Aus Mitleid

Part 4

Chapter 43,673 wordsPublic domain

Magnus ergriff ein Mitleid. Er flehte den Alten an, ruhig zu sein. Er fürchtete wirklich, daß die Nachricht, die den Stolz des alten Kaufmanns so niederschmetternd getroffen, ihn auch körperlich zu Boden schlüge.

»Vater, ich bitte Dich! — nimm Dir es nicht so zu Herzen! — ich sagte Dir, die Dame hat keine Hoffnung aufzukommen — sie liegt im Sterben —«

Es graute ihm vor dem fürchterlichen Trost, den er da vorbrachte. Und noch mehr graute es ihm zu sehen, wie der alte eingefleischte Egoist sich an diesen Trost klammerte, wie er nun, da ihn das lähmende Entsetzen verlassen, sich sogar nach den näheren Umständen, nach dem Ausspruch des Arztes erkundigte.

Und der schlaue Ausdruck kehrte allmählich wieder in die grauen Augen zurück: »Magnus ist ein Dummkopf — er ist reif für das Narrenhaus — aber — aber sie liegt im Sterben, gottlob!« schien dieser Ausdruck zu sagen.

* * * * *

Als Sanitätsrat Herz am Nachmittag desselben Tages erschien, fand er die Kranke in einem tiefen Schlaf, der schon seit dem Morgen angedauert. Doch nicht die Betäubung des immer matter glimmenden Lebens — ruhig und regelmäßig schwollen die Atemzüge, und der Puls begann stetiger, ja mit scheinbar erwachender Kraft zu schlagen.

Der alte Arzt konnte ein freudiges Stutzen nicht unterdrücken. Doch es wäre ein Verbrechen gewesen, die anderen, die jeden Zug seines Gesichtes belauerten, mit einer vorzeitigen Hoffnung aufzurichten. Und er stellte sofort die dem schweren Fall entsprechende Miene wieder ein.

Spät am Abend kam er abermals. Die Atemzüge fluteten noch tiefer und kräftiger. Und er atmete selbst auf vor Freude, als er den Puls prüfte. »Wenn es diese Nacht mit dem Schlaf so anhält, so könnten wir gewonnen haben! — Seltsam — wider alle Erwartung!« — murmelte er vor sich hin. »Aber wir müssen trotzdem gefaßt sein!«

Und da saßen sie nun in der Nacht und horchten auf das Fluten des Atems. Da saß ein Mütterlein und horchte begierig, als wäre jeder der Töne eine Kostbarkeit; wie entrüstet fuhr sie ein paarmal aus dem Anfang des Schlummers, der ihre ermüdeten Sinne umdämmern wollte — wie entrüstet huschte sie ans Fenster, als müßte sie ein lauter werdendes Geräusch, das verhängnisvoll zu werden drohte, hinwegscheuchen. Da saß ein junger Gatte und ließ den Sturm seiner Gedanken immer wieder einwiegen durch den Klang des einen Wortes —: Rettung! Hier am Rande der Todesnot ziemt es nicht an anderes zu denken! — Selbst Frau Gornemann kam einmal in der Nacht hereingeraschelt, um Nachricht einzuholen. Das Außergewöhnliche dieses Menschenschicksals schien ihr allmählich doch einigen Respekt einzuflößen. Und die Neugier begann sie zu stacheln: Was dann? Sie sind verheiratet und sind es auch nicht! Der Idealist hat sich, ohne eigentlich dazu gezwungen worden zu sein, in diese »Heirat« gestürzt (man muß es einstweilen so nennen!) Jetzt aber wird das Erwachen kommen! Er wird die Übereilung gewahr werden und dann?

Am nächsten Morgen nach der Konsultation zog der Sanitätsrat Magnus bei der Hand in die Fensternische: »Es ist ein Wunder geschehen —« sagte er, und zögernd fügte er bei — »ich gratuliere!«

Der alte Herr war sich nicht ganz klar darüber, ob dieses das richtige Wort wäre.

Eine Glut schoß Magnus zu Kopf, und er stieß ein »Ah!« aus, das die große Freude über die unverhoffte Rettung bedeuten konnte. Gleich erblaßte er wieder. »Wie danke ich Ihnen, Herr Sanitätsrat!« rief er, sich fassend, mit fester Stimme, dem Arzte überkräftig die Hand schüttelnd.

