Part 4
„Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und das ist eine Lüge!“
Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge konstatieren, ob der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde bei der Verhandlung in der Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste Moment sein. Das sah der Wachmann ein und war bereit mit unserem Freunde auf das jenseitige Ende der Brücke zu gehen. Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des Polizisten vermeiden wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir hinterdrein. Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite war, erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer lag friedlich auf dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung wies unser Freund auf ihn. Der Brückner war geschlagen. Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde den Kreuzer an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn einsteckte.
„Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, gehe ich nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.“ Und zum verdutzt dastehenden Zöllner gewandt, fügte er hinzu: „Auf diese Weise treiben sie alle ihre Kundschaften der Konkurrenz in die Arme.“
Der Chef der Prager Detektivs
„Der alte Lederer“, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat gestern, am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein Pensionierungsgesuch geschrieben, heute übergibt er es und morgen macht er schon keinen Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38 Jahren. (Von den Krankheitszeiten abgesehen, die er im letzten Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er ausgedient und geht in den Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn kennen — und die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens — Interesse erwecken; mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden. Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten den Henker umsponnen, hat auch ihn, den „Spitzel“, den „Spion“, den „Schnüffler“ umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte gebrauchte man immer, wenn man in der Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer aufmerksam machte, wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend, mit gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn. Aber noch keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern. Man hatte vor dem Alten Respekt.
Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden, sobald sie ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher Akzeleration um die Ecke. Und wenn er so gegen vier oder fünf Uhr früh in die Schenke „Zum Kranz“, „Bei den 3 Sternchen“, im „Goldenen Zweier“, „Zur Schokolade“, „Beim Frosch“ oder „Beim Banzett“ erschien, dann sprangen die auf den Tischen, auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden Stammgäste beiderlei Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende General eine Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt hätte. Die schlaftrunkenen Augen der Nächtlinge blickten scheu auf den Gefürchteten und mit heuchlerischer Devotion scholl ihm allerseits ein „Ruku líbám, milostpane“ (Küss’ die Hand, gnä’ Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber auch er kannte alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte Lokal. Schon hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen ist. Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden, nimmt er den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten mit. Oder er schaut jemanden an, den er nie zuvor gesehen: „Sie sind der R. S.!“ Aus den Worten eines Steckbriefes hat er sich das Bild des R. S. konstruiert und nun den Gesuchten erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder Routine?
Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm in den Kreisen der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie gesichert, wenn sich der Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher Pflicht auch in ein Gebiet hätte einmischen müssen, in welches eine Einmengung spürender Behörden mit vielem Rechte von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird: Das Gebiet der Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen „Spitzeltum“ in der Politik hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von einer Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht worden, die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse angestrengt und sogar von deutscher Seite ist der eifrige Geheimpolizist einmal weidlich durchgeprügelt worden. Noch dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am Sonntag, den 12. Juli 1897. Die österreichischen Behörden hatten den Egerer Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die Teilnehmer zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen Städtchen Waldsassen, um hier — von keinem „landesfürstlichen Kommissär“ gehört und gestört — zu beraten und zu beschließen. Aber man hatte „oben“ um so größeres Interesse an der Versammlung jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle und — so zog Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch, als unentwegter Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde erkannt, und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren. Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la Waldsassen verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische Fall ist bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer bei Kaiserreisen in der ganzen Österreichisch-ungarischen Monarchie als Auge des Gesetzes fungiert und ist spähend auf den Spuren Wilhelm des Redseligen, King Edwards und Milans des weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein Sonnen- oder Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete.
Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste geleistet. Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie und Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen und dem übrigen Instrumentarium der beiden Bertillons verstand er ebensowenig wie seine Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte seine Prager, Weinberger und Žižkower Einbrecher an der Art, wie der Einbruch ausgeführt war. Und verstand sie zu finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer Assanation das Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer — er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen — in jedem Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und jede einzelne Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen.
Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor sein Spürsinn nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz und weltmännisches Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl einmal im Kaffeehaus einen gutgekleideten Herrn nur deshalb festgenommen, weil er champagnisierte und freizahlte. Der Herr protestierte. Aber der alte Lederer ließ sich nicht irre machen. Im Sicherheitsdepartement wollte man ihn schon ausschimpfen, daß er jemanden grundlos festgenommen habe. Man forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ. Der Name dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges Europas geläufig: Plocek.
„Ich hab’ gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer verdient hat,“ sagte der alte Lederer, als er die Prämie für seinen Fang ausbezahlt erhielt.
Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle: beim Mord am Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper, an den Mädchen Hruza und Klima im Polnaer Walde, am Hotelier Wolf, am Liebespaar Takacz-Hanzely zu Krtsch, am Schulmädchen Smrček, am Portier des Gewerbemuseums Schaněl, am Gefangenaufseher Kaucky und an der neuvermählten Frau Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich als einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal mit Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager Kriminalfälle stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige Datum als das des Tages zu registrieren, da der alte Lederer aufhört, seines Amtes zu walten.
Der Mann mit der Straßenspritze
Wenn es regnet, ist es naß. Besonders in Prag. Hier werden nämlich bei Regen die Straßen besprengt. Manchmal während des Regens, manchmal nach und manchmal vor dem Regen. In den beiden erstgenannten Fällen müßte man nichts besonderes erblicken, weil man ja zu der Vermutung kommen kann, der bekannte Satz, daß Feuchtigkeit des Erdbodens Regen zur Folge habe, sei auch in der Umkehrung richtig. Aber daß man in Prag auch vor dem Regen die Straßen besprengt, ist interessant. Es kommt ja auch nur selten vor. Dann ist es aber umso interessanter.
Der Mann, dem die ehrenvolle Aufgabe obliegt, die Bazillen des Prager Straßenstaubes mit den Bazillen des Prager Wassers in fruchtbaren Zuchtverkehr zu bringen, ist näherer Beachtung wert. Sie wird ihm auch zuteil. Dort, wo der Spritzenmann ist, dort ist auch die Straßenjugend. Die kennt die Prager Spritzenschläuche ganz genau und weiß, daß sie feine Löcher haben, durch die beim Spritzen hohe Wasserstrahlen in die Luft steigen. Diese kleinen Löcher lassen sich bequem mit einem Finger zuhalten und wenn man diesen wegzieht, so spritzt der dünne Strahl mit verdoppelter Gewalt in die Höhe oder auf einen Passanten. Ja, das Spritzen ist eine Lust für die jeunesse dorée der Straße. Aber auch ältere Passanten, die ohnedies schon um der sengenden Sonnenglut willen, sich nicht der Eile befleißigen wollen und die — die Abneigung der Muhme Mephistos gegen das Staubschlucken teilend — lieber auf besprengtem Pfade weiterwandeln wollen, bleiben stehen und schauen dem Mann mit der Straßenspritze zu. Schon die Vorbereitungen, die dieser trifft, wirken erfrischend. Ich glaube, dieses Straßenbild wäre ein famoser Stoff für eine Pantomime. Sie wäre abendfüllend.
I. Akt. (Eine schmutzige Straße.) Leute treten auf, die sich den Schweiß aus dem Gesichte wischen und dann die Taschentücher auswinden. Plötzlich malt sich Begeisterung in ihren Zügen und freudigen Antlitzes weisen sie in die rechte Kulisse. Aus dieser kommen zunächst barfüßige Knaben und Mädchen mit Jubel und Tanz. Dann rollt ein Handwagen heran, der ein großes Faß trägt. Der Wagen wird von einem Spritzenmann geschoben, ein zweiter geht neben dem Wagen. Der Spritzenmann rekognosziert das Terrain. Fragend blickt er seinen Genossen an. „Soll man hier spritzen?“ Die Antwort scheint eine verneinende Gegenfrage zu sein: „No, soll man hier spritzen?“ Aber Passanten und Straßenjugend drängen sich an die beiden Begleiter des Fasses heran und bitten flehentlich um einen Gespritzten für das Straßenpflaster. Die beiden nicken Gewährung und senken den Vorderteil des Wagens zur Erde. Die Zuschauer (auf der Bühne) treten scheu zurück. Die Spritzenleute beginnen je eine Tabakspfeife anzuzünden. Der Vorhang fällt langsam.
