Aus Prager Gassen und Nächten

Part 3

Chapter 33,500 wordsPublic domain

Ich bin auf der Elbe weitergefahren. Noch immer — jetzt bin ich in Magdeburg — ist, wenn man von der stellenweisen Remorquage absieht, die Elbströmung die einzige treibende Kraft für das Fahrzeug, dessen Passagier ich bin. Auf meiner Fahrt habe ich manches herrliche Bild auf den Elbufern gesehen, aber noch nichts hat die Pracht der Landschaft zu übertreffen vermocht, die sich in der Heimat, von Leitmeritz bis über die Grenzen des Nachbarlandes bis zur Bastei nächst Wehlen breitet.

Gäste der Polizei

„Departement für die öffentliche Sicherheit.“ So steht es auf dem Torschild. Aber das ist ungenau, unpräzis. Sagt zu viel, also zu wenig. Denn in das Gebiet der öffentlichen Sicherheit gehören auch Baubehörden, Schieneninspektionen, Feuerwehren, Rettungsstationen, Kesselprüfungen, Automobilvorschriften, Kutscherschulen und viele andere Dinge, mit denen das Sicherheitsdepartement nichts zu tun hat. Immerhin bleiben ihm noch mehr als genug Agenden. Und auf die Art dieser Agenden weist viel deutlicher als die Aufschrift auf dem Schilde das Relief hin, das über dem Tore prangt und eine Zusammenstellung dreier Symbole zeigt: Das Richtbeil, das Fascesbündel und die Wage der Themis. Nun wird zwar hier im Departement das Richtbeil nicht geschwungen, die Themis hat hier noch nicht ihre wägende Tätigkeit zu entfalten und die Fasces, das Sinnbild der strafenden Gewalt über Tod und Leben, dürfte eigentlich erst die nächsthöhere Instanz, der Gerichtshof, mit voller Berechtigung im Wappen führen. Jedoch das Sicherheitsdepartement ist Agentie und Werbeamt, und wenn es durch seine Beamten und Detektivs nicht das Menschenmaterial herbeischaffen würde, so könnten sich die symbolischen Manipulationen mit Richtbeil, Fasces und Wage im allgemeinen nur auf die kleinen Gauner, die genügsamen Dorfdiebe und die armen Landstreicher erstrecken, welche die Gendarmerie dem Landesgerichte überantwortet.

Übrigens ist es die Verbrecherwelt nicht allein, auf die sich die Tätigkeit des Sicherheitsdepartements erstreckt. Mit allerhand Anliegen kommt man in diese Räume. Da ist ein ehrsamer Handwerksmann, der sich seit einigen Tagen durch die Amtslokalitäten schleicht. Auf seinem Wege muß er durch das Zimmer der Detektivs. Die kennen den wackeren Bürger und schütteln die Köpfe: Wie der in den letzten Tagen gealtert ist! Der Ankömmling geht zu dem Beamten, der die Vermißten und Wiedergefundenen in Evidenz führt. Dieser, ein junger Polizeikonzeptspraktikant, kennt schon des Alten Begehr und hat diesem schon einigemale den Bescheid gegeben, daß man von dem Aufenthalte seines Sohnes, der nach mißglückter Prüfung nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch immer nichts wisse. Heute aber ist die Nachricht da, eine Hiobspost: Die Leiche des jungen Mannes ist aus der Moldau gezogen worden. Der junge Polizeipraktikant spielt verlegen mit dem Bleistift. Wie soll er dem Alten die furchtbare Botschaft beibringen. Er nötigt ihn, sich zu setzen. Da weiß der bedauernswerte Handwerksmann schon alles.

„Tot?“, stößt er hervor. Und bald hält er das Telegramm in Händen, das im Lapidarstil die Bestätigung der ärgsten Befürchtungen des Vaters birgt.