War es ein Anfall des erbärmlichen Kleinmuts, der ihn zuerst überrumpelt? Teufel — er hat seinen Schritt doch nicht gethan in der sicheren Aussicht, daß sie sterben würde? Der Akt einer trivialen Großmut? Und nun, da ein gnädiges Geschick sie vom Tode errettet — beschleicht ihn ein Gefühl der Reue?

»Weg damit! Sie ist mein Weib — sie ist meine Welt — und ich werde sie gegen die andere Welt zu behaupten wissen!« —

Emmys Genesung dauerte nach der Krise fort. Zwar war die Kranke noch sehr schwach und jede Aufregung konnte verhängnisvoll werden. Von der Bedeutung der Ceremonie schien sie keine bestimmte Vorstellung zu haben, sie hatte dergleichen wohl nur geträumt. Und es war auch noch nicht die Zeit, sie in die freudige Wirklichkeit einzuweihen. Einmal fiel ihr Blick auf den goldenen Reif an ihrer Hand. Eine kurze Weile starrte sie ihn an, dann überrieselte es sie wie ein Schreck, und sie schloß die Augen, um den Traum, in dem ein solcher Ring eine Rolle spielen konnte, weiter zu träumen. Als sie schlief, streifte man ihr behutsam den Ring vom Finger, damit sein Anblick nicht noch schlimmeren Schaden anrichtete.

Magnus war mehrere Tage nicht im Geschäft erschienen. Jetzt galt es, abermals vor den Vater hinzutreten und ihm Aufschluß über die veränderte Lage zu geben. Er fand den Alten in seinem Bureau nicht vor: der Chef sei mehrere Tage nicht erschienen, er sei unpäßlich.

Magnus erschrak — so gewaltig hat ihn also die Nachricht gepackt? — ihn, den nicht leicht ein körperliches Gebrechen von dem lederbezogenen Pult zu scheuchen vermochte. Er eilte nach Charlottenburg.

Die beiden »eisernen Schwestern« waren eben im Begriff, das Parterre zu verlassen, sie begegneten Magnus im Vorsaal. Frau Gisbert empfing ihn mit einer ironisch ceremoniösen Verbeugung, die Baronin Kehren trug ein verächtliches Mitleid zur Schau.

»Was fehlt Papa denn —?« fragte er besorgt.

Frau Gisbert zuckte ihre kräftigen Schultern: »Ja, ich bitte Sie — sagen ~Sie~ uns doch, was ihm fehlt! — Der Arzt und wir alle werden nicht klug daraus — vollkommen frisch und wohl und doch dabei Phantasieren — ohne eine Spur von Fieber!«

»Wir sind sehr besorgt« — fiel die Baronin mit ihrem leicht singenden Näseln ein, während sie vor dem Spiegel an ihrem Schleier ordnete, Magnus abgekehrt, »er phantasiert von einer Heirat — er behauptet — denken Sie doch — er behauptet ...«

Ein Kichern erstickte ihre Stimme.

»Ja, er behauptet« — ergänzte Frau Gisberts Alt — »er behauptet — es hätte Jemand namens Joël sich mit — einem Ladenfräulein verheiratet.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte —?« näselte es vom Spiegel her.

»Wir haben Papa für krank erklärt und bestehen darauf, daß er sich nicht neuen Aufregungen dort im Geschäft aussetzt. — Wir sind sehr besorgt, wenn Sie mit ihm reden — so thun Sie ja nicht, als hielten Sie das allerliebste Märchen für eine Phantasie — das verschlimmert nur seinen Zustand — — Bist Du endlich fertig mit Deinem Schleier, Lyda?«

Und die beiden Schwestern rauschten davon, Magnus mit dem vollen Hohn ihrer Blicke und ihres Lächelns überschüttend. —

Er trat bei dem Vater ein; der alte Mann saß in einem Rohrstuhl, gegen seine Gewohnheit bequem zurückgelehnt, und ließ bei seinem Kommen die Zeitung sinken. Zu seinen Füßen erhob sich eine prächtige Bulldogge — knurrend, ja, mit offenbar feindlichen Blicken — was fällt denn der Bestie ein? Kennt sie Magnus nicht mehr? Ja, sie will nichts mehr wissen von ihm — jetzt!

