Aus meinem Leben

Part 20

Chapter 202,980 wordsPublic domain

In der philosophisch-historischen Klasse der Akademie war bei meinem Eintritt ~Theodor Mommsen~ die hervorragendste Persönlichkeit. Trotz der demokratischen Verfassung der Akademie war sein Einfluß in der philosophisch-historischen Klasse so groß, daß er seine Meinung in fast allen wichtigen Fragen durchzusetzen wußte. Am deutlichsten trat für uns Naturforscher seine Macht in die Erscheinung, wenn er die Wahl von neuen Mitgliedern für seine Klasse zu vereiteln suchte. Seine Machtstellung verdankte er übrigens den ungewöhnlichen wissenschaftlichen Leistungen und der außerordentlichen Schlagfertigkeit seiner Kritik, in der er den formgewandten und leidenschaftlichen Verfasser der römischen Geschichte nicht verleugnete. Wer dieses Werk gelesen hat, kann sich dem Eindruck seines Genies und seiner gewaltigen Arbeitskraft nicht entziehen. Ich selbst habe nur hier und da kurze Gespräche mit ihm geführt und sein Erstaunen hervorgerufen durch die Mitteilung, daß ich als Gymnasiast auf Anregung eines Oberlehrers selbst Abklatsche von römischen Inschriften meiner Heimat angefertigt hatte. Noch ein zweites Mal ist es mir gelungen, ihn in eine gewisse Aufregung zu versetzen, als ich in der philosophischen Fakultät einen harten Kampf gegen die Promotion von russischen Chemikern ohne ausreichende Vorbildung führte und dabei auf das frühere Vorgehen von ~Mommsen~ gegen den allerdings viel schlimmeren Unfug der Promotion in absentia an einigen deutschen Universitäten hinwies. Er trat infolgedessen auch wirklich bei der Abstimmung auf meine Seite, und ich gewann dadurch eine kleine Majorität in dem von mir um die Ehre meiner Wissenschaft geführten Kampf.

Auch den Historiker ~Sybel~, den Verfasser der Geschichte der französischen Revolution und der Gründung des Deutschen Reiches habe ich in der Akademie kennen gelernt, nachdem ich seine Werke teilweise vorher gelesen. Die letzten Vorträge, die er uns hielt, waren durch Feinheit der Form ausgezeichnet.

~Treitschke~ kam erst später in die Akademie, nachdem ~Mommsen~ gestorben und sonstiger Widerstand durch den Erfolg seiner deutschen Geschichte beseitigt war. Er ist selten in unserem Kreise erschienen, weil er schon krank war und bald nachher starb. Ich kannte ihn aber längst von der philosophischen Fakultät her. Er war damals schon so schwerhörig, daß er von den Verhandlungen kaum ein Wort verstand, hatte aber doch den Ehrgeiz, wenn irgend möglich, in die Diskussion einzugreifen und ließ sich für den Zweck von einem seiner Nachbarn Stichworte aufschreiben, die den Lauf der Debatte kennzeichnen sollten. Ich selbst habe an einem Abend diese Aufgabe übernommen und muß gestehen, daß sie recht schwer zu erfüllen war. Wenn ~Treitschke~ aus dem Stichwort den Stand der Verhandlung richtig entnahm, so war ich erstaunt zu sehen, mit welcher Schnelligkeit er den ganzen Komplex der Fragen erfasste und mit seiner großen Beredsamkeit sich darüber verbreitete. Es kam aber auch vor, daß er durch Mißverständnis des Stichwortes ganz falsch ging und dann über Dinge redete, die mit der verhandelten Frage in gar keinem Zusammenhang standen. Charakteristisch für ihn war die große Leidenschaft, mit der er alle ihn interessierenden Dinge ergriff und mit dichterischem Schwung besprach. Dieser Eigenschaft war zum großen Teil der starke Einfluß zuzuschreiben, den seine Vorträge auf die akademische Jugend ausübten.