„Tot“, schluchzt der Alte, „tot! Und ich bin schuld. Ich habe ihn studieren lassen, damit er’s besser hat, wie ich! Tot!“

Am gegenüberliegenden Tisch wird ein Fall von grundverschiedener Natur verhandelt, aber auch etwas, was mit der öffentlichen Sicherheit gar wenig zu tun hat, auch etwas Unkriminalistisches im Kriminaldepartement. An den Grenzen des Polizeirayons ist ein Weib aufgelesen worden, das kaum viel mehr als einen Meter groß, taubstumm, irrsinnig und halbblind ist und nun apathisch bei dem Tische des Kommissärs steht. Dieser hat auf den ersten Blick gesehen, daß aus der Alten über ihre Identität und Heimatszuständigkeit nichts herauszubekommen ist, und so setzt er sich resigniert und schreibt zuerst einen kurzen Begleitakt an das Taubstummeninstitut, wohin die Arme zunächst gebracht werden muß, damit man dort versuche, mittels Zeichensprache ihr irgendwelche Angaben zu entlocken. Aber im Taubstummeninstitut wird man die Alte nicht behalten, weil sie irrsinnig ist, ebensowenig wie man sie in der Landesirrenanstalt aufnehmen wird, weil sie taubstumm ist. Und so muß ein zweiter Akt an den Magistrat abgesandt werden, der aus dem Tschechischen ins Amtsdeutsch übersetzt, folgendermaßen lautet: „Inliegend beschriebene, unbekannte Taubstumme wird zur Unterbringung in das Gemeindearresthaus bis zur Feststellung ihrer Heimatszuständigkeit in Empfehlung gebracht.“ Und dann muß die Beschreibung, die polizeiliche Photographie, die Stilisierung der Notiz für den „Polizei-Anzeiger“ erfolgen. Unwillig brummt der Kommissär in den Bart: „Wenn nur die Gemeindevorsteher in die Bluse solcher Kretins den Namen der Heimatsgemeinde einnähen ließen, dann könnte man solche arme Leute gleich per Schub nach Hause befördern, und alle diese Scherereien, Schreibereien und Suchereien wären erspart!“ Ja, wenn! Aber das tun die Gemeindevorsteher wohlweislich nicht, denn jeden Tag, der mit den Recherchen verloren geht, hat die Gemeinde an Erhaltungskosten für den lästigen Dorftrottel erspart!

Die Expediträume des Sicherheitsdepartements beherbergen gleichfalls eine Gruppe unkriminalistischer Gäste. Fünf oder sechs Männer und eine junge Frau stehen dort beisammen. Jeder hält eine Harfe in der Hand und die gibt alles an — Legitimation, Heimatsort, Leidensgeschichte und Begehr. Aus dem Harfenistenstädtchen Nechanitz sind sie, von wo die böhmischen Wandermusikanten stammen, und ihre Schicksale sind die ewig alten: Vom Impresario engagiert, ausgebeutet und ohne Entlohnung verlassen, von den österreichischen Auslandsbehörden nach Prag einwaggoniert, kommen sie ins Sicherheitsdepartement der Polizei, um eine Reiseunterstützung zu erbitten. Jeder erhält eine Eisenbahnkarte von Prag nach Königgrätz oder den Fahrpreis von K 4.40 auf die Hand. Und von Königgrätz gehen sie zu Fuß ins Heimatsstädtchen und leben hier, bis sie wieder ein Impresario engagiert, ausbeutet, ohne Entlohnung verläßt ... ad infinitum.

Selbst im anthropometrischen Kabinett kann man oft unkriminelle Leute sehen, obzwar dieses, wie schon aus dem Namen und der daraus zu deduzierenden Bestimmung ersichtlich ist, nur für die Rückfälligkeit, beziehungsweise die zu befürchtende Rückfälligkeit der hier gemessenen Verbrecher eingerichtet ist, und obzwar hier schon das Milieu, und die Einrichtungsstücke darauf deuten, welche Beachtung man den Inhaftaten zollt. Mit Kopfzirkeln, Ohrmessern, Meßkreuzen, Sitzhöhenmaßen, Narbenmaßen, Fingerdruckkissen und dem übrigen Instrumentarium der beiden Bertillons wird man doch nicht die Personaleigentümlichkeiten bedauernswerter Bettler, harmloser Kretins und unterstützungsbedürftiger Musikanten auf der Meßkarte verewigen! Gewiß nicht. Man braucht aber auch nicht zu glauben, daß jedes halbwegs ehrliche Gesicht, das man hier auf Ohren-, Nasenlänge und Pupillennuance mißt, gleich das Wort von der „Verbrecherphysiognomie“ Lügen straft. Gar viele Abdrücke von Finger-Papillarzügen, die in die Meßkarten-Registratur einverleibt worden sind, müssen nie wieder hervorgeholt werden. Und der im anthropometrischen Kabinett tätige Beamte hat schon von seinen Klienten, besonders jenen, die im jugendlichen Übermut entgleisten, das Wort gehört:

„Meine Maße werden Sie nie mehr brauchen!“

Das verrät, schon nach dem Tonfall, Selbstmordabsicht. Aber der Beamte hat da einen alten Kniff. Er mißversteht absichtlich.

