Aus Prager Gassen und Nächten

Part 5

Chapter 53,522 wordsPublic domain

„Weshalb wolltest du ins Krankenhaus?“

„Ich habe Herzschwäche.“

Er sah mir forschend ins Gesicht, ob ich wirklich krank sei. Nun aber war ich — welche ein Zufall! — ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise in der vorigen Nacht „auf dem Flam“ gewesen und war blaß. Da ließ er mich denn aus Mitleid ein. „Ein Neuer!“, rief er einem anderen Bediensteten zu, der auf der anderen Seite des Tores stand und Protokoll führte. Ich gesellte mich zu den anderen Obdachlosen, die sich im Hausflur drängten. Der Asylbedienstete wandte sich nun an die, die draußen harrten. „Ist noch jemand, der noch nicht zwei Nächte hier war?“ Keine Antwort. „Gute Nacht, hochgeehrte Herren,“ mit diesem ironischen Gruß schloß er das große Tor. Nun stellte sich ein Angestellter des Asyls auf die erste Stufe der Wendeltreppe und ordnete an:

„Stiefel abputzen, Hemdkragen öffnen, paarweise antreten!“

Geräuschvoll wurde diesem Befehle Folge geleistet und vom ersten Stock erscholl die zweite Order:

„Die beiden ersten herauf!“

Nach etwa einer Minute: „Die beiden nächsten herauf.“ Und so fort. Oben wurden alle eingehend nach Ungeziefer untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte man von oben Schimpfen und Protestieren, und dann kam immer ein Obdachloser wieder die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte gefunden ... Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen. Ich war mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man fand nichts bei mir, und meiner Aufnahme stand nichts im Wege. Man wies mir ein Bett an.

In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen, wurde ich einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel aus und nahmen je ein Paar der harten Lederpantoffeln, die auf dem Eisenofen lagen. Ich zog gleichfalls die „Batschkoren“ an, setzte mich aber dabei auf das Bett. Das war ein Fehler, denn ein zufällig in das Zimmer tretender Angestellter des Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube, daß ich im Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage sei, und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete nicht zufrieden.

„Du bist aber ein Häuschen“ (hajzl), meinte er. Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies ein Schimpfwort gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung hinzufügte, daß ich ein „Bastard“ (parchant) sei. Diese Angabe ist unrichtig; doch der Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso er aber von mir behaupten konnte, daß ich ein „Lausbub“ (všivák) sei, während doch die unmittelbar vorhergegangene Untersuchung vollständig negativ verlaufen war, ist mir unverständlich. Trotzdem habe ich es unterlassen, den Asylmann zu kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich eventuell dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose Beschuldigungen nicht mit der ritterlichen Forderung durch die Waffe beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine Kartellträger in das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden wären, da man eines Arbeitsbuches oder des Nachweises einer Gewerbeausübung unbedingt zum Eintritte bedarf.

Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte, kam nach einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser Zimmer. Diesmal war seine Mission viel sympathischer. Er legte jedem von uns ein Stück Brot auf das Bett und bestimmte dann zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich — war ich doch sein Feind! — war einer von den zweien. So ging ich denn mit meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit, das mit fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe. Wir beförderten die Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen stak kein Silberlöffel, sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel, was wohl der Grund dafür gewesen sein mag, daß jeder meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels verschmähte und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete einen Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen Handlungsdiener meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens. Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des Kuverts beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe ganz famos, wie an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war.

Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des Asyls Umschau zu halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so groß wie das unsrige und beherbergten dementsprechend die doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen sind in den beiden Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78 Betten untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack, einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein ziemlich reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den Wänden und Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen und auf der die ganze Front umgebenden Pawlatsche eine peinliche Sauberkeit — kein Wunder bei der eisernen Disziplin, über die ich kurz vorher in so energischer Weise belehrt worden war.

Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen unter meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen worden war, setzten wir uns auf die Stühle, und es begann die Konversation. Schon die Art des Bekanntwerdens war eine viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich ist. In den Salons geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative, sie ist aufdringlich, jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem gleichgültigen Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen, der überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den anderen: „Was für einen Beruf hast du?“ Mit der Antwort ist alles Wissenswerte über den Schlafgenossen gegeben. Nach dem Namen wird nicht gefragt. Namen sind Schall und Rauch.

Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer, beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten vierzehn Tagen mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde nächtlicherweile beim Entleeren der Kanäle behilflich gewesen, aber gerade tags vorher wegen allzu großer Trunkenheit im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens nicht bös darüber: „Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit zehn Jahren in keiner Stadt gewesen.“

Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund, der Handlungsdiener inne, links von dem Kanalräumer war ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg bei Graz, der von dort geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei diesem kam ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den Verdacht ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon in Hamburg gewesen sei und ich bejahte.

„Wie ist’s dort im Asyl?“

Ich mußte wahrheitsgemäß antworten, daß ich dies nicht wisse. Ich hätte bei einem Freunde geschlafen, sagte ich.

„Und wie weit ist es von hier?“

„Zu Fuß?“, schlüpfte mir als Gegenfrage aus dem Mund und das war dumm.

„Willst mi eppa pflanzen?“, fuhr er mich bös an. „I wer doch net im Fiaker hinfahren!“

Zum Glück machte der Kanalräumer, der sich auch Jahre lang in Deutschland herumgetrieben hatte und nicht nur deutsch, sondern auch italienisch — der Verkehr mit den italienischen Erdarbeitern brachte das mit sich — verstand, weiteren Angriffen des steirischen Zuckerbäckers gegen mich ein Ende. Er teilte ihm mit, daß er von Prag nach Hamburg etwa zwölf Tage zu gehen habe, wenn er täglich fünfzig Kilometer zurücklege. In Hamburg gebe es zwei Asyle, er möge aber nicht in das Polizeiasyl gehen, denn dort werde jeder Kunde photographiert. Auch im Asyl der Magdeburger Arbeiterkolonie möge er sich nicht aufhalten; dort müsse man vor der Aufnahme das Arbeitsbuch abgeben und müsse Holz sägen und hacken, „ärger wie im Arbeitshaus.“ Dann gab der Kanalräumer dem Zuckerbäcker noch einige geographische Ratschläge. Er beschrieb ihm den Weg, den er einschlagen müsse, um vier Heller Überfuhr zu ersparen, und nannte ihm die Straßen, auf denen gute Zwetschken zu erhaschen seien. Auch über die Schubverhältnisse, über die Handhabung des Vagabundagesetzes und über die Naturalverpflegsstationen und die Herbergen in den einzelnen Orten sagte er dem Zuckerbäcker manch kräftiges Wörtlein.

Während des Gespräches zog der Kanalräumer wiederholt ein Fläschchen aus der Tasche und stärkte sich. Schließlich war der Schnaps alle.

„Hol’s der Teufel, daß man hier kein Bier kriegt,“ brummte der Kanalräumer wütend.

„Ich wär’ wieder froh, wenn ich rauchen könnte,“ sagte ich, um etwas zu sagen.

„Hast du denn ein Stückchen Zigarette?“ meinte jener mit lauerndem Blick. „Ich würde mich draußen einsperren und rauchen.“

Ich brach in der Tasche eine „Sport“ in die Hälfte und reichte meinem Schlafgenossen eine Hälfte. Der hatte sie kaum in der Hand, als sich schon der Zuckerbäckergehilfe an ihn herandrängte und ihn flehentlich bat: „Schenk mir ein Stückel.“ Da wurde denn die halbe Zigarette redlich geteilt.

Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit, um mich in Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der Nacht schloß ich kein Auge. Rechts neben mir schnarchte der postenlose Geschäftsdiener wie ein Lokalbahnzug, links neben mir stieß der Kanalräumer in seinem alkoholschweren Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen von je zwei Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu ersticken drohe. Es dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr wurde. Endlich aber schrillte eine Glocke: Reveille. Alles kleidete sich an und machte das Bett zurecht. Bald darauf kam der Aufseher und besah das Werk kritischen Auges. Hier fand er die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch unten zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion zu beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen „Pandur“, einen runden Wecken, auf das Bett und wir durften wieder Suppe holen.

Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters: „Magazin!“ Das war das Aviso für die Obdachlosen, sich um den bis dahin versperrten Schrank zu scharen und daraus die Ranzen und Kofferchen in Empfang zu nehmen, die sie hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7 Uhr wurde das Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und schaute uns mißtrauisch an.

Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in die Arbeitsvermittlungsanstalt im „Alten Gericht“, dann in jene von Žižkow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie anderswo weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme im Asyl. Ich schlich mich wieder in das Haus in der Sametzgasse, in dem mein Freund wohnte. Der Hausbesorger und die Hausbewohner, die mir begegneten, blickten mir mit unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre geöffnet wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus von seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen und fuhr dann nach Hause. Hier angekommen, telephonierte ich ins Bureau, daß ich wegen Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich gedachte einen langen Schlaf zu tun. Vorher habe ich aber noch gründlich gebadet — eine Tatsache, die zwar selbstverständlich ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht obdachlosen Bekannten doch hier besonders registrieren will.

Das Lied vom Kanonier Jaburek

An den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder, Porträts ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für gefallene Soldaten des Regiments. Alles in schönen Rahmen. Dann hängt noch in jedem Kompagniegang ein „Verzeichnis der Gastlokale, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist“. Diese Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit Recht. Denn in Friedenszeiten kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn und seine persönliche Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den Wirtshäusern. Und in den „Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist“, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich, daß dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder kostbar eingerahmt wird.

Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt. Diese sind aber verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen. Man wirft die Kerle einfach hinaus, und gut ist’s.

Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee, jener, der dem Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen Fernkampf der Biergläser, oder einen Nahkampf der Ohrfeigen mitgemacht hat, der sich zwischen den Angehörigen der Landwehr und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale um eine neue Nummer zu bereichern.

Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist — immer kommt die Rivalität zwischen den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck, immer ist diese in zwei Gruppen gespalten. Ja, selbst wenn eines jener Soldatenlieder, deren Absingung im Felde die Offiziere nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und stillschweigend dulden, im Wirtshause angestimmt wird, stört die friedliche Gruppe durch ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur eine Ausnahme gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen Gesang vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die Träger der schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen und Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und die Soldaten, die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege Bauten errichten, und die Artilleristen, die im Kriege Bauten zerstören. Es ist ein hochheiliger Kantus.

Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein Beweis von Sinn für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier Jaburek, über dessen Persönlichkeit leider weder das deutsche, nach das tschechische Konversationlexikon etwas zu verzeichnen wissen, ist ein Mann, gegen den die anderen Helden der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker ein Nichts darstellen. Der vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der Verteidigung des Engpasses von Thermopylae — wie ein zeitgenössisches Marterl meldet — nicht anders gehandelt, als „wie das Gesetz es befahl“. Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz geschrieben, daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen muß, daß er seine Hände nicht salutierend an den Kopf legen könne, wo steht im Exerzierreglement, daß jemand ... aber dem Liede sei nicht vorgegriffen.

Die Epopöe hat siebzehn vierzeilige Strophen und ist in tschechisch-deutscher Sprache abgefaßt. Eigentlich ist sie tschechisch, aber sie ist von militärischen Ausdrücken, wie „Feuerwerkr“, „Kmán“ (Gemeiner), Lunte, „meldovati“ und deutschen Flüchen derart durchsetzt, daß vom Tschechischen nicht viel übrig bleibt. Komponist und Textdichter des Liedes sind, wie jene des Liedes „Prinz Eugen, der edle Ritter“, nicht bekannt. Das Lied vom Kanonier Jaburek behandelt — wie vielleicht schon der Name erraten läßt — die Geschichte des Kanoniers Jaburek. Dieser hat in der Königgrätzer Schlacht im dichtesten Kugelregen, während sich Gemeine, Chargen, Offiziere, Pferde und Kanoniere (man beachte die Reihenfolge dieser Rangsliste) in ihrem Blute wälzten, seinen Heldenmut bewährt:

„Bei der Kanone dort Stand er und lud in einem fort, Bei der Kanone dort Stand er und lud noch fort.“

Jedesmal wenn eine seiner zwei Zentner schweren Kanonenkugeln in die preußischen Reihen einschlägt, hört man auf der Gegenseite auf Jaburek fluchen. Aber dieser schießt weiter. Der General, der von Jabureks tapferem Verhalten gehört hat, eilt herbei und bietet diesem einen Trunk aus seiner Feldflasche an. Aber der Kanonier weist die freundliche Aufforderung mit der noch freundlicheren Aufforderung ab, der General möge seine Spassetln für sich behalten, ihm auf den Buckel steigen und ihn weiter schießen lassen:

„Bei der Kanone dort Stand er und lud in einem fort etc.“

Der Held schießt wie ein Wahnsinniger und zertrümmert ein feindliches Regiment. Kronprinz Friedrich von Preußen reitet vorbei und sieht den Recken — oder, um mit den Worten des Liedes zu sprechen:

