Aus Prager Gassen und Nächten

Part 8

Chapter 83,444 wordsPublic domain

Die Bürger wußten, was dieses schrille Läuten zu bedeuten habe, aber niemand wagte es, mit dem Recken anzubinden, niemand wagte es, ihm die Asche, den Kehricht und den Schmutz, diese so kostbaren Kleinodien vorzuenthalten. So sandten sie ihre Jungfrauen hinab auf die Straße, auf daß diese seinen kriegerischen Sinn betörten, und ihm selbst den Tribut überantworten mögen.

Aber der Ritter war rauh und unbeugsam, und er hatte kein Auge für die holden Mägdlein, die, malerisch gruppiert, seinen Wagen umstanden. Er hatte nur Augen für die Schätze, die sie ihm in kostbar alten Kisten und seltsam verbogenen Gefäßen darreichten. Mochte die Last, die so ein schwaches Jungfräulein auf den hohen Wagen zu heben hatte, noch so schwer sein, nie beugte er sich über seines Wagens Brüstung, um dem schwachen Wesen behilflich zu sein. Nur beim Entleeren des Gefäßes griff er selbst Hand an, der Habgierige, auf daß auch nichts von dem Inhalte in der Opferschale zurückbleibe. Er begnügte sich nicht damit, daß ihm die ehrsamen Bürger der Stadt ihre Opfergaben durch schöne Jungfrauen an den Wagen bringen ließen, er verlangte auch, daß die Schätze gesalbt, mit dem heiligen Wasser der Stadtbrunnen geweiht und besprengt seien. Wehe aber, wenn ein Mädchen dies unterließ! Dann schalt und drohte er grimmig, und manches Wort entfuhr ihm, das man selbst am Fuße des Žižkaberges nicht allzuhäufig vernommen. Die trägen Mägde mußten nochmals zurück in das Haus und neuerlich wiederkehren.

Aber er war schön in seinem Groll und manches Mägdlein unterließ es, ihre Gabe zu besprengen, um in des kühnen Ritters Auge den Blitz des Zornes zucken zu sehen. Andere aber vergaßen in ihrer heimlichen Liebe zu dem Ritter, die Gabe zu nässen. Und wieder andere Mägde waren, wie das damals vorzukommen pflegte, sehr faul und besprengten deshalb die Asche nicht.

Nur eine Einzige vergaß niemals an ihre Pflicht. Das war ein Mädchen, so brav und tugendhaft, wie es nur im Märchen vorkommen kann. Dieses fegte sorgsam die Aschenreste der ganzen Wohnung zusammen und legte sie fein säuberlich in eine alte Kohlenkiste zusammen, besprengte sie mit Wasser und ließ sich durch die anderen Mägde, welche müßig und schwatzend auf dem Gang umherstanden, nicht stören. Deshalb nannten sie die anderen: „Aschenbrödel.“

Der sorgsame Eifer dieses Mädchens war dem Ritter nicht verborgen geblieben. Sein Herz entflammte in jäher Liebessehnsucht zu der minniglichen Maid, und er mußte dem Mädchen nachschauen, wenn er sein Werk beendet hatte und wieder von dannen fahren mußte gegen Hrdlořez, wo er in einer Senkgrube alle die Schätze verbarg, die er tagsüber eingeheimset hatte. Und er begann das Aschenbrödel sichtlich auszuzeichnen, er half ihr beim Aufladen des Schatzes, er lächelte ihr von der Höhe seines Wagens freundlich zu.

Ist es da ein Wunder, daß das Aschenbrödel hoffärtig wurde, und daß es beschloß, den Rittersmann, den sie selbst minniglich liebte, auf die Probe zu stellen, wie weit seine Liebe gehe. Auch wollte sie den anderen Mägden, die sie bislang aus ihres Herzens Grunde verachtet hatten, die Liebe des Ritters beweisen. So fegte sie an einem schönen Herbsttage die Asche wie sonst zusammen und häufte sie in die Kohlenkiste, aber sie besprengte die duftige Gabe diesmal nicht mit Wasser.

