein Rothschild werden.“
Inzwischen hat sich Adalbert entfernt, und der Gast nimmt das „Amtsblatt zur Prager Zeitung“ zur Hand, dieses zweisprachig gedruckte Blatt, in dem der Amtsschimmel alltäglich die hohe Schule reitet. Aber unser Freund interessiert sich weder für den Humor der Tatsache, daß der seit „hundertsechzig Jahren abgängige Mathias Struck“ aufgefordert wird, sich binnen sechs Wochen zu melden, widrigenfalls er todeserklärt wird, er interessiert sich nicht für den Aufruf an die Erben „des mit Hinterlassung eines Vermögens von 23⅓ Hellern ohne Hinterlassung einer letztwilligen Anordnung verstorbenen konzessionierten Drehorgelspielers Josef Horčička“, er beachtet auch die Rubriken „Erledigungen“, „Konkursausschreibungen“, „Kundmachungen“, „Proklamierung alter Satzposten“, „Anlegung neuer Grundbücher“, „Amortisationen“, „Kuratelsverhängungen“ und „Erkenntnisse“ nicht, sein Blick bleibt an der Rubrik „Feilbietungen“ haften, in der am Schluß nach den langatmigen Ankündigungen der freihändigen Verkäufe von Realitäten, Liegenschaften, Häusern, Mühlen und Fabriken, die Nachricht über „Feilbietungsedikte“ stehen. Die liest er eifrig und schreibt in sein Notizbuch mit den schwarzen Wichsleinwanddeckeln von Zeit zu Zeit etwas ein. Nicht alles. Die Feilbietungen, die in der öffentlichen Auktionshalle im Landesgericht abgehalten werden, braucht er nicht zu vermerken, dort ist er ohnedies an jedem Freitag. Ebenso weiß er genau, daß fast immer am Freitag nach dem Zehnten jedes Monates die Versteigerung der verfallenden Pfänder des staatlichen Leihhauses stattfindet. Was ihn aber interessiert, ist das Datum der Auktionen in den acht privaten Pfandleihanstalten und Datum, Hausnummer und Warengattung der Geschäfte und Wohnungen, in denen exekutive Feilbietungen vorgenommen werden.
Während in dem Notizbuche Ziffern und Adressen verzeichnet werden, kommt ein neuer Gast in das Café und setzt sich mit stummen Gruß zum ersten. Der Angekommene zieht einen Karton mit Goldinuhren aus der Tasche — Fabriksware, die wegen kleiner oder wegen großer Fehler nicht mit der Firmamarke versehen und nur an Ramscher abgegeben wird. Der neue Gast will die Uhren hier nicht verkaufen, er weist sie seinem Kollegen nur zur Begutachtung vor.
„Sechs Kronen per Stück,“ schätzt der.
„Fünf,“ lächelt der andere, zufrieden darüber, daß sein Branchegenosse die Uhren überschätzt hat, und ermutigt, zieht er nach und nach sein ganzes Warenlager hervor: Ein Paar Brillantohrgehänge aus der Westentasche, einen Similiring vom Finger, eine Damenuhr mit Rauten aus der Hosentasche.
Inzwischen ist es neun Uhr geworden. Die beiden brechen auf.
„Wohin gehst du?“, fragt der zuerst Angekommene den andern.
„Ich geh’ ins Geschäft. Und du?“
„Ich geh’ zum General.“
So trennen sie sich. Der eine also geht „ins Geschäft“, was aber durchaus nicht soviel bedeutet wie „ins Geschäftslokal“. Ein solches hat er nicht. Er geht nur zu seinen Kundschaften, zu Tandlern, Privatpersonen und Gästen der kleinen Kaffeehäuser, denen er seine Schmucksachen aufschwatzt.