Aus Mitleid

Part 5

Chapter 53,762 wordsPublic domain

Magnus hatte sie belogen und er betrog sie fort und fort. Er fürchtete von ihrer energischen Art irgend einen unheilvollen Entschluß. So hatte er die Verfehmung, die von den Joëls über ihn und seine Ehe verhängt war, nur als eine vorübergehende Verstimmung hingestellt, welche die Zeit schon heilen müßte; ja, er that so, als wäre er des Alten sicher, der nur aus Furcht vor Gisbert und dessen tyrannischer Frau den Bannstrahl hatte fallen lassen. Und er erzwang seiner Phantasie allerlei Märchen, die das gutmütige und zum Verzeihen geneigte Herz seines Vaters erweichen sollten.

Anfangs hatte er sich selbst belogen. Vor allem konnte er sich nicht in den Gedanken finden, daß ein Joël genauere Bekanntschaft mit der Not machen sollte. Immer wieder stutzte er erstaunt, wie schwer es ihm hielt, eine Stellung zu finden und zu behaupten. Sein eigener Name, dem er nun einmal Rücksicht schuldig war, und die Illusionen seines sanguinischen Gemütes waren ihm fort und fort ein Hindernis. Er war unpraktisch und kein tüchtiger Geschäftsmann, und es war kein Comptoir so naiv, ihn auf den Namen Joël hin über seine Leistungen zu honorieren. Seine Fertigkeiten als Buchhalter schienen nur auf die Großfirma zugeschnitten. So wechselte er von Stelle zu Stelle, jedesmal mit herabgeminderten Ansprüchen. Ein Unmut bemächtigte sich seiner: sie haben einen neidischen Tick auf den Namen Joël, jetzt rächen sich diese Kleinen wenigstens an dem Namen, da sie der Firma selbst nichts anhaben können! Einmal glaubte er sich schlecht behandelt und verließ die Stelle, ein andermal ward ihm seiner ungenügenden Leistungen wegen gekündigt. Er fühlte den Fluch seines ehemaligen Reichtums auf sich lasten, und das drängte ihn immer mehr abseits.

Er schämte sich, das einzugestehen und brauchte allerlei Ausflüchte, wenn die Adresse seines Prinzipals abermals wechselte. Emmy begann aufzumerken und sein Gehen und Kommen argwöhnisch zu belauern. Aber die freundlichen Glücksstunden, die ihnen das trauliche Nest bot, täuschten sie beide immer wieder über den Ernst der Lage hinweg. Ihre anschmiegende Liebe tröstete ihn für alle Widerwärtigkeit, und wenn er nach der sauren Arbeit des Tages heimkehrte, so schien ihn das heimische Glück immer wieder mit neuer Kraft zu stählen.

Plötzlich öffnete ihr der Zufall die Augen. Eines Morgens im späten November war sie nach Berlin hineingefahren, um eine lang verschobene Besorgung auszuführen. Um die elfte Stunde kam sie durch die Königgrätzer Straße am Rande des Tiergartens vorbei. Es war ein eisig rauher Tag, die Bäume des Parkes ächzten unter den zausenden Händen des Sturmes; raschelnd wirbelten die welken Blätter über die Wege. Emmy eilte mit fester verzogenem Mantel, um den Schutz der Straße wiederzugewinnen. In der Nähe des Goethedenkmals streifte ihr Blick eine Bank, auf der ein Herr saß. Stutzend hielt sie an — sie meinte Magnus dort zu erblicken. Unsinn! Er sitzt jetzt drüben in der Königstadt in seinem Comptoir — am Morgen beim Fortgehen hatte er noch so dringende Arbeit vorgeschützt.

Und dennoch! Sie traut ihren Blicken kaum. Seine breiten Schultern, der flache Krämpenhut — er ist’s! Wie kommt er denn dahin, um diese Stunde? — man sitzt doch nicht bei diesem Wetter im Tiergarten! Die Ahnung eines Unheils krampfte ihr das Herz zusammen, ihre Tritte wankten, als sie auf den Sitzenden zutrat.

Magnus saß vornübergebeugt, das eine Bein über das andere geworfen, den Hut in die Stirn gedrückt vor dem Wehen des Sturmes; mit brütendem Sinnen betrachtete er das langsame Auf- und Abwiegen des übergeschlagenen Fußes.