II. Akt. (Spielt eine halbe Stunde später. Personen: Wie im ersten Akt.) Die Spritzenleute vollenden das Anzünden der Tabakspfeife. Sie nehmen ein T-förmiges Eiseninstrument, das wie ein jugendlicher Galgen aussieht und halb Schraubenschlüssel, halb Pfropfenzieher ist, vom Faßwagen und heben mit der einen Zacke dieses Werkzeuges den Deckel des Hydranten in die Höhe. Ein süßer Geruch steigt aus den Tiefen empor. (Das Orchester spielt: „Das duftet nach Trèfle incarnat“ aus „Graf von Luxemburg“.) Der Duft erfüllt das Theater. Die Zuschauer (auf der Bühne) verschwinden im Hintergrund. Die Zuschauer (im Zuschauerraum) auch. Der Vorhang fällt rasch.
III. Akt. Aus dem Faß wird durch dessen obere Öffnung ein Metallrohr herabgenommen, das im Sonnenglanze glitzert, wie das Rheingold in der Komischen Oper zu Wesseli-Mezimosti. Am Ende des Rohres hängt ein Elefantenrüssel; aber es ist gar kein Elefantenrüssel, sondern ein Spritzenschlauch. Das andere Ende des Rohres wird irgendwo in dem Abgrund befestigt, aus dem die bereits beschriebenen unbeschreiblichen Düfte steigen. Damit das T-Instrument sich nicht zurückgesetzt fühle, schraubt man es gleichfalls an den Hydranten. Die Zuschauer denken nun wie Schiller: Wohl, nun kann der Guß beginnen. Aber damit ist’s noch nichts. Dem einen Spritzenmann ist das Feuer der Tabakspfeife ausgegangen und er bemüht sich nun, ein Zündholz an einem Teile seiner Hose anzuzünden. Der Vorhang fällt diskret.
IV. Akt. Die Pfeife brennt. Einer der beiden Spritzenleute kurbelt den Miniaturgalgen, der andere packt den Spritzenschlauch, dessen Mündung das Straßenpflaster zärtlich küßt. Wasserströme, welche die neue hechtgraue Felduniform tragen, strömen durch den Schlauch und verwandeln die Gegend um den Hydranten in eine romantische Meereslandschaft. Ein schmuckes Dienstmädchen, einen Korb mit Eßwaren unter dem Arme, kommt des Weges und lächelt den Wassermann an, der den Schlauch hält. Ein Strahl der Freude zuckt über sein Gesicht und ein Strahl Wasser über das ihre. Der Spritzenmann hat nämlich in seiner freudigen Erregung die mit dem Schlauch bewehrte Hand erhoben. Auch die Eßwaren sind angenehm besprengt worden und der Korb sieht aus wie ein volles Lavoir. Das Mädchen schimpft. Die Spritzenmänner bleiben ihr die Antwort nicht schuldig und gebrauchen einige Ausdrücke ... (Der Vorhang fällt über Anordnung der Zensurbehörde sehr rasch.)
V. Akt. Es wird fortgespritzt. Alle Passanten erhalten eine Dusche gratis. Hier erhält ein hellgelber Herrenüberzieher eine schön braune Glasur, dort wird einem Panamahut Gelegenheit geboten, zu erweisen, ob er wirklich wasserdicht ist. Mit Wilhelm Tell-artiger Sicherheit lenkt der schlichte Bedienstete der Prager Kommune sein feuchtes Geschoß gegen die wandelnden Ziele. Oft weiß er mit ein- und demselben Strahl mehreren Ahnungslosen etwas von dem erfrischenden Naß der Moldau zuteil werden zu lassen. Längst hat sich die Straße in das Schwarze Meer verwandelt — der Spritzenmann arbeitet weiter, als gälte es den Kanal trocken zu legen. Da fängt es zu regnen an. (Man verwende den Platzregen aus „Das Weiße Rößl.“) Die Spritzenmänner freuen sich höchlichst, denn im Regen ist die Arbeit viel angenehmer. Sie lassen aus dem Schlauche Wasser in das Faß des Wagens laufen, damit sie mit Hilfe der bekannten Holzkannen auch jene Straßenteile besprengen können, zu denen der Spritzenstrahl nicht gelangen kann; wenn der Regen diese Stellen näßt, so gilt das nicht. Das Faß ist bald gefüllt und nun kommt der Deckel wieder auf den Hydranten, Röhre, Schlauch und Schraubenschlüssel wieder auf den Wagen. Es regnet weiter — besonders faule Äpfel und Eier aus dem Zuschauerraum. Der Vorhang fällt mit wolkenbruchartiger Geschwindigkeit.