Eine ganz andere Natur war der Germanist ~Erich Schmidt~, ausgezeichnet durch körperliche Schönheit, klangvolle Stimme und liebenswürdiges Wesen. Er galt mit Recht als ausgezeichneter Redner und vorzüglicher Kenner der deutschen Literatur. Von der Berliner Gesellschaft wurde er reichlich verwöhnt, und die fast täglichen Abendessen, die er jahrelang in dem Kreise der Hautefinance oder des hohen Beamtentums mitmachte, haben zweifelsohne mit zu seinem verhältnismäßig frühen Tode beigetragen.

Von der so häufigen Pedanterie des Philologen war nicht das geringste bei ihm zu bemerken, obschon er eine gründliche fachwissenschaftliche Bildung besaß und auch dauernd wissenschaftlich tätig blieb. In geschäftlichen Dingen, falls sie ihn interessierten, bewies er große Gewandtheit und Sicherheit, und ich habe ihn für den besten Dekan gehalten, den die philosophische Fakultät während meiner 25-jährigen Angehörigkeit besessen hat.

Da seine Frau eine geborene ~Strecker~ und Halbschwester der Frau ~Leube~ war, so bin ich mit ihm hier und da auch in gesellschaftlichen Verkehr gekommen und kann nur sagen, daß ich ebenso wie viele andere Menschen von seiner strahlenden Persönlichkeit eingenommen war.

In gewissem Gegensatz zu ~Erich Schmidt~ stand der klassische Philologe ~Diels~, ein prächtiger Mann, klug, wohlwollend, durchaus nicht einseitig in Wissen und Anschauungen und sehr brauchbar als Sekretär der Akademie. Manche Reden, die er in dieser Eigenschaft hielt, darf man wegen der feinen Form und des gedanklichen Inhalts als Perlen bezeichnen. Mit seinen Söhnen hat er besonderes Glück gehabt; denn sie sind alle anerkannte Gelehrte geworden und einer von ihnen, ~Otto~, war mir jahrelang ein lieber Schüler und Mitarbeiter.

Eine interessante Persönlichkeit war auch der Nationalökonom ~C. Schmoller~, gleichzeitig bekannt als guter Historiker. Wenn er in unverfälschter schwäbischer Mundart in der Akademie oder Fakultät über wissenschaftliche oder geschäftliche Dinge sich äußerte, so konnte man immer sicher sein, kluge und ausgereifte Dinge zu hören. Viel stürmischer war sein Spezialkollege ~Ad. Wagner~, der aber nicht der Akademie angehörte, und der in hohem Alter trotz körperlicher Hilflosigkeit durch seine leidenschaftliche Sprache uns immer noch imponierte. Allerdings habe ich sein Urteil in manchen Dingen als befangen oder als verschroben ansehen müssen.

Unter den Vertretern der Geisteswissenschaften hat mich von Anfang an ein Mann besonders angezogen, ehe ich wissen konnte, daß ich später mit ihm in enge, gemeinschaftlicher Arbeit gewidmete Beziehung treten würde. Das ist der Theologe und Historiker ~Adolf von Harnack~. In der wissenschaftlichen Welt gilt er mit Recht als Polyhistor, denn außer seinem Spezialfach hat er sich ausgezeichnete Kenntnisse auf philologischem, literarischem und ethischem Gebiet angeeignet und daneben ist es ihm noch gelungen, einen Überblick über die modernen Naturwissenschaften zu gewinnen. Wie er mir öfter erzählte, verdankt er das nicht so sehr der Ehe mit einer Enkelin von ~Liebig~, als vielmehr der Kinderstube; denn seine drei Brüder haben fast gleichzeitig mit ihm Naturwissenschaft oder Medizin in Dorpat studiert. In dieser jungen Gesellschaft, die bei der beschränkten Wohnung der Eltern auch räumlich immer eng vereint war, fand, wie leicht begreiflich, dauernd ein reger Ideenaustausch statt. Infolge seines vorzüglichen Gedächtnisses hat ~Adolf von Harnack~ diese Eindrücke als dauernden Besitz bewahren können. Mir ist er menschlich zuerst näher getreten bei dem Tode meiner Frau, deren Familie er von seinem mehrjährigen Aufenthalt in Erlangen her wohl kannte, insbesondere durch seine Bemühungen, eine Erzieherin für meine Kinder zu gewinnen. Später verpflichtete er mich zu Dank durch sein mannhaftes Eintreten für den Neubau des chemischen Instituts, das wesentlich dazu beitrug, die Zustimmung der Akademie zu diesem Plane zu erlangen. Für das 200-jährige Jubelfest schrieb er die Geschichte der Akademie, die ich ziemlich fleißig gelesen habe, weil sie mir als vortreffliche Quelle für die Geschichte des akademisch-chemischen Laboratoriums diente. Mehr als irgend ein anderer Vertreter der philosophisch-historischen Klasse hat ~Harnack~ sich dauernd bemüht, auch die Interessen der Naturwissenschaften zu fördern, und er war deshalb der berufene Mann, an die Spitze der Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zu treten, als diese im Frühjahr 1911 gegründet wurde. Davon werde ich später ausführlich berichten. Auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften halte ich ~Harnack~ augenblicklich für den hervorragendsten deutschen Gelehrten, und als Organisator wissenschaftlicher Arbeiten nimmt er sicherlich den ersten Platz ein.