»Maggi ...«

Ängstlich wie ein Hilferuf klang es an seiner Seite.

Er fuhr empor, starrte sie wie eine Erscheinung mit blöden Augen an.

Er hat an sie gedacht, denkt fortwährend an sie — da kommt ihre Erscheinung wie ein Zauber dahergehuscht ...

»Was machst Du hier? — um Gotteswillen, Maggi, was ist denn? Wie Du aussiehst ...«

O, er hatte sich nicht sofort zu fassen vermocht! O, er hatte keine Zeit gehabt, die harmlose Frohmiene, die er sonst vor seiner Heimkehr jedesmal vorzubereiten pflegte, einzustellen.

Sie sank neben ihm auf die Bank, ihn mit erschrockenem Auge anstarrend.

»Was führt Dich denn aus Pankow her?« stotterte er.

»Ich denk’, Du bist in Deinem Geschäft —«

»Ich streike —« warf er bitter hin, und das Lächeln über diesen Scherz, mit dem er sich herauszureißen gedachte, blieb zäh auf seiner Miene haften.

Sie griff nach seiner Hand: »Um Gotteswillen, was ist? Sag’ mir doch! Du hast Deine Stellung aufgegeben? da brauchst Du doch nicht hier im Tiergarten zu sitzen! Warum sagst Du mir denn das nicht?«

Thränen bebten durch ihre Stimme.

»Närrchen, komm — es ist zu kalt für Dich hier —«

Er wollte sich erheben, wobei ein Seufzer seinen breiten Brustkasten schwellte. Mit krampfhaftem Griff hielt sie ihn fest.

»Erst sag’ mir alles!«

»Nichts! Ich hatte keine Lust zu arbeiten, unser Comptoir ist so eng, kaum Luft genug für einen Maulwurf — da macht’ ich mich davon —«

»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr, Maggi!« rief sie, und ihre Augen blitzten ihn an.

»Du sollst Dich nicht so aufregen, mein Herz —«

»Ich weiche nicht von der Stelle, bis Du mir gebeichtet!«

Sein Blick umhüllte mit einem besorgten Ausdruck ihre zarte Gestalt, die nicht sehr wintermäßig gekleidet war. Der Wind ließ die Bänder ihres Hutes flattern und das Wildhaar ihrer Stirne auswehen.

»Nichts, sag’ ich Dir! — nun ja, ich hab’ den Posten abermals quittiert. Ein erbärmlicher Hundedienst — seit gestern bin ich fort —«

»Es ist nicht wahr!«

Die Inquisition ärgerte ihn etwas. »Nun ja, wenn Du es denn besser weißt — seit drei Wochen —«

»Maggi!«

Nur der Name, dazu der volle strafende Vorwurf ihres Blickes: warum er ihr das nicht früher gesagt? warum er jeden Morgen seit drei Wochen die Komödie ausführt und eine Abfahrt nach dem Geschäfte heuchelt?

»Ich wollte Dir die Sorgen ersparen! Gerade jetzt! Übrigens was ist daran? Ich bekomme jeden Augenblick wieder eine Stelle —«

Das kam sehr kleinlaut heraus. »Jetzt komm!« rief er, gebieterisch die Stimme hebend. »Ich dulde nicht, daß Du Dich dem Wetter aussetzest!«

Sie ließ es nun geschehen, daß er sie emporzog, und seinen Arm schützend um ihre feinen Schultern legte — »komm, sei kein Närrchen ...«

Eine kurze Weile schritten sie durch das raschelnde Laub des Weges ohne ein Wort.

Plötzlich stürzten Thränen aus ihren Augen — leidenschaftlich brach es hervor: — »Du willst mich täuschen, Maggi! — es ist Not im Anzug! Und davon erfahre ich nichts! — Bin ich — bin ich denn nicht Dein Weib?«

Sie schluchzte. Er suchte sie zu beruhigen.

»Siehst Du — es wäre besser gewesen — für uns beide — ich wäre gestorben! — warum hast Du mich geheiratet! —«

»Weil ich Dich liebe! — weil ich nicht ohne Dich leben konnte! — weil ich zu Grunde gegangen wäre ohne Dich!«

Er preßte sie inniger an sich.

