Part 12
Das Wort „Flaschinett“ findet sich aber auch unter Chiffre „Drehorgel“ weder im Brockhaus noch im Meyer. Diesen Ausdruck muß man wieder im Bande 6 sub „Flageolett“ nachsuchen, wo mitgeteilt wird, daß das Flageolett oder Flaschenett — man beachte die falsche Orthographie der Herren Brockhaus und Meyer — ein kleines Blasinstrument, der letzte Sprosse der Familie der Schnabelflöten ist, und nur in Frankreich und Belgien noch in Gebrauch steht. Nun wird mich jener am Anfang dieses Feuilletons hinreichend charakterisierte Leser wieder mit der Frage belästigen, wo da die Logik sei, wenn man in Prag ein Musikwerk mit dem Namen einer im Aussterben begriffenen Seitenlinie der Schnabelflöten bezeichnet. Kruzeihimmelfix, wozu braucht man denn bei einem Flaschinett eine Logik! Dem Fragesteller aber wünsche ich, daß ihm während seines heutigen Nachmittagsschläfchens ein Drehorgelspieler solange ein Ständchen bringt, bis beide Plagegeister auf alle weiteren Chikanen Verzicht leisten.
In Prag ist die Ansicht verbreitet, daß es ungefähr zwei- bis dreitausend Drehorgelspieler gebe. Dem ist aber nicht so. Erwähnter Irrtum dürfte darauf zurückzuführen sein, daß gewöhnlich zwei Drehorgelspieler gleichzeitig in derselben Gasse konzertieren, was eine Art zweihändigen Vierhändigspielens darstellt und die harmonischen Wirkungen dieses Instrumentes erheblich erhöht. Besonders prächtig sind diese musikalischen Effekte, wenn aus einem Leierkasten die Töne des „Donna è mobile“ entquellen, während aus dem anderen beharrlich das klassische Lied „O Emane“ — Heimatkunst! — hervorgekurbelt wird. Dieses multiplizierte Auftreten von Drehorgelspielern in derselben Gasse ist aber kein Beweis von deren großer Zahl, sondern es ist nur ein ehrendes Dokument für das Vertrauen, das die Hofmusiker in die Freigebigkeit der Bewohner dieser Gasse setzen.
Im Bureau III. a. der Prager Polizeidirektion, dem Departement für öffentliche Belustigungen, welches ein sehr richtiger Wortwitz als „Departement für öffentliche Belästigungen“ bezeichnet, erfährt man zum atemlosen Staunen, daß es in Prag nur zweiundzwanzig Drehorgelspieler gibt. Wenn man naiv ist, gibt man sich mit dieser Erklärung zufrieden, und geht nach Hause, in der Meinung eine zufriedenstellende Auskunft erhalten zu haben, da ja diesem Departement für öffentliche Belustigungen natürlich auch die Konzessionserteilung und die Handhabung der Vorschriften für Drehorgelspieler untersteht. Wenn man aber nicht naiv ist, so begibt man sich in ein Departement, das mit der Konzessionserteilung an Leierkastenmänner nichts zu tun hat, das Departement, dem die Wahrung der öffentlichen Sicherheit und daher auch das Drehorgelspielen untersteht. Allerdings nur insoweit, als es unbefugt ausgeübt wird. Da erfährt man ganz andere Ziffern: Die Zahl der nichtkonzessionierten Werkelmänner ist etwa dreimal so groß, wie die behördlich autorisierten.