Als sie hinunter kam vor des Hauses Pforte, wo schon die anderen Jungfrauen auf ihres Ritters Ankunft harrten, da wurden diese schier starr vor Staunen. Denn aus Aschenbrödels Kiste wirbelte beklemmender Staub empor ...

Atemlos und begierig wartete man des Ritters. Dieser kam herbei und sein Gefährt hielt. Mit zitternden Knien, bleich vor Erregung, kam Aschenbrödel mit ihrer Truhe herbei — galt es doch heute die Liebesprobe. Liebevoll neigte sich der Recke zu ihr, um ihr behilflich zu sein, als er den Staub bemerkte, der aus der hölzernen Opferschale des Mädchens emporstieg. Einen Augenblick sah man ihn zaudern. Sollte er, um seiner Liebe willen, für heute die Mißachtung seiner Vorschrift ungerügt hingehen lassen? Nein, sagte sein Rittersinn. Und mit schmerzlichem Sinn verweigerte er die Annahme der Gabe. Er wandte sich den anderen Mägden zu, welche ihr höhnisches Lachen nicht verbargen.

Aschenbrödel ging nicht in das Haus zurück. Sie stellte den Kehrichtbehälter auf die Erde, setzte sich darauf, schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Aber die Staubwolke, die aus dem Gefäße hervorstieg, vermochte das Mädchen durch sein Körpergewicht nicht zurückzuhalten, die Wolke hob Aschenbrödel in die Höhe, hüllte es ein und entführte es in die Prager Luft, in der es bald den Blicken der staunenden Mägde und des schier zu Eis erstarrten Recken entschwand.

Seither hat man nichts mehr von Aschenbrödel gesehen, nichts mehr von Aschenbrödel gehört.

Aber der Ritter hat die Hoffnung nicht aufgegeben, daß das Mädchen doch im Gleitflug irgendwo landen und wieder in die Stadt zurückkehren könne. Und während längst in allen anderen Städten der Erde die staubfreie Müllabfuhr mittels Kehrichtschächten, mittels verschlossener, auswechselbarer Eisenkisten und mittels verschlossener Wagen eingeführt worden ist, fährt unser Ritter noch heute auf seinem Streitwagen suchend durch die Straßen jener Märchenstadt, läßt sich von den minniglichen Mägdlein den Inhalt offener Kästen in den offenen Wagen schütten und wird so fahren bis zum jüngsten Tag.

Weihnachtsmarkt

Unter dem Balkon des Altstädter Rathauses wurde an einem heißen Junitage des Jahres 1621 an sechsundzwanzig böhmischen Adeligen ein furchtbares Blutgericht vollzogen. Gegenüber, unter den Türmen der Teinkirche liegen die Gebeine des Tycho, der gestorben ist, weil er an der Tafel seines gekrönten Freundes das spanische Zeremoniell nicht verletzen und deshalb ein plötzliches Unwohlsein mit Gewalt niederkämpfen wollte. Zwischen diesen beiden Stätten breitet sich ein großer Platz, auf dem verhärmte Menschen allabendlich, vor der Madonnenstatue kniend, inbrünstige Lieder singen. Aber im Dezember, vom Sonntag vor Nikolo bis zum Weihnachtsabend, wogt auf diesem Platze Weihnachtstreiben.

Und doch: Selbst im Jahrmarktskleide verliert der Ringplatz sein sentimentales Gepräge nicht, und aus dem Lärm der Ausrufer, der drängenden und gedrängten Menschenmassen, der Marktschreier und Verkäufer dringen die Untertöne der Schwermut hervor. Es ist kein Jahrmarkt. Zwar ist es vollzählig versammelt, das fahrende Volk, das während der übrigen elf Monate die Bewohner der böhmischen Dörfer beglückt, aber hier im Zentrum der Großstadt nehmen sich seine Waren und Vergnügungen allzu armselig aus. Die Jahrhunderte mit ihren Errungenschaften sind spurlos an ihnen vorübergegangen, und die Späße, Schaustellungen, Buden und Verkaufsobjekte hätten samt und sonders auch in den Zeiten kein Staunen erweckt, deren Ereignisse den Prager Ringplatz zu einer historischen Stätte stempelten.

Parallel zur Front des Platzes, welche die Zeltnergasse verlängert, läuft eine der Budenstraßen. Sie ist das Dorado der Spielwarenhändler. Aber was sind das für Spielwaren, die hier feilgeboten werden? Keine Miniaturautomobile oder Miniaturaeroplane, keine sprechenden Puppen und singenden Kanarienvögel — nichts von raffinierten Kunstwerken für Kinder der Reichen. Nur Zehnkreuzeruhren, nur Ballons auf dünner Gummischnur, nur Holzpferde auf Rädern, papierene Tschakos und hölzerne Säbel. Musikinstrumente überwiegen — wir sind im Heimatland der böhmischen Musikanten. Kinderviolinen, denen selbst ein künftiger Kubelik keine Töne zu entlocken vermöchte, Flöten, in die man von beiden Seiten mit der gleichen nervenmarternden Wirkung blasen kann, verschiedengestaltete Gummispezialitäten, die aufgeblasen werden, um mit herzzerreißendem Gekreisch den fremden Odem wieder auszuhauchen, Mundharmonikas, runde Mundpfeifen, mit denen man das Zwitschern der Nachtigall wenn auch nicht nachahmen, so doch persiflieren kann u. dgl. Dann die armseligen Nikolos, die aus einer unmöglichen Gipsmaske mit langem weißen Bart bestehen, an die sich ein weißes Papiergewand schließt, dann die Krampusse, die armen Teufel, die nicht Furcht erregen, sondern nur Mitleid erwecken können, dann die Soldaten, die in jeder besseren Kinderstube als untauglich erklärt oder superarbitriert werden würden.

In einer anderen der hier entstandenen Straßen stehen die braunleinenen Warenhäuser, deren Besitzer sich von dem Pumpernickel nähren, den andere essen müssen. Lebkuchenherzen dominieren; sie weisen Inschriften aus Tragantzucker auf, die ebenso geistvoll, wie schmackhaft sind. Auf den Firmenschildern aus Wichsleinwand sind lauter vergrößerte Ehrenmedaillen und Ordensauszeichnungen abgebildet. Es scheint also, daß in Potentatenfamilien Pumpernickel leidenschaftlich geliebt wird und daß die Monarchen bei freudigen Anlässen einander Lebkuchenherzen schenken.

Rote und schwarze Kegelchen stehen auf einem Verkaufsbrett: Räucherkerzen. Die Erfindungen der Parfümindustrie haben diesen Artikel, der beim Glimmen wie ein rauchender Vesuv aussieht, nicht aus der Welt zu schaffen vermocht. Die moderne Technik der Papierindustrie wiederum hat nichts mit den handgeschnittenen Papiersternen und den zusammengeklebten Papierketten zu tun, welche in der benachbarten Bude zur Verzierung der Weihnachtsbäume käuflich erworben werden können.

Überhaupt die Technik! Die Budenbesitzer haben die denkbar schlechteste Erfahrung mit ihr gemacht. Vor einigen Jahren hatten sie z. B. den Phonographen in den Dienst des Jahrmarktes und auf einen Tisch inmitten der Budenstadt gestellt. Dieser Phonograph posaunte nicht — wie es die anderen Phonographen tun — seine ganze Weisheit durch einen Schalltrichter in die Welt hinaus, sondern er flüsterte sie durch dünne Gummischläuche den besonderen Menschen ins Ohr, welche sich von den anderen Passanten wohltuend durch die Entrichtung von drei Kreuzern unterschieden. Die anderen Menschen aber konnten gar nichts hören, und blickten daher staunend auf die neben ihnen stehenden Auserwählten, deren Mienen eine unbändige Heiterkeit verrieten und deren Körper und Füße in irgend einem Marschtakte zuckten. Ebenso unerklärlich war es den Leuten, warum der Mensch, der sich wieder an einer anderen Stelle des Weihnachtsmarktes in herzbewegenden Grimassen, schmerzhaften Ausrufen und krampfhaften Körperzuckungen erging, die Halter der Elektrisiermaschine nicht einfach loslasse ... Aber der Phonograph hat sich auf dem Prager Jahrmarkt nicht rentiert, er war dort heuer nicht mehr anzutreffen, und auch die Elektrisiermaschine sucht nur noch in den Nachtlokalen der unteren Zehntausend ihren Erwerb.

Einen Augenblick könnte man doch glauben, die größten Wunder der Technik seien vertreten. Wenn man nämlich den hochtrabenden Worten des Ausrufers vor dem „Mechanischen Theater“ Glauben schenken würde, der im nördlichsten Teile der Marktstadt seine Nachbarn, die Ausrufer der drei Ringelspiele, der vier Schießbuden und des Panoptikums durch Ton und Inhalt seiner Anpreisungen zu übertreffen sucht. Aber wenn man den Lockungen des Mannes vom „Mechanischen Theater“ folgt, dann ist es mit dem Glauben an irgend eine maschinelle Vorführung gründlich vorbei. Man sieht ein großes Kinderspielzeug, das wohl irgend ein invalider Bergmann in seinen Mußestunden mit geschickten Händen gefertigt hat. Es stellt ein Bergwerk dar, und dessen Lebewesen werden durch eine im Hintergrunde versteckte Kurbel bewegt. Durch diese dynamische Kraft bewegen sich die Männchen — die „Panaken“, wie man in Prag sagt. Bergleute mit Hunten fahren im Schachte auf und nieder, sie hacken Erz und sie trinken. Oben bewegt sich der Leichenzug eines verunglückten Bergmannes. Zuerst der Leichenwagen, dann die weinende Witwe mit den Kindern, dann der nach allen Seiten grüßende Geistliche, dann die Schar absolut unmöglicher Bergleute in Reih und Glied. Es ist zum Weinen. Auf beiden Seiten des Budeninnern steht je eine Kulisse. Die eine stellt einen Seesturm, die andere eine Karawane dar, und so vervollständigen sie beide die Illusionen, daß man sich in einem Bergwerk befinde.

In den photographischen Ateliers werden Bilder hergestellt wie weiland zur Zeit Daguerres, und die Kunstblumen, die man feilhält, sind so ehrlich imitiert, daß kein Mensch sie für echte halten könnte. Während längst andere Städte ihren Lunapark haben, in dem alle Errungenschaften des Maschinenbaues zu irrsinnigen menschlichen Vergnügungen ausgeschrotet sind, gibts auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele mit sichtbarem Handbetrieb. Und während man anderswo in spiritistischen Seancen des Schicksals Tiefen zu erforschen droht, läßt sich hier — allerdings mit der gleichen Wirkung — das Prager Dienstmädchen von weißen Mäusen oder Kanarienvögeln die „Planeten“ ziehen, Zettel mit gedruckten Weissagungen und — allerdings entrichtet man hiefür eine erhöhte Taxe — mit dem Bilde des Zukünftigen. Während anderswo die Hygiene ängstlich für das Wohl des Menschen sorgt, reißt hier der Fruchthändler mit schmutzigen Händen schmutzige Datteln von den schmutzigen Waben und wickelt sie in schmutziges Papier. Auch „Niko Petkovac“, der biedere Südslawe mit dem braunen Gesicht und der Astrachanmütze, macht Geschäfte mit seinem „Sultansbrot“ und „türkischen Honig“. Unten, an der Niklasstraße schon, feiert Kasperl, der von Gottsched feierlich von der Bühne verbannte Kasperl, im Kampfe mit einem Hündchen herrliche Triumphe.