»Und Du willst mir nicht einmal die Wahrheit sagen? — lieber geh’ ich von Dir, als daß ich eine Lüge dulde zwischen uns —« trotzte sie. »Jetzt sagst Du mir alles!«

Er fand, daß es das beste wäre zu beichten. Wie er von Stelle zu Stelle lavierte, nichts Passendes, nichts Anständiges fand; wie er sie täuschte und belog, um sie jetzt in ihrem Zustande nicht zu ängstigen. Aber sie soll fortan die volle Wahrheit hören, wenn sie es denn will! Er will keine heitere Miene mehr heucheln, wenn es ihm schwer ums Herz ist —

»Ach was! schwer ums Herz!« rief er — »ich liebe Dich! — Du liebst mich —«

Verwundert blieben einige Passanten drüben auf der Mauerseite stehen, wie rücksichtslos stürmisch am hellen Mittag dort der starke Mann das schlanke Weib an seine Brust preßte.

Und die Seligkeit dieses Mein- und Deinseins wandelte sie bald wieder zu Kindern. Eine halbe Stunde darauf standen sie vor einem Laden der Leipziger Straße, der Erstlingsausstattungen liegen hatte, und weideten sich an all den duftigen, spitzenumhauchten Herrlichkeiten. Emmys Gesichtchen glühte. Allerlei bedeutsame Bemerkungen wurden zwischen ihnen geflüstert; in köstlicher Verlegenheit lächelten sie beide.

»Komm doch hinein!«

Er wollte sie nach dem Eingang des Ladens drängen; aber sie wehrte.

»Nein, nein, nein — jetzt auf keinen Fall! — es soll trotzdem nicht zu kurz kommen!«

»Mein gutes, liebes Weib!« hauchte er hin, und seine Blicke ruhten verklärt auf ihr, während sie beide durch das Gewühl der Straße weiter schritten.

* * * * *

Von da ab nahm die ehemalige Kassiererin von Kapp und Müller die ökonomische Regelung des Haushaltes in die Hand. Anfangs erschrak sie, auf wie schwankendem Untergrund diese Ehe gegründet worden war. Und ihretwegen hat er sich in dies Elend gestürzt!

Die Lage war ziemlich trostlos. Der Vorrat an Pretiosen war versiegt, Magnus hatte gewirtschaftet, als wenn ihm der unerschöpfliche Arnheim der Firma Joël noch zur Verfügung stände. Sein ehemaliger Reichtum erwies sich als ein Fluch.

Doch jetzt ist keine Zeit, da zu sitzen und zu grübeln und sich von schweren Gedanken niederdrücken zu lassen! Jetzt gilt es tapfer zu sein!

Sie ordnete eine Beschränkung des Haushalts an; vom ersten Januar würden sie eine noch viel kleinere Wohnung beziehen. Sie verrichtete Wunder der Sparsamkeit; zumeist heimlich, daß er es nicht merkte, denn sie sah, wie es ihn schmerzte, sie darben und sich in den kümmerlichen Verhältnissen krümmen zu sehen.

Magnus hatte in dem Bureau eines Konsortiums zum Bau elektrischer Arbeitsbahnen ein Unterkommen gefunden. Er paßte als Kaufmann dort nicht hin, aber man gab vor, seine stilistischen Fähigkeiten für die Korrespondenz zu verwerten — in Wahrheit handelte es sich um den Namen Joël, der in den Manipulationen der Gesellschaft ein effektvolles Schild abgab, ja sogar als Köder herhalten mußte. Man bezahlte ihn erbärmlich, versprach ihm aber um so mehr. Wieder schämte er sich, seine Lage vor Emmy offen darzulegen. Er hoffte in seiner sanguinischen Art in die blaue Zukunft hinein. Unterdes versank er in Schulden, ehe er sich dessen versah.

Emmy war den ganzen Tag über, wo er in Berlin war, sich selbst und ihren Sorgen überlassen. Die Gedanken umlauerten sie, schlichen ihr nach auf Schritt und Tritt, saßen mit ihr am Nähtisch und leisteten ihr Gesellschaft am Küchenherd, wo sie das frugale Mahl für sein Kommen am Abend rüstete.

Sie hat ihn zum Bettler gemacht! — sie hat den Frieden des Hauses Joël zerstört! — sie hat ihn von dem Herzen seines Vaters getrennt! Was für ein Ungeheuer von Egoismus ist sie denn, daß sie bleibt und ruhig zusieht, wie die Kluft sich erweitert und das Elend wächst? Fort mit ihr, der Unglücksspenderin — der Friedensstörerin! — es wäre so einfach — weiter nichts, als daß sie ihn verließe — spurlos verschwände — dann wäre er frei! — Wohin, das ist einerlei! — sie weiß, sie wird an dieser Trennung zu Grunde gehen! — wenn sie ihn damit rettet — wie gern, ach wie gern!

Immer wieder stemmte sie sich gegen die Unseligkeit solcher Gedanken. — Jetzt nicht! — sie ist schuldig auszuharren, bis sie ihrem Kinde das Leben geschenkt! Dann vielleicht erst recht! O Gott, giebt es denn keinen Ausweg?

Die gute Mama Köster wagte sich immer wieder mit einem Vorschlag heran: man müßte eine Versöhnung mit der Familie Joël versuchen. Die wenigen Nachrichten, die von den Joëls in den stillen Winkel herüberdrangen, konnten schon dazu ermutigen. Der alte Herr litt offenbar unter dem Schlag, den ihm sein Jüngster versetzt. Sein Gesundheitszustand war nicht der allerbeste. Siering, der erste Buchhalter des Hauses, der Magnus zufällig begegnete, meinte, es kostete nur einen Gang, nur ein Wort, — der Alte wäre so weich, (»er ist überhaupt nur ein Polterer!«), eine Versöhnung ließe sich unschwer in Scene setzen. Magnus schüttelte ungläubig den Kopf; und sein Trotz bäumte sich auf.

Aber Frau Köster klammerte sich immer zäher an den Plan. Sie träumte von einem Fußfall — von einer rührenden Verzeihungsscene —

Der Größenwahn des Herrn Köster fuhr in voller Entrüstung dagegen an. — »Was? wir sollen klein nachgeben? Nimmermehr! Ihr werdet sehen, man wird schon kommen, uns zu holen, wenn man uns braucht! — warten wir nur geduldig!«

»Unterdes sind wir verhungert —« sagte die stumme Angstmiene von Frau Köster.

Und Emmys Mutterhoffnung bestärkte sie. Sie scheute sich nicht, vor ihrer Tochter offen ihre Gedanken schillern zu lassen.

»Wenn es ein Knabe sein sollte — wenn wir das Glück hätten, daß es ein Knabe wäre, Emmy —«

Die junge Frau errötete.

»Nun, man redet doch darüber, mein Kind — also wenn es ein Knabe wäre! — Herr Gisbert Joël hat, wie mir Magnus versichert, keine Aussicht auf einen Erben — bleiben wir also allein übrig, die den Namen Joël retten. Und so ein Kerlchen zieht uns alle heraus. Dem wird der alte Herr nicht widerstehen — der Großpapa wird ihm in die Glieder fahren ...«

Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, erschien in der Damerowstraße ein Herr von militärisch strammem Aussehen und fragte in gemessener Höflichkeit nach Herrn Joël. Auf Emmys Bescheid, daß dieser nicht zu Hause sei, hob er bedauernd die breiten Schultern und zog aus der Seitentasche seines Rockes einen Pack Papiere in aktenmäßigem Format.

»Bedaure sehr — ich habe für diesen Fall Exekutionsbefehl. Gerichtsvollzieher Moller mein Name —«

Emmy schrak zusammen und erblaßte; mit zitternden Händen griff sie nach den Papieren.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, Frau Joël —« sagte der Biedermann mit seiner gutmütigen Baßstimme, — »es ist nicht der Rede wert — eine Operation, die nicht weh thut — derweil kommt Zeit, kommt Rat —«

Und vor sich her knurrend, fügte er hinzu: »Ihnen kann es doch nicht schwer fallen, die paar hundert Mark aufzutreiben!«

Er schüttelte dabei den feisten Kopf. Seine Augen fuhren forschend von Möbel zu Möbel in der Stube umher, dieselben auf ihren Wert abschätzend.

Emmy blätterte mechanisch in den Papieren mit ihrem Gemisch von Gedrucktem und Geschriebenem und zehnerlei Handschriften.

Plötzlich fuhr sie auf — der Gerichtsvollzieher prüfte gerade ein zierliches Luxusschränkchen, ein Überbleibsel aus Magnus’ Luxustagen; die prächtige Schnitzarbeit schien ihn zu interessieren: »Das Stück allein —« sagte er, mit der Hand über den reichprofilierten Sims fahrend, »deckt zehnmal die Schuld — und es ist Ihnen gewiß entbehrlich?«

Emmy stürzte herzu: — »Das nicht! — auf keinen Fall das!« rief sie, mit der Hand abwehrend.

Der Mann wunderte sich über die Erregung. Emmy errötete, den wahren Grund ihrer Weigerung wagte sie nicht anzugeben —: das Schränkchen hatte zur Aufbewahrung der fertigen oder in Arbeit begriffenen Kinderausstattung gedient. Es war ihr eine so wundersame Freude, die Thüren desselben zu öffnen und sich mit den winzigen Sächelchen zu beschäftigen. So war ihr das Schränkchen zu einer Art Heiligtum geworden.

»Das nimmermehr! Nehmen Sie sonst alles!«

Herr Moller war wohl an dergleichen Sonderheiten gewöhnt. Er wählte also ein paar andere Möbel, die ihm entbehrlich schienen und brachte seine Siegel an, die Operation, wie er es nannte, mit Aufzählung schlimmerer Fälle, wie zur Beruhigung, begleitend.

Dumpf brütend saß sie da, als er fort war, der Schreck zuckte in ihr nach. Da klingelte es abermals — der Briefträger.

Mechanisch nahm sie den dargereichten Brief, betrachtete ihn — er sah recht gleichgültig aus, sie kannte die Schrift nicht — etwas Geschäftliches? — vielleicht abermals eine Mahnung? —

Und mit ganz mechanischen Griffen, all der Gedanken voll, öffnete sie das Couvert.

Gleich, als sie die Überschrift sah, ward sie sich des Mißgriffes bewußt. »Lieber Bruder!« stand dort.

Aber unmöglich, das Folgende nicht zu lesen! — wenigstens nicht einen Blick in die Zeilen zu werfen. Was ist geschehen? Gisbert schreibt an Magnus — das erste Mal seit der Verstoßung ...

Ihre Hände zitterten, als sie las:

»Lieber Bruder!

Du wirst Dich wundern, von mir diese Zeilen zu erhalten. Unser alter Vater ist die Veranlassung. Er befindet sich nicht gut, gewisse Ereignisse haben ihm stark zugesetzt und, wie es scheint, seine Gesundheit untergraben. Ich weiß nicht, ob Dir daran gelegen ist, nach der Leichtigkeit zu urteilen, mit der Du Deine Familie, die es so gut mit Dir meint, bei Seite warfst, hiervon Notiz zu nehmen. Jedenfalls hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu benachrichtigen. Auch magst Du aus diesen Zeilen die Andeutung herauslesen, daß der Moment zur Anbahnung eines Friedens nicht ungeeignet ist. Nicht, daß wir Dein Handeln nachträglich billigen, nicht, daß wir uns mit dieser Ehe nachträglich einverstanden erklären, aber wir sind geneigt, uns überzeugen zu lassen, daß Du damals mit Deiner Ehre engagiert warst, daß Dein leider zu weiches Herz sich von einem billigen Mitleid überwältigen ließ — Du erklärtest ja ausdrücklich, daß Du nur ~aus Mitleid~ ...«

Emmy war es, als erhielte sie von einer unsichtbaren Hand einen Schlag ins Gesicht. Der Brief entglitt ihr. Ihre Brust rang nach Atem, und ihre Hände umtasteten den Hals, als drohte sie zu ersticken. Jetzt meinte sie zu Boden zu schlagen — wankend stürzte sie auf das Sofa zu — und dort, mit einem gellenden Schrei, löste sich die Erstickungsangst.