„Nun, es freut mich zu hören,“ bemerkt er wohlwollend, „daß Sie von nun an alle derartigen Entgleisungen vermeiden wollen. Denn wenn Sie noch ein zweites Mal hierher kommen, dann sind Sie für Ihr ganzes Leben als Verbrecher gebrandmarkt.“

„Das bin ich schon,“ lautet die stereotype Antwort, „jetzt kommt es in die Zeitungen, alle Leute erfahren es ...“

„Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie von jetzt ab ein ehrlicher Mensch sein wollen, dann verspreche ich Ihnen, mich dafür einzusetzen, daß Ihr Name nicht in die Zeitung kommt. Einmal ist keinmal! Ihr Ehrenwort?“

Gar mancher gibt hier im anthropometrischen Kabinett das ehrenwörtliche Versprechen. Und mancher hält es auch.

Wenn dann wirklich nach ein paar Jahren ein solcher junger Mann als ehrlicher, tüchtiger Mensch in das Sicherheitsdepartement kommt, um sich dafür zu bedanken, daß man ihn einst so vom Selbstmord abgehalten, dann ist das auch ein unkriminalistischer Besuch bei der Kriminalpolizei. Der einzige freilich, den man dort gerne sieht.

Café Kandelaber

Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ich so um fünf Uhr früh beim Café Kandelaber mein Frühstück verzehre. Es ist zwar ein famoser Trunk, der 80gradige, mit angenehm im Magen flammendem Rum vermengte Tee, der hier kredenzt wird — aber er bleibt doch nur ein Frühstück, ein verteufelt kategorischer Schlußpunkt nach einer schönen, kaum begonnenen Nacht. Das ist es, was mich grollen macht. Ich bin bös auf die ganze Welt. Es ist aber auch wirklich zu arg mit ihren Einrichtungen. Jedes Schulkind weiß z. B., daß der Erfinder der Dampfmaschine James Watt hieß. Weil dieser beim Brodeln eines Teekessels auf die Idee kam, die Dampfmaschine zu erfinden. Auch schon etwas? Ein anderer Erfinder, der wohl beim Vorbeifahren einer Dampfmaschine, sei es einer Lokomotive oder einer Lokomobile auf die Idee kam, sie als Teekessel zu verwerten, ist keinem Schulkinde bekannt, seinen Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Und doch ist die Verwendung der Lokomotive als Teekessel — das „Café Kandelaber“ — eine Erfindung, die Hunderten von müden Pilgern im nächtlichen Prag die Wohltat eines aufpulvernden, wärmenden Trankes gewährt. Der Name eines solchen Wohltäters wird in der Weltgeschichte nicht verzeichnet! Ich muß meinen Groll hinunterspülen.

„Frau Jemelka, noch einen Achtziggradigen, Zwanzigprozentigen um fünf, etwas zum Aufweichen und zwei Retten.“

Frau Jemelka stellt ein Glas unter die Mündung des Messingrohres, dreht den Hahn nach rechts und läßt die Essenz in mein Glas rinnen, in welches nun das heiße Wasser kommt. Dann sucht sie mir eine Mohnbuchte zum „Aufweichen“ aus und gibt mir zwei „Sport“. Sie weiß ganz gut, daß mit der Bestellung der Retten — so wird der Ausdruck „Zigaretten“ in vorgerückter Nachtstunde abgekürzt — nur „Sport“ gemeint sein können, damit die Zeche die runde Summe von 20 Hellern ausmache.

Jawohl, bloß zwanzig Heller! Man zeige mir, bitte, ein Kaffeehaus, wo für dieses Geld ein warmes Frühstück mit Mehlspeise und Zigaretten erhältlich ist. Dabei habe ich noch die feinere Teesorte, die um 10 Heller — nobel muß die Welt zugrunde gehen! — getrunken und „Sport“, statt der billigen und hier bedeutend stärker verlangten „Drama“ geraucht.

Frau Jemelka steckt das Zwanzighellerstück in eine Blechbüchse, die ihr als feuer- und einbruchssichere Kassa dient. Zwölf Prozent gehören der „Cafetiere“, die nicht selbständige Unternehmerin ist, sondern eine Angestellte der Kleinschen Likörfabrik vom „Roten Stern“ in Karolinental. Das fahrbare Teehaus ist Eigentum der Kleinschen Fabrik und diese liefert die Essenz, die Tee, Rum und Zucker enthält. Den Erlös der verkauften Quanten, abzüglich der Provision von zwölf Prozent, muß Frau Jemelka abführen.