Überhaupt: Der Markt übt seine Anziehungskraft aus. Die anderen Marktfeste, die „Fidlovačka“, das Fest der Schusterinnung im Nusler Tal, das „Strohsack“-Fest der Schneidergilde in Bubentsch, das Mathäi-Fest in der Scharka, das Josefi-Fest auf dem Josefsplatz und das „Ordens“-Fest im Stern sind teils abgeschafft, teils bedeutend restringiert worden. Nur der Nikolo- und Weihnachtsmarkt, gerade das Fest im Innern der Stadt, ist in der alten Form erhalten geblieben, und steht jetzt ohne Konkurrenz da. Ob es nun Pietät ist, ob man der Tradition huldigt, ob es zu den weltmännischen Neigungen mancher Gesellschaftsklassen gehört, sich in Kirchweihfesten auszuleben — der Markt ist voll von Menschen. Sie ziehen an den Dezembersonntagen in bunten Scharen auf den Ring, in diese aus morschem Holz gezimmerte Stadt, deren Gassenfronten aus verschlissener Leinwand sind. Aus allen Vorstädten kommen die Menschen und drängen sich hier, die Handwerksleute mit Weib und Kind, die bekannten Prager Lebeknaben aus den Kolonialwarengeschäften und Werkstätten, Dienstmädchen, Fabriksmädel, Ladenmamsells, Mädchen für alles und noch mehr. Alles was sonst in Tanzlokalen der Vororte und auf den Schleifplätzen der Moldau die Liebe sucht, ist im Dezember hier vereint. Der langhaarige Jüngling nähert sich innig im Gedränge seiner Angebeteten. Oder er schleudert, wenn eine Schöne in entgegengesetztem Menschenstrom vorbeikommt, ihr seinen Papierball, dessen Gummischnur er in der Hand hält, als schüchternen Annäherungsversuch wuchtig ins Gesicht. Das Mädchen quittiert mit quietschendem Aufschrei, aber sie fühlt sich durch die gezollte Aufmerksamkeit geehrt, und mißt ihren Anbeter mit einem Blick, in dem Aufmunterung, Aufforderung, Leichtsinn und vielleicht ihr Schicksal liegt.

Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde

Auf meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue Jahrzehnt hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige Beichte diesen Alp von meiner Seele abwälzen. Meinem Gedächtnis, dem vielleicht einzelne Phasen des Verbrechens entschwunden oder verwischt sein könnten, kann ich ja leicht nachhelfen. Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek in den gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen. Darin steht die reine Wahrheit.

Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden Beispiel für künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der Vorfall ein bedeutsamer, und ich glaube: Über den Prager Fenstersturz, der den dreißigjährigen Krieg einleitete, wurde nicht so ausführlich berichtet, wie über meinen Hinauswurf aus dem Altstädter Rathause.

Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals im Prager Rathause skandalös benommen habe. Und darf man sich denn im Prager Rathaus skandalös benehmen? Hat man überhaupt schon gehört, daß sich jemand im Prager Rathause skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich unbedingt zugeben, daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht hinausgeworfen, sondern man hat mich durch den Stadtverordneten Březnowsky hinausexpedieren lassen.

Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt, obwohl er sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung beschäftigt. Er hat es nicht getan, weil ich es nicht verdiente. Habe ich mich denn nicht, laut Bericht des „Hlas Národa“, das einem alttschechischen Stadtverordneten gehört und dem daher in Rathauskreisen eine gewisse Authentizität zukommt, „sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“ so heißt es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908 u. a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem Ausrufe ‚Ich werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er blitzesschnell die Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke: Ich habe einem unserer Stadtväter einen Stoß versetzt, und die ehrwürdige Ratsstube eine Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich eigentlich nicht geklagt worden! Wie übel wäre es mir doch ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen, denn auch das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in aufgeregtem Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich Diebstähle (die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten Artikel) aus dem Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß gegen den Stadtverordneten Vanha registriert das Rathausorgan, und weiß sogar das interessante Detail hinzuzufügen, daß ich den Stoß mit der Faust versetzt habe.

Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem Mantel der Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein Bericht sonst an Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen übrig läßt. Er schreibt u. a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied der „Bohemia“ „buršák“ Kisch ein, der durch seine Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es wurde ihm gesagt, daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des Kollegiums das Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches alles, was aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner hinzu und führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte, drohte und lehnte sich auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als zu suchen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hatte.“ Im weiteren Verlaufe des ausführlichen Berichtes registriert das genannte Blatt die Tatsache, daß nach meiner angedrohten Enthüllung über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem auf den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So?

Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“ durch Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber doch in seinem Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen Blätter, schrieb Georg Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter war, man habe die Stiefel hinausgetragen, in denen ich steckte.

Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere sterben, ein Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine Erklärung: Er heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit mir identisch. Ich kann dies vollinhaltlich bestätigen, und um auch den Rest jeden Verdachtes von dem Herrn abzuwenden, erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich überhaupt nicht mit ihm verwandt bin. Auf Ehrenwort.

Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner schämte. Der „Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie kann nichts für ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon Kisch, Redakteur der „Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet, mein Neffe, und ich bin überhaupt nicht mit ihm verwandt. Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II, Zderasgasse.“ Der „Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende Erklärung am nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann ein Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte, wieso gerade das klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus ein verrufenes sei.

Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und die Abgeordneten sollen sich höchlichst darüber verwundert haben, daß man sich auch unanständig benehmen könne.

Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung bringt, reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei passierte dem Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen dieser Zeitschrift gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in ein falsches Fach gegriffen haben, und — wie es der Zufall oft will — es war wirklich mein Bild, das er erwischte und das ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte, daß ich ein sehr mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser Photographie bin ich „bitte, recht freundlich“.

Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in der Nation gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung, aus der ich cum infamia exkludiert worden war, erschien ein ausführlicher Bericht in den deutschen Blättern. Mit bangem Grausen, von grenzenlosem Entsetzen gepackt, richtet der „Čech“ an die Nation am 12. November die Gewissensfrage: „Wer hat wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten Kisch mitgeteilt, was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und weiter: „Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen ...“

Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese „verdächtigen Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die Berichte über das Rathaus erscheinen in den deutschen Blättern auch weiter mit gebührender Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden Folgen war also mein Ausflug aus dem Rathaus für mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen Rippenstoß versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können! Peccavi.

Prager Ziehung

Im Ziehungssaale der Lotterie strömen alle die Gefühle zusammen, die auf den Pawlatschen und in den Waschküchen, auf dem Markte und in den Fabriken, bei den Planetenziehern und bei den Kartenlegerinnen, in und vor den Kollekturen in gewisperten Gesprächen des Aberglaubens und der Mystik zum Vorschein kommen. Der Ziehungssaal der Lotterie ist vielleicht der einzige Raum, in welchem eine Harmonie des Einzelempfindens eine Massenstimmung bildet, die nicht das Produkt momentaner Erregung ist. Die fremden Menschen, die sich hier drängen, sind wohl, was die Herkunft, was den Charakter anlangt, von einander grundverschieden. Herabgekommene, und solche sind da, in deren Geschlecht seit Menschengedenken nur gerüchtweise bekannt war, daß es irgendwo Wohlstand gebe. Die Gruppen sind schwer zu unterscheiden — das Elend hat die Unterschiede ihrer Abstammung verwischt, die Einleitungskapitel ihrer Lebensromane sind mit freiem Auge nicht lesbar. Aber die laufenden Kapitel, die ihres gegenwärtigen Seins, stehen deutlich in ihrer Anwesenheit, ihren Blicken, ihren Gesten, ihren Worten, ihren Ausrufen geschrieben. An allen diesen Menschen zerrt eine quälende Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal, in allen diesen Menschen zuckt als einzige Hoffnung die Hoffnung auf den Zufallsgewinn, aller dieser Menschen Glauben ist der Aberglauben. Ihr Handeln beschränkt sich auf das Abreißen des Marginales an den Kollekturen, auf das Auslegen von Spielkarten, Träumen, Erscheinungen und Ereignissen, und auf deren Transponierung in Ziffernwerte, auf den Ankauf von Riskonti und auf ihr Erscheinen bei der öffentlichen Ziehung. Alle ihre Hoffnungen heißen Terno und Ambo, Nominate und Extratto.