Aus Prager Gassen und Nächten

Part 13

Chapter 133,293 wordsPublic domain

Praktisch wurde natürlich Karl May noch gründlicher geübt. Das Belvedere-Plateau war damals noch nicht planiert und zur Seite der Straße war ein etwa 4 Meter tiefer, breiter Straßengraben, dessen Hänge von ausladenden Büschen bewachsen waren. So waren wir nach unten vor den Blicken der Spaziergänger geschützt und konnten ungestört unseren Kriegsrat abhalten, wobei wir aus irgend einer alten Tabakspfeife, die wir mit Gras stopften, das Calumet rauchten — die Friedenspfeife. Wir hatten jeder unseren Prärienamen, nur „Old Shatterhand“ durfte keiner heißen: Das wäre Profanation, zu viel Ehre für den einen gewesen. Die Namen der übrigen „Scouts“ waren aber durchwegs vertreten, auch waren wir in Apachen und Commanchen eingeteilt. Da gab es heftige Kämpfe. Manchmal siegten auch die Commanchen. Das war eigentlich nicht ganz im Geiste unseres Autors, denn bei dem mußten immer seine Feinde unterliegen. Er war ja — so beschrieb er sich selbst — unbesiegbar, er allein hatte tausendmal Hunderte von Feinden im Schach gehalten. Daß er doch nicht auch mit seinem Prozeßgegner fertig zu werden vermochte!

Im Oktober des Jahres 1898 war Karl May in Prag. Er führte gegen einen tschechischen Verleger einen Stritt, weil ihm das angebotene Zeilenhonorar für die tschechische Übersetzung seiner Bücher zu gering war. Schließlich kam ein Vergleich zustande. Wir verschlangen alles, was wir hierüber in der „Bohemia“ finden konnten, mit wahrem Heißhunger. Denn, wenn es auch mit der kritiklosen Bewunderung längst vorbei war — das Interesse für den Autor unserer Jugend war noch nicht erstorben. Wir wollten diesen einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Wir ließen im Hotel de Saxe, in dem er logierte, nachfragen, ob wir mit ihm sprechen dürften. Er ließ uns vor und machte geheimnisvolle Andeutungen über ein entsetzliches Ende, das Hadschi Halef genommen hatte, über eine Goldgrube, die er im Llano Estacado entdeckt habe, aber deren Ausbeutung sehr gefahrdrohend sei. Und dergleichen. Mir als dem Sprecher der Schüler, hat er zum Andenken den dritten Band „Old Shurehands“ geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse, dem Trapperhut, den Ledermokasins und Henrys Revolver vorfindet. Auf die erste Seite schrieb er einen Spruch und setzte seinen Namen darunter. Der Spruch ist wirklich überaus schön. Er stammt von — Goethe.

Polizeimuseum

Verwittert, zerfallen, von Balken gestützt, hat bis zum Vorjahr der Turm im Hofe des Polizeigebäudes auf die Gestalten herabgeschaut, die — ihm ähnlich — auf ihren Krücken allmittäglich aus dem Arresthause in den städtischen Schubwagen humpelten. Trotz der Stützbalken schien es, daß der greise Turm jeden Augenblick zusammenstürzen könne. Man wollte ihn daher demolieren, aber Rücksichten auf die Erhaltung dieses Denkmals historischer Zeiten, in denen noch ein Wall die innere Stadt umgab, haben die Ausführung dieser Absicht verwehrt. So mußte man den Turm renovieren und heute steht der alte Bau freundlich und wohnlich da.

Hierher ist jetzt das von Oberkommissär Protivenski aus dem Nichts geschaffene Polizeimuseum übersiedelt. „Polizei-Museum.“ Das klingt wie ein Oxymoron. Die Musen, die neun Beschützerinnen der schönen Künste, haben doch mit dem Handwerkszeug der Verbrechergilde nicht das Geringste zu schaffen! Wohl. Aber die Tätigkeit, die im Dienste der Kultur und Wissenschaft erfolgreich die Spuren der Verbrecher zu ermitteln strebt, ist eine Kunst wie bald keine zweite. Das kann man nirgends so gut erfahren, wie hier im Polizeimuseum, wo man atemlos darüber staunt, mit welch genialem Raffinement, mit welchem Aufgebot von manueller und geistiger Geschicklichkeit die Welt der Verbrecher jede neue Errungenschaft menschlichen Schaffens ihren eigenen Zwecken dienstbar macht.