Keine Angst, die gesetzte, ins Pragerische transponierte Geisha kommt trotz alledem auf ihre Kosten. Das ambulante Teehaus, das manchen nächtlichen Passanten nährt, nährt auch seinen Mann. Im Winter kommen die Bettmeider frierend zu dem Teeverschleiß, um sich an dem behaglichen Koksofen zu wärmen, im Sommer aber gibt es zahllose Menschen, welche den im Einkehrhaus „U valšu“ zu entrichtenden Logierpreis von 20 Hellern als eine überflüssige Ausgabe betrachten, und lieber in der lauen Luft der Gassen umherspazieren. Die statten dann dem „Café Kandelaber“ längere Besuche ab und geben oft dreimal so viel Geld aus, als das Nachtquartier kosten würde.

Außerdem haben die Kandelaber-Cafetiers noch ganz gute Nebeneinkünfte. Wenn irgend ein Neuling kommt — an der Frage nach dem Preise eines Glases Tee ist er erkennbar — dann wird ihm statt der feinen, der 10 Heller-Essenz, die 8 Heller-Essenz gereicht, aber das Greenhorn muß den teuereren Preis bezahlen. Oder wird der Hahn des Kesselrohres zurückgedreht, bevor das vorschriftsmäßige Quantum der Essenz herausgeronnen ist. Wehe aber, wenn der Teemann eine solche Manipulation bei einem gewiegten Bummler in Anwendung bringen wollte! Der weiß ganz genau, daß der rechte der beiden durch ein festes Schloß vor Verfälschung oder Verwässerung durch den Kandelaberwirt geschützte Kessel die teure, der linke Kessel die billige Essenz birgt, und der wacht mit Argusaugen darüber, daß kein Tröpfchen der vorgeschriebenen Essenzmenge im Rohre des Kessels bleibe. Der würde für einen Übervorteilungsversuch Worte finden, die selbst in dem Milieu des Café Kandelaber ihre Wirkung nicht verfehlen würden.

„Café Kandelaber.“ Eigentlich haben die gastlichen Lokomotiven, die in der Nacht an den Straßenecken Station machen, offiziell einen anderen Namen. „Ambulance heißer Getränke“ steht mit goldenen Lettern auf der Wagenfront. Aber der Ausdruck hat sich nicht eingebürgert. Er trifft auch nicht mehr so recht zu. Freilich ist das Teehaus ambulant, und um die neunte Abendstunde kann man das nicht mehr ungewohnte, darum aber nicht minder seltsame Schauspiel genießen, eine Lokomotive mit einer vorgespannten Dogge durch die Straßen fahren zu sehen. Dann aber bezieht sie ihren Standplatz, den sie jahraus, jahrein innehat, der Hund kuscht sich zwischen den Rädern, und Wagen und Hund rühren sich bis zum Morgengrauen nicht von der Stelle. Früher, vor etwa dreißig Jahren, war das anders. Da fuhr der Teemann durch die Straßen und machte nur auf Anruf eines hungrigen oder durstigen Passanten Halt. Dieses Geschäft, das nur auf dem Zufall einer solchen Begegnung aufgebaut war, rentierte sich nicht. So zogen sich denn die Kandelaber-Cafetiers resigniert an die Ecken der Gassen oder an die Kandelaber der Plätze zurück. Und siehe da! Kaum hatte sich der Planet in einen Fixstern verwandelt, so war er schon beliebt. Da der Berg nicht mehr zum Mohammed kam, da kamen die Mohammedaner zum Berg. Der Ausdruck „Café Kandelaber“, dessen beide Worte so prächtig mit einander kontrastierten, wurde populär und er ist dieser Erfrischungsstelle bis zum heutigen Tage geblieben, obwohl jetzt eine Verwechslung möglich wäre, da sich ein findiger Wirt für sein Nachtkaffeehaus in der Karlsgasse, dessen Stammgäste sich aus denselben Gesellschaftsschichten rekrutieren, aus denen die Gäste der fahrbaren Teehäuser stammen, den Namen „Café Kandelaber“ behördlich protokollieren ließ.