Auf Hofbühnen und anderen großen Theatern kann man statt des Faßwagens fahrbare Riesenspulen verwenden, um die sich der Spritzenschlauch ringelt; die Aufführung verliert dadurch nicht an Lokalkolorit, da man solche Spulen beim Besprengen der Prager Hauptstraßen verwendet. Anderer Requisiten bedarf mein Mimodrama nicht. Trotzdem mir die Tantiemen ganz gut zustatten kämen, sage ich den Theaterdirektoren ganz offen: Das Stück braucht nicht sofort aufgeführt zu werden, denn der Stoff bleibt dauernd aktuell. In Prag wurde seit jeher die Straßenbesprengung so betrieben und wird auch weiter so betrieben werden. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhundertes haben diese Arbeit Leute besorgt, welche von Feuerwehrmännern auf der Straße ad hoc engagiert worden waren und unter deren Aufsicht spritzen mußten. Daß diese Leute die Sache nicht mit jener virtuosen Sicherheit, nicht mit jener genialen Schlauchtechnik betreiben konnten wie das wohlorganisierte städtische Spritzenkorps von heute, liegt klar auf der Hand. Ist das nicht Fortschritt genug? Ein Mehr wäre von Übel, hieße die Tradition verleugnen. Und die Stadt Prag hält auf Tradition. Strahlend war früher die Straßenbesprengung, strahlend soll sie auch in Zukunft sein. Das ist eine Beruhigung für mich. Kann doch meine Pantomime nie veralten, wenn die Männer, die spritzen, nie selbst „gespritzt“ werden.
Eine Nacht im Asyl für Obdachlose
Eine Minute von der Elisabethstraße entfernt, in der alltäglich Fiaker, Automobile, Straßenbahnwagen, Equipagen und Droschken nach dem Baumgarten hinausfahren, zweigt von der Klemensgasse die Neumühlgasse ab. Sie ist keine Verkehrsstraße; vier scharfe Ecken bildend, kehrt sie zur Klemensgasse zurück. Hier ist nichts mehr von Promenade, nichts mehr von Luxusfuhrwerken zu merken. Nur wenige Passanten bevölkern sie. Abends jedoch sammeln sich hier Gruppen von Menschen an, die des Augenblickes harren, wo sich das Tor des Hauses Nr. 11 eröffnet, auf dem in großen schwarzen Lettern die Worte „Útulna — Asyl“ stehen.
In diesem Haus, das Eigentum des Prager Asylvereines für Obdachlose ist, habe ich gestern übernachtet. Bei einem Freunde, der in der nahen Sametzgasse wohnt, hatte ich mich vorher in full dress geworfen. Den Rock, den ich anhatte, hatte voriges Jahr unser Dienstmädchen einem Bettler geschenkt, aber dieser hatte die Annahme des Geschenkes unter schweren Beleidigungen abgelehnt. Wenn in dem Hut, den ich aufgesetzt hatte, noch die Firmabezeichnung erkenntlich wäre, könnte man ihn als famoses Mittel für Erpressungen verwenden: Der Hutmacher würde jeden Betrag bezahlen, um diese seinen Namen tragende Schmach aus der Welt zu schaffen. Der Rock hatte zwar keine Fasson, aber dafür hatte er auch keine Farbe und Löcher, auf die jede Regimentsfahne stolz sein könnte. Die Risse der Stiefel waren durch die in sanften Wellenlinien hinabfallenden roten Socken teilweise verdeckt. Die Hosen — reden wir nicht davon.