Und was für Exemplare sind darunter. Da sind zum Beispiel zwei Brüder, welche ich hier Chwatal nennen will. Ihre Aktenfaszikel sind so groß, daß zwei Zivilwachleute ausgesandt werden müssen, um sie aus der Registratur zu holen. Der eine der Brüder hat allein vierhundertdreißig Akten. Aus denen kann man die ganze Biographie Wenzel Chwatals herauslesen. Als Kind hatte er einen sehr ernsten Beruf. Er sang an jedem sechsten Jännertage, mit einer papiernen Goldkrone angetan, vor den Wohnungstüren das Lied von den heiligen drei Königen. Den Rest des Jahres scheint er sich über die Freigebigkeit der Wohnungsinhaber orientiert zu haben, um sich dann als König nicht ein Refus zu holen. Bei diesen Orientierungsgängen ist er, wie Wenzel Chwatals Akten künden, wiederholt verhaftet worden und residierte dann für kurze Zeit im Polizeiarrest. Als unser Wenzel herangewachsen war, entsagte er seinem königlichen Berufe, aber der Musik blieb er treu. Er gründete mit einem gleichgesinnten Manne, dem das Schicksal keine Füße beschert hatte, ein Kompaniegeschäft. Sie liehen sich einen Leierkasten aus, den Chwatal auf seinem rüstigen Leibe trug und dem er durch liebevolles Drehen der Kurbel die herrlichsten Weisen entlockte, die im Busen eines Flaschinetts schlummern. Der fußlose Kompagnon ging einsammeln. Später verdroß es den unternehmungslustigen Chwatal, das sauer verdiente Spielhonorar zu teilen, er engagierte ein billiges Bürschchen und besorgte das Inkasso selbst. Das Geschäft florierte, und Wenzel Chwatal, dessen einziger Schmuck bislang eine sorgsam gepflegte Stirnlocke gewesen war, konnte sich eine Samtjacke kaufen. So, jetzt war er ein Künstler. Aber die Wachleute haben eben kein Verständnis für wahre Kunst. Die Banausen schreckten selbst vor der schönen Samtjacke nicht zurück und fragten, durch die magischen Klänge herangelockt, den Spieler, ob er eine Konzession habe. Das war eine herzlich alberne Frage, denn die Bewilligung zum Spielen wird nur alten, vollkommen erwerbsunfähigen Leuten erteilt. Und Chwatal war doch ein fescher Kerl, nicht? So verneinte er des Wachmanns Frage, und folgte diesem zur Polizei. Dort wurde nach seiner Einlieferung eine „Anhaltungs- und Verhaftungsanzeige“ ausgefüllt, die fast jedesmal gleiche Worte trägt: „Wenzel Chwatal, geboren in Prag am 7. November 1872, wurde wegen unbefugten Drehorgelspielens angehalten und dem Polizeikommissariate eingeliefert. — Corpus delicti: Eine Drehorgel. — Eigene Effekten: Lederner Schutzriemen, Leibriemen, Spiegel, Kamm, Anhängetasche, drei Zigaretten und 64 Heller Bargeld.“ Dann wurde Chwatal abgestraft und diese Strafe auf einem zweiten Akt, dem sogenannten „Strafregisterblatt“ gebucht, auf den stereotyp geschrieben wurde: „Wenzel Chwatal wird der Übertretung des Erlasses der k. k. Statthalterei für das Königreich Böhmen vom 21. Juni 1889 schuldig erkannt und wird nach der kaiserlichen Verordnung vom 20. April 1854, Z. 96 RGBl., zu einer Haft von 24 Stunden verurteilt. Gegen diese Erkenntnis kann bei der Statthalterei oder der k. k. Polizeidirektion binnen drei Tagen Berufung eingelegt werden.“ Aber dem Wenzel Chwatal fällt es gar nicht ein, Berufung einzulegen. Auch das breite Rubrum, in welchem für „die Rechtfertigung oder das Geständnis der Beschuldigten“ weitester Platz gelassen wird, füllt Chwatal nur lakonisch aus: „Doznávám“ — „Ich bekenne mich schuldig.“ Auch Sokrates verschmähte die Verteidigung.