Mit der Gründung der Kaiser Wilhelm Institute für Chemie und physikalische Chemie erweiterte sich natürlich auch der Kreis der Chemiker, und von ihnen sind drei Männer, ~Beckmann~, ~Haber~ und ~Willstätter~ in die Akademie aufgenommen worden, über die ich später im Zusammenhang mit der Kaiser Wilhelm Gesellschaft mich äußern werde.

Chemische Gesellschaft

Zur Zeit meiner Übersiedlung nach Berlin war die wissenschaftliche Chemie hauptsächlich vertreten durch die deutsche chemische Gesellschaft, die ~Hofmann~ gegründet und 25 Jahre in musterhafter Weise und mit großem Erfolg geleitet hatte.

Die Feier ihres 25-jährigen Bestehens, die früher schon erwähnt wurde, war das erste wissenschaftliche Fest, das ich in meiner neuen Stellung miterlebte. Bald nachher begann die Alltagsarbeit, an der ich namentlich während der ersten 10 Jahre regelmäßig teilnahm, nicht allein, weil ich wiederholt zum Präsidenten und Vizepräsidenten gewählt wurde, sondern weil die chemische Gesellschaft damals noch in unserem Institut in der Georgenstraße zu Gast wohnte. Ihre Büroräume waren nämlich die Dienstwohnung des ersten Assistenten des Instituts, auf deren Benutzung früher ~F. Tiemann~ und später ~S. Gabriel~ zugunsten der Gesellschaft verzichtet hatten. Für die regelmäßigen Sitzungen diente der Hörsaal des Instituts, und die Gesellschaft bezahlte dafür eine ganz geringe Miete und eine kleine Entschädigung für Beleuchtung und Heizung. Da außerdem die meiste Arbeit für die Geschäfte des Präsidiums, des Sekretariats und der Redaktion der Berichte ehrenamtlich geleistet wurde, so waren die Ausgaben der Gesellschaft abgesehen von dem Druck der Berichte sehr klein, und dadurch ist es ihr möglich gewesen, im Laufe von etwa 25 Jahren durch Ersparnisse ein Barvermögen von 200000 M. zu erwerben.