Der alte Herr Joël war offenbar durch die Heirat seines Sohnes etwas zusammengerüttelt worden, und es schien allerlei in ihm ins Wanken geraten. Ein fast elegischer Hauch umflorte seine sonst so glitzernden Augen, seine Stimme klang auffallend weich.

»Du bist es, Magnus!«

Und ein leises Zucken der Überraschung huschte um die gekniffenen Lippen.

»Wie geht Dir’s, Vater — ich bin erschreckt, zu hören, daß Du nicht wohl —«

Der Alte ließ in seiner Art die stürmisch dargereichte Hand nach der flüchtigsten Berührung sofort abgleiten. Seine Augen forschten begierig in Magnus Miene.

»Nun?« ächzte er.

Ist er erschienen, um seinem alten Vater Erlösung zu bringen von dem entsetzlichen Alp dieser Heirat? — Ist das eingetroffen, was Magnus ihm vor Tagen als einen Trost hinwarf? Ist das unselige — lächerliche — unbegreifliche Bündnis endlich durch den Tod zerrissen? — Das alles lag in dem »Nun«.

»Vater, ich bin gekommen, um ein ernstes Wort mit Dir zu reden —« begann Magnus beklommen. »Ich bitte Dich um Verzeihung für mich und mein Weib — was geschehen ist, ist geschehen —«

»Wieso?«

Der Alte fuhr empor und riß die Augen weit auf.

»Sie lebt?« — das war die eigentliche Bedeutung des Wortes »Wieso«.

»Als ich Dir neulich mein Geheimnis beichtete, Vater, da geschah es in der sicheren Erwartung des Todes. Der Arzt hatte die Kranke aufgegeben, es war keine Rettung zu hoffen. Die Rettung ist dennoch eingetreten — sie lebt und wird gesunden — ich komme, um Deinen Segen zu erflehen ...«

Das letzte hauchte kaum hörbar über Magnus Lippen.

Die Zeitung knitterte unter den konvulsivisch greifenden Händen des Alten: »Du willst damit doch nicht sagen ...?« zischelte er.

»Daß ich gesonnen bin, als ein Ehrenmann zu handeln, Vater!«

Magnus richtete den Kopf, den er bis jetzt zu Boden gesenkt, mit einem Anflug des Trotzes empor.

»Geschehen ist geschehen! Es ist nichts daran zu ändern! Doch Du und die anderen sollt nicht denken, daß ich das, was ich gethan, bereue ...«

»Du bist wahnsinnig — Du bist toll!« kreischte der Alte. »Du hast ja selbst gesagt, daß Du Dich von einem »Mitleid« hast hinreißen lassen. Du thatest es, weil Du wußtest und erwartetest, daß der Tod Deine Dummheit wieder gut machen würde. Ein andermal verbitte ich mir dergleichen Experimente!«

Magnus fühlte hier in dem Innern seiner Brust eine gewisse häßliche Stelle, auf die der Vater mit dem Finger hinwies. Und es war mehr eine Empörung gegen sich selbst, die ihn aufbrausen hieß.

»Mag sein, daß ich voreilig gehandelt! Um ihretwegen bereue ich nichts! Ich liebe sie, wie ich kein anderes Wesen lieben könnte — ich hoffe, mit ihr das Glück meines Lebens zu gründen!«

»Ho — ho — ho —« höhnte der Alte. »Wie hübsch Du Luftschlösser baust! Wir anderen Joëls haben aber auch noch ein Wörtchen mitzureden, denke ich! So einfach kapert man einen Joël doch nicht!«

»Vater, ich darf Dich bitten, nicht an ~sie~ zu rühren! Sie weiß nicht einmal, daß die Ceremonie stattgefunden. Damals befand sie sich in einem Zustand, in dem sie kaum ahnte, was geschah. Und wir haben noch nicht gewagt, sie zu verständigen, weil sie noch so hinfällig ist. Der Entschluß geschah aus meinem eigensten Willen.«