So steht es in den meisten Akten, und nur wenige lauten anders. So z. B. die Beschwerde eines konzessionierten Harmonikaspielers, der sich durch Chwatals Konkurrenz geschädigt fühlte. In dieser Beschwerde wird ausgeführt, daß Chwatal bettle, aber gleichzeitig vier Liebschaften unterhalte und allen vier Damen Wohnung, Kleidung und Nahrung bezahle. Ob diese Erfordernisse für Chwatals Harem besonders große sind, steht nicht in der Beschwerde des empörten Harmonikaspielers, und es ist anzunehmen, daß der schöne Chwatal seine vier Verhältnisse eher unter Einnahmen als unter Ausgaben buchen könnte. Wie dem auch sei: Chwatal ist ein Lebemann. Das geht auch aus einer anderen Anzeige hervor: Eine Frau — um den Ruf der Dame zu schonen, sei sie hier mit dem Decknamen „Veronika Potvora“ bezeichnet — macht der Polizei davon Mitteilung, daß Wenzel Chwatal ihre Tochter Philomena Potvora entführt habe. Dieser Familienzwist scheint bald beigelegt worden zu sein, denn acht Tage später meldet eine Note des Kommissariates Prag-Josefstadt, daß der Drehorgelspieler und Vagant Wenzel Chwatal mit seiner Geliebten Philomene Potvora aus seiner bisherigen Wohnung ausgezogen und zu Frau Veronika Potvora, der Mutter seiner Geliebten, übersiedelt sei. Andere Akten berichten davon, daß Chwatal sich seiner Verhaftung widersetzt, bei seiner Arretierung gelacht habe. Und unter jedem Akte steht immer: „Doznávám — Ich gestehe.“ So übte er weiter sein Handwerk aus und da man ihm den Leierkasten nicht pfänden kann, weil dieser nicht sein Eigentum ist, so wird man wohl noch viele Scherereien mit ihm haben. Chwatal steht ja im schönsten Mannesalter. Einmal hat er um die Konzession zum Drehen der Leierkastenkurbel angesucht, aber er bekam sie nicht. „_Mir_ ist es Wurscht,“ meinte er überlegen.
Die Konzessionen für das Drehorgelspiel sind schwer zu erlangen. Früher bekamen ausgediente, im Kriege blessierte Soldaten außer der Kriegsmedaille auch die Bewilligung, Werkelmänner zu werden. Aber seit dem letzten Kriege, den Österreich geführt hat, sind schon Jahrzehnte verstrichen und die alten Invaliden aus Kriegsläuften sind meist längst begraben. Ein wahres Glück, daß vor zwei Jahren die drohende Kriegsgefahr glücklich abgewendet worden ist. Die schrecklichste Folge des Krieges wäre wohl gewesen, daß neue Werkelmänner dekretiert worden wären!
Die Blütezeit des Leierkastenspieles in Prag ist vorbei. Früher hat es in Prag noch Savoyardenknaben gegeben, welche mit ihren Miniatur-Drehorgeln, ihrer verschnürten Tracht und ihren gebräunten Gesichtern Aufsehen und Mitleid wachriefen. Früher durften die Werkelmänner ihr Instrument in der Mitte der Straße aufstellen, heute sind nur die Höfe der Häuser ihr Rayon und in den neuen Häusern gibt es gar keine Höfe. Früher durften die Drehorgelspieler von früh bis abend werkeln und kamen oft in die Geschäfte betteln, bevor diese noch einen Kreuzer verdient hatten; heute dürfen sie an Wochentagen nur von zwölf Uhr mittags an, an Sonntagen bloß von vier Uhr nachmittags an bis zum Einbruch der Dämmerung spielen. Immerhin scheint das Werkeln noch ein lukratives Geschäft zu sein, wie voriges Jahr die Geschichte des Raubmordes an dem Drehorgelspieler Janeček gelehrt hat, und wie die zahllosen Gesuche um Konzessionsbewilligung beweisen, die im Departement des Oberpolizeirates Peschka einlaufen. Ja, es kommen sogar Gesuche von begüterten Gemeinden, man möge diesem oder jenem ihrer Ortsarmen die Bewilligung zum Leierkastenspiel — in Prag gewähren.
