Aus Prager Gassen und Nächten

Part 11

Chapter 113,420 wordsPublic domain

Der andere geht „zum General“, d. h. in das Landesgerichtsgebäude an der Ecke des Obstmarktes und der Zeltnergasse, das so heißt, weil es früher das Generalkommando von Prag war und als solches traurige Berühmtheit erlangte, als am 12. Juni 1848 ein Schuß durch das Fenster die Gemahlin des Feldmarschalls Alfred Fürsten Windischgraetz, Fürstin Maria Eleonore Windischgraetz-Schwarzenberg (die Großmutter des jetzigen Herrenhauspräsidenten Fürsten Alfred Windischgraetz), tötete. In den ebenerdigen Räumen des alten Generalkommandogebäudes, die ehedem als Wachzimmer und Stallungen verwendet wurden, ist heute außer dem Depositenamt, seit dem Jahre 1900 auch die gerichtliche Auktionshalle untergebracht. Die ist das Ziel des Kaffeehausbesuchers, der „zum General“ geht.

Die Fachleute in Partiewaren und Gelegenheitskäufen behaupten, daß hier nichts besonderes zu holen sei. Sie begründen es mit der Tatsache, daß sich die in Geldnot befindlichen Leute absichtlich die für sie wertlosen oder unbrauchbaren Mobilien pfänden lassen, um sie in der Auktionshalle zu besseren Preisen loszuwerden. Wird bei der Lizitation nicht der Preis geboten, den der Eigentümer den gepfändeten Sachen beimißt, so hat er — vorausgesetzt, daß er pfiffig ist — noch immer Mittelchen genug, den Preis in die Höhe zu lizitieren oder die Sachen selbst zu erstehen.

Um dieser und anderer Mittelchen willen, und weil dort hie und da doch etwas Preiswertes zur Versteigerung gelangen könnte, sind doch zahlreiche Fachmänner da. Vor allem die Mitglieder des „Chabrus“. Diese Körperschaft wird man vergeblich in den Registern der Vereinspolizei suchen und auch im Staatswörterbuche findet man diesen Namen nicht. Das Wort „Chabrus“ ist eine Verstümmelung des hebräischen Ausdruckes „Chawroßo“, d. i. Freundschaft. Und ursprünglich ist auch der „Chabrus“ eine geheime jüdische Einkaufsgenossenschaft und gleichzeitig eine Art Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gewesen, dem die Althändler und Trödler des Ghettos angehörten. Als sich aber die Tore des Ghettos öffneten, da wurde die Idee des Chabrus eine interkonfessionelle, und mit der politischen Geschichte dieses Landes ist der Chabrus verknüpft, den — — die ältesten Adelsgeschlechter Böhmens im Jahre 1872 gegründet hatten. Das war nach dem Sturze des Ministeriums Hohenwart. Der Landtag war aufgelöst worden, und zwischen den beiden Gruppen des Großgrundbesitzes, die damals noch kein Wahlkompromiß hatten, entspann sich ein heftiger Wahlkampf, der zugleich ein Kampf um die Majorität im Landtag war. Da wurden denn Banken gegründet, um zur Wahl berechtigende landtäfliche Güter zu kaufen, da traten die Besitzer zweier oder mehr solcher Güter eines an dritte Personen ab, da gab es Güterkäufe und Güterteilungen in Masse, beide Gruppen überboten einander, bis schließlich die Verfassungstreuen den Sieg über die Konservativen davontrugen. Aber manche Gesetzesbestimmung über die Wahlen in den österreichischen Landtag wurde nach den Lehren geändert, die man aus dem „Chabrus“ der Ära Auersperg gezogen hatte.

So nobel ist der Chabrus der Prager Kleinhändler freilich nicht. Er war wohl ursprünglich eine Schutzorganisation für die eigenen Mitglieder, die falliert hatten und deren Lager versteigert wurde. Ein anderer der Genossenschaft erstand einfach die lizitierten Waren zum Mindestanbot, der etwa nur ein Drittel des Schätzungswertes ausmachte, ohne daß er von den anderen gesteigert worden wäre. Kam aber ein Unbeteiligter zur Lizitation und beteiligte sich an dieser, so wurde er so in die Höhe lizitiert, daß er entweder einen ganz famosen Preis für die Waren des falliten Chabrus-Bruders zahlen mußte, oder die Lust an weiterer Beteiligung verlor. Außerdem erschienen die Chabruser oft in so großen Massen in den kleinen Geschäftslokalen, in denen die Lizitationen stattfanden, daß ein „Unberufener“ gar nicht hinein konnte — ein Manöver, das durch Errichtung der gerichtlichen Auktionshalle eine wesentliche Einschränkung erfahren hat.

Im Laufe der Jahre erstreckte der Chabrus sein Tätigkeitsgebiet auch auf Auktionen von Lagern, die nicht seinen Mitgliedern gehörten. Die Waren wurden von der Kassa gekauft und dann im Kreise der Mitgliedschaft weiter versteigert. Nutzen und Schaden trug die gemeinsame Kassa. Der Chabrus verlor seine feste Struktur, er teilte sich nach den Branchen in verschiedene Teile und büßte schließlich ganz den Charakter einer einheitlichen Organisation ein. Heutzutage wird gewöhnlich nur ad hoc im Lizitationslokale ein Chabrus gegründet und nur bei den Pretiosenversteigerungen im k. k. Leihamte sind die beiden Konkurrenz-Chabruse des Herrn Franz und des Herrn Široky der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht.

In der gerichtlichen Feilbietungshalle sind auch die räumlichen Verhältnisse schlecht. Der Lizitationsleiter steht nicht in der Mitte der Längsseite, sondern der Breitseite des Saales. Also können sich nur wenig Leute herandrängen, und die Mehrzahl sieht von der lizitierten Ware nichts, trotzdem der Saal leicht ansteigend gebaut ist. Nur durch das Gäßchen, das von Barrieren eingesäumt wird, und deren Eingang ein Wachmann streng bewacht, kann man hie und da einen Blick nach den Schätzen auf dem Auktionstische werfen.

Die Halle ist niedrig und der Geruch von Karbol und anderen Substanzen, mit denen die gepfändeten Gegenstände desinfiziert worden sind, erfüllt die Luft.

Da ist die Auktionshalle im staatlichen Versatzamte in der Leihamtsgasse viel moderner und eleganter. Ein glasgedeckter Lichthof von kolossaler Breite. Also kann sich alles in die Nähe des Lizitationsleiters drängen, alles kann die zu versteigernden Sachen aus nächster Nähe betrachten, alles kann sich mit absichtlich gewählten oder zufälligen Nachbarn über die Umwertung aller Werte, die hier feilgeboten werden, unterhalten, alles kann mitsteigern, mitstreiten, mitschreien ...

Der Schätzer wirft ein Paket auf den Tisch und der Ausrufer schreit tschechisch in den Saal:

„Ein Havelock, vier Messer und eine Decke: 13 Kronen.“

„Zehn,“ ruft jemand aus dem Publikum.

„13 Kronen 10 Heller,“ registriert der Ausrufer, aber die Rufe „zehn“, „zehn“ überhasten einander, so daß er den Stand der Anbote nicht laut konstatieren kann. Und trotzdem die affischierte Lizitationsordnung vorschreibt, daß er jedes Anbot in beiden Landessprachen wiederholen soll, hat ihn wohl noch nie jemand ein deutsches Wort sprechen gehört.

„Zehn, zehn,“ tönt es von rechts nach links.

„Ich nehme ...“ ruft ein hier Einheimischer dazwischen. Die Worte „ich nehme“ sind ein von der Lizitationsleitung anerkanntes Synonym für das Wörtchen „zehn“.

Eine Frau hat es besonders auf dieses Paket abgesehen. Mit rasant wachsender Schnelligkeit kreischt sie die Rufe „deset“, „deset“ (zehn) dem Lizitationsleiter zu, niemand lizitiert mehr mit, und sie steigert sich fortwährend selbst. Nur die Endsilbe „..set“ ist hörbar.

„Wieviel set (Hunderte) wollen Sie denn bezahlen?“ ruft ein Witzbold dazwischen. Lachen. Da hält die Frau inne. Sie erwacht aus ihrem Paroxysmus und merkt, daß sie zu teuer gekauft hat oder wenigstens mehr bezahlen muß, als sie anfangs wollte. Bei ähnlichen Gefühlen ertappt man sich vielleicht im Kasino von Monte Carlo.

Der Ausrufer erklärt: „Achtzehn Kronen und zwanzig Heller zum ersten, zum zweiten und dritten Male“. Der Lizitationsleiter drückt auf die Glocke. Der Diener legt das Paket mit Havelock, Messern und Decke auf den Pult, vor die Frau, die es gekauft. Der Kassier füllt einen Zettel mit dem erzielten Betrag und das Pare des Lizitationsprotokolls aus. Der Schätzer reicht ihn der Frau. Diese bezahlt das Geld. Dann keift sie:

„Wo ist die Ware?“

„Hier liegt sie doch!“ antwortet der Schätzer. „Nehmen Sie Ihren Zwicker ab, dann werden Sie sehen.“

Die Frau hat natürlich keinen Zwicker, und die Leute lachen. Stimmung: Lustig. Sie flaut nicht einmal dann ab, als ein brauner Flanellstoff zur Versteigerung ausgerufen wird, der von schäbiger Farbe ist:

„Den trägt man in Pankratz,“ lacht einer vom Auditorium, „nicht wahr, Karl?“

Karl bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ganz richtig. Du kannst ihn ruhig kaufen.“

Das nächste Stück, das der Ausrufer in die Höhe hebt, erweckt scheues, ehrfurchtsvolles Murmeln. Ein Beamtenmantel ist es, mit bordeauxroten Passepoils. Selbst der Schätzer muß Hochachtung vor diesem Sinnbild der Staatsgewalt empfunden haben, als es versetzt wurde. Er hat nicht weniger als achtundzwanzig Kronen darauf geliehen, denn 28 K 40 h (geliehenes Kapital + Interessen + Lizitationskosten) sind heute der Ausrufspreis.

„Das ist ein Mantel von der Polizei,“ flüstert jemand einem andern zu.

Aber der andere weiß es besser, denn er steht sozusagen bei sich selbst als agent provocateur in Diensten. Bei den Bummelkrawallen hat er Polizisten gegen Exzedenten und Exzedenten gegen Deutsche gehetzt, und stand einmal als Angeklagter, einmal als Kläger vor der Barre des Strafgerichtes. Er ist Nationalsozialist und Sozialdemokrat, Stammgast der Meetings und im Schwurgerichtssaal und niemals fehlt er bei Auktionen. Er schreit mit, wenn sich zwei Personen darüber streiten, wer von ihnen das Meistangebot getan hat, wem von ihnen das abschließende Glockenzeichen galt. Er schreit empört, wenn sich jemand in das Gäßchen stellt, das den Zugang zum Auktionsleiter bildet und freizubleiben hat. Er schreit und hetzt — aber sonst beteiligt er sich an den Geschäften nicht. Er braucht nur den Nervenkitzel. Doch kehren wir zu dem Gespräch zurück:

„Der Mantel muß nicht von der Polizei sein,“ sagt der Amateur-Lockspitzel, „der kann auch einem Statthaltereibeamten gehören.“

Der andere, ein kleiner tschechischer Trödler aus der Fabriksvorstadt will das nicht glauben. „Alle Polizeibeamte haben doch solche dunkelrote Aufschläge! Und zwei Behörden können doch nicht gleiche Farben haben. Und es ist ein sehr feiner Mantel, der ist sicher von der Polizei!“

„Sie, Gescheiter!“, lacht der Fachmann. „Die Statthalterei ist doch mehr wie die Polizei, das ist doch die höhere Instanz.“

Aber der kleine Trödler murrt nur ungläubig und unwillig: „Jo, jo, sagen sie vielleicht auch noch, daß die Verzehrungssteuer mehr ist als die Polizei!“ Dann dreht er sich um. Für ihn ist eben die Polizei das höchste auf Erden. Nichts kann diesen frommen Glauben erschüttern, nicht die Erklärung des Fachmannes, und nicht einmal die Tatsache, daß der Mantel eines Polizeibeamten in der Leihanstalt versetzt wurde und verfiel.

Rings um die Lizitationskommission führt ein langes Pult, an dem die Kauflustigsten stehen. Sie sind entweder schon so früh gekommen, daß sie einen Platz an der Brüstung erhaschten, oder haben sie sich durch Energie und Beharrlichkeit vorgedrängt. Auf diesen Pult breitet der Schätzer die Schätze. Fachmännisch wird alles untersucht und gegen das Licht gehalten, damit man das Vorhandensein von Motten konstatieren könne. Links vor der Quality street, die zum Auktionsleiter führt und die ein Polizist bewacht, stehen zwei Chabrusgruppen. Jedes Pfandobjekt, das ihnen vorgelegt wird, wird durchberaten, und die beiden Chabrusmacher (an dem hinters Ohr gesteckten Bleistift und dem aufgeschlagenen Notizbuche sind sie kenntlich) vermerken zunächst in ihrer Gruppe die Kauflustigen und erkunden, bis zu welchem Betrage Kauflust vorherrschen würde. Dann unterhandeln die beiden feindlichen Chabrusgenerale, und erzielen nach langem Feilschen die Vereinbarung, daß bei diesem Pfandobjekt nur die eine Chabrusgruppe, bei dem nächsten nur die andere mitlizitieren wird. Wenn das Objekt erstanden ist, dann wird — mitten im Saal — innerhalb der Chabrusgruppe leise weiterlizitiert. Bei dieser Privatversteigerung sind bloß 5 Heller das geringste Mehranbot. Von dem Betrag, um der bei dieser leisen Auktion mehr erzielt wird, als bei der offiziellen, fallen zehn Prozent der Kassa zu, und der ganze Nutzen bleibt innerhalb des Kreises.

Auch rückwärts im Saal gibt es verzeichnenswerte Gruppen. Ein armseliger Kleiderhändler in Břewnow hat eben einen Riesenballen aus dem Kommissionsraum geholt und breitet dessen Inhalt neugierig, ja fieberhaft gespannt, auf einen Sessel. Zahlreiche Gaffer begutachten gleichfalls die farblosen, formlosen Damenkostüme, die der biedere Břewnower in zitternder Erregung einzeln aus dem Ballen nimmt und auf die Sessellehne legt. Ein feister Konfektionär — Pelzkragen und Goldzwicker zeichnen ihn aus — lächelt ironisch über den Schund. Dann tritt er auf den Besitzer zu:

„Wieviel haben Sie dafür gegeben?“

„41 Kronen 10,“ sagt der andere kleinlaut und forscht ängstlich in dem Gesichte des Fragestellers nach dessen Ansicht. „Es war ein Dutzend.“

„Für ein Dutzend? Das ist wirklich sehr billig, halb umsonst.“ Der mit dem Pelzkragen sagt das ganz ernst. Aber als sich der Břewnower Spekulant erleichtert nach den anderen Stücken des Ballens bückt, um die weiteren Schönheiten des eben erstandenen Lagers auszubreiten, zuckt über das Gesicht des behäbigen Fachmannes ein Lachen zu den Zuschauern hinüber. Die nehmen es verständnisvoll, mit Kichern auf. Der dicke Herr befühlt die Ware:

„Höchst moderne Fasson. Sehr feiner Stoff,“ frozzelt er im Tone höchster Anerkennung, und das Publikum lacht. Lacht immer stärker.

Links vom Eingang, dicht am Ofen steht eine Arbeitersfrau mit einem Säugling am Arm. Sie will in dem Lärm ihr Kind einwiegen. Zuhause kann es vor Frost nicht schlafen. Das Leihamt, das die ganze Habe der Frau verschlungen, muß ihr jetzt ein bißchen Wärme geben.

Die Verhaftung

Man schreibt mir, ich möge wieder eine journalistische Erinnerung zum besten geben. Also gut.

Die Geschichte, die davon handelt, wie es einst vier Polizisten gelang, mich durch ihr strategisches Talent zu verhaften, habe ich bislang aus zwei Gründen nicht erzählt:

1. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Journalist nichts von den Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll. So soll, zum Exempel, kein Leser davon erfahren, daß die Nachrichten über Todesfälle besonderer Männer von der Zeitung meist mit großen Schwierigkeiten rechtzeitig in Erfahrung gebracht werden. Die meisten Portiers der Prager Palais, der Ämter und öffentlichen Institute sind von den Redaktionen nachdrücklich verständigt, eventuelle Todesfälle unverzüglich zu deren Kenntnis zu bringen, und wenn irgend eine besondere Persönlichkeit schwer krank ist, dann wird das Haus noch überdies bewacht, damit der Leser schon am nächsten Morgen die traurige Neuheit erfahre.

2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine solche Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals Überwachte noch am Leben war.

Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene Gesetze halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene, und verrate daher ganz offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes; und auf die Gefahr hin, daß manchen angesehenen Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich hiemit, daß schon mancher Mann derart überwacht wurde, der glücklicherweise noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert.

* * * * *

Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem zur Zeitung gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten gehörte es, mich im Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion danach zu erkundigen, ob nicht irgendwer irgendwo wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft genommen worden sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen, Heiratsschwindeleien und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte ich viel zu schreiben. So ging ich zweimal täglich in das Sicherheitsbureau, vor dem immer ein Polizist Wache steht. Die Wachleute kannten mich daher und viele wußten auch bald, aus welchen Gründen ich die gefürchteten Räume der Kriminalpolizei betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach kurzer Zeit von der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate versetzt wurden, wußten das nicht.

Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach seiner Operation bei Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt. Der damalige Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien verstorbene Karl Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem gleichfalls seither dahingeschiedenen Redakteur Hermann Katz mitgeteilt, daß es schlecht um Angelo Neumann stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch in der Nacht, unmittelbar vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns Wohnhaus zu sehen.

Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster im Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes, wo Angelo Neumann seine Wohnung innehatte, war es dunkel — es war also nichts Absonderliches geschehen. Ich wandte mich, den Weg zurückzukehren, den ich gekommen war. Da hörte ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich um: Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in der menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt war, sehr verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir nachzueilen, aber sie erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen könnte und änderten daher ihre Taktik. Der eine Polizist begab sich auf das linke, der andere auf das rechte Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe eilend, die Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich kalkulierte: Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf Grund des Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich wirklich um vier Uhr nachts meinen Auftrag vollführt habe. So eilte das nächtliche Dreieck vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn voran, rechts hinter mir ein uniformierter Verfolger, links von mir ein zweiter.

Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten sich nicht mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie schienen einen Plan zu haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse die Olivagasse abzweigt, vergrößerte der rechte Mann seine Eile, damit ich ihm nicht durch die Seitengasse entwische. Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand ich den Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel der Nacht tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es war jener Posten, der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu stehen hat und bloß einmal nicht dort stand: Als Wasinski an dieser Stelle seinen Mord verübte.) Ich war umzingelt und konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend ertönte hinter mir der tschechische Ruf: „Halt“.

Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir. „Was haben Sie hier gemacht?“ fragte der eine.

„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut, als ich konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und kümmerte die Wachleute nichts.

„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte sich einer der Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man spazieren?“

„Ja, ich komme aus der Arbeit und da bin ich noch etwas frische Luft schöpfen gegangen,“ entschuldigte ich mich weitschweifig.

„Was sind Sie denn?“ fragte man mich weiter.

„Ich bin bei der Firma Haase angestellt,“ antwortete ich wahrheitsgemäß, wenn auch nicht prägnant.

Der Fragesteller lachte siegreich auf: „Wie können Sie also jetzt aus der Arbeit kommen! Bei Haase wird doch nachts nicht gearbeitet!“

Schon wollte ich etwas entgegnen, als zwei Augen des Gesetzes, die mich bisher scharf angesehen hatten, noch näher an mich heranrückten. „Sie,“ so begann ihr Inhaber, „Sie, mir scheint, wir kennen einander schon.“ Und ohne meine Antwort, daß ich nicht die Ehre habe, abzuwarten, fuhr er fort: „Waren Sie noch nie im Sicherheitsdepartement?“

„O ja,“ sagte ich, „ich war schon oft im Vierer.“

Das Wort „Vierer“ hatte eine tiefe Wirkung, denn nur den Eingeweihten, hauptsächlich den Polizisten und den Verbrechern ist dieser Ausdruck für das Sicherheitsbureau (das vierte Departement der Polizei) geläufig. Der eine Polizist steckte eine Miene des Jubels auf, der zweite nickte langsam mit dem Kopfe und der dritte verlieh geistesgegenwärtig der allgemeinen Verblüffung beredten Ausdruck. Er führte aus:

„Ei, ei.“

Der vierte aber, der Besitzer jenes Augenpaares, das mich erkannt und entlarvt hatte, wollte nunmehr auch beweisen, daß meine Agnoszierung keine zufällige und seine Personalkenntnis des Sicherheitsbureaus wirklich eine tiefgründige sei:

„Da kennen Sie wohl den Herrn Olič?“

„Freilich kenne ich den Herrn Regierungsrat,“ war meine Antwort. (Olič, der vor drei Jahren als Hofrat in Pension ging, war damals Departementschef.) Das Frage- und Antwortspiel ging weiter:

„Und Herrn Protiwenski?“

„Ja, den Herrn Oberkommissär kenne ich auch. Und den Herrn Oberkommissär Lichtenstern und die Herren Kommissäre Knotek, Drašner, Vanásek und Kubiček kenne ich ebenfalls.“

Ich glaubte mit dieser summarischen Aufzählung aller damaligen Sicherheitsbeamten weiteren Fragen meines Peinigers die Spitze abgebrochen zu haben, aber dieser war gründlicher als ich glaubte. Er setzte das Verhör fort:

„Kennen Sie vielleicht den Herrn Wejřik?“

„Jawohl, auch den Herrn Arresthausverwalter kenne ich. Sehr gut sogar.“

„Das glaub’ ich,“ erscholl es jetzt — mein Schicksal schien besiegelt. „Kommen Sie,“ sagte der eine Polizist zu mir und wandte sich nach der Richtung, in der das Kommissariat Heuwagsplatz liegt.

Aber um unsere Gruppe hatte sich, trotz der späten Nachtstunde, eine ganz beträchtliche Menschenansammlung gebildet. Es waren größtenteils die Stammgäste des alten Einkehrhauses „u Rajtknechtu“, das an der Stelle des heutigen Palace-Hotels stand. Die allnächtliche Blütezeit dieses Gasthauses begann erst um zwei Uhr nachts, wenn die Setzer der nahen Zeitungsunternehmungen mit ihrer Arbeit zu Ende waren und das offizielle Eingangstor der Schenke gesperrt werden mußte. Diese Stammgäste hatten nun davon gehört, daß draußen vier Polizisten mit der Festnahme eines Verbrechers beschäftigt seien, waren hinausgeeilt und hatten mit wachsendem Staunen meiner Einvernahme gelauscht. Als ich aber abgeführt werden sollte, traten zwei Setzer, die mich kannten, den Polizisten in den Weg:

„Herr Redakteur, sollen wir Sie vielleicht legitimieren?“

Aber das war nicht mehr nötig. Die Anrede machte die Polizisten stutzig und langsam dämmerte ihnen der Zusammenhang zwischen den Begriffen Nachtarbeit, Haase und Polizeikenntnis auf. Und gleichzeitig fiel ihnen ein, daß ich sie als Bekannter der ihnen vorgesetzten Polizeibeamten vor diesen schön blamieren könnte, wenn ich die Geschichte erzählte. Einer der Wachleute starrte mich wütend an, kehrte mir dann verächtlich den Rücken und ging von dannen. Ein zweiter aber verduftete blick- und wortlos. Der dritte salutierte mit kleinlautender, entschuldigender Miene. Der vierte aber brummte im schönsten Prager Deutsch:

„Da haben wir uns gegeben.“

Drehorgelspieler

Für jene Leser, welche den Titel dieses Feuilletons nicht verstehen sollten, sei gleich vorweg bemerkt, daß „Drehorgel“ auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene Leser aber, die deshalb die Frage stellen würden, warum ich also nicht den allgemein verständlichen Ausdruck als Titel gewählt habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß sich Fremdwörter immer sehr vornehm ausnehmen. Außerdem würde man eine Beschreibung des in Rede stehenden Instruments im Lexikonbande 6 („Erdeessen bis Franzèn“) weder unter dem Schlagworte „Flaschinett“ noch unter „Folterwerkzeuge“ vorfinden. Man muß vielmehr den Band 5 („Differenzgeschäfte bis Erde“) hernehmen und in diesem nicht die Rubriken „Duldsamkeit“ oder „Darlehenschwindel“ nachschlagen, sondern das Kennwort „Drehorgel“ suchen. Gleich nach „Drehkrankheit“ kommt es.