Ein unheimlich lustiges Grinsen verzerrte die Züge des alten Mannes. Ein paar heisere Lachtöne, die wie ein krampfhaftes Hüsteln klangen, dann gurgelte er die Worte hervor —: »Hör’ mal, das ist ja toll und verrückt! — Das ist ja hirnverbrannt! Du bist — Du bist ... ich werde Dich ärztlich untersuchen lassen! — Sie weiß nicht, daß Du sie geheiratet — vielleicht gar wider ihren Willen ist es geschehen — und da bestehst Du noch auf der Komödie! Es ist wahrhaftig das Lustigste, das ich je erlebt — hahaha —«

Und mit wütendem Klopfen bearbeitete er den feisten Rücken der Bulldogge, die Worte im Takt begleitend. Das Tier knurrte zwischen den fletschenden Zähnen.

»Vater ...«

Magnus streckte beide Hände nach dem Alten aus, und seine Augen flehten ihn an.

»Vater — ich kann nicht anders — höre mich —«

»Was? Du wirst aufsässig!«

Das galt dem Hunde, der immer bedenklicher knurrte und eine Miene zum Losfahren machte. Jemand, der nur die Worte gehört, konnte sie auf Magnus gerichtet wähnen.

»Was, auch Du parierst mir nicht mehr?! Warte, Bestie!«

Und er nahm das Tier bei dem messingbeschlagenen Halsriemen und schleuderte es fort, daß sein praller Körper auf dem glatten Parquet dahinrutschte. Sein heulendes Gekläff gellte durch den Raum.

Der alte Mann war so wütend, er erhob sich und trat unsicheren Schrittes auf die eine Wand zu, wo unter Jagdutensilien eine kurze Knebelpeitsche hing. Während er sie herabnahm, sandte er seinem Sohne einen Blick von unheimlicher Bedeutsamkeit zu. Die Peitsche in der Hand wippend, sagte er, mit erzwungener Eiseskühle: »Geh’ jetzt — es ist besser, Du gehst — hörst Du —«

Und mit den Blicken seiner zornblitzenden Augen wies er seinem Sohn die Thüre. Dieser hörte, als er durch den Garten fortstürmte, das ohrenzerreißende Geheul der Dogge, die von ihrem Herrn gezüchtigt wurde.

* * * * *

Vielleicht hätte der alte Joël sich von der Zeit, der erfolgreichen Heilkünstlerin, in die Kur nehmen lassen — vielleicht hätte er sich in das Unvermeidliche gefunden. Aber die Verschworenen duldeten das nicht, sie konnten und durften Magnus diese Durchkreuzung ihres Komplotts nicht verzeihen. So ward die Mesalliance zu einem ungeheuerlichen Verbrechen gebrandmarkt, für das es kein Verzeihen giebt. Man erpreßte dem Alten ein Ultimatum, mit dessen Übermittelung Gisbert beauftragt wurde.

Dieser fand sich zu einer ungewöhnlich frühen Morgenstunde, was wohl von nicht geringer Energie zeugte, in dem Hotelzimmer seines Bruders ein, den er beim Ankleiden fand.

»’n Tag, alter Junge!«

Er wollte es mit dem burschikosen Ton versuchen. Doch das knappe Nicken des Gegengrußes von seiten des anderen dämpfte sofort diesen Ton.

Die Aufgabe war nicht so leicht, als Gisbert sie sich gedacht, wenn man nicht das Messer einfach herausnehmen und brutal darauf losschneiden wollte.

»Du wohnst nicht gerade sehr komfortabel —« begann er abermals, sich in dem nach der trivialen Hotelschablone ausgestatteten Raume umsehend. »Gestattest Du, daß ich mir eine Cigarre anzünde?«

Magnus stieß ein kurzes »Bitte!« aus, und Gisbert griff nach der Schale auf dem Tische.

»Wenn es nicht anders war, so hätte ich mich doch im Kaiserhof einlogiert, meinst Du nicht?« Dazu biß Gisbert mit den Schneidezähnen die Spitze der Cigarre ab.

Magnus zuckte die breiten Schultern und legte die Haarbürste mit einem deutlichen Unwillen auf die Marmorplatte vor dem mit einem ganz gewöhnlichen Goldleisten eingerahmten Spiegel.