Aber die Statthalterei hat nun verboten, daß für Prag neue Konzessionen ausgestellt werden und auch die Bewilligungen für die zum Polizeirayon gehörenden Vorstädte werden jetzt nur in den seltensten Fällen erteilt. Und mögen es die Dienstmädchen, welche ihren letzten Kreuzer in den Hof hinunterwerfen, um das Lied von der „Unglückseligen Armut“ da capo zu hören, und mögen es die Vorstadtkinder, welche so gerne zu den verstümmelten Klängen des Walzers aus der „Lustigen Witwe“ umherhopsen, noch so bitter empfinden — die Drehorgel ist auf den Aussterbeetat gesetzt. Das Flaschinett wird verschwinden wie jenes Blasinstrument, dessen Namen es entlehnt hatte, es wird verschwinden, so wie es gelebt: Sang- und klanglos.
Die Gifthütte
Dorthin, in die Teile Prags, die sich südlich von der Krankenhausgasse und der Katharinagasse bis gegen Slup und Nusle hinunterziehen, kommen die Prager selten. Es ist eine Stadt der Kranken, die sich hier breitet. Die Institute der medizinischen Fakultät, Kranken- und Irrenhäuser halten mit ihren Gärten den ganzen Komplex besetzt. Nur dort, wo die Weinberggasse in die Apollinargasse mündet, scheint die Stadt der Kranken aufzuhören, scheint ein Dorf zu beginnen. Ein freier Platz, der nicht gepflastert ist, und auf dem große Kastanienbäume wachsen. In den Ecken des Platzes wuchert üppiges Gras. Ein steinerner Heiliger, der heilige Adalbert, blickt vom Piedestal seiner Säule friedlich auf die Kinder hinab, die zu seinen Füßen mit Kugeln spielen. Da kommt eine Schar von Mädchen, Hand in Hand, ohne Hut, mit weißen Schürzen des Weges. Wer nicht weiß, daß es Wärterinnen sind, müßte glauben, sorglose Dorfmädchen vor sich zu haben. Alte Männer sitzen vor den Häusern und schmauchen behaglich ihre Pfeife. Und die Häuser sind einstöckig.
Das letzte Häuschen, das von der Adalbertssäule sichtbar ist, das Häuschen, das an das Dorfkirchlein grenzt, ist das Dorfwirtshaus, wie man aus der roten Aufschrift erkennt. Eigentlich sieht diese Hütte selbst für ein Dorfeinkehrhaus zu schäbig, zu verwahrlost aus. Aber was kann man auch für Ansprüche an das Gasthaus eines so gottverlassenen Dörfchens stellen?
Mit der Illusion, in einem Dorf zu sein, ist es freilich aus, wenn man sich in den Wirtsgarten setzt, hart an die niedrige Grenzmauer, und in das Tal schaut, das sich unten in weitem Boden streckt. Nichts weniger als ein ländliches Idyll. Dort oben starren hinter den Pankratzer Feldern die trotzigen Mauern der Strafanstalt herüber, halbrechts recken sich zu den Felsenhöhen des Wyschehrad die riesigen Festungswälle mit den Kasematten hinauf, die Ferdinand von Saars schönster Novelle Schauplatz sind. Oben auf der Höhe des Wyschehrad die Basilika mit dem Kirchhof, auf dem die Tschechen alle die begraben, die sie für groß halten. Unten im Sluper Tal die großen Institute der Fakultäten, dann zwei Hotels, dann Zinskasernen, auf deren Hinterfronten mit riesigen Lettern Firmenreklamen stehen. Überall rauchen Fabriksschlote. Und um das Idyll vollends vergessen zu machen, wird der Blick durch ein markerschütterndes Geschrei in den angrenzenden Garten gelenkt, wo Wärterinnen eine Irre in eine Zwangsjacke zu pressen versuchen ...
Es ist die Kehrseite Prags, die man hier vom Gasthausgarten sieht. Das Wirtshaus, das diesen Ausblick gewährt, heißt die „Gifthütte“. Wohl nicht deshalb, weil es das andere Prag zeigt. Auch wegen des Bieres führt es wohl seinen Namen nicht. Denn die Bezeichnung stammt schon von altersher und das Bier wurde hier durchaus nicht in Dosen vertilgt, wie sie bei Giftgenuß in Anwendung zu kommen pflegen. Vielleicht hieß es so, weil hier besonders die Mediziner verkehrten, die mit Giften hantierten. Ich weiß es nicht und auch die Chronik der Stadt Prag vermag über die Herkunft dieses Namens keinen Aufschluß zu geben. Die Chronik der Stadt Prag weiß über das Haus Numero Conscriptionis 446—II. überhaupt nichts zu sagen, obwohl es doch im Wechsel der Zeiten so Sonderbares erlebt und so mannigfache Gäste beherbergt hat, wie kaum ein zweites.
