Part 6
Weshalb aber der Nekrolog? Fängt denn nicht erst jetzt, da die letzte Hürde genommen ist, die Renaissance des Fußballsportes an? Mit nichten. Gerade jetzt, da der fußballspielenden Jugend auch der letzte Hauch des Märtyrertums genommen ist, da nicht mehr der romantische Reiz des Verbotenen besteht, da man gewissermaßen unter der Patronanz der Schule ein Endback oder ein Forward sein darf, gerade jetzt wird die Jugend aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein. Die Sportliebe war nur eine Ingredienz.
Und wenn nun auch noch ein Erlaß des Landesschulrates herausgegeben werden sollte, der den Gymnasiasten und Realschülern gestattet, Studentenverbindungen zu bilden, dann verbrenne ich das grün-silbern-blaue Band unserer Pennälerblase und sage endgültig meiner Jugendzeit ade.
Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister
Genau eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig geworden ist, die endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten, zweigen die Telephonstangen nach rechts ab, und man hat ihnen zu folgen. In der Třebizskygasse sieht man zum höchsten Erstaunen, daß die Gegenden, die man vorher durchschritten hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im Verhältnis nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer; wenn er doch auch kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger Färbung: Braune Spuren der Wagenräder, die den Schnee in Kot verwandelt haben.
Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz deutlich ansieht, daß er vor Jahren grün angestrichen war. In einer blauen Nische steht eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue. Rechts und links vom Bildstock stehen Häuser. Links ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts eine Reihe von langen Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt. Man würde diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der breite Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist es nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß hier die Prager Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation ist.
Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein am Rocke befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift „Kontumaz- und thermochemische Station“ und sein Aussehen sind die Abzeichen seiner Würde: Man hat einen jener Meister des Lassowurfes vor sich, die ihre Kunst nicht in der Prärie des wilden Westens, sondern in den Straßen Prags, nicht an Büffeln, sondern an Hunden ausüben. Ich frage den Schinderknecht nach seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf Nešvara, dem Wasenmeister von Prag. „Antouschek“ nennt ihn der Volksmund, seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil sein Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist. Ich trage Herrn Antouschek-Nešvara mein Begehr vor, die Vernichtungsstation besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen Rundgang durch die Gebäude an.
Zuerst öffnet Herr Nešvara die Türe zum langgestreckten Hundestall, in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes Gekläff geht an: Morituri te salutant! Sie sind alle „morituri“, die schönen stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die putzigen Pudel hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren sie in „Untersuchungshaft“ in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station für eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der Taborer Reichsstraße zwischen den beiden unbeschreiblich schönen Wyschehrader Toren befindet, und hier hätten sie ihre Besitzer binnen drei Tagen durch Entrichtung der Geldstrafe auslösen können. Das haben diese aber nicht getan und nun sind die Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind, vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so wütend, weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern, welche diese schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten, statt sie zu verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein aus unmittelbarer Nähe abgegebener Schuß aus dem Stutzen und der vom Menschen verlassene Genosse des Menschen wälzt sich in seinem Blute, oder — bei den kleineren Hunden wird es so gemacht — ein Beilhieb auf den Kopf und ein Hundeleben hat geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem erbitterten Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu hören.
Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im Hofe springen einige Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger Bernhardiner, namens „Cyrano“, liebkosend an Herrn Nešvara hinauf. Sie sind von diesem begnadigt worden und gehören zum Personale der Prager Fronerei. Schmeichelnd schmiegen sie sich an das Knie ihres Herrn, den Henker ihrer Stammesgenossen. Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder justifizierten Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde.
Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die dem Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung der Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal, wo die Kadaver enthäutet und wie die täglich hierher kommenden Konfiskate der Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt werden. Die Stücke werden dann durch ein in der Wand angebrachtes Mannsloch in einen Apparat geworfen, der im angrenzenden Maschinensaale an der Wand steht. Dieser Apparat ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der Firma „Rietschel & Henneberg“ in Berlin im Jahre 1882 zum erstenmale in Deutschland hergestellt worden ist. Der Bruder des Herrn Nešvara ist hier am Werke. Er scheint der technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn der Apparat gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet hernach zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile statt, und die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit wird durch den im Rezipienten sich entwickelnden Dampf in einen zweiten Zylinder gedrückt. Nun wird der Apparat durch sechs Stunden einer Temperatur von hundertfünfzig Grad ausgesetzt, worauf man durch den Dampf alle noch vorhandene Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten drückt. Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den auf der linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat strömt. Der nun fast trockene und geruchlose Inhalt wird nun in eine riesige Maschine gebracht, die in der Mitte des Seziersaales steht: Den Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat, in dem die Fleischreste zu „Tierkörpermehl,“ einem feinen Pulver zermahlen werden, das einer Kunstdüngerfabrik in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden in einem anderen Apparate zu Knochenmehl — gleichfalls ein Düngemittel — zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter einem Drucke von vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl zu runden Kuchen zu pressen vermag, steht außer Betrieb. Während in Deutschland diese Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel stark verwendet werden, vermochten sie sich in Prag trotz ihres großen Proteïn-Gehaltes nicht einzubürgern. Außerdem stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator, Trockenapparate und Schöpfpumpen in Betrieb.
An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit der 6 H. P. starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von zwölf Meter Heizfläche. Hinter dem Kesselraum befindet sich das Fettmagazin, in dem große Fässer voll Tierfett stehen. Auf einer schmalen Stiege gelangt man in den Trockenraum für Häute und das Magazin für Tierkörpermehl — weite Bodenräume, in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In einer Ecke ist ein gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet. In einer anderen liegen Knochen. Wenn man sie angreift, dann zerbröckeln sie in der Hand. Sie sind entfettet, entleimt, sterilisiert.
Der Rundgang ist beendet und Herr Nešvara lädt mich in seine Wohnung ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem sein jüngstes Söhnchen auf der Erde mit einem Hunde spielt — das billigste Spielzeug dortzulande. Dann sprechen wir vom Fach. Herr Nešvara kennt die Geschichte des Prager Abdeckereiwesens ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene Familiengeschichte. Sein Großvater, der noch in den städtischen Urkunden nicht „Nešvara“ sondern „Neschwara“ hieß, und sein Vater waren Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr Nešvara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe ist längst die „Anrüchigkeit“ genommen, die vor Jahrhunderten seinen Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt in die Zünfte, in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen verbot und die Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber freiwillig erbt sich dieses seltsame Handwerk noch heute vom Vater auf den Sohn fort.
Herr Nešvara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch über seine eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt er ein vergilbtes Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem Maria Theresia den Schindern und deren Freiknechten gestatte, eine Ehe mit einem bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings unter der Bedingung, daß diese Männer vorher ihrem Gewerbe entsagen mußten. Das muß ein hochwichtiger Akt gewesen sein, anno dazumal, denn er ist vom Fürsten Karl Egon Fürstenberg und „ad mandatum Sacro-Caesarea Regineque Majestatis ex Consilio Regii Gubernii“ von Johannes Arnvers gezeichnet.
Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter versehen, man stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten Menschen jener der „abgestandenen“ Tiere gleich. Im Jahre 1860 wurde der Henkersdienst verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht. Die Konzession zur Ausübung des Wasenmeistergewerbes erhielt für die am rechten Moldauufer gelegenen Teile Prags A. Nešvara, der Großvater des heutigen Inhabers, für das linke Ufer J. Jeřábek, dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann namens Josef Černy in der Kontumazstation Tejnka bei Břewnow ausübt. Die Nešvaras haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse beim Rudolphinum ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische akademische Gymnasium steht. Herr Nešvara erzählt von Medizinern, die in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier verschiedene Experimente an den Tieren zu machen. „Unsere häufigsten Besucher von damals sind heute Professoren an der deutschen medizinischen Fakultät,“ fügt Herr Nešvara hinzu. Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu Vivisektionszwecken an die Universitätsinstitute abgetreten werden, verneinte Herr Nešvara. Nur bei besonders interessanten Fällen von Tiererkrankungen bitten sich die physiologischen Institute das Materiale aus, wenn sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor.
Dann beginnt Herr Nešvara auf sein Geschäft zu schimpfen. Er habe die thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem Muster mit einem Aufwande von 50.000 Kronen so errichtet, daß nicht nur die hygienische Vernichtung aller Kadaver, sondern auch deren Verarbeitung möglich sei. Er habe sich aber verspekuliert. Das Materiale sei gering, die Verwendungsmöglichkeit noch weit geringer. Von der Geldstrafe, die für ausgelöste Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen nicht decken. An die Vernichtung der Kadaver — darunter jährlich etwa tausend Hunde — müsse er jedes Jahr einen Betrag von dreißigtausend Kronen daraufzahlen und bemühe sich daher seit neun Jahren um die Zuweisung einer Subvention von der Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne Motivierung abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene Hunde abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke herumlaufen, habe keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der Hundekadaver lohne sich nicht und Pferde, welche ein ergiebiges Verwertungsmaterial bilden, werden seit dem Aufschwunge des Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr hergebracht. So sei die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen.
„Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie wirklich so viel zusetzen müssen?“, ist meine Frage.
„Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag vor, das Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und das werde ich tun.“
Es fehlte noch, daß Herr Nešvara seiner Klage das Faustsche Wort anfügen würde: „Es möchte kein Hund so länger leben“ und man müßte diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber weiß man nicht, ob er es mit seinem Entschluß gar so ernst meint, ob wirklich dieses Institut bald der Vergangenheit angehören soll, ob ein besseres oder ein schlechteres nachfolgen, und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht werden wird.
Razzia
_Vor der Streifung_, da geht’s ja hoch her. Da wird getanzt, gespielt, getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten, geschrien, geschimpft und gerauft, daß es eine Freude ist. Weiß der Teufel, wenn der Herr Oberkommissär Protiwenski dabei wäre, er würde es gewiß nicht übers Herz bringen, das Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er ist nicht dabei und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen so lustig sein wird.
„Die Detektivs ... (folgen etwa zwölf Namen) haben um halb 10 Uhr abends gestellt zu sein.“ Das ist die Ordre, die jede Woche — die Wochentage wechseln in zwangsloser Reihenfolge ab — mindestens einmal ergeht. Es ist das Aviso zu der kombinierten Streifung, welche drei oder vier Partien der Sicherheitsbeamten von verschiedenen Ausgängen aus gegen einen gemeinsamen Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen, die aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln, kann das Glück widerfahren, daß er immer vor oder immer nach dem Erscheinen der Streifung kommt und so den Fangarmen der Polizei entgeht. Außer diesen kombinierten Streifungen gibt es auch noch Generalstreifungen, die mindestens zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten vorgenommen werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale, die zur besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben. Immer werden die Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern und von Geheimpolizisten vorgenommen, damit der nächtliche Spaziergang nicht zu großes Aufsehen errege und das Erscheinen in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln, Massenquartieren und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde.
Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren die Stätten des Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert. Damals konnte man in einem Hause oft mehr verdächtige und gesuchte Subjekte festnehmen, als heute in etlichen Streifungen. Allerdings wurde dieser Vorteil durch das opferwillige Wirken der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in den achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am Johannisplatz in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe des Kommissariates die Beamten traten. Dann eilte sie — halb Läufer von Marathon, halb Retterin des Kapitols — von einer Spelunke zur anderen, riß die Türe auf und ließ den Warnungsruf „štrajfuňk“ ertönen ... Heute sind die Nährböden des Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen wäre, kein Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten.
Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor des Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa fünfzehn mit Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte und Detektivs. Es bilden sich drei Gruppen: die eine zieht zur Postgasse hinunter und wendet sich dann gegen die Obere Neustadt hin. Die beiden anderen Gruppen schreiten zur Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter Partie ab und die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche beehren will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt weiter.
Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen Klientel: Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst bekannten Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen und wohl oft heuchlerischen „Küß’ die Hand, gnädiger Herr“ begrüßen. Paßrevision. Man sieht nach, ob in dem Dienstbuch des Mädchens das Datum des vergangenen Montags eingetragen ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche „gehen bloß zu ihrer Schwester“, aber da die mißtrauischen Polizeibeamten aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu ihrer Schwester auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann das Buch nicht finden, sie habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin wird dem nächsten Wachmann übergeben, der dem schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten Kommissariat anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt ihr nichts.
Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten auf der Straße grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito der Zivilpolizisten lüften, und ihr Nahen könnte leicht drahtlos an die interessierten Stellen depeschiert werden. Endlich ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel und Lärm auf die Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand, der gerade im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat _das Erscheinen der Streifung_ gemeldet. Jäh verstummt der Lärm. Paare, die sich zärtlich verschlungen hielten und eben unzertrennliche Liebe schworen, stieben auseinander und rennen, wie die Zecher, die gerade das Glas zum Munde führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den Eichel-Ober übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind besetzt: Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen nicht zu denken ist, und kehren wieder in den Saal zurück.