Vor dem Eingang merkt man noch nichts davon, welche Instrumente der Verbrecherwelt das Polizeimuseum birgt, denn über der Tür zum ersten Museumsraum sind Studentensäbel und Korbschläger in so dekorativer Weise angeordnet, daß man vermeinen würde, in eine Studentenbude zu treten, wenn man nicht wüßte, daß es sich um polizeilich konfiszierte Waffen handle. Immerhin eine freundliche Einführung für einen Raum, der vorwiegend der Tätigkeit der _Einbrecher_ gewidmet ist.

Hier ist Papacostas Handwerkzeug untergebracht — der langjährige Clou des Prager Polizeimuseums. Denn Papacosta und seine Komplizen Afendakis, Maceo Stein und Perikles Slalio waren die ersten internationalen Einbrecher, die mit „allem Komfort der Neuzeit ausgestattet“ Geldschränke knackten und nur in Prag wurde man ihres ganzen Instrumentariums habhaft. Allerdings durch den Racheakt eines benachteiligten Mitgliedes der Bande. Vom 6. April 1894 an, an welchem Tage sie sich durch einen Einbruch in das an das Polizeikommissariat Heuwagsplatz angrenzende Etablissement Franz Valenta ihre elektrischen Bedarfsartikel verschafften, hatten sie ein halbes Jahr lang in kurzen Intervallen große Einbruchdiebstähle in Prag unternommen, ohne daß man eine Spur der Täter entdeckt hätte. Am 17. Dezember 1894 fand die Inhaberin des Bankgeschäftes Ig. S. Weiner, als sie am Morgen in das Geschäft kam, nicht nur zu ihrem Entsetzen Ladentüre und Kassen fast ganz aufgesprengt vor, sondern es waren auch unzählige Einbruchsgeräte auf dem Ladenpulte ausgebreitet: Die seither berühmte „Papacostasche Maulstange“, der große Zentralbohrer, die sinnreiche Blendlaterne, ein Ölfläschchen und etwa 40 Sperhaken — heute durchwegs Ausstellungsobjekte des Museums. Die Einbrecher hatten damals fluchtartig das Geschäft und auch am selben Tag Prag verlassen. Wie man einige Monate später vor Gericht erfuhr, hatte Stalio, der den Aufpasser vor der Ladentüre gemacht hatte, das Warnungssignal gegeben. Aus Rache, weil er sich bei der Verteilung der Beute übervorteilt glaubte.

Heute sind die damals angestaunten Utensilien der Papacosta-Bande nicht mehr die Glanzstücke des Polizeimuseums. Diese bilden nunmehr die Instrumente einer anderen auswärtigen Verbrecherorganisation, die in Prag ein blutiges Andenken hinterlassen hat, nämlich der Bande Wasinskis. Mit Staunen sieht man z. B. die vier Meter lange Maulstange. Man hat sie bei dem pockennarbigen Riesen Adamski gefunden, der in der Weihnachtsnacht unmittelbar nach dem Morde festgenommen worden war. Wie Adamski das vier Meter lange Instrument bei sich verbergen konnte? Nun, der lange Hebel der aus Birmingham-Stahl gefertigten Stange ist zusammenlegbar und so fest ineinanderfügbar, daß drei Männer mit aller Gewalt sich dagegen zu stemmen vermögen, wenn die Eisenplatte der „einbruchssicheren“ Kassen entzweigeschnitten werden soll. Natürlich kann die Riesenschere erst dann eingesetzt werden, wenn die elektrische Handbohrmaschine „Progreß“, deren Spannung 35 Volt beträgt, ihre Wirkung getan hat.