So ging ich, in den wahrlich nicht verwöhnten Gassen des Petersviertels peinlichstes Aufsehen erregend, zum Asylhaus. Hier waren schon Gruppen von Obdachlosen angesammelt. Einige saßen auf dem Geländer, das die schmalen Anlagen der Klemenskirche umfriedet, andere auf den Stufen am rückwärtigen Kircheneingang. Etliche standen vor dem Eingang eines Gasthauses in der Klemensgasse, wieder andere an die Häuser der Neumühlgasse gelehnt. Auch Frauen waren darunter. Im ganzen etwa 70 Leute. Ein Doppelposten der Polizei hielt Wache.
In der Gruppe, in der ich mich anstellte, war ein fünfzehnjähriger Bauarbeiter, der gerade von seiner Fußwanderung aus Triest in Prag eingetroffen war. Dann ein Prager Geschäftsdiener, elternlos und ohne Verwandte, der ohne Stellung war. Vor anderthalb Tagen hatte er bei einem ehemaligen Kollegen eine Suppe bekommen, seither hatte er überhaupt nichts gegessen. Unter anderen Umständen hätte ich diese Angabe vielleicht skeptisch aufgenommen. Aber hier konnte ich nicht daran zweifeln. Was für ein Interesse hätte er gehabt, die Kollegen, die gleich ihm arg im Bruch waren, zu belügen? Erwarten konnte er von ihnen ja nichts. Ich versprach ihm meine Suppenportion für den Fall, als ich, trotzdem ich kein Dienstbuch habe, in das Asyl eingelassen würde. Ich hätte einen verdorbenen Magen und könne nichts essen. Seither wich der Bursche nicht von meiner Seite, damit er in das gleiche Zimmer mit mir komme. Seine einzige Sorge, die er fortwährend zu mir äußerte, war die: „Ob man dich nur ohne Büchel hineinlassen wird?“ Von Zeit zu Zeit kamen Besuche zu unserer Gruppe. Leute, die Arbeiter suchten. In meinem Leben habe ich nicht so viele Engagementsanträge erhalten, wie vorgestern. „Bist du ein Müllergehilfe?“ fragte mich ein wohlgenährter Herr, der auf unsere Gruppe zugetreten war. Nein, ich sei kein Müllergehilfe. Damit aber gab sich der Herr noch nicht zufrieden: „Willst du nicht in der Mühle arbeiten?“ Ich müsse morgen abreisen, sagte ich und der Vertrag war nun endgültig gescheitert.
Von den übrigen Aktionen, die nichts geringeres zum Zwecke hatten, als meine wertvolle Arbeitskraft für verschiedene Unternehmungen, wie einen Brückenbau, eine Schneiderwerkstätte etc. zu gewinnen, sei noch eine erwähnt. Ein Bäckergehilfe kam zu mir: „Du bist ein Bäcker?“ Wieder verneinte ich. „Das macht nichts,“ sagte jener. „Du könntest heute nachts bei uns in der Werkstätte statt meiner arbeiten. Mein Mädel ist heute früh nach Prag gekommen und ich möchte gern mit ihr ausgehen. Du brauchst nicht viel zu machen, nur soll der Alte nicht merken, daß einer fehlt. Ich gebe zwanzig Kreuzer.“ Ich erklärte, daß ich ablehnen müsse. Ich hätte schon drei Nächte nicht geschlafen.
Die Arbeitgeber waren nicht die einzigen Personen, die um unsere Gunst warben. Zwei Frauen traten auf einzelne von uns zu und boten uns privates Logis an. Mich forderten sie nicht auf; ich sah sehr schäbig aus. Aber auch bei den anderen hatten sie kein Glück, da ihre Forderung zu hoch war. Je zwei hätten in einem Bette schlafen und jeder dreißig Heller zahlen sollen. Ein jüngerer Wanderbursche ließ sich in Unterhandlungen ein, aber ein erfahrenerer Genosse zog ihn zurück. „Unsinn! Im Asyl schläfst du allein im Bett, zahlst keinen Heller und kriegst noch zweimal Suppe.“ Da mußte denn die Wohnungsvermieterin wieder abziehen.