„V tom ho viděl kronprinc Friedrich: Her je den Kerl erschieß ich.“

Der Kronprinz selbst feuert gegen Jaburek, und die ganze preußische Armee erwählt sich das gleiche Ziel, um sich beim Kronprinzen einzuschmeicheln. Eine Kartätsche fliegt dem Artilleristen durch den Mund in den Magen, aber der Getroffene nimmt sie schnell wieder heraus und schießt ruhig weiter. Eine gegnerische Petarde reißt dem Schützen beide Arme ab, doch er zieht schnell seine hohen Stiefel aus und schießt mit den Füßen weiter. Schon aber kommt, von einem preußischen Freiwilligen („prajský frajbilik“) gefeuert, ein Shrapnell herangeflogen und reißt Jabureks Kopf ab. Der Kopf fliegt am General vorbei und meldet diesem im Vorübergehen, daß er nicht salutieren könne. Aber Jaburek selbst steht noch immer bei der Kanone dort und ladet in einem fort. Endlich wird seiner Aufopferung eine Grenze gesetzt: Der Feind schießt auf seine im Fluge befindlichen Geschosse, und diese fallen in die eigenen Reihen zurück. Da gibt Jaburek das Laden auf (bei dieser Strophe soll der Refrain entfallen), er packt seine Kanone und eilt aus der Schußlinie. Dafür aber — für die Rettung der Kanone nämlich — wird er geadelt und heißt von da ab „Edler von die Jaburek“. Er hat jetzt den Adelsstand, und über das Fehlen seines Kopfes tröstet er sich mit dem Bewußtsein, daß — das Lied schließt sehr gehässig — die kopflosen Adeligen angeblich doppelt geachtet seien. Auf seinem Wappen stehen die Worte:

„Bei der Kanone dort Stand er und lud in einem fort, Bei der Kanone dort Stand er und lud noch fort.“

Dieses ist das Lied vom Kanonier Jaburek, dessen Namen die Kriegsgeschichte verschweigt. Aber sein Ruhm lebt im zechenden Soldatenkreise weiter, und jedesmal wenn das Lied den Refrain „laden“ bringt, nehmen die Sänger dem tapferen Recken zu Ehren eine stärkende Ladung zu sich. Und das Lied hat siebzehn Strophen.

Die Erlaubnis zum Fußballspiel

Mein kleiner Bruder kam gestern aus dem Gymnasium nach Hause.

„Heute ist uns erlaubt worden, in einen Fußballklub einzutreten.“

So, so. Ich habe diesen Beschluß des Landesschulrates schon gekannt. Aber doch ... Das, was da den Gymnasiasten aus dem schwarzen Buche vorgelesen worden ist, war der Epilog für eine Zeit, die erfüllt war von einem monomanen Fanatismus der Jugend, für eine Zeit, deren Bedeutung längst über den Rahmen der Sportrubrik hinausgewachsen ist. Die Regierungszeit des Fußballs ist beendet. Le roi est mort.

Man darf jetzt in einen Fußballklub eintreten. Wer uns vor fünfzehn Jahren gesagt hätte, daß einmal eine solche Erlaubnis kommen werde, dem hätten wir nicht zu glauben vermocht. Auf das Fußballspielen standen damals alle Todesstrafen, die die Schule zu fällen hat: Strenges Prüfen, Karzer, Repetieren. Selbst bei den Jugendspielen mußten wir, die wir an zehrendem „Ballfieber“, an der „englischen Krankheit“ litten, uns beim Barlaufspiel und beim Passatschlagen langweilen, und erst als wir dann alle von den Jugendspielen wegblieben, erlaubte man uns für jeden Spieltag ein knapp bemessenes Fußballwettspiel.