In vergilbten Auflagen des Lahrer Kommersbuches findet sich auch ein Prager Studentenlied. Ein Doctor medicinae Keim hat es an einem Maiabend des Jahres 1853, also zu einer Zeit ersonnen, da Deutschlands Musensöhne zu Hunderten nach Prag zogen, wo auf der medizinischen Fakultät zum ersten Male die Kunst gelehrt wurde, die Lungenentzündung ohne Aderlaß zu behandeln. Die in diesem Liede ausgesprochene Sehnsucht
„Auf den Windberg, auf den steiligen, Möcht’ ich zu den Jungfrau’n eiligen ...“
hat noch in späteren Studentengenerationen wiedergeklungen und allabendlich „eiligten“ sie den steilen Windberg hinauf, um hier beim „Jodoform-Kränzchen“ nicht zu fehlen,
„Wo zum Tanz die hezká holka Nach dem Klang der munter’n Polka Den Primär am Bändchen führt.“
Das mit dem „Primär“ stimmte. Fast alle Primärärzte der Irrenanstalt und die Assistenten der Kliniken tanzten hier unbekümmert um ihre ärztliche Würde bis längst die Sonne das Nusler Tal vergoldete. Und wenn ein Patient oder eine Patientin in einem der nahen medizinischen Institute der ärztlichen Hilfe dringend bedurfte, dann war sie rasch zur Hand. Brauchte man ja nur hinunter zum Gifthüttenball zu schicken. Von den Tänzern der Jodoformkränzchen sind heute viele Hofräte, zwei sogar wirken als Geheime Medizinalräte an Deutschlands hohen Schulen.
Was den Ausdruck „hezká holka“ anbelangt, so ist er im allgemeinen als dichterischer Euphemismus aufzufassen. Die Damen rekrutierten sich aus drei Gesellschaftsschichten: I. Den dienstfreien Wärterinnen der medizinischen Institute; II. den Dienstmädchen der in den Instituten wohnenden Professoren der philosophischen und der medizinischen Fakultät und III. den Hörerinnen der Hebammenkurse, die alle vier Monate abwechselnd in deutscher und tschechischer Sprache im nahen Gebärhause abgehalten wurden. Die Ballgespräche waren medizinischen Geistes voll. Die Wärterinnen berichteten ihren Vorgesetzten und Tänzern über irgendein interessantes Symptom im Krankheitsverlauf eines Patienten der Klinik, und den Professorenköchinnen flüsterte manchmal in vorgerückter Stunde ein Tänzer die verschämte Bitte ins Ohr: „Fräulein, kochen Sie morgen dem Professor ein feines Essen. Ich mache nachmittags Examen.“
Eine Spezialität der Jodoform-Kränzchen war die sechste Tour der Quadrille. Sie zog sich bis tief in den Garten hinaus ...
Der Gründlichkeit halber sei auch erwähnt, daß außer den drei erwähnten Damengattungen auch einmal eine vierte am Gifthüttenball vertreten war. Das war so: Einige übermütige Mediziner hatten einem eben nach Prag gekommenen Ordinarius erzählt, daß sich allabendlich ein großer Teil der Medizinerschaft in einem nahen „Gifthütte“ benamsten Gasthause zum Tanze versammle. Es sei zwar eine ganz ungezwungene Gesellschaft, aber wenn der Herr Professor mit seinen Töchtern den Studenten die Ehre erweisen wolle ... Der Herr Professor erwies den Studenten wirklich die Ehre und kam am Abend mit seinen beiden Töchtern hin. Sprachlos blieb er in der Tür stehen. So ungezwungen hatte er sich die Sache doch nicht gedacht: die Herren in Hemdärmeln, die Damen in Schürzen und das Lokal, das einer Verbrecherkneipe viel ähnlicher sah als einem Ballsaal! Aber als die Herren Mediziner auf die beiden Professorentöchterlein zutraten und höflich um ein Tänzchen baten, machten sie und der Herr Papa gute Miene zum bösen Spiel und tanzten. Als später einmal eine der beiden Professorentöchter als Professorsgattin nach Prag kam, hat sie ihr Balldebüt in der „Gifthütte“ zum Besten gegeben und hinzugefügt, daß sie sich seither bei keinem Ball so gut unterhalten habe, wie damals bei diesem seltsamen „Medizinerkränzchen“. Wo sie doch die sechste Quadrilletour gar nicht getanzt hatte!