Das reizte Gisbert. Er will es nicht anders! — Gut, so zieht man das Messer heraus und schneidet los!

»Ich meine, Du hättest die Dehors wahren können! Ich meine, Du wärst es unserem Namen schuldig gewesen, Dich nicht gerade in ein Hotel sechzehnten Ranges zu verkriechen! Das ist ja schon mehr eine Herberge!«

»Möglich, daß, wenn ich auf die Ehre Deines Besuches gerechnet hätte, ich vielleicht eine andere Herberge aufgesucht —« höhnte Magnus. Das war sonst nicht seine Art.

Und sich herumwendend, Gisbert mit scharfen Augen herausfordernd: »Du kommst, um mit mir ~darüber~ zu reden —«

»Allerdings. Ich bin von der Familie Joël abgesandt. Du hast eine Dummheit begangen —«

Eine Pause, in der das schlimme Wort nachzuhallen schien. Die Gesichter der beiden Brüder flammten, und ihre Blicke maßen sich feindlich.

»Eine entsetzliche Dummheit — es ist das einzige Wort!« rief Gisbert.

»Ich verbitte mir das hier in meinem Zimmer! Ich verbitte mir jede Kritik!«

Gisbert bezwang sich — auch das war nicht der richtige Ton. Und er versuchte es mit der eiseskühlen Gemessenheit. Die Worte langsam hervordehnend, versetzte er jenem den Wortlaut des Ultimatums:

»Deine sogenannte Heirat hat weder vom bürgerlichen, noch, wie wir informiert sind, vom kirchlichen Standpunkt eine Gültigkeit. Sie ist ein Hohn auf das Gesetz. Wir ersuchen Dich also, der Komödie eine Folge zu geben, widrigenfalls —«

Magnus hob trotzig das Haupt. — »Nun?«

»Widrigenfalls wir Dich nicht mehr als den unsrigen betrachten können — Du hast Dir alle Folgen, auch die schlimmsten, selbst zuzuschreiben«.

»Du lügst!« schrie Magnus zornig auf. »Ich kenne Dich! Das ist nicht der Auftrag meines Vaters!«

Gisbert zog die Schultern langsam in die Höhe und senkte sie wieder ebenso; noch kühler, mit einer unheimlichen Höflichkeit im Ton, sagte er: »Leider habe ich sogar den Auftrag, Dir jede Gelegenheit zu entziehen, um Dich von dem Grund Deiner soeben ausgesprochenen Anschuldigung zu überzeugen. Papa wünscht Dich nicht mehr zu sehen. Du hast Dich zu entscheiden, so oder so! — Übrigens soll Dir Dein Entschluß nicht zu schwer gemacht werden. Wir sind bereit, das notwendige Reugeld zu erlegen. Glaube nur — (und er fiel in den ersten burschikosen Ton) man beißt schon an, wenn wir den Köder appetitlich genug auswerfen. Mit einer nicht zu unbescheidenen Summe kaufen wir Dich aus Deiner Verlegenheit. Denn Du wirst mir doch nicht weiß machen wollen, daß Du Dich behaglich fühlst — he?«

Magnus wehrte mit einem unwilligen Wink des Kopfes ab. Dann stand er, mit finster gerunzelten Brauen vor sich hinstarrend da, die Knöchel der Hände auf den Tisch gestemmt.

Sonderbar, daß jetzt zum erstenmal die Frage vor ihn trat: wird sie denn in das Opfer einwilligen, sobald sie davon erfährt? O, er kennt sie, sie wird nicht schuld sein wollen, daß er, der Joël einer, zum Bettler gemacht wird! Das wird sich finden. Es muß Zeit gewonnen werden, bis sie so kräftig ist, daß man sie vor den Entschluß stellen darf. Was dann, wenn sie sich in ihrer angeborenen Energie weigert? — Ach, das kümmert ja heute noch nicht!

