Aus Prager Gassen und Nächten

Part 7

Chapter 73,481 wordsPublic domain

Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute, wie verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen Beamten erstatten dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse, die Detektivs werden nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet, der Boden der Großstadt wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig Verhaftete. In der Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses werden ihre Personalien aufgenommen, die Taschen untersucht, Zellen angewiesen.

Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche Untersuchungen vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in den bekannten grünen Karossen in das Strafgericht, in das Bezirksgericht, in das Allgemeine Krankenhaus oder in die „Fišpanka“, das städtische Arbeitshaus, befördert. Da gibt es dann Requirierungen und Erhebungen, die Heimatszuständigkeit muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt, Convoyanten für die abzuschiebenden Personen beordert werden und was dergleichen schöne Schreibereien mehr sind.

Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr als die Prager Verbrecher und Vagabunden über die Prager Streifzüge der Polizei schimpfen!

Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin

Das rote Riesenhaus, das neben dem Garnisonsfilialspital breitspurig dasteht und die Lorettogasse verstellt, beherbergt gar seltsames Volk. Die Häftlinge der Strafanstalten sind unschuldige Waisenknaben gegen die Gäste dieser Anstalt, welche — ausdrücklich wird das hervorgehoben — durchaus keinen Strafzweck verfolgt. In den Strafhäusern gibt es Diebe, Betrüger, Raubmörder aus Not, Raubmörder aus Überlegung, Affektsverbrecher, die vielleicht ein zweites- oder ein drittesmal das Verbrechen nicht mehr verüben würden. In der Zwangsarbeitsanstalt wohnen nur Individuen, deren Strafliste ganz beträchtliche Dimensionen angenommen hat. Die Quantität der Strafen, nicht die Qualität entscheidet. Manche der Zwänglinge haben über hundert Strafen aufzuweisen, und wenn einer oder der andere auch ein mehrfach vorbestrafter Dieb oder Mörder ist, so ist er das nur nebenbei, und diese Bagatelle hat mit seiner Detention im Arbeitshause gar nichts oder nur wenig zu tun.

Die dreihundertdreißig braungekleideten Bewohner der Landeszwangsarbeitsanstalt sind aus harmloseren Gründen hier. Die Reichsgesetzblätter Nr. 89 und 90 vom Jahre 1885 haben die Errichtung der Zwangsarbeitsanstalten bloß zur Vermeidung von Vagabundage und Bettelei verfügt. Die Anstalten sollen einerseits ein Prohibitivmittel gegen das Landstreichertum, gegen die Belästigung durch Vagabunden und für die Verhütung von Verbrechen sein — ein Zweck, der wohl erfüllt wird. Aber andererseits sollen auch die hierher kommenden arbeitsscheuen Individuen gebessert, zur Arbeit erzogen werden. Damit ist es nichts. Siebzig Prozent bleiben ungebessert. Und die restlichen dreißig Prozent sind auch zum Teile als dubios zu buchen, denn wenn auch keine Mitteilung von einer Gerichtsstrafe eines oder des anderen Entlassenen eintrifft, wer bürgt dafür, daß nicht der biedere Landstreicher in der Zelle irgend eines Bezirksgerichtes unter falschem Namen Obdach gefunden hat? In den Besserungsanstalten für Jugendliche sind gute Resultate aufzuweisen. Aber in die Prager Anstalt kommen nur Leute im Alter von achtzehn bis fünfzig Jahren und die können sich an seßhafte Lebensweise nicht mehr gewöhnen. Der Staub der Landstraße ist ihnen Lebenselement geworden, die Mühen der Fußwanderung und die Chikanen der Gendarmen fechten sie nicht mehr an, ein wilder Reisewahn hat sie gepackt, sie wandern von Ort zu Ort, der Schubwagen ist ihnen eine feine Reisegelegenheit, das Arrest ein famoses, warmes Obdach. Arbeiten — wozu? Wer weiß, ob sie nicht recht haben.

Gar mancher von ihnen hat Haus und Hof verlassen, um arm durch die Welt zu flanieren, viele lassen den Lohn in den Händen ihres Arbeitsgebers zurück, sie schleichen sich — vom Reisefieber plötzlich gepackt — bei Nacht und Nebel aus dem Hof und wandern auf Straßen und Feldrainen geldlos ins Weite. Was man braucht, kann man erbetteln, kann man stehlen. Gelegenheit zum Diebstahl ist immer da, Häuser, Ställe und Scheuern stehen offen. Und doch: Die Zahl derer, die in ihren hundertzwanzig Vorstrafen kein einziges Diebstahlsdelikt aufzuweisen haben, ist nicht gering. Ihre Liste ist einförmig. Immer kehren nur die §§ 1 und 2 des Vagabundagegesetzes wieder. Ehrliche Vagabunden. Sie sind auch durch die wiederholte Detention in Zwangsarbeitsanstalten nicht zu bessern und — nicht zu verderben.

Denn auch die Gefahr des schlechten Einflusses ist nicht ausgeschaltet, da in den Zwangsarbeitsanstalten die ehrlichen Vagabunden mit wiederholt bestraften Schwerverbrechern beisammen sind. Wünschenswert wäre, wenn für die Gewohnheitsverbrecher eigene Arbeitshäuser errichtet werden würden, oder wenn man sie deportieren würde.

Immerhin wäre es ungerecht, wenn man nicht konstatieren wollte, daß auch unter den gegebenen ungünstigen Verhältnissen jährlich eine ganz respektable Zahl von Gebesserten die Anstalt verläßt. So zum Beispiel ein lichtscheues Individuum, das vor Jahren an einem Raubmord in Prag beteiligt gewesen war. Der Gerichtshof hatte ihm eine mehrjährige Kerkerstrafe zuerkannt und sich außerdem für die Zulässigkeit seiner Abgabe in eine Zwangsarbeitsanstalt ausgesprochen. Die „gemischte Landeskommission“ bei der Statthalterei, welche die Aufnahme in die Arbeitsanstalten verfügt, entschied sich für den Antrag des Gerichtes, und so kam der Bursche nach längerer Haft in Pankratz in die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. Hier benahm er sich so korrekt, daß man nach einem Jahre zu seiner bedingten Entlassung schritt, d. h. ihm eine Anstellung besorgte und ihn außerhalb der Anstalt wohnen läßt, trotzdem er noch in deren Stand gehört, und von dieser, wenn er sich nicht bewähren würde, jederzeit eingezogen werden kann. Aber er bewährt sich. In der Schneiderwerkstätte, in der er als Lehrling arbeitet, hat nur der Meister, nicht aber auch seine „älteren“, aber halb so alten Arbeitskollegen eine Ahnung von seinem Vorleben. Der Verein zum Wohle entlassener Sträflinge zahlt ihm die Wohnung, Kleidung und einen Zuschuß von wöchentlich zwei Kronen für Wäsche und Nachtmahl gibt ihm die Anstalt, die übrige Kost erhält er von seinem Meister. Er arbeitet überaus strebsam, und der einstige Raubmörder freut sich schon darauf, bald Geselle werden und sich sein Brot ehrlich selbst verdienen zu können.

Mag sein, daß man sich irrt, und daß der Bursche wieder zur alten Lebensweise zurückkehrt, wenn er dem Auge der Anstaltsleiter entrückt ist. Denn eigentlich sind alle Zwänglinge während der Zeit ihrer Internierung fleißig und folgsam. Sie arbeiten an den Handwebstühlen, an der Erzeugung von Papiersäcken, in den Tapezierer-, Schuster-, Schlosser- und Tischlerwerkstätten, in der Korbflechterei und im Anstaltsgarten, in der Küche und auf den Gängen, in den Arbeitskolonien auf den Feldern und Stallungen der kaiserlichen Güter in Litowitz, Hostiwitz, Rot-Aujezd und Tachlowitz, der Privatgüter zu Dubetsch, Kletzan, Biechowitz und Radigau, sie planieren und regulieren den Erdboden beim Bau der Landesirrenanstalt in Bohnitz und verrichten in der Kadettenschule, in der Strakaschen Akademie, im Palais Toskana und in der Landesfindelanstalt verschiedene Handlangerdienste. Sie arbeiten, weil sie von den anderen abgesondert werden würden, wenn sie das nicht täten. Strafen oder ein anderer Zwang zur Arbeit werden in der Zwangsarbeitsanstalt nicht angewendet. Dessen bedarf es umso weniger, als die Zwänglinge am Lohn ihrer Arbeit partizipieren. Sie sind in drei Klassen eingeteilt. Acht Monate bleiben sie in der dritten, der letzten Gehaltsklasse, in der sie zwanzig Prozent von ihrem Verdienst erhalten, der Rest fließt dem Anstaltsfonde zu. Nach Ablauf der acht Monate rücken sie in die zweite Klasse vor, in der sie fünfundzwanzig Prozent behalten dürfen, nach weiteren acht Monaten in die erste Klasse, in der dreißig Prozent ihres Arbeitsertrages ihr eigen sind. Einen Teil dieser Dienstprämie darf der Zwängling zur Aufbesserung seiner Kost verwenden. Das Nachtmahl ist wohlweislich schon so frugal bemessen, daß es einer solchen Aufbesserung dringend bedarf — ein Ansporn zur Arbeit. Der Rest der Verdienstesprämie wird dem Korrigenden aufbewahrt und oft erhält dieser nach Ablauf seiner Internierung — diese währt mindestens zwei und höchstens drei Jahre — einen ersparten Betrag von hundert Kronen ausgehändigt.

Die Hoffnung auf die Aushändigung des Verdienstes kann manchen nicht vor dem Entweichen abhalten. Aus dem Anstaltsgebäude selbst kann wohl niemand flüchten, denn die Gittertüren auf den Korridoren und die dichtgekreuzten Eisenstäbe in den Fenstern haben aus dem alten Palast der Trauttmansdorffs, aus diesem stillen Kleinseitner Patriziergebäude, in dessen Garten vor drei Jahrhunderten Tycho de Brahe seine erste Sternwarte errichtet hatte, einen Käfig gemacht. Aber draußen in den Arbeitskolonien, wo die Sonne zur Wanderschaft lädt, wo das rote Wirtshausschild so freundlich zum langentbehrten Schnapsgenuß auffordert, wo ein Hügel dem Zwängling zeigt, daß kein Aufseher in der Nähe und die Welt so groß ist, da packt den Vagabunden die alte Leidenschaft, da vergißt er, daß ihn seine Kleidung stigmatisiert, da vergißt er, daß ihm die Flucht arg bekommen wird, da vergißt er, daß er für jede Strafe zwei Monate länger in der verhaßten Anstalt bleiben muß, da vergißt er, daß in der Zwangsarbeitsanstalt auch Pfähle sind, an die man strafweise angebunden wird.

Dort in der Ecke der Korbflechterwerkstätte sitzt so ein Bursche, der erst vor kurzem entwichen und wieder eingebracht worden ist. Direktor Tilšer geht vorbei und fragt auch ihn, wieviel er heute gearbeitet habe. Die Antwort wird in kaum verständlichem Tone geknurrt. Und aus den Augen des Gefragten kommt ein wilder Blick des Hasses, eine Botschaft jener Gefühle, die vor kurzem die Revolte der Korrigenden in Bohnitz entfacht und ein Menschenleben gekostet haben.

Theatervorstellung der Korrigenden

In dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums so viele Veranstaltungen „Fürs Kind“ stattfanden, gab es auch eine, deren Arrangeure ihre Veranstaltung als Selbstzweck betrachteten. Kein „Anlaß“, kein „wohltätiger Zweck“. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit bewies? Die Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin.

Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben eine Theatervorstellung statt. Direktor Tilšer hatte mir nach Erscheinen eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen der Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte, die Einladung zu dieser Vorstellung gesandt, damit ich „bei dieser Gelegenheit auch die lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen lernen“ möge. So kam ich hinauf.

Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige promenierten, nur wenige vergnügten sich am Kegelspiel. Die meisten drängten sich vor dem breiten Tor, das sich nun bald öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus zu lassen. Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den Kassen zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz.

Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig adaptiert. An der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne.

Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des Deutschen Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg. Dr. Ludwig Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen kassierter Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke war der Vorhang geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske bemalt worden. Oben das Landeswappen und einige naive Landschaften. Irgend eines Korrigenden Werk. Vor der Bühne brennen zwei halbverdeckte Gaslampen — die einzige Beleuchtung des langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar seltsam aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichtern und scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten, andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern auf den Bänken da. Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede im Publikum. An der Wand stehen die Aufseher in Uniformen als Logenschließer. Vor die Bankreihen, auf denen die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von Stühlen gestellt, die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die Fauteuils für die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und Kinder von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken ausrangierte Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen — Teppiche.

Heute ist deutsche Theatervorstellung, „Deutsches Landestheater“ wie die Zwänglinge sagen. Das „Tschechische Nationaltheater“ hat eine Woche vorher gespielt. Aber das Publikum ist zweisprachig. Wenn auch mancher kein Wort von dem versteht, was da oben auf der Bühne gesprochen wird, so freut er sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen Kollegen auf dem Podium.

In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier Mann. Der Kapellmeister fehlt dem „Deutschen Landestheater“ ... Die Musikanten dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter, gebückter Mann mit einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt blickt. Der zweite Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes Haar und einen stattlichen Schnauzbart: er ist ein ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu Stufe gesunken ist, und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa vierzigjähriger Mann die Flöte; sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist tief in die Stirne gekämmt — der Typ des „šumař“, des böhmischen Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention, in den Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten beim Bau der Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst angefertigt, und er beherrscht das Instrument ganz famos, trotzdem er nie Harfespielen gelernt hat. Sie sind Tausendsassas, diese Gegner der Arbeit.

Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei näherer Betrachtung merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann ist, sondern ein Korrigend, der den Feuerwehrmann spielt, weil eben ein solcher zu jeder anständigen Theatervorstellung gehört. Der Mann hat blankgeputzte Röhrenstiefel, einen sauber gewaschenen Zwillichanzug, einen Feuerwehrhelm — aus Pappendeckel und einen Gürtel aus dem gleichen feuersicheren Material. Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und sein Blick schweift fortwährend durch den Saal, inspizierend und Bewunderung heischend.

Man spielt heute, laut dem autographierten Programm, das auch die Namen der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst das „Versprechen hinter’m Herd“. Hinter der Bühne wird geläutet, die Musik bricht jäh ab, der Souffleur kriecht coram publico in einen in der Korbflechterei hergestellten Strandkorb, dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist. Der Vorhang hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht weiter. Aber der Darsteller des „Freiherrn von Strietzow“ legt selbst Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die Erwartungen, die man nach dieser vielversprechenden Leistung des „Baron Strietzow“ an diesen knüpft, werden leider nicht erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein Gefühl für das Parodistische, das in dieser Rolle des Berliner Salontirolers liegt. Er redet nicht „berlinerisch“, sondern den Dialekt, den man in seinem Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein Kostüm ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein gigerlhaftes, und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen. Sogar wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten „Nationalgesang“ vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er trägt ihn vor, so gut er eben kann, und würde es unverständlich finden, daß ein Schauspieler absichtlich patzen soll.

Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. Sein Lob wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich räuspert, wenn er sich schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, wenn er sich nach herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart reinigt, wie er sein Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde liegt, des Dirndls Eigentum sein soll, langsam und schwerfällig auf das Papier kritzelt, ist er von einer Echtheit, wie sie kein Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und wie er dann mit geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt — das kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. Da sich die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer wieder in die Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. Aber auch auf den Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, gibt es Gendarmen, und die bewirken es, daß er immer wieder nach Prag, zum Schauspielerberuf, zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, mit der er den Wilddieb auf der Bühne verkörpert, könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: Erwischt wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter seinen achtzehn Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, Diebstahls, Vagabundage u. dgl.

Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer Korrigend. Er sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle vortrefflich. Den Sohn des Quantner und Geliebten der Nandl spielt gleichfalls ein junger Bursch. Er war noch vor kurzem in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in Grulich interniert, hat sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er dort brav und fleißig gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte er seine Kleider verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe angeschlossen. Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er geht fast fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab und bringt seine Sätze halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das wirkt sehr gut, denn er gibt ja einen unglücklichen Liebhaber.

Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und die Darsteller machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang fällt. Herr Direktor Tilšer willfahrt in liebenswürdiger Weise meinem Wunsche, die Bühne von rückwärts besichtigen zu dürfen. Man stellt die Kulissen zum nächsten Stücke auf. Der Protagonist, der „Quantner“, hockt auf der Schulter des „Feuerwehrmannes“ und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch „Fräulein Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig. Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur scheint es nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. Die Künstler achten streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. Auf einem Tisch liegt ein dickes Heft, auf dem von ungeschickter Hand mit Bleistift unorthographische Sätze gekritzelt sind: Die Rolle.

Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“ und der Witz besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher für den Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze hält, während sich der Fremde um die Hauslehrerstelle bei der Tochter des Privatiers bewirbt. Den Hauslehrer spielte ein junger Bursch, ein wiederholt vorbestrafter Einbrecher, ganz gut. Aber den größten Beifall hatte er, als er wie unversehens an seinen Partner anstieß, und in einem prächtigen Purzelbaum zu Boden stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem Lustspiel „Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen seines Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken versetzt, der entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet worden wäre. (Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke spielt übrigens auch ein ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz als Gentleman benimmt und seine Mahlzeit in einer Weise verzehrt, die auch den höchsten Anforderungen des guten Tones entspricht.

Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke ein weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend, wie diese wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den feierlichen, kindlichen Choral anstimmen.

Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie haben die Kostüme abzulegen und einzupacken, damit sie morgen der Maskenleihanstalt wieder rückerstattet werden können, von der sie um den Preis von drei Kronen ausgeliehen worden sind. Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden aus den Zinsen des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors gedeckt. Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang und der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen werden. Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, am Abend eine Stunde länger aufbleiben und die Rollen lernen zu dürfen; in dem Saal, in dem sie heute akklamierte Künstler waren, müssen sie morgen auf den Steinfliesen sitzen und Weidenruten zu Körben flechten. Für geraume Zeit bleibt ihnen nur die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren Seiten des Anstaltslebens“.

Das Märchen vom Mistwagen

Es war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine Stadt, die sehr, sehr alt war. Das konnte man an den vielen altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an dem Schmutz, der überall in den Straßen, auf den Plätzen, in den Häusern und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war. Während aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern dieser Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der Unrat um so mehr. So heilig war der, daß eine unverbürgte Sage ging, im Hause des weisen Rates der Stadt sei am meisten Schmutz verborgen und seine Erhaltung verschlinge jährlich viele Millionen Goldes.

Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf dem Žižka, der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer Gegend, die nach diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke. Der war ein kühner Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite, aber er war von unbezwingbarer Habgier beseelt. Er hatte nicht genug an dem Schmutze, der in seiner Behausung war, er wollte auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen. So fuhr er denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem hohen Streitwagen auf Beute aus.

Seine Farbe war grau. Grau war der Wagen, den er stehend lenkte, grau war der Morgen, wenn er seinen Beutezug antrat, grau war die Kunde von seines Vaters Nam’ und Art, und grau war der Inhalt der Kisten und Kasten, deren Besitz er erstrebte. Statt eines Helmes trug der reisige Held eine blaue Kappe, auf der das Wappen seines Heimatsortes prangte. In diesem Wappenschilde sah man ein vergittertes Fenster, wie man ihrer auch im städtischen Arresthause „Fišpanka“ mancherlei sieht, und in dem Fenster sah man einen Arm, der gebogen war, wie der Arm eines ritterlichen Mannes beim „Šlapák“-Tanze. Im Gegensatze zu den Hörigen und Unfreien, die draußen vor der Stadt auf dem Pankratius-Hügel wohnten und kurzgeschorenes Haar hatten, trug unser Ritter eine Locke in die Stirn gekämmt, die sein linkes Auge verdeckte, so daß er aussah wie sein Ahnherr Žižka. Das war das Zeichen, daß er kein Unfreier, sondern ein „freier“ war. Keinen Marschallstab, kein Szepter trug er in seiner Hand — nur eine Peitsche; wenn er aber die seinen mutigen Rössern um die Ohren sausen ließ, so erdröhnte ein stärkerer Knall als jener des Mörserschusses, der allmittäglich den Sklaven in dieser Stadt verkündete, daß sie in ihrer Robottarbeit innehalten durften.

Vor seinem Wagen schritt ein Herold, der kündete das Nahen des Recken, indem er eine Sturmglocke läutete.