Von da ab erfreuten sich die fahrbaren Teehäuser steten Zuspruchs. Die Droschkenkutscher des nahen „Staffels“ und der gleichfalls dicht benachbarte Würstelmann polemisierten und pokulierten, bis längst das Licht auf der Höhe des städtischen Kandelabers verlöscht und die Wagenlaterne des „Kaffeehauses“ angezündet war. Zu ihnen gesellten sich Nachtvögel verschiedener Gattungen und blieben auch keine kürzere Zeit stehen. Der Teewagen auf dem Altstädter Ring erfreute sich einer so außerordentlichen Beliebtheit, daß sie dem Wirte sogar verhängnisvoll wurde. Hier strömten nämlich zu der Zeit, als noch die Josefstadt nicht assaniert und voll von niedrigen Beiseln war, nach der Gasthaus-Sperrstunde verschiedene Leute zusammen, die hier ihre Affären der Liebe, des Alkohols und des Verbrechens fortsetzten. Das ging gar nicht leise und gar nicht ohne blutige Raufhändel ab. Das „Café Kandelaber“ war fast täglich in den Rapporten des Altstädter Polizeikommissariates erwähnt und schließlich verbot man dem Wirt diesen Standplatz. Er durfte den Ring überhaupt nicht mehr passieren und erst als die dunkelsten Häuser der Josefsstadt dem Erdboden gleichgemacht worden waren, durfte er wieder in das gelobte Land einziehen. In der letzten Zeit wird diese Geschichte in den Kreisen der „Kandelaber“-Gäste besonders oft besprochen. Man glaubt, daß durch dieses seinerzeitige Platzverbot ein Präzedenzfall vorhanden ist, der dem Teemann vom Josefsplatz verhängnisvoll werden kann: Man werde ihm diesen Platz verbieten, damit er dem Repräsentationshaus keine Konkurrenz mache.

Es ist fünf Uhr geworden. Schon graut der Tag und dem Leser. Ich muß meine sachlichen Erwägungen schließen, wenn ich noch rechtzeitig zum Five-o’clock-tea ins „Café Kandelaber“ kommen will.

Geschichten vom Brückenkreuzer

Man kann freilich von einer Brücke nicht verlangen, daß sie außer einem Fluß auch noch die sozialen Gegensätze überbrücken soll. Aber die Prager neuen Brücken verschärfen diese Gegensätze noch, denn die Armen haben jetzt oft einen nahen Weg vor sich und müssen doch — um den Brückenkreuzer zu ersparen — den Umweg über die älteste Brücke, die unentgeltliche Karlsbrücke, machen. Durch die Prager Brücken werden zwar die Stadtteile verbunden, aber die Bewohner dieser Stadtteile haben keine Ursache dafür verbunden zu sein. Denn der Brückenkreuzer ist eine Unbequemlichkeit für die Reichen, eine empfindliche Ausgabe für die Armen. Jedesmal, wenn man in Prag eine Brücke schlägt, so schlägt man dem modernen Verkehrswesen ein Schnippchen und die Logik aufs Haupt, indem man je ein Mauthäuschen an die Brückenenden setzt.

Das Vergnügen, in den verschiedenartig duftenden Anlagen des Stadtparkes und auf dem von Alpinisten sehr geschätzten Pflaster der Prager Straßen zu promenieren, hat man ganz umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine Brücke zu gehen, die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch teurer ist als die Prager Brücken. Von der Verkehrshemmung, welche die Einhebung der Brückenmaut bedeutet, gar nicht zu reden. Man stelle sich vor, daß auf der Weidendammer oder auf der Potsdamer Brücke in Berlin jeder Passant stehen bleiben, jedes Auto stoppen müßte, um zwei oder fünf Pfennige zu bezahlen. Auch der gemütliche Wiener würde wohl verteufelt ungemütlich werden, wenn er sein „letztes Kranl“ wechseln müßte, um über die Aspernbrücke gehen zu dürfen.

Aber es wird uns doch ein Äquivalent für die Entrichtung des Brückenzolls geboten. Das sind die Straßenbilder und die Geschichten, die sich auf diese Institution gründen, und um die uns jede andere Stadt beneiden muß. Hier fleht ein Bettelweib mit weithin hörbarem Weinen die Gnade des Brückentyrannen an, dort nimmt ein kleines Kindermädchen den ihr anvertrauten fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm, hier schlängelt sich ein Gamin zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke, dort springt ein Prager „Pepík“ vor dem Mauthäuschen auf die Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen — alles, um zwei Heller zu ersparen.

Auch andere Typen und Geschichten sind bekannt. Ein Einjährig-Freiwilliger hat den Brückenkreuzer prinzipiell — „ich lasse mir nichts schenken“ — bezahlt, trotzdem ihn die Uniform zu freiem Eintritt berechtigte. Von dem Jungtürken, der es absolut nicht verstehen konnte, wie ein fremder Mann auf offener Brücke von ihm ein Bakschisch zu verlangen wage, und dem schließlich eine hundertköpfige Menschenmenge zu Hilfe kam, war im November des vorigen Jahres in allen Blättern zu lesen. Der uralte Ulk des Defilees im Gänsemarsch ist bei den Bewohnern des Mauthäuschens gar nicht beliebt, weil sich diese die Mühe nehmen müssen, die Teilnehmer des Zuges, für die der Letzte zahlen soll, genau zu zählen. Zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte gewöhnlich davon, so daß ein Rechenfehler ohnedies gleichgültig ist. Es gibt viel solcher Scherze.

* * * * *

Rückte da neulich ein Marsjünger in Zivilkleidern, nur an der keck über dem linken Ohre baumelnden Mütze als k. u. k. Infanterist kenntlich, vom Ernteurlaub nach Prag ein. An dem Smichower Ufer streckte ihm der Zöllner begehrlich seine Hand entgegen. Der Urlauber aber verweigerte die Zahlung des Tributs. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen Kreuzer zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit seinem Urlaubsschein als Angehöriger der Armee. Da die Frequenz auf der Brücke gerade sehr groß war, so hatte sich bereits ein stattliches Häuflein von Zuschauern um die streitenden Parteien geschart. Nun konnte der Zöllner erst recht nicht nachgeben, wenn er nicht sein Ansehen einbüßen wollte. Aber auch dem Krieger kam es nicht in den Sinn, der Klügere zu sein, und er bestand auf seinem Schein. Wer weiß, welche Dimensionen der Rechtsstritt genommen hätte, wenn nicht zufällig ein Einjährig-Freiwilliger des Weges gekommen wäre, der in hilfsbereiter Weise für seinen Fahnenbruder zwei Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde niederlegte? Der also losgekaufte Urlauber aber setzte seinen Weg nicht sogleich fort, sondern eilte in die genau gegenüber dem Mauthäuschen auf der Brücke gelegene Tabaktrafik. Er kaufte sich für die ersparten zwei Heller zwei „Drama“-Zigaretten und zog, die eine „Drama“ zufrieden im Munde haltend, die andere kokett hinter dem Ohre, unter dem Lachen des Publikums so stolz über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer über die endlich heruntergelassene Zugbrücke in die Burg des Feindes gezogen waren.

* * * * *

Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung seiner Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er uns von diesem sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich in dem Gasthaus auf der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt, als wir auch schon beschlossen, damit dem Brückenmann der Franzensbrücke einen Streich zu spielen. Zehn Bursche wurden je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, selbstverständlich erst nachdem sie sich „auf Grand-Cerevis“ — die Eidesformel beim Biertisch — verpflichtet hatten, sie wieder zurückzustellen. Nun ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte dem Zöllner die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller zurück. Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere Hände dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war entsetzt. „Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,“ wandte er ein. „Wir kennen einander ja gar nicht,“ war unsere Antwort. Nun wollte uns der Einnehmer mit großmütiger Gebärde die Entrichtung erlassen. Aber wir wollten uns keinesfalls unserer Prager Bürgerpflicht begeben, wollten den Stadtsäckel nicht schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem Konflikt ein Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan zu haben. Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen gelacht. Wir aber lachten laut.

* * * * *

Einmal zogen wir aus der „Quelle“ in Bubentsch nächtlicherweile nach Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des Kettenstegs kamen, schlief der Zöllner bereits den Schlaf des Gerechten und an seinem Fenster war der Holzladen heruntergelassen, denn drüben am andern Ufer versah der andere Mauteinnehmer — wie allnächtlich — für ihn den Dienst. Schon wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer auf das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns, ihm in einer Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu folgen. Bei der Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus mit heischender Hand entgegen. Unser Freund tat sehr erstaunt. Er werde doch nicht zweimal zahlen, man zahle doch nur beim Betreten der Brücke und das habe er getan.

„Das ist eine Lüge,“ erklärte der Brückenhüter, „drüben ist ja geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.“

„Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe ich nicht geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim Betreten der Brücke zahle.“

Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann kam und mein Freund verlangte die Sicherstellung des Mauteinnehmers, da er von diesem durch das Wort „Lüge“ beleidigt worden sei. Der Zöllner leugnete nicht.