»Ich verlange einen Aufschub —« sagte er kleinlaut, Gisberts Blick ausweichend — »ich kann mich heute noch nicht entschließen — nicht daß ich selber wankend wäre — ich weiß, was ich zu thun habe — aber es hat noch jemand ein Wort mitzureden —«

Gisbert war erstaunt über diese unerwartete Wirkung seiner Mission. Er fürchtete wieder alles zu verderben, wenn er noch weiter drängte.

»=Bon!=« rief er, »das läßt sich hören! Es freut mich, daß Du doch mit Dir reden läßt! Wie ist die Adresse dieses Herrn Koster — Köster nicht wahr?«

Es wäre unsinnig gewesen, die Adresse nicht zu sagen, die ja doch auf andere Weise gefunden werden konnte.

»Treskowstraße 22=a=«, murmelte Magnus dumpf. »Aber ich protestiere gegen diese Ungeheuerlichkeit! Zum Teufel mit Eurem verdammten Gold!«

Und vor dem neuen Zornesausbruche seines Bruders flüchtete Gisbert, um in der Treskowstraße seinen Köder auszuwerfen.

* * * * *

Herr Köster erschien in voller sprühender Entrüstung — kaum, daß er seine Tochter begrüßte. Er nahm Magnus in eine Ecke des Salons und fuhr ihn in seiner zuschnappenden Weise an:

»Sie treiben ein doppeltes Spiel, Herr! Sie machen uns eine Komödie vor — haben Sie doch den Mut, die Larve herabzureißen!«

»Wieso? Was ist denn?«

»Sie wagen es, uns Geld zu bieten, wenn wir von der Ehe abstehen! — Herr, ich verbitte mir solche Zumutung! — es ist eine unerhörte Beleidigung!«

»Ich ...?«

»Natürlich Sie! Ihr Bruder war soeben bei mir und hatte die Unverschämtheit, mir den Handel zu offerieren. Die ganze Ehe hätte nicht für einen Sechser Gültigkeit! Trotzdem bot er mir dreißigtausend, wenn wir abständen — er bot vierzigtausend — fünfzigtausend — ehe er an die sechzigtausend gelangt war, warf ich ihn zur Thür hinaus —«

Und Herr Köster blähte sich auf, wie es einem Manne zukommt, der sechzigtausend mir nichts dir nichts zur Thür hinauszuwerfen imstande ist. Magnus konnte einen Anflug des Lächelns, der heiklen Situation zum Trotz, nicht unterdrücken. Doch die fanatisch blitzenden Schwarzaugen ließen das Lächeln sofort verschwinden.

»Was machen Sie ~mir~ denn einen Vorwurf? — ich finde den Bestechungsversuch ebenso empörend wie Sie —« fiel Magnus ein.

»Die Offerte geschah im Auftrag der Familie Joël — Sie hätten Ihre Zustimmung gegeben, sagte Ihr Handelsmann —«

»Es ist nicht wahr! Ich gab die Adresse Ihrer Wohnung, weiter nichts! Ich habe noch keinen Moment bereut! Was geschehn ist, bleibt geschehn! Ich liebe Emmy — bei Gott, ich liebe sie! Ich werde sie auf den Händen tragen! Nur ein Zweifel plagt mich jetzt: wie wird sie selbst diese Heirat aufnehmen? Sie weiß bis jetzt nichts. Sie besitzt einen gewaltigen Stolz, und ich fürchte ...«

»Sie ist die Tochter ihres Vaters!« sprühte Herr Köster in neuer Entrüstung. — »Zum Donnerwetter, ist denn ihre Ehre nicht mehr wert als Sechzigtausend? — wiegt denn unser Name nicht den guten Namen eines Joël auf? Es thut mir leid, wenn Sie dadurch zum Bettler werden — es thut mir herzlich leid — aber nicht mit den Millionen eines Bleichröder lassen wir Köster uns unsere Ehre abkaufen!«

Es war der Dünkel in seiner schönsten Blüte. Aber Magnus konnte sich eines Gefühls der Achtung nicht erwehren die er vor dem sich unter diesem Bramarbas verbergenden Charakter zu empfinden begann. Und ein Zweifel überkam ihn, ob das Geld dennoch die erste Macht in der Welt bedeute. —

Emmys Genesung machte in diesen Tagen gute Fortschritte. Einmal, an einem Nachmittag, empfing ihn Frau Köster in großer Erregung.