Nicht so günstig wie das Professorentöchterlein hat über die Jodoform-Kränzchen der 70er Jahre der damalige Pfarrer von Sankt-Apollinar — diese Kirche ist nur durch die Kegelbahn vom „Gifthütten“-Garten getrennt — gedacht. Der Pfarrer richtete an den Regierungsrat Professor Weber von Ebenhof, den Bruder des damaligen Statthalters, eine Zuschrift, die eine Philippika gegen die Bälle war und in der Professor von Weber ersucht wurde, er möge den Hebammen den Ballbesuch verbieten. Aber Regierungsrat Weber, der selbst in der „Gifthütte“ im Hörerkreis seinen täglichen Frühschoppen trank, legte den Ballbericht ad acta und erließ keinen Boykottbefehl.
Die alten Mediziner wissen allerhand solcher Scherze zu erzählen. Von der Krönung der Gifthütten-Könige, von den Plakaten, die der König affichieren ließ, von Wurstfesten und von Kegelabenden, von medizinischen Dauersitzungen, die so lange währten, bis Frau Schuh nichts mehr ankreiden wollte und von dem Beduinenknaben, den der berühmte Afrikaforscher Dr. Glaser seinem in der „Gifthütte“ wohnenden Bruder zur Pflege übergeben hatte und der bald der Liebling der Apollinargasse war. Sie wissen auch davon zu erzählen, daß in der „Gifthütte“ in der Zeit, da die Universität noch ungeteilt war, tschechische Studenten mit deutschen Burschenschaftern und Corpsiers manches feuchte Quodlibet gelöffelt haben. Aber dann begann sich das Gift nationalen Hasses in die „Gifthütte“ zu verpflanzen, die deutschen Mediziner blieben aus und die tschechischen, die sich nun untereinander streiten mußten, bald auch. Dem Medizinerbeisel fehlten die Mediziner und bloß das Beisel war geblieben. Der Wirt veranstaltete Schrammelkonzerte, aber die lockten keine Katze in das Haus. Wiederholt kam das Gasthaus unter den Hammer und wechselte seinen Besitzer. Heute tanzen am Abend keine Professorentöchter mehr hier, sondern bloß die Dämchen, die auf der nahen Walstatt den schweren Nachtkampf ums Dasein führen müssen. In den neuen Kommersbüchern steht das Prager Lied nicht mehr. Die letzten deutschen Stammgäste scheinen die „schweren Jungens“ aus Berlin gewesen zu sein, die von hier aus den Plan zur Befreiung ihres in der Irrenanstalt befindlichen Komplizen ausführen wollten und in der „Gifthütte“ festgenommen wurden.
Karl May in Prag
Der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Zwar hat uns die moralische Verurteilung Karl Mays heute nicht mehr so arg getroffen, da wir ja jetzt seine Werke nicht mehr so heißhungrig verschlingen, aber unser Bedauern ist ein reflexives: Wir malen uns aus, wie uns zur Zeit, da wir noch in der Sekunda saßen, die Enthüllungen des Prozesses aus allen Himmeln gerissen hätten. Wie wären wir entsetzt gewesen, wenn wir damals aus den Gerichtssaalberichten ersehen hätten, daß er „Emmeh“ schnöde verlassen habe, „Emmeh“, sein geliebtes Weib, dem er in den Wigwams der Apachen und in den Zelten der Hammadil-Beduinen treu gewesen war und von dessen Güte und Schönheit er den Mormonen und Mohammedanern mit imponierender Liebe erzählte. Wie wären wir mißtrauisch geworden, wenn wir erfahren hätten, daß der gute Idealist „Carpio“, mit dem sich unser Lieblingsautor in den Wäldern des Erzgebirges harmlos und dichtend herumgetrieben haben wollte, niemand anderer war, als ein fahnenflüchtiger Soldat und Einbrecher, mit dem zusammen Karl May räuberische Überfälle auf Marktweiber unternommen hatte.