Durch den Tod von ~Hofmann~ war zunächst keine Störung der Geschäfte eingetreten, da ~F. Tiemann~ in gewohnter Weise die beiden Ämter als Sekretär und Redakteur fortführte. Ich selbst hielt mich anfangs zurück und beteiligte mich nur an den Vorstandssitzungen, um die Art der Geschäftsführung und die daran beteiligten Personen als möglichst neutraler Beobachter kennen zu lernen. Aus demselben Grunde lehnte ich es auch Ende des Jahres 1892 ab, für die Wahl zum Präsidenten als Kandidat aufgestellt zu werden. Infolgedessen fiel die Leitung der Präsidialgeschäfte an ~Landolt~. Das war allerdings ein Fehler, wie ich hinterher eingesehen habe; denn trotz aller seiner guten Eigenschaften war ~Landolt~ zu sorglos, und auch wegen seiner Schwerhörigkeit in bewegter Debatte zu ungeschickt, um einem Sturm vorzubeugen, der für die Gesellschaft zu großem Schaden hätte werden können. Dieser wurde heraufbeschworen durch die Meinung einiger zu den Gründern der Gesellschaft gehörigen Vorstandsmitglieder, daß ~Tiemann~ seine Ämter zu autokratisch verwalte. Den äußeren Anlaß dazu bot der Vorschlag, ~M. Berthelot~ und ~C. Friedel~ in Paris zu Ehrenmitgliedern zu ernennen. Ich hatte ihn zusammen mit ~Tiemann~ überlegt und er war in einer Vorstandssitzung besprochen worden, bei der leider die meisten Mitglieder fehlten, angeblich, weil die Ernennung von Ehrenmitgliedern nicht auf der Tagesordnung gestanden habe. Als es dann bei der Generalversammlung zur Wahl kam, wurde der Vorschlag von der Opposition, die sich ganz im stillen organisiert hatte, bekämpft, und die Wahl mußte vertagt werden. Dabei kam es zu stürmischen Szenen, die der Vorsitzende ~Landolt~ nicht meistern konnte, und die Versammlung schloß in recht unerfreulicher Weise mit einem Mißton, der die Gefahr einer dauernden Spaltung im Vorstand anzuzeigen schien. In derselben Sitzung wurde ich zum Präsidenten gewählt, nahm auch die Wahl an, aber mit dem Gefühl höchsten Unbehagens und dem Entschluß, unter allen Umständen ähnliche Auftritte unmöglich zu machen.

Ich habe dann mehrere Monate im stillen ziemlich schwere Arbeit tun müssen, um die Gegensätze, die im Vorstand so stark aufeinander geplatzt waren, wieder auszugleichen und es zu ermöglichen, daß ~Tiemann~ vorläufig Redaktion und Sekretariat behielt. Dazu war es nötig, daß ich mich als Präsident mit dem ganzen Material der Verwaltung, namentlich auch mit der Tagesordnung und den Protokollen der wissenschaftlichen Sitzungen und der Vorstandssitzungen genau vertraut machte. Das geschah im besten Einvernehmen mit ~Tiemann~, dessen große Arbeitskraft und treue Fürsorge für die Gesellschaft ich stets anerkannt habe. So hat sich auch ein persönliches Verhältnis freundschaftlicher Art zwischen uns entwickelt, und als er im Herbst 1899 plötzlich starb, hielt ich mich für verpflichtet, die Gedenkrede auf ihn zu halten[1], die später durch einen ausführlichen Nekrolog von ~Witt~ in einigen Punkten ergänzt wurde. Es ist deshalb nicht nötig, daß ich ihm hier noch weitere Worte freundschaftlichen Gedenkens widme.

[1] Berichte der Deutschen chemischen Gesellschaft Bd. 32 S. 3239.

Eine unserer ersten gemeinschaftlichen Aufgaben war die Propaganda für die Wahl von ~Berthelot~ und ~Friedel~, die bis zur nächsten ordentlichen Generalversammlung vertagt war. Wir hielten uns dazu um so mehr verpflichtet, als an beide Herren schon die private Anfrage ergangen war, ob sie eine solche Wahl annehmen würden. Um die Opposition des kleinen Kreises Berliner Fachgenossen zu beseitigen, wandten wir uns an die große Zahl der auswärtigen Mitglieder, die ausnahmslos dem Vorschlag zustimmten. Ende 1894 wurden dann die beiden französischen Gelehrten zusammen mit ~Mendelejeff~ und ~Beilstein~ mit einer ungewöhnlich großen Majorität gewählt.