Wir standen von ¾6 Uhr abends bis 7 Uhr. Dann wurde das Tor geöffnet, entweder weil der Hausvater sehen wollte, wieviel Leute draußen seien, oder weil irgend ein Angestellter des Asyls eingelassen wurde. Das Öffnen des Tores war das Signal zur Vergatterung vor diesem. In weitem Bogen drängte sich die Schar der Obdachlosen. Die Frauen wurden in die erste Reihe gelassen. An sie schlossen sich, auf Anordnung eines alten Kunden, zunächst die Leute, die schon tags vorher die Gastfreundschaft des Prager Asylvereines genossen hatten. In den nächsten Reihen standen die Obdachsuchenden, welche die Bestätigung ihrer Genossenschaft darüber in Händen hatten, daß sie stellungslos und „auf der Walz“ in Prag seien. Dann kamen diejenigen, die durch ihr Arbeitsbuch den Nachweis ihrer Arbeitslosigkeit führen konnten und deshalb das Anrecht auf Annahme in das Obdach der Obdachlosen besaßen. Zuletzt die Schar jener Burschen, die zwar stellungslos waren, aber schon zwei oder drei Tage im Asyl genächtigt hatten; sie wußten wohl, daß sie kaum wieder Einlaß finden würden und berieten, wo sie im Falle ihrer Abweisung nächtigen würden. Die einen schwärmten von einer sehr schönen Scheuer in Žižkow, die anderen waren entschieden für den Stall eines Prager Einkehrhauses, wo es allerdings drei Kreuzer Quartiergeld koste, wieder andere propagierten eine Exkursion in den Kinskygarten oder den Karlspark.
Auch die drei anderen Schichten — jetzt waren auch die Obdachlosen, diese untersten Repräsentanten der menschlichen Gesellschaft in Gesellschaftsschichten geteilt — debattierten eifrig. Ein Alter, mit schwarzem Bart und Havelock, führte das große Wort. Das Thema der Debatte war nichts geringeres, als — die Frage der Landtagstätigkeit. Es war die finanzpolitische Seite, welche diese in Lumpen gekleideten Menschen am meisten interessierte. In der Naturalverpflegsstation hatte man ihnen den Mangel verschiedener Gegenstände mit der Finanznot begründet, und deshalb waren viele für die Flottmachung des Landtages, aber einzelne waren dagegen, indem sie erklärten, wenn die Regulierung der Landstraßen wieder in vollem Maße aufgenommen werde, dann gäbe es wieder lauter Schikanen von seiten der Wegmeister.
Das neuerliche Öffnen des Tores machte diesen hochpolitischen Erwägungen ein Ende. Man ließ die Frauen — größtenteils beschäftigungslose Feld- und Fabriksarbeiterinnen — ein und schloß wieder. Dann, nach etwa zehn Minuten die Männer. Ein Asylbediensteter rief die Gruppe aus. Einzeln wurde man eingelassen, jeder mußte sich legitimieren. Bei der Gruppe „Arbeitsbücher“ fand auch ich mich ein.
„Wo hast du dein Arbeitsbuch?“, fragte mich der Mann an der Pforte.
„Ich habe keines,“ war meine Antwort. „Ich komme aus Reichenberg und wollte ins Spital. Aber man hat mich nicht aufgenommen, weil überfüllt ist.“
„Warum fährst du nicht zurück?“
„Ich habe kein Geld. Auf der Polizei werden sie mir ein Rückreisebillett geben. Aber erst morgen. Nachmittag wird nicht amtiert, und da haben sie mich hergeschickt.“
„Wer hat dir das gesagt, daß du hergehen sollst?“
„Der Offizial S...“ Ich nannte den Namen des Beamten, der die Reiseunterstützungen aushändigt, und dies genügte, um den Auguren von der Richtigkeit meiner Aussage zu überzeugen. Aber er hatte noch eine Besorgnis: