Part 6
Er erklärte sein frühes Kommen. Es galt eine Arbeit, die Abfassung eines Prospektes, die er dort im Comptoir doch nicht vollendet hätte. Es wäre Arbeit bis spät in die Nacht hinein.
Das war schon einigemal vorgekommen. Während sie drinnen in der Schlafstube schon zu Bette lag, hörte sie dann das Kritzeln seiner Feder vom Schreibtisch her, und der Schein der Lampe, den sie nicht missen wollte, streckte sich wie in hütender Wacht bis zu den Füßen ihres Lagers hin. Und so war sie dann eingedämmert.
Bald saßen sie an dem kleinen Tisch beim einfachen Mahle. Wieder krampfte sie alle Kraft zusammen, um sich unter seinen Blicken aufrecht zu halten. Sie war fahlblaß. Das konnte auch ein Symptom ihres Übelbefindens sein. Jeder Blick, jedes Wort, jede Bewegung von ihm war eine zärtliche Sorge für sie. Einmal flammte eine Röte über ihr Antlitz — es ist eine Lüge: — nicht »aus Mitleid!« — nein aus Liebe! aus Liebe!
Sie wollte es ihn Auge in Auge frei herausfragen; er wäre nicht imstande gewesen zu lügen. Aber das würde nichts bessern an der Lage. In den Augen der andern bleibt die häßliche Devise: »Aus Mitleid!« dennoch bestehen. Nach wie vor bedeutet sie für ihn den Makel! — Fort mit dem Makel!
Er geleitete sie selber hinein in die Schlafstube und bettete sie dort. Sie bestand darauf, sich in den Kleidern zu legen, da sie nachher noch zu thun hätte. Es gab einen kleinen Streit deswegen, und er mußte nachgeben.
Wohl eine Stunde lang lag sie dort wie angekettet durch seine Sorge, die immer wieder herbeischlich, um nach ihr zu sehen. Zu ihren Füßen wachte der Schein von der Lampe her, und sie hörte wie sonst das Kritzeln seiner Feder.
Ihre Gedanken stürmten fiebernd. Sie wird nicht frei kommen — jetzt! Er wird sie nicht einmal bis zur Thür lassen! Also auf morgen! O die unsägliche Qual dieser Nacht, wo jeder Pulsschlag einen Abschied von ihm bedeutet ...
Ihre Augen irrten in der Stube umher. Jetzt huschten sie über das Schränkchen hin. Einzelne Schächtelchen und Medizinflaschen standen dort von ihrer Krankheit her. Warum zuckte sie empor? warum fuhr es wie ein siedender Strom durch ihre Glieder? Und die Augen wie hingebohrt dort auf die Stelle, wo die Fläschchen standen ...
Es war eines darunter, das Morphium enthielt; es hatte ihr oft Linderung gebracht — aber ein gefährliches Ding! — wie vorsichtig waren die Tropfen jedesmal abgezählt worden! Magnus hatte es sogar eine Zeit lang vor ihr verborgen, daß sie nicht einmal in seiner Abwesenheit einen Mißgriff thäte. Deutlich unterschied sie es jetzt unter den anderen Gläsern.
Wie ein Wirbelwind fuhr es durch ihre Gedanken — nur ein Hinhuschen nach dem Schränkchen — ein Griff nach dem Fläschchen — nur ein mutiger Schluck daraus — das ist die Flucht! Weiter kann man nicht fliehen, als dahin! Niemand holt sie zurück von dort — und sie ist dann so sicher vor dem selbsteigenen Gelüst einer Wiederkehr!
Wohin? — Auf einmal weiß sie — wohin!
Und während all ihre Fibern bebten, als wäre dieser Entschluß eine körperliche Erschütterung gewesen — raffte sie dennoch so viel Vorsicht zusammen, um ihm die drei Schritte dorthin zu verheimlichen.
Langsam, langsam erhob sie sich, und zollweise, einem nächtlichen Diebe gleich, rückte sie auf den Strümpfen vorwärts nach dem Schränkchen hin.
Jetzt griff sie nach dem Glas — es gab ein leises Klirren, so bebte ihre Hand.
Sie fühlte, wie sie vor Schreck erblaßte. Sie horchte — nichts als das unermüdliche Kritzeln der Feder und das leise Ticken des treibenden Schnees am Fenster.
Jetzt hielt sie das Fläschchen — wieder wie ein Dieb schlich sie damit gegen das Lager zurück. Dort gegen den Bettpfosten gelehnt, wollte sie es öffnen. Das gelang ihr nicht, der Glasstöpsel hatte sich festgesetzt. Sie drehte und arbeitete daran — umsonst, der Stöpsel rührte sich nicht!
Die Thür ist verriegelt! Als ob Jemand fliehen will — schon hat er die Thür erreicht — wider Erwarten versagt das Schloß ... er ist gefangen!
Eine Verzweiflung bemächtigte sich ihrer, es zuckte in ihr, das Glas an dem Pfosten zu zerschlagen und das kostbare Naß aus den Scherben zu schlürfen. Abermals zerrte sie an dem Stöpsel — ein stöhnender Ruf entfuhr ihren Lippen.
Gleich war Magnus aufgesprungen und auf den Ruf herzugeeilt. Er war noch rechtzeitig da, um sie vor dem Hinstürzen aufzufangen.
»Was ist Dir? warum bist Du aufgestanden ...«
Es war keine Ohnmacht — ihr Atem flog so stürmisch — und sie wehrte seinen Fragen mit heftigem Kopfschütteln.
Er brachte die Lampe herein, da fiel sein Blick auf das Fläschchen, das ihre Hand noch immer umkrallt hielt. Er erkannte es sofort an dem Glasstöpsel.
»Herr des Himmels — was hast Du gethan?«
Er war wie gelähmt vor Schreck. An dem verzweifelten Stieren ihrer Augen, an dem verstörten Ausdruck ihrer erregten Miene erkannte er sofort, daß sie nicht zur Linderung eines Schmerzes danach gegriffen.
»Verzeih ...« stöhnte sie.
Das Wort bestätigte den fürchterlichen Verdacht. Er entriß ihr das Fläschchen, hob es gegen das Licht — sie konnte nicht viel genommen haben. Nun merkte er erst, daß der Stöpsel haftete.
Er stürzte an dem Lager nieder. — »Bist Du von Sinnen —« schrie er — »Du wolltest ...«
Sie nickte. Die unheimliche Energie dieses Nickens lähmte ihm ein weiteres Wort. Entsetzt stierte er sie an.
Sie wies mit der Hand nach dem Papier auf dem Tisch hin.
Er griff danach, flog es durch — schleuderte es hin. Er begriff nicht — offenbar hatte er das verhängnisvolle Wort gar nicht getroffen.
»Du bist krank! Du bist von Sinnen! Du könntest — Du könntest mich verlassen — mich? Hast Du denn kein Mitleid ...«
Das Wort löste die Starrheit. Mit einer stürmischen Bewegung umschlang sie seinen Hals und preßte sein Haupt an das ihre.
Ihr Körper erschütterte unter ihrem heftigen Schluchzen.
»Maggi — o, Maggi — Maggi ...«
Allmählich fand sie außer diesen noch andere Worte. Und schluchzend wie ein Kind beichtete sie ihm alles. Ihr Fluchtversuch, und wie das häßliche Wort sie zu dem unseligen Entschluß getrieben ...
»Wer hat das gesagt?« schnellte er auf.
»In dem Briefe dort stand es.«
Er raffte den Brief auf, suchte, suchte in den Zeilen. Da stand das Wort! Nun loderte es auch ihm wie eine Flamme entgegen.
»Es ist nicht wahr!« rief er schrill, und seine Augen sprühten. — »Glaubst Du es denn, Emmy? Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich! — glaubst Du es denn? Konntest Du es glauben?«
Nein, nein, keine Komödie in diesem Augenblick! Kein kindisches Leugnen! Abermals stürzte er vor ihr nieder, das Haupt an ihrer Brust bergend.
»Ich bin feige gewesen, Emmy — verzeih’ Du mir! Ich meinte, uns zu retten mit dem Wort. Hab’ ich nicht gezeigt seitdem, daß es eine Lüge war? — Aber ich will hin! — gleich morgen will ich hin! — will das Wort widerrufen — sie sollen wissen, was es angerichtet! — sie sollen wissen, wie ich Dich liebe! — ach, wie ich Dich liebe! — wie ich Dich liebe!«
»Und dann sollen sie mich zum zweitenmal verstoßen! — bleibst Du mir nicht, Emmy?« —
Lange nachdem saß er noch an ihrem Lager in der Nachtstille, während der Schnee an das Fenster tickte, und horchte auf das Fluten ihres Atems wie damals. Ein tiefer Schlaf hatte sie als Widerspiel nach all der Erregung des Tages übermannt.
Hatte der Tod sie ihm nicht zum zweitenmal geschenkt? Und ein sieghaftes Frohgefühl durchbebte ihn, daß sie ihm nun bleiben würde für immer. —
Herr Köster triumphierte, als er von einer gewissen Rührscene hörte, die am andern Tage in der Villa Joël zu Charlottenburg sich zwischen Vater und Sohn abspielte: »Ich habe es ja gewußt — Sie brauchen uns — sie können ohne uns nicht auskommen!«
Aber Frau Köster glaubte in ihrem Innern noch nicht an eine Versöhnung von Herz zu Herzen — es müßte da erst ein gewisses Kerlchen kommen, »der seinem Großpapa in die Glieder fahren würde«.
Die gute Frau sollte Recht behalten. Als das Kerlchen endlich da war, stellte es sich heraus, daß Großpapa Joël demselben nicht gewachsen war.
Nie!
Sonst hätte er nie geheiratet — nie — nie!
»Lieber schöß’ ich mich tot!« Das war seine stehende Bekräftigung, wenn eine Verlobung innerhalb des Regiments in der Luft hing und die Kameraden ihn zu gleicher »Aktion« scherzweise reizten.
Dazu hatte er sich schon als ganz junger Dachs von einem Lieutenant verschworen, und mit jeder Charge, die er emporstieg, nahm dieser Schwur an Entrüstung zu, bis die wuchtigen Majorsepauletten auf seinen breiten Schultern und das in der Kneipenluft bedenklich ins Hochrote, zuweilen sogar bläulich gebeizte Kolorit seines braven Haudegengesichts solchen Schwur überflüssig zu machen schienen.
Trotzdem aber immer noch: »Lieber schöß’ ich mir eine Kugel vor den Kopf!« Eine drollige Art der Eitelkeit: — man sollte nicht etwa denken, daß ihn die Jahre und der zunehmende Silberhauch seines vorschriftsmäßigen Wilhelmsbartes von der Möglichkeit einer Heirat ausschlössen! O wenn er nur wollte! Und er tapfte seine fleischige Rechte, an der zwei verschliffene Familien-Siegelringe saßen, mit einer Gebärde auf den Tisch, als wollte er sagen: »Ich brauchte nur die Hand auszustrecken, und an allen Fingern bliebe mir eine hangen!«
Nicht als wenn es ihm an häuslichem Sinn gemangelt. Im Gegenteil, schon als Lieutenant zeigte er ein Mißbehagen an der leidigen Chambregarnie-Wirtschaft, und er hatte sich stückweise von seinen verschiedenen Wirtsleuten emanzipiert, indem er nach und nach eigene Möbel an Stelle der gemieteten anschaffte. Schließlich brachten ihn der chronische Überschwemmungszustand eines empörend altmodischen Waschtisches und die Gefühllosigkeit einer Wirtin, die sich der Mitbenutzung des hundertjährigen Sofas durch den Pinscher Schnurz widersetzte — (ich bitte Sie, Schnurz, der berühmteste und gescheiteste Hund der Garnison!) zum Entschluß, sich gänzlich »eigen« einzurichten.
Nichts Blankeres, als die hübsche kleine Wohnung, wo sein Bursche den ganzen Tag über putzte, »fummelte«, scheuerte und wedelte, zum Ärger der nachbarlichen Dienstmädchen, denen von ihren Herrinnen die Unermüdlichkeit dieses musterhaften Reinlichkeitsgenies, »das doch nur ein Mann ist!« hämisch vorgeworfen wurde.
Auch zog die Paradefront seiner fünf Fenster, hinter denen die weißen Gardinen vor Sauberkeit leuchteten, den heimlichen Neidblick mancher Mutter bedenklich überblühender Töchter auf sich: »ja, warum heiratet er denn nicht?«
I, er hat es so ja tausendmal besser! I, was für eine Veranlassung soll er haben, wildfremder Menschen Töchter zu füttern und mit Putz zu behangen — »pardon«! mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen einen Verheirateten, der mit am Wirtstische saß. Gleich darauf aber wieder in das zum Schnauzbart erhobene Bierglas hinein: »Lieber schöß ich mich tot!«
Er fürchtet sich vor dem Pantoffel! hieß es. Konnte er sich doch nicht einmal der Tyrannei seiner verschiedenen Burschen erwehren! So wollte man unter dem Regime des einen ihn weniger =à quatre épingles= gekleidet gesehen haben; ein anderer hätte es fertig gebracht, seinen Herrn an bestimmten Abenden der Woche von der gewohnten Kneipe fernzuhalten und zu einem hühnermäßig frühen Schlafengehen zu veranlassen.
Elende Verleumdung! Dergleichen Verdacht stand im grellen Widerspruch gegen seine bekannte und zuweilen berüchtigte Strammheit im Dienst. Er hatte seine Kompagnie »höllisch im Zug«; er besaß die hellste Kommandostimme des Regiments, er war ein schneidiger Exerziermeister und der Schrecken seines Kapitän-d’armes. Und die bunte Flagge seiner zahlreichen Ordensdekorationen bezeugte es, daß er die theoretische Strammheit der Friedenszeit in praktische Tapferkeit vor dem Feinde umzusetzen gewußt hatte.
So mußte es denn auch Wunder nehmen, daß er, der die gefährliche Majorsecke flott umsegelt, plötzlich mit dem ominösen »blauen Brief« eines Tages den Abschied auf den Tisch gelegt bekam. War es eine gewisse Meinungsverschiedenheit mit seinem Regimentskommandeur? Hatte er das Mißfallen eines Höheren auf dem Manöverfeld auf sich gezogen? Oder sollte wirklich die prinzipielle Abneigung der Frau Kommandeuse gegen das Junggesellentum schuld an seinem militärischen Untergang gewesen sein? Die hageren, schnippischen Stänglein ihrer beiden Mädchen besuchten zwar noch die Töchterschule, dennoch haßte sie jetzt schon den völlig unbegreiflichen Stand des Junggesellentums. Und es war ihr in ihrer durchgreifenden Art schon zuzutrauen, daß sie die Karriere eines »ihrer« Offiziere an dieser starren Hassesklippe zum Scheitern brächte.
Also a. D.! Das ist ein Ade! allen ehrgeizigen Hoffnungen. Das heißt einen Strich unter alle Lebensträume ziehen! Das heißt eine 0 mit einem Komma vor die Bedeutung eines Mannes in der weltlichen Rangordnung setzen! Wer wenigstens verheiratet wäre und Kinder zu erziehen hätte! Aber es giebt nichts Zweckloseres als ein a. D. ohne Familie!
Grollend packte er seine Sachen in einen Möbelwagen und siedelte nach Pensionopolis in Thüringen über. Er hätte die Möbel verkaufen oder versteigern lassen sollen, jetzt, da ihm kein Putzgenie in Gestalt eines Burschen mehr zu Gebote stand! Aber er vermochte sich nicht davon zu trennen — und Eigentum verpflichtet!
Eine Haushälterin? Brr! »lieber schöß’ ich ....«
Aber die Verschwörung kam nur ganz matt heraus. Er versuchte es mit allerlei Bedienungsmethoden, doch die ehemals blanken Möbel büßten ersichtlich an Haltung und Ansehen dabei ein. Es blieb nichts anderes übrig, und kopfüber, mit geschlossenen Augen, stürzte er sich in dies Wagnis, seinen kostbaren Hausstand, sowie seine noch kostbarere Person der feindlichen Gewalt eines Weibes anzuvertrauen.
Nie war er sich so hilflos vorgekommen, als an jenem Tage, da er mit mühsam aufrecht erhaltener Autoritätsmiene an seinem Schreibtisch saß und die auf sein Zeitungsaufgebot massenweise herbeigeströmten Weiblichkeiten, die sich für den begehrten Posten meldeten, Revue passieren ließ. Ein ganzes in Front aufgestelltes Bataillon abzukanzeln, das ist eine Kleinigkeit, aber solche damenmäßig aufgedonnerten, mit Blicken und Bitten und einem Wortschwall, sogar einzelne mit Jugend und leidlichem Frätzchen ausgestatteten Frauenzimmer durch irgend eine Ausflucht hinauszukomplimentieren! Es ward ihm ernstlich schwül, und es war wohl zuletzt die Verzweiflung, die ihn zutappen und das übliche Mietsgeld in die mit einem Filethandschuh bekleidete Hand einer angeblichen Witwe, »die es eigentlich nicht nötig hätte«, und auch die polizeiliche Bevormundung eines Mietsbuches verschmähte, drücken ließ.
Wie sah sie doch noch aus? Er hatte wirklich blindlings zugefaßt, um dem peinlichen Examen, wo er wahrhaftig die Examinandenrolle spielte, ein Ende zu machen. Sein Erstaunen war daher nicht gering, als er am ersten Morgen nach dem Dienstantritt der Witwe, eine ungemein ansehnliche Person von appetitlich sauberer Erscheinung, drall und gesund und frisch, mit offenen, grellblauen Augen und kindlichen Schelmengrübchen in den etwas starkblühenden Wangen, das Präsentierbrett mit dem Frühstück auf den rundlichen Armen balancierend, ins Zimmer treten sah. Hatte sie sich über Nacht verjüngt? Ihr Alter, das er gestern abend auf 35½ taxiert, durfte man bei dem freundlichen Morgensonnenschein ohne Schmeichelei bis auf 29½, herabdrücken. Wenn sie sich wandte und er dann mit einem prüfenden Blick, dem es nicht an leise schmunzelndem Wohlwollen mangelte, ihrer davonschreitenden Gestalt nachsah, so setzte er unwillkürlich noch einige Jährchen herab. Zu dieser Jugendtäuschung trug wohl das glänzende Blondhaar bei, das hinten zu einem kräftigen griechischen Knoten geschlungen war und in üppiger Wildnis in den Nacken hinabwucherte.
Blond — ja blond! Wenn er überhaupt jemals eine Couleur bevorzugt, so wäre es diese gewesen! Solche Erkenntnis ging ihm plötzlich auf.
Frau Glaß bedeutete überhaupt eine vollständige Umwälzung des Haushaltes. Sie nahm sofort in breitester Weise davon Besitz, und es sah fast aus, als gedächte sie, kein Stück mehr anderen Händen zu überlassen.
Auch ihn selbst nicht! Zuerst empfand er ein gewisses verblüfftes Grauen vor der naiven Sicherheit, mit der sie sich einnistete. Wie sie seine Sachen nach ihrem Geschmack umstellte und ordnete, so reorganisierte sie auch seine Lebensweise, z. B. wagte er es bald nicht mehr, das Abendbrot in seinem Hause auszuschlagen, während er das sonst in der Kneipe abzufertigen pflegte. Selbstverständlich ward der Salon als »gute Stube« außer Gebrauch gesetzt, und er durchschritt den Raum nur noch auf Fußspitzen, mit einer geheimen Scheu vor dem Geist der peinlichen Ordnung, der hier waltete und gegen den die gerühmte Sauberkeit der Burschenzeit nur ein elendes Gespenst war.
Anfangs versuchte er noch den Herrn herauszukehren. Aber sie lächelte jeden Widerstand gegen die Anordnungen mit den Grübchen ihrer feisten Wangen nieder. Ohne Zweifel verstand sie alles besser, sie, die einen eigenen Hausstand besessen! — und aus ihren Worten lugte deutlich die Mißachtung gegen den Junggesellen. Übrigens kochte sie vorzüglich, und damit allein konnte sie ihn wehrlos machen; es war alles in musterhafter Ordnung — was widersetzt er sich denn?
Teufel! er hatte doch einen »Dienstboten« gemietet, und er fühlte sich vor ihr geniert wie vor einer Dame. »Adrett«! — das war ihr Lieblingswort — unwillkürlich begann seine Haustoilette ebenfalls gewisse »adrette« Allüren anzunehmen — aus Respekt vor ihr! Allmählich stellte sich ein Gefühl bei ihm ein, als wenn er selbst auf Besuch in seinem eigenen Hause sei.
In diesem Respektgefühl bestärkten ihn ihre nie ruhenden Anspielungen auf den soliden Glanz ihrer Vergangenheit. Ihr Vater war ein fürstlicher Schloßbeamter gewesen, und sie hatte als Kind mit Prinzessinnen gespielt! Ihre Schwester war zuerst mit einem Herrn »von« verlobt und heiratete dann einen Landwehroffizier. Ihr Mann hatte einjährig gedient, und sie hatten, trotzdem sie nur Buchhalters waren, mit den »ersten« Familien ihres Wohnortes verkehrt. O sie hatte nach dem Tode ihres Mannes Anträge genug gehabt! Sie hätte einen Fabrikanten haben können, einen leibhaftigen Millionär, dann einen Gutsbesitzer, auch einen Baron — einen früheren Offizier ....
Dieses »auch« überfiel ihn wie ein Schreck: Herrgott, sie denkt und hofft doch nicht etwa ....
Es war ihm an jedem Mittag peinlich, sie an seinem Tische servieren zu sehen. Sie that das mit einer Miene, als wollte sie ihm bedeuten: »Was hindert mich denn, mich dort auf der anderen Seite des Tisches als Baronin dem Herrn Baron gegenüber niederzulassen?«
Er fühlte, er ahnte, daß die Macht, die sie über ihn ausübte, sich eines Tages bis zu einem Überfall auf sein Junggesellentum erstrecken könnte. Und dagegen galt es sich bei Zeiten zu wehren!
Schon umschwirrten ihn allerlei Anspielungen in der Kneipe, so oft Frau Glaß ihm noch eine solche Kneipstunde gestattete: ironische Erkundigungen nach seiner hübschen Hausmarschallin, kecke Neckereien, scherzhafte Warnungen vor dem nicht zu ausnahmsweisen Schicksal eingefleischter Junggesellen, die von ihren Haushälterinnen bis zum Traualtar gedrängt worden waren.
»Lieber schöß’ ich mich tot ....«
Ja, wenn Frau Glaß nicht den geladenen und daher gefährlichen Revolver, der unter der Waffendekoration seiner Wohnstube gehangen, in übertriebener Vorsicht, daß das Ding eines Tages von selbst losginge, weggenommen und versteckt hätte!
Sprach diese Wegnahme nicht deutlicher als Worte? Sagte sie ihm nicht symbolisch: mit dem Totschießen wird es doch nichts! Du bist mir ja doch verfallen!
Na, es wäre nicht das äußerste Unglück! Na, er würde Ruhe und Frieden für den Rest seines Lebens genießen! Und verschiedene Beispiele standen mit gaukelhafter Beharrlichkeit vor ihm. Ein alter Onkel von ihm, der seine Wirtschafterin geheiratet und dabei »lächerlich glücklich« geworden. Se. Excellenz, der General v. H., der da draußen in seiner Villa am Walde von Pensionopolis trotz schreiender Messalliance und ewig wacher Medisance ein idllysches und musterhaftes Familiendasein führte. Na, was für Ansprüche erhebt er denn noch an das Leben? Ein a. D.!
»Teufel, aber ich will nicht! Ich habe mich fünfzig Jahre gegen die Ehe gesträubt, (er rechnete die Kinderjahre in dies Sträuben ein) man soll mich nicht unterkriegen!«
Und laut, mit der äußersten Anstrengung seiner Autorität: »Frau Glaß, ich sehe, Sie haben Schnurz den Schlafkorb abermals auf den Flur geschoben —«
Sie zuckte mitleidig ironisch die rundlichen Schultern: »Wie der Herr Baron befehlen —«
Und sie wollte den mit einem alten Kissen gefütterten Korb wieder in die Schlafstube stellen, wo Schnurz zu Füßen seines Herrn zu übernachten pflegte.
»Nun lassen Sie nur, Frau Glaß! wenn Sie glauben, daß es die Nacht da draußen nicht zu kalt wird —«
Wie kam denn das? Unbegreiflich! — er entsetzte sich vor sich selber. Wie kam er zu solcher empörenden Nachgiebigkeit? Gewissen ihrer Mienen gegenüber sank ihm völlig der Mut. Und in solchen Momenten ahnte er, daß er seinem Schicksal verfallen wäre ....
Sie aber staunte nicht über solchen Umschwung. O auch sie wußte, daß er ihr unentrinnbar verfallen war! Eigentlich hatte sie schon von ihm Besitz ergriffen, als sie ihn am Tage des Engagements so wehrlos gegenüber ihrem Grübchenlächeln am Tische sitzen sah. Alles übrige würde die Zeit reifen — sie wollte nichts übereilen.
Doch fand sie zuweilen, daß diese systematische Belagerungstaktik sie zu langsam vorwärts brächte. Gut, man versuche es also mit Gewaltmaßregeln!
Sie ließ also alle Schrecken ihres Putzteufels los. Seine Bewegungsfreiheit innerhalb seiner Räume ward immer mehr durch gewisse kreuz und quer über die Diele gestreckte Läuferstraßen beschränkt. Auch sind gewisse Sofas nicht zum Hinsetzen oder gar Anlehnen da! Auch können nur gewisse Kattungardinen eines kleinen Hinterzimmers den Tabaksqualm vertragen, die andern ganz gewiß nicht! Auch gehören Hunde auf den Hof, und nicht ins Zimmer!
Damit traf sie ihn am Herzen. Alles hätte er geduldig ertragen; er hätte sich ja gerne mit dem Nießbrauch eines vierten Teiles seiner Wohnung, auf den sie ihn eingeschränkt, begnügt — aber das arme Hundevieh!
Sie verfolgte das Tier auf Schritt und Tritt und verleidete ihm das bescheidenste Ruheplätzchen; sie sorgte dafür, daß es sich ja nicht zu fett fräße. Alle Augenblicke scholl seine Jammerstimme, die ein freundschaftlicher Klaps oder Fußtritt weckte, durch das Haus.
Es empörte ihn, er war öfter nahe daran zu kündigen, als er immer wieder durch eine seltsam, schier gespenstisch auftauchende Erwägung davon zurückgehalten wurde: — sie werde einfach nicht gehen! Sie würde lächeln und — bleiben! Was ist da zu machen?
Es blieb nichts anderes als die Resignation. »Komm Schnurzel!« und er rettete sich mit dem treuen Leidensgefährten nach den Kattungardinen hin, die er mit dichten Sorgenwolken aus seiner Pfeife einräucherte.
»Was ist da zu machen, Schnurzel?« Das Tier winselte verständnisvoll zur Antwort und schmiegte sich wie vor einem drohenden Fußtritt zwischen seine Beine.
»Ich weiß, was uns beiden helfen würde, Schnurzel, — aber lieber schössen wir uns tot, nicht wahr, Schnurzel?«
Das grundgescheite Hundevieh belferte zustimmend auf.
Die Dinge drängten zu einer Entscheidung. Die Luft war mit Unbehagen und Peinlichkeit durchtränkt. Hatte sie ihn früher mit ihrem Grübchenlächeln geduckt, so brachte ihn jetzt das Fehlen der Grübchen ganz aus der Fassung. Ihre stumme und starre Art, die von dem Ausdruck des Beleidigtseins strotzte, wurde immer unerträglicher. Kam er sich längst schon wie ein Besuch in seiner Wohnung vor, so hatte er jetzt das Gefühl eines Gastes, der in einem Hotel auf Credit lebt und sich dafür die schlechteste Behandlung gefallen lassen muß. Wenn sie bezweckt hatte, ihn mürbe zu machen, so hatte sie das vollkommen erreicht!