»Doch nicht wieder schlimmer?« rief er erschreckt.

Das ängstliche Gesichtchen der guten Dame verneinte — »aber es hätte schlimm genug werden können —« berichtete sie aufgeregt, »denken Sie, diese Frau Gornemann hat natürlich nicht an sich halten können — das Geheimnis drückte sie zu sehr. Vorhin also brachte sie es fertig, Emmy plötzlich mit »Frau Joël« zu titulieren. Das arme Kind fuhr zusammen. Natürlich konnte Emmy sich den Titel von Seiten der Frau Gornemann nicht anders als einen Spott erklären. Die Thränen traten ihr in die Augen, sie begann sehr aufgeregt zu werden — da hielt ich es für das Beste, ihr selbst das ganze Geheimnis zu verraten —«

Magnus stürzte in die Krankenstube: — »Emmy — meine liebe, liebe Emmy!«

Die Kranke streckte die weißen bebenden Hände nach ihm aus, und ihre großen vom Leiden vergrößerten Augen flehten ihn an. Alles andere ist Trug und Traum! — nur sein Kommen bedeutet Wirklichkeit und Wahrheit!

Wie damals, während der Ceremonie, sank er neben ihrem Lager in die Kniee und erfaßte ihre Hände.

»Willst Du mein sein — mein für immer?« flüsterte er innig.

»Verzeih’ mir — daß ich das vollführte, ohne Dich befragt zu haben! Nun mußt Du Dich darein finden. Willst Du mein Weib sein, Emmy — ach, Du bist es ja! — mein liebes, liebes, süßes Weib!«

Und er nahm ihr glühendes Köpfchen und legte es sanft an seine Wange. Sie hielt die Lider geschlossen, ein rotes Dämmerlicht flutete hindurch, und wie ein Glockenklang aus seliger Kinderzeit hallte das Wort, das eben von seinen Lippen kam, durch ihre Sinne. Nichts als die Seligkeit dieses einen Wortes!

Und ihn, der sie umschlungen hielt, schien das Wort wie mit einem Zauberklang zu durchbeben — er fühlte Mut und Kraft in seiner Brust schwellen und er gelobte sich, der ganzen Welt zum Trotz, sie auf seinen Händen dahinzutragen durch das Leben.

* * * * *

Wenige Wochen darauf hatte sich das junge Paar, dessen Bund die gesetzliche Gültigkeit erhalten, in seinem neuen Heim eingenistet. Als Wohnort war Pankow mit seinem herrlichen Park und seiner würzigen Landluft erwählt worden, in erster Rücksicht auf Emmys Genesung; später, auch den Winter hindurch, hielt sie die Not an den billigen Vorort gefesselt.

Sie bewohnten den Oberstock einer kleinen Villa in der Damerowstraße, zwei Stuben, zwei Kammern mit schrägen Wänden, Balkon und Gartengenuß. Magnus’ Mittel, die er aus dem Verkauf seiner Pretiosen, seiner kostbaren Brillanten, seiner Uhr und einiger Kunstgegenstände flüssig gemacht, hätten etwas Besseres als diese spießbürgerliche Einrichtung, die von der ökonomischen Frau Köster besorgt worden war, möglich gemacht, aber Emmy widersetzte sich jedem Luxus. So verharrten sie in den Gewohnheiten ihres ersten kargen Liebeslebens: — ein stilles verschwiegenes Nestchen, wo sie jeden Augenblick des Glückes der diskreten Himmelslaune abzustehlen schienen.

Die junge Frau wagte sich dieses Glückes nur mit einem angstvollen Beben zu freuen. Wie eine Betäubung war es über sie gekommen — sie hatte damals auch körperlich nicht Kraft genug besessen, »Nein« zu sagen, oder den Kampf mit ihrem eigenen Herzen aufzunehmen. Es war alles ein Traum, die rätselhafte, geheimnisvolle Trauung, ihr beider Beisammensein — auch der Alp fehlte nicht in diesem Traum: die geheime Furcht vor einem Schicksal, das die so seltsam Geeinten wieder auseinander reißen werde ...

Erst die Not rüttelte sie aus dem Traum zu vollem Erwachen.