In allen Ehren kann neben den Internationalen aus Griechenland und Galizien auch ein heimischer Aussteller bestehen: Eduard Linhart, der an einem Wintersonntag des Jahres 1908 den Kellerplafond der Karolinentaler Vorschußkasse durchbrach und den Fußboden zerschnitt. Für diesen mißglückten Einbruchsversuch hat Linhart nicht weniger als 8 Jahre hinter den schwedischen Gardinen von Pankratz zuzubringen — eine harte Strafe, die wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die corpora delicti allzudeutlich von der Gefährlichkeit des Inkulpaten sprachen: Ein Zentralbohrer mit Schraube ohne Ende, mit Kraftübertragung durch Kurbeldrehung und einem Mundloch, den die „Goodel Pratt-Company“ hergestellt hat, eine feine „Fuchsschwanz“-Säge, ein Riesenhammer und allerhand ähnliches.

Durch elegante Form fällt das Reisenecessaire auf, in welchem die Kirchenräuber Kankovsky und Brünner ihre Einbruchswerkzeuge praktisch angeordnet hatten. Auch weniger bekannte Einbrecher haben dem Museum wertvolle Bereicherungen geliefert. Man sieht einen Gutaperchahandschuh, den ein Einbrecher angezogen hatte, um keine Fingerspuren zu hinterlassen und um an der elektrischen Leitung gefahrlos hantieren zu können. Man sieht Schlüssel mit auswechselbarem Bart, bei denen sogar jeder Bart auf zwei verschiedene Arten — normal und verkehrt — eingesteckt werden kann. Man sieht Schlüssel, deren Stiel aus lauter Schlüsselbärten besteht. Man sieht Hohlschlüssel für Patentschlösser. Man sieht abgesägte amerikanische Vorhängschlösser, sieht, wie Stecher-Schlösser einfach aus der Kassa herausgenommen werden, sieht Brustgriffe für Bohrinstrumente, sieht Pechpflaster mit den Resten der eingedrückten Fensterscheibe, an die sie angedrückt wurden, sieht Nagelstöcke zum Aufkratzen des Fensterkittes, sieht Strickleitern und stangenförmige hölzerne Kellerleitern mit Querleisten. Man sieht „Krähenaugen“, die Frucht von Paris quadrifolia, welche die Einbrecher den Wächterhunden vorwerfen, um diese zu vergiften. Auch eine photographische Darstellung des Einbruches, den die Kirchenräuber Wainar und Anton im Jahre 1904 in die Kapelle in Scharka unternahmen, ist hier ausgestellt, um zu zeigen, wie man damals mit Hilfe der Daktyloskopie bloß nach dem am Tatorte aufgefundenen Abdruck eines Handballens der Täter habhaft wurde.

Die Requisiten, welche bei _Diebstählen_ in Anwendung kommen, sind gleichfalls in diesem Raum vorhanden. Sehr elegant ist ein Spazierstock, dem man es gar nicht ansieht, daß er zu einer Länge von drei Meter auseinandergezogen werden kann. Ein praktisches Mittel zum Stehlen von Gegenständen, die noch so weit vom offenen Fenster entfernt liegen mögen. Diese Stöcke heißen im Rotwelsch „Disputierer“, weil in den Gefängnissen die Häftlinge auf Latten, die sie irgendwo im Hofe gestohlen haben, einander die „Kassiber“, die Verständigungsbriefe zustecken, also mittels eines ähnlichen Instrumentes „disputieren“.

Das System, auf dem die Erfindung der „Betthaken“ beruht, ist ein analoges. Das sind winzige Angelhaken, deren drei scharfe Zacken ankerförmig angeordnet sind. Diese Haken werden an einer langen Schnur befestigt, deren Ende der Dieb in der Hand behält. An dem Haken wird ein Bleistück befestigt und nun das Instrument durch ein offenes Fenster in einen Stall oder in eine Wohnung geschleudert. Die Zacken bohren sich fest in eine Pferdedecke, ein Federbett, ein Kleidungsstück oder einen Sack ein und dieses Objekt wird nun mit Hilfe der Schnur aus dem Fenster auf die Straße gezogen. Fast bei jedem Zigeuner, der von der Gendarmerie oder der Polizei festgenommen wird, findet man dieses Diebswerkzeug.