Lange hielt sie das Antlitz mit den Händen bedeckt; Stirn und Wangen brannten wie nach einem wirklichen Schlag. Sie bebte am ganzen Körper vor Erregung. Immer wieder wiegte sie den Kopf unter den Händen — es ist wohl nicht möglich! — es ist nicht denkbar! Jetzt ließ sie die Hände sinken — ihre Augen stierten leer in der Stube umher — endlich trafen sie das Papier am Boden —

Sie schnellte empor, fuhr auf das Papier hin und raffte es auf — ihre Hände flogen — vor ihren Augen schwirrte es — es gelang ihr nicht, eine Zeile zu verfolgen — ihre Blicke stöberten wie trunken die Buchstaben entlang — endlich! da hatte sie es wieder, das entsetzliche Wort!

»Aus — Mit — leid!«

Langsam und laut kamen die Silben über ihre Lippen. Dann bewegten sie sich stumm — immer die schrecklichen drei Silben — wie ein mächtiger Magnet hielt das Wort ihre Augen gebannt — unmöglich, die Blicke davonzureißen!

Und sie wiegte das Haupt auf und nieder — jetzt schneller: — ja, ja, ja — das ist’s! Es war das Mitleid! Eine ungeheure Helle lohte von dem Worte auf, alles, alles beleuchtend.

Nun knitterte sie das Papier in den Händen zusammen — konvulsivisch, in einem Zornausbruch über sich selbst: — Gott im Himmel, wie konnte sie sich so von Blindheit schlagen lassen! Bedurfte es erst eines Briefes, um sie das Wort lesen zu machen! Deutlich stand es überall geschrieben — jede Sorge des Tages, das ganze Elend ihrer Lage trug die Devise: »Aus Mitleid!«

Ja, aus Magnus’ Augen, aus seiner verkümmerten Miene hätte sie es lesen müssen! —

Nein, nein, das ist nicht wahr! Er liebt sie dennoch! Aber das Mitleid ist stärker gewesen, als die Liebe!

Und in einem gewaltigen Thränenstrom brach der ungeheure Schmerz sich Bahn.

* * * * *

Emmy beschloß zu gehen. Es bedurfte keines Entschlusses — es war so selbstverständlich — das Wort wies ihr gebieterisch die Thüre.

Bald! Heute — nachher — gleich — ehe Magnus zurück ist! Es muß sein!

Wohin? Das ist gleichgültig! Es ist alles ein Nebel, darin sie vorwärts tastet aufs Geratewohl — sie wird auf einen Abgrund stoßen, der so barmherzig ist, sie aufzunehmen — vielleicht trifft sie ein Wasser, das sie mit hinwegreißt und allem ein Ende macht ...

Magnus pflegte einen bestimmten Zug der Stettiner Bahn am Abend zu benutzen. Bis dahin war Zeit, alle Vorbereitungen zu ihrer Flucht zu treffen. Ihr war so elend, sie raffte alle Willenskraft zusammen; mechanisch, in einer Art Betäubung hantierte sie. Es gab viel zu schaffen und zu ordnen. Ein rührendes Pflichtgefühl gebot ihr, nicht vom Posten zu desertieren, ohne diesen blank und in Ordnung zu hinterlassen.

So machte sie sich mit größerer Peinlichkeit als sonst daran, die kleine Wohnung, die die Stätte ihres kurzen Glückes war, in Stand zu setzen. Mit dem Reinigen und Kramen vergingen Stunden. Oft überwältigte sie eine Schwäche infolge der Anstrengung; sie ließ sich nieder, um auszuruhen — dann fühlte sie Thränen in ihren Augen schwellen — sofort machte sie sich wieder auf — zum Weinen und Grübeln ist jetzt keine Zeit! — Thränen machen weich! — sie sollte und durfte in ihrem Entschluß nicht wankend werden!

Dann kam die Stunde, wo sie sonst das Essen zu bereiten begann. Auch das! Wenn er nach Hause käme, sollte er nicht einen kalten Herd und einen leeren Tisch vorfinden. Freilich würde er nichts von der Speise anrühren, wenn sie nicht da wäre — der erste Schreck würde ihn lähmen — dann würde ihn die Angst zur Suche nach ihr aufhetzen.