Wehe dem, dessen Zugehörigkeit zu einem Klub man in der Schule in Erfahrung brachte. Und doch: Wir spielten fast alle. Was bedeuteten die ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen zweimal je fünfunddreißig Minuten der Gelegenheit nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen. Freilich man ließ alle möglichen Vorsichtsmaßregeln walten. In der Zeitung waren oft alle zweiundzwanzig Spieler und der Schiedsrichter eines Wettkampfes nur mit Pseudonymen angekündigt, zum Spielfelde wählte man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des Dejwitzer Exerzierfeldes und des Invalidenplatzes (der Teil, der hart an die Heinesche Besitzung grenzt, war immer von Schülermannschaften bevölkert), um vor den Blicken eines vielleicht patrouillierenden Professors möglichst gedeckt zu sein, und die Mannschaftsitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der Kleinseite, auf dem Belvedere, von Dejwitz und Karolinental statt. Nicht die Angst vor den Professoren allein, auch allerhand Unbequemlichkeiten hatten die Mittelschüler zu bestehen, die im vorigen Jahrhundert, um die Mitte seines letzten Dezenniums dem Sporte oblagen. Zum Eintritt in die bestehenden Vereine, die einen eigenen Sportplatz hatten, reichten weder der Mut (nicht der Mut gegenüber der Schule, sondern der Mut gegenüber den maßgebenden Faktoren des Klubs), noch die Geldmittel. So mußte man denn den Wahlspruch „Mein Feld ist die Welt“ beherzigen und auf den unverbauten Flächen Prags die Balltechnik üben. Da warf man sich denn schon zu Hause in Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen, zog darüber die Straßentoilette an, und stapfte, trotz sengender Sonnenglut, in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den Invalidenplatz, nach Dejwitz aufs Exerzierfeld, auf die Holleschowitzer Heide, in den Canalschen Garten. Dort zog man die Straßenkleider aus und warf sie auf zwei Haufen aufeinander, die in einer Breite von sechs Metern von einander entfernt waren; die Kleiderhaufen bildeten die Goalstangen. Die Anschaffung des Fußballes, sowie die Reparaturen seiner irdischen Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden aus den vereinigten Taschengeldern der Elf bestritten, und wenn man sich vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen nageln ließ, so konnte man schon in dem Wahne leben, ein Paar englischer Treter sein eigen zu nennen. Man bedurfte keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man bedurfte keiner Ankleidekabinen und keiner verschließbaren Utensilienkästen, manchmal auch keines Unparteiischen und keines Goalrichters, ebensowenig wie man der Erlaubnis der Professoren bedurfte. Man spielte.

Dafür kannten einen die Schüler der ganzen Anstalt, und mit scheuer, schrankenloser Bewunderung schauten die Schüler zu den Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn solch einer der „erstklassigen Menschen“ im Schulhofe oder auf dem Korridor eine Orangenschale in die Höhe „kickte“, dann ging ein Murmeln der Anerkennung durch die Reihen. Wenn der Sekundaner irgend eines Gymnasiums den Tertianer irgend einer Realschule kennen lernte — was war da der Gegenstand des Gesprächs? Die Namen der Großen im Fußballreich, mit denen der Untergymnasiast derselben Anstalt anzugehören die Ehre hatte. Was Wunder, daß der Ehrgeiz nach solchem Ruhm das Fußballfieber noch mehr entfachte, daß zu Hause und in der Schule mit allen Gegenständen „gedribbelt“, „kombiniert“ und „geshootet“ wurde, die nicht niet- und nagelfest waren. Die Professoren teilten allerdings weder die Liebe zum Fußballspiel, noch das Verständnis für die Leistungen seiner Jünger. Sie haßten das „rohe Spiel“ und dieser Haß zeitigte oft die komischesten Blüten. Wenn in irgend einer Klasse wirklich irgend ein schwerblütiger Junge saß, der beim Fußballspiel nicht mittat, dann konnte man mit tödlicher Sicherheit darauf rechnen, daß er bei den Professoren in den Verdacht geraten werde, ein Vorkämpfer des Fußballsportes zu sein. Und ein Turnlehrer, der es besonders scharf aufs Fußballspielen abgesehen hatte, warf in der Besprechung eines Jugendspiel-Wettspieles dem besten Stürmer vor, daß er beim Laufen eine schlechte — Körperhaltung einnehme. Natürlich wurden solche Kritiken ebenso belacht, wie der Vorschlag eines sonst ganz intelligenten Schulpädagogen, man möge, um Füße und Hände in gleichem Maße auszubilden, mitten im Fußballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen einführen ... Seit dieser Kinderzeit des Fußballsportes sind fünfzehn Jahre verstrichen. Mancher der einstigen Märtyrer in Fußballdreß gehört heute dem Lehrkörper einer Mittelschule an, und so ist doch ein sportfreundlicher Erlaß herausgekommen.