„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es devot von den Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, ehrerbietig die speckige Kappe zieht und sich im rechten Winkel verbeugt. Der Wirt hat alle Ursache, mit den Polizeibeamten höflich zu sein, wenn diese auch jetzt seine besten Gäste wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm mit der Entziehung der Konzession gedroht worden und wieder hat vor kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, daß am nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine tödliche Ohrfeige“ darüber berichtet wurde.
Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle beginnen. Ein Mädchen sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben ihr ein Jüngling. Die beiden markieren ein zärtliches Gespräch und scheinen sich um die Eintretenden gar nicht zu kümmern. Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen.
„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen.
„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt klingt das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung.
„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß ich Sie nicht erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn waren?“ Die Erkannte wird blaß. Der Beamte wendet sich in strengem Ton an ihren Partner: „Das ist also Ihre Braut?“
Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er verleugnet seine Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, die kurz vorher noch so zärtlich schien, sehr fuchtig:
„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und jetzt willst Du mich nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein Wink des Beamten beendet den Redeschwall der Jungfrau. Ein Detektiv führt sie zu dem neben der Türe gelegenen Tisch, wo sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung in „Direktor Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet werden.
Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit zugewendet, der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die ganze Biertasse ist schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas, das der einsame Zecher hinter die fehlende Binde gegossen hat. Beamter und Gast blicken einander in die Augen und über beider Gesichter huscht ein Lächeln, das zu sagen scheint: Sieh da, ein alter Bekannter!
„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das Schweigen.
„Schönen guten Abend, Herr Lojsa,“ wünscht der Kriminalpolizist. „Was machst Du denn hier?“
„Ich trinke,“ antwortet Lojsa naiv und treuherzig.
„So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist, und daß Du (Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends zu Hause sein sollst?“
„Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und da wollte ich heute ...“
„Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer Wohnungstüre gewesen sein. Der Kratochwil ist gestern wegen Einbruchs festgenommen worden und hat gesagt, Du könntest sein Alibi nachweisen.“
„Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!“
„Kannst Du? Umso besser.“ Und schon führt ein Polizist den stillen Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon Fräulein Harlak Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens auch die Kellnerinnen des Lokales Posto gefaßt, um von den „Auserwählten“ die Zeche einzukassieren.
Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht: „Kuželka, Du hast doch Prag!“, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer Satz, das Prädikat „verboten“ ist zu ergänzen. Aber jeder, der das Prager Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment.
Revertent Kuželka will in einer langatmigen Rede dem Kommissär auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten ihn nach Prag geführt haben, während ihn in Wirklichkeit die schönen „Arbeitsgelegenheiten“ und der gleichgestimmte Freundeskreis wieder in die Landeshauptstadt riefen, aus deren Polizeirayon er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte hört ihm einen Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen Argumenten voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Kuželka:
„Dorthin stell’ dich.“ Da weiß der erfahrene Kuželka, daß alle weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich zur Tür.
Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte läßt sich Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach dem Obdach der Gäste. Manchmal fallen die Antworten befriedigend aus, manchmal aber endet das Spiel mit dem Wink gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste sind verhört worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der Beamte ohnedies gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der Entdeckung möglichst lange hinausschieben, damit der dort Versteckte schon die Hoffnung schöpfe, die Polizei überlistet zu haben. Aber als die Person auf seine Aufforderung hin hervorkriecht, ist der Beamte des Kriminalbureaus doch überrascht:
„Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier Uhr hat Dich der Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt, und jetzt bist Du wieder hier!“
„Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen. Ich glaube, daß ich früher hier war, als der Polizist auf dem Kommissariat. So bin ich gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe sind kaput. Neun Gulden haben sie gekostet. Und jetzt werde ich wieder eingesperrt.“
Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist, als die ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen, das nicht unschön genannt werden kann.
Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: „Stell’ Dich dorthin.“ Dann kommandiert er den Ausgehobenen „rechts um, Marsch“, der Wirt zieht noch devoter sein Käppi, draußen übernehmen uniformierte Polizisten die Eskorte. Weiter geht die Razzia.
_Nach der Streifung_ ist in den Lokalen die ganze Stimmung verflogen. Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine Zeche, und wenn ein Polizeiorgan die Flüche hören würde, die der vorher so devote Wirt jetzt gegen die Behörden ausstößt, so würde es diesem wohl nicht gut ergehen.