Eine plötzliche Furcht ergriff sie: — er konnte früher kommen, sie überrumpeln, dann erlahmte ihr die Kraft, das Unselige auszuführen ...

Es war alles fertig, das Fleisch brodelte im Topf, es begann zu dunkeln — jetzt erst gewahrte sie, daß draußen der Schnee heftig stöberte. Das hatte den Tag über angedauert, die Pfade im Garten waren verweht, alles Geräusch von der Straße drang nur gedämpft herüber. Sie schauerte, und ein Gefühl des Frostes überrieselte sie. Hier innen war es warm und behaglich — so traulich dämmerte der gelbe Schein der Lampe — sie mußte an die süßen Stunden der Abendstille denken, wenn die Welt da draußen schwieg und nur ihr Glück hier immer wach war, spät in die Nacht hinein.

Vorüber!

Sie setzte sich an seinen Schreibtisch, um die paar Zeilen des Abschieds an ihn zu schreiben. Er sollte nebst ihnen den Brief des Bruders vorfinden, wenn er käme. Eine gewaltige Erregung kam über sie, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Als sie die ersten Zeilen hingeworfen, klingelte es.

Sie erschrak heftig — es war sein Klingeln! Erst ein leises Ticken, um sie vorzubereiten, dann das laute, freudige Signal seiner Ankunft. Auch darin gab sich seine Sorgfalt für sie kund.

Sie knitterte das angefangene Schreiben in die Tasche und eilte, um zu öffnen.

Er war es. Sie prallte zurück, wie vor einem Unerwarteten, Fremden.

»Was ist Dir, Emmy?«

»Ach, Du bist es — ich hatte Dich nicht gleich erkannt ...«

»Puh, ein Wetter —« prustete er, mit den Füßen stapfend. Seine Kleider waren mit Schneeflocken überhaucht.

»Ich bringe eine tüchtige Kälte mit herein — Du hast wohl Angst?« rief er, da sie zögerte, nach ihrer Gewohnheit in seine Arme zu fliegen.

Ach, seine Stimme — seine Augen — seine Nähe! Sie fühlte etwas wanken innerlichst. Sie breitete ihre Arme aus und stürzte in die seinen. In einem Sturm leidenschaftlicher Freude umpreßte er ihre Gestalt. Ihr Kopf wiegte an seiner Schulter: »ach Maggi ... Maggi!«

»Was ist Dir, mein Herz?«

Der seltsam flehende Ton ihrer Stimme machte ihn stutzig.

»Was ist Dir? Bist Du nicht wohl?« fragte er, ihr Köpfchen von seiner Schulter hebend.

»Doch, doch —« nickte sie mit gesenkten Augen.

»Du hast Dich wahrscheinlich wieder zu sehr angestrengt — wie oft habe ich Dich gebeten, das zu unterlassen — Du siehst blaß und verstört aus.«

Sie wollte des Gerichtsvollziehers erwähnen und das als Grund ihres Aussehens anführen. Ah, — er wird genug auszustehen haben — sie will ihn und sich nicht die Stunde dieses Abschiedes durch solche Trivialität vergällen!

»Nichts, Maggi ... es ist das Gewöhnliche, Du weißt.«

Sie litt in letzter Zeit viel an migränehaften Kopfschmerzen.

»Du wirst Dich gleich nach Tisch hinlegen, Du armes Herz! — Können wir bald essen? Ich bringe einen Wolfshunger mit. Ich bin nicht zum Frühstücken gekommen.«

»Das Essen ist bald fertig — Du wirst nasse Füße haben, Maggi —«

»Nun und Du fragst nicht, warum ich so früh komme? — eine gute Nachricht!« rief er in die kleine Küche hinein, wo sie an den Geschirren zu hantieren begann.

»Nun?«

»Die Simbergs haben mir eine Gratifikation zu Weihnachten versprochen. Genug, um manches abzumachen — und es bleibt noch tüchtig für das Christkindchen. Ich freue mich kindisch auf das Fest!«

Und nach einer Pause, da keine Antwort aus der Küche kam: »Nun, freust Du Dich nicht?«

»Herrlich!« rief sie überlaut.

Wenn er geahnt, welch einen Schmerz ihr die Lüge dieses Ausrufes ausgepreßt!