Nein, nein, der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Aber besser ist es, daß er jetzt kam, als wenn er damals stattgefunden hätte. Nicht etwa deshalb, weil er uns eine Illusion, eine Leidenschaft unserer Jugendzeit geraubt hätte. Das hätten zehn solcher Gerichtsverhandlungen nicht vermocht. Niemals hätten wir ihn preisgegeben. Im Gegenteil! Im Bannkreis unserer Gymnasiasten-Romantik hätten wir es noch überwältigender gefunden, wenn der Autor der Abenteuer wirklich ein Abenteurer gewesen wäre. Wir hätten wahrscheinlich seine damaligen Kämpfe gegen Gesetz und Recht als vielversprechenden Beginn zur Karriere des Westmannes angesehen. Und wer weiß, ob nicht ein moralisch schwacher Phantast unter uns hingegangen wäre und ein gleiches getan hätte.
Und was hätte es für Kämpfe mit unseren Eltern gekostet, wenn die aus den Zeitungen erfahren hätten, daß unser Autor ein Dieb, ein korrupter Mensch sei! Hatten sie ihn doch ohnedies mit scheelen Blicken angesehen und uns seine Werke weggesperrt, wenn aus der Lehrerkonferenz ein Tadelzettel unfrankiert nach Hause gesandt worden war. Sie hatten gar wohl gewußt, daß unser mangelnder Fortschritt in der Schule vor allem dem Umstande zuzuschreiben sei, daß wir Tag und Nacht mit unserem ganzen Sinnen und Trachten den Spuren Old Shatterhands folgten, daß wir in sehnenden Gedanken mit ihm vom wilden Westen Nordamerikas in den wilden Osten Südeuropas reisten. Auf der Strecke von Bagdad nach Stambul waren wir besser zu Hause, als in den Gebirgsketten der Alpen, deren Kenntnis der Geographieprofessor von uns verlangte. In den Cordilleren, in Ägypten, am Rio de la Plata, im Lande des Mahdi, im wilden Kurdistan, im Reiche des silbernen Löwen kannten wir uns unvergleichlich vortrefflicher aus, als in den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern. Die Biographien Sam Hawkens, Old Wabbles, Old Deaths, Old Surehands, Old Firehands, des „blau-roten Methusalem“, Hadschi Halef Omars Ben Hadschi Abbas Ibn, des „roten Gentleman“ Winnetou, Ikwehtsi’pas, des Utah-Häuptlings Tusahga-Saritsch kannten wir viel detaillierter, als jene Schillers, Grillparzers, Lenaus. Mit der Naturgeschichte der Prairie und der Sahara waren wir vertrauter, als mit jener Pokornys, und die nur für den echten Araber aussprechbare und deshalb als nationales Erkennungszeichen angewandte „Sure des Todes“ konnten wir fließender auswendig hersagen, als die „im Kanon der für den Lehrplan der II. Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte“.
Das war fürwahr kein Wunder. Denn während der Unterrichtsstunden hatten wir einen der Fehsenfeldschen May-Bände unter der Bank aufgeschlagen, die Zehn Uhr-Pause opferten wir der Fortsetzung der Lektüre und der Weg von der Schule nach Hause wurde im Schnellschritt zurückgelegt, weil man daheim in dem Buche weiterlesen konnte. Allerdings mußte man dieses mit den Deckeln des Putzkerschen Historischen Schulatlas maskieren, um bei den Eltern den beruhigenden Glauben zu erwecken, daß man über ein Lehrbuch gebeugt sei.