Auf Schiffsverladeplätzen, in den Güterwaggons und in Magazinen wird der „Kaffeeläufer“ häufig verwendet: Ein einfaches Eisenrohr, das gut zugespitzt ist. Der Dieb stößt es scharf in einen mit Ware gefüllten Sack und der Reis, die Kaffeebohnen, das Mehl fließen aus diesem durch das Rohr in den Schnappsack des Diebes, ohne daß die Plombe des bestohlenen Sackes beschädigt würde.

Zu unauffälligem Fortschaffen der Diebsbeute ist der breite Schmugglergürtel sehr zu empfehlen, in dessen Taschen die Beute gleichmäßig verteilt werden kann, und an dessen Haken kompaktere Gegenstände befestigt werden können. Natürlich arbeiten auch diese Diebe, so wie ihre Kollegen vom Einbruchsfach, mit Glacéhandschuhen, die zur Vermeidung von Fingerspuren dienen, mit Strickleitern u. dgl.

_Bomben_ und andere Explosivkörper mannigfaltiger Art füllen in diesem Museumsraum zwei ganze Vitrinen. Ein respektables Exemplar ist die Bombe, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Flur der ehemaligen St. Wenzelsvorschußkasse in der Karlsgasse gefunden wurde und die damals fast so viel Aufsehen erregte, wie ein Jahrzehnt später die Enthüllungen über die Geschäftsgebarung in diesem Hause. Die Bombe bestand aus einer mit Pulver gefüllten Kugelflasche, die mit einem Gipsmantel umkleidet war. In dieser Gipshülle waren Eisennägel als Sprengstoffe eingeschmolzen, die ganze Bombe war mit Eisendraht und Fetzen umspannt.

Ferner befindet sich hier eine Höllenmaschine mit einem Wecker. Die Höllenmaschine war mit Pulver und Halbblei gefüllt. Von furchtbarer Wirkung wäre im Falle der Explosion ein oben und unten verkeiltes Gasrohr gewesen, das mit Pulver gefüllt war, und oben ein Zündloch und die Zündpfanne trug.

Eine Reminiszenz aus Prager Demonstrationstagen bildet der sogenannte „Kanonenschuß“, ein Ledersäckchen, das mit Pulver gefüllt und mit geleimtem Spagat zusammengebunden ist. Diese Apparate pflegen mit einem geradezu ungeheuren Krach zu explodieren, ohne aber besonders gefährlich zu sein. Zur Belehrung der Sicherheitswache sind hier Dynamitpatronen und Dynamitballen in Originalpackung ausgestellt. Auch gestohlene Militärsprengstoffe, Bomben in Tafelform, und „Frösche“, wie man sie in Prager bewegten Tagen den Pferden der berittenen Wachmannschaft unter die Füße zu werfen pflegt, fehlen in der Sammlung nicht.

Das Turmgemach im zweiten Stockwerke strotzt von Waffen. Am unauffälligsten nehmen sich unter diesen wohl die Schießwaffen aus, die zum _Wilddiebstahl_ gedient haben. Wirklich kann mit diesen Gewehren jeder Wilderer ruhig das forschende Auge des Hegers passieren. Da ist z. B. ein Spazierstock einfachster Form, dem man gar nicht ansieht, daß er sich flugs in ein Zündnadelgewehr verwandeln läßt, dem nicht einmal der Kolben fehlt. Leimruten, Schlageisen für Rehe, Drahtschlingen für Rotwild, Strickschlingen für Hasen, Leimruten für Singvögel, Fangnetze für Rebhühner, die man teils in Jagdrevieren abgenommen, teils bei Wilddieben vorgefunden hat, befinden sich gleichfalls im Polizeimuseum.

Verbotene Waffen, wie Dolche, Stilets und Stockdegen füllen eine große Vitrine. Die übrigen Waffen, die hier zu sehen sind, stammen teils von Selbstmorden her, teils sind sie Reminiszenzen aus den _Mordaffären_ der letzten Jahre. Von dem simpelsten Mordinstrument bis zum modernsten fehlt keines. Hier ist der große Pflasterstein, mit dem am Josefitage des Jahres 1896 Pravda und Outrata die Juwelierin Gollerstepper in deren Laden in der Husgasse ermordet haben. Hier ist das Beil, mit welchem 1895 der Schuster Franz Červenka seiner Frau die Schädeldecke zertrümmert hat. Große Blutflecken auf drei Steinen stammen aus der Nacht des 2. April 1902, in welcher die Trainsoldaten Čučko, Octovsky und Velek auf dem Belvedere den Franzensbader Hotelier Wolf getötet haben, eine plastische Karte veranschaulicht den Tatort. Ein Tuch war das Mordinstrument, mit dem der Musikant Ježek und sein Freund Merta in Točna den Prager Werkelmann Janeček erwürgten. Eine ganze Vitrine weist die Instrumente auf, mit denen das würdige Ehepaar Valeš zu Krtsch das Liebespaar Takasz-Hanzely im Schlafe umgebracht habe: Ein Jagdgewehr, ein Strick, ein Revolver, ein Beil. Ein Revolver, der an der Wand hängt, war das Mordinstrument des wahnsinnigen Stadtbediensteten Wurm, der an dem Stadtrat Parůžek furchtbare Rache für seine Entlassung nahm. Auch der Browning, die modernste der Schießwaffen, mußte in zwei Exemplaren Aufnahme im Prager Polizeimuseum finden: Mit einem Browning hat Wasinski den Gefängniswärter Kaucky am Weihnachtsabend 1907 erschossen, mit einem Browning tötete Boček am Karsamstag 1908 den Detektiv Pětiletý und verletzte die Detektivs Lukeš, Binder und Hladík.

An Bočeks Bluttat erinnert überdies die Totenmaske seines Opfers, eine andere ist von dem im Nusler Tal von unbekannten Einbrechern erschossenen Polizisten Bartoš abgenommen worden. Eine dritte Totenmaske ist die eines Anarchisten, der in Prag wegen Mordes justifiziert worden ist; in dem Gips ist die tiefe Strangulierungsfurche erkennbar. Die älteste Mord-Reminiszenz, die sich im Polizeimuseum befindet, ist ein vergilbter Steckbrief der Prager Stadthauptmannschaft vom 1. Mai 1828. Er ist gegen zwei Fuhrleute aus der Umgebung Prags gerichtet gewesen, die im Vogtlande die Familie eines Landmannes töteten und beraubten. Der älteste Band des „Polizeianzeigers“ — die amtliche Wochenschrift des Prager Sicherheitsdepartements — weist gleichfalls schon vergilbte Blätter auf; die Leute, deren Steckbriefe in diesem Buche gedruckt sind, haben wohl schon längst ihre Strafen gebüßt. „Königl. Preußische Polizeidirekzion in Prag.“ Diese seltsame Inschrift trägt eine Stampiglie, die aus der Prager Preußenzeit des Jahres 1866 stammt.

Verschiedenartig sind die Hilfsmittel der _Betrüger_. Wohl der genialste Schwindel, dessen Schauplatz Prag war, ist die lukrative Gründung des geheimen Telegraphenamtes durch Plocek und dessen Personal gewesen. Von Ploceks Hand stammen raffinierte Postanweisungsfälschungen. Nicht minder geschickt nachgeahmt sind Diplome, Totalisateur-Tickets und Dokumente, Stampiglien und Marken, Orden und Medaillen. Die ganze Einrichtung einer Münzfälscherwerkstätte und falsches Geld aller Sorten liegt zur Schau. An der Wand hängt ein Phantasiesäbel — der „amerikanische Oberstabsarzt Morocz“ hat ihn 1899 in Prag getragen, bevor er verhaftet, als der langgesuchte Heiratsschwindler Theophil Lawczinski erkannt und an die Schweiz zur Bestrafung ausgeliefert wurde. Plombierte und verschlossene Pakete „russischen Tees“, die Sägespähne enthalten, magnetische Ringe, elektrische Stühle und anderes aus dem Warenlager großindustrieller Quacksalber, die präparierten „Glücks“-Spiele der Bauernfänger, die Schmucksachen der Ringwerfer, die vor zwei Jahren in Prag reißend abgesetzten Kassetten der „Elektrischen Amalisations-Werke in Berlin SW“, welche einen Apparat zur Ersparung elektrischer Kraft enthalten sollten, aber in Wirklichkeit leer waren, und vielerlei ähnliches sieht man.

Das sind die Dinge, die der Museumsturm der Polizeidirektion einschließt. Aus seinen spitzen Fenstern kann man in das anthropometrische Kabinett im Hauptgebäude hinübersehen. Dort liegt man der Tätigkeit ob, die zur Ausmittlung der Verbrecher und zur Verhütung des Verbrechens dient, dort daktyloskopiert man und signalisiert man, dort werden die portraits parlé und die Photographien des Verbrecheralbums eingeordnet. Dort rüstet man, von dort aus kämpft man gegen den Feind, der das Eigentum, die Ordnung und das Leben der Menschen bedroht. Manches, was hier geleistet wird, entbehrt nicht des verblüffenden Erfolges. Aber gegenüber steht hoch, trotzig und fest der Turm, der Rüstzeug und Waffen des Feindes birgt.

Unter Statisten

Meine Tätigkeit als Statist wird von der Kritik in der hartnäckigsten Weise ignoriert. Da ich aber nicht Willens bin, mir gefallen zu lassen, daß meine Zugehörigkeit zur dramatischen Kunst in Böhmen und meine Teilnahme an ihrem Aufschwunge von gehässigen Federn totgeschwiegen wird, so will ich sie selbst hier für die Ewigkeit verzeichnen. Der Beginn meiner Bühnenlaufbahn fällt in das vorige Jahrhundert. Wir gingen als Mittelschüler oft statieren. Erstens war es interessant, das Bühnentreiben aus nächster Nähe zu betrachten, zweitens war es ein einträgliches Vergnügen, da wir das Geld, das wir von den Eltern zum Theaterbesuch bekamen, für uns behalten konnten und drittens gab es immer ein großes Gaudium. Bei der Aufführung der Oper „Die Rosenthalerin“ hatten wir balgende Buben im Jahrmarktsgetümmel zu mimen und prügelten einander dabei in erfreulicher Weise, bis wir Beulen an den Köpfen und wunde Schienbeine hatten. In den „Hugenotten“, in denen wir als Priester und Ministranten auftraten, zogen wir im dritten Akt auf offener Bühne statt in die Kirche in das Wirtshaus.

Mit der Zeit wuchs unsere Bühnenroutine und unsere Courage zu verschiedenen Streichen. Einer von diesen hat der Schlußwirkung eines Theaterstückes starken Eintrag getan. Das war bei der Uraufführung des Gottschallschen Bibeldramas „Rahab“ im Landestheater. Die Regie hatte Gustav Burchard inne, der in irgend einem reichsdeutschen Dialekte die Statisten zu beschimpfen pflegte, weshalb diese stets dazu bereit waren, ihm irgend einen Tort anzutun. Als Darsteller der übrigen Rollen waren Marie Immisch, Mizzi Bardi, Auguste Urfus und Emma Metz und die Herren John, Moissi, Stiewe und Steil tätig. Wir Statisten — Söldner waren wir — hatten während des Stückes nichts zu tun: Nur am Schlusse sollten wir im blutigen Scheine der an allen Ecken angezündeten Stadt die Mauern Jerichos besteigen und, unsere Schwerter und Hellebarden schwingend, dartun, daß jede Gegenwehr der Bürgerschaft vergeblich sei. Natürlich benützten wir die lange Zeit, die uns bis zum Schlusse des Dramas blieb, dazu, um uns in der Handhabung der Hellebarden, Schwerter und Schilde zu üben, bis Regisseur Burchard unseren Tournieren ein jähes Ende bereitete. Schimpfend befahl er uns, alle Waffen hinter einer Kulisse auf einem Haufen niederzulegen. Wir folgten, aber brüteten Rache. Die gelang uns auch. Im letzten Akte machten sich zwei von uns auf, trugen unbemerkt alle Lanzen und Schwerter von dannen und versteckten sie zwischen zwei Kisten in der Nähe des Maschinenraumes. Knapp vor unserem Auftreten rief uns Burchard zusammen und prägte uns ein: Wenn sich der Feuerschein verbreitet habe, mögen wir unsere Waffen holen, sie mächtig aneinanderschlagen, auf den Leitern die „Mauern“ erklimmen und oben unsere Waffen drohend erheben. Als aber die Bärlappsamen entzündet worden waren und wir unsere Waffen holen wollten, fanden wir sie nicht. Burchard fluchte, schimpfte, drohte, schrie, aber das half ihm nichts. Wir mußten wie Diebe auf die Mauern kriechen und stellten uns oben ganz friedlich auf. Das war der Schlußeffekt des Dramas, und die Kritik war am nächsten Tage einmütig in ihrem Urteil: die Bürgerschaft Jerichos hätte sich gegen eine derart schäbige Einnahme ihrer Stadt erfolgreich wehren können.

In der vorigen Woche habe ich nach längerer Pause meine „statistische“ Tätigkeit wieder aufgenommen. Ich debütierte in „Wallensteins Tod“. Auch Kollege Devrient wirkte mit. Wir Statisten hatten Wallensteinsche Soldaten zu spielen. Herr Kristoff, als Garderobier daran kenntlich, daß er in seinen beiden Rockaufschlägen einige hundert Stecknadeln eingesteckt hatte, (Sigmund Lautenburg hat einmal einen Garderobier cäsarisch grollend mit den Worten entlassen: „Geben Sie Ihre Nadeln ab!“) kommandierte, als wir in den Garderobensaal gekommen waren:

„Hosen, Stiefel und Röcke ausziehen, Westen anbehalten.“

Wir bekamen rot-gelb-blau gestreifte Strümpfe, gelbe Schuhe, braunrote Pumphosen mit blauen Bändern am Knie, ein helles Wams, einen Brustlatz aus Blech, einen Ledergürtel mit herabhängenden Patronen, einen Degen und einen grauen Schlapphut. Während wir uns ankleideten, teilte der kleine Herr Rosenzweig, dessen Geschlecht schon seit einem halben Jahrhundert die Komparseriebeistellung für das deutsche Theater besorgt, das Spielhonorar aus: Vierzig Heller per Person. Er selbst bekommt sechzig Heller, die restlichen zwanzig sind sein Gewinn. Ein Statist, der sich neben mir ankleidete, sagte auf Pragerisch zu mir:

„Nicht wahr, das ist nicht dasselbe Stück, wo der Löwe den Wallenstein gespielt hat?“

Ich belehrte meinen Nachbar, indem ich ihm auseinandersetzte, daß „Herbstmanöver“ und „Wallensteins Tod“ Kriegsdramen verschiedenen Charakters seien, und daß der General Wallenstein nicht den gleichen Chargengrad wie der Kadettoffizierstellvertreter Wallerstein bekleide.

Ein anderer Statist zog, bevor er sich auskleidete, einen Gummiknüttel und einen Revolver aus der Tasche und legte die Waffen neben sich auf die Bank.

„Wozu tragen Sie die Waffen mit sich?“, fragte ihn ein anderer.

„Die brauche ich zu meinem Beruf,“ sagt der Befragte.

„Was sind Sie denn?“