Bald nachher wurde die Gesellschaft vor eine ganz neue und weitreichende Aufgabe gestellt durch das Anerbieten des Herrn ~F. Beilstein~, ihr alle seine Rechte an dem eben in 3. Auflage erschienenen Handbuch der organischen Chemie zu übertragen, falls sie bereit sei, Ergänzungsbände dazu erscheinen zu lassen und später eine neue Auflage zu veranstalten. ~Beilstein~ fühlte sich damals schon zu alt, diese große Arbeit selbst noch zu leisten. Er hatte sich zuerst an Herrn ~Paul Jacobson~ gewandt mit der Anfrage, ob er die Redaktion des Buches übernehmen wollte. Obschon ~Jacobson~ durch die Herausgabe des bekannten vortrefflichen Lehrbuches der organischen Chemie von ~Victor Meyer~ und ~Paul Jacobson~ besonders gut vorbereitet war, so schien ihm doch die neue Aufgabe für eine einzelne Person zu schwierig, und er machte deshalb den Vorschlag, daß die chemische Gesellschaft sich der Sache annehmen und durch Schaffung eines Zentralbüros für chemische Berichterstattung noch erweitern sollte. Zugleich erklärte er sich bereit, unter passenden Bedingungen an die Spitze eines solchen Büros zu treten. Damit gewann ein Gedanke praktische Form, der mir schon lange vorgeschwebt und den ich auch wiederholt mit ~Tiemann~ und anderen Fachgenossen im kleinen Kreise besprochen hatte, Zentralisierung der bis dahin stark verzettelten Berichterstattung für die wissenschaftliche Chemie, wodurch eine Verbilligung und eine weitere Verbreitung der referierenden Organe möglich werde. Bis dahin gab es den altbewährten Jahresbericht für Chemie, von ~Liebig~ und ~Wöhler~ begründet, der seit dem Jahre 1848 regelmäßig erschien und unmittelbar an den Jahresbericht von ~Berzelius~ anknüpfte. Daneben existierte das von ~Arendt~ gegründete Zentralblatt, das allwöchentlich erschien, jede einzelne Publikation besonders behandelte und dadurch die Literatur den Chemikern zwar nicht systematisch, aber nach kurzer Frist übermittelte. Etwas Ähnliches, aber in viel unvollständigerer Form boten die Berichte der chemischen Gesellschaft in ihrem Referatenteil. Endlich fanden sich noch solche Referate in der Zeitschrift des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie, der Chemikerzeitung, der Apothekerzeitung und ähnlichen Organen. Es lag auf der Hand, daß diese Zersplitterung der Berichterstattung unzweckmäßig war, und daß mit denselben Mitteln viel Vollkommeneres geschaffen werden könnte.

~Tiemann~ kam zu der gleichen Ansicht, und so haben wir beide 1895 den Entschluß gefaßt, den Vorschlag von ~Jacobson~ zu verwirklichen und dafür die Zustimmung des Vorstandes und später der Generalversammlung der Gesellschaft zu erwirken. Das ist nicht ohne erhebliche Mühe und Sorge gelungen. Schon im Vorstand erklärten sich einige vorsichtige Mitglieder, z. B. der sonst so wohlwollende ~C. Liebermann~, gegen den Plan, weil sie in dem neuen buchhändlerischen Unternehmen eine Gefahr für das Wohlergehen und besonders für die Finanzen der Gesellschaft erblickten. Andererseits konnten wir durch Kalkulation feststellen, daß die chemische Gesellschaft in der Lage wäre, für das chemische Zentralblatt und für das ~Beilstein~-Handbuch eine viel größere Anzahl von Abnehmern zu gewinnen und dadurch eine erhebliche Herabsetzung des Preises zu ermöglichen. Niemand konnte leugnen, daß das ein Gewinn für unsere Wissenschaft sei und auch das Ansehen der Gesellschaft vergrößern müsse. So mehrte sich denn rasch die Zahl der Anhänger des neuen Planes, und in der Generalversammlung vom 13. Dezember 1895 konnte ich als Vorsitzender die erste öffentliche Ankündigung davon machen. Die Entscheidung fiel in einer außerordentlichen Generalversammlung vom 19. Juni 1896. Unter Leitung von Dr. ~Jaffé~ trat hier die Opposition nochmals scharf in die Erscheinung. Aber ich konnte als Vorsitzender alle Klagen und Befürchtungen widerlegen, und schließlich wurde die für den Plan nötige Änderung der Statuten mit großer Majorität genehmigt. Zuvor war es notwendig gewesen, für beide Werke von der Verlagsbuchhandlung der Firma ~Leopold Voß~ in Hamburg das Verlagsrecht zu erwerben. Den entscheidenden Schritt dazu hatte ich zusammen mit Schatzmeister Dr. ~Holtz~, der von Anfang an dem Plane wohlgeneigt war und ihn jederzeit energisch gefördert hat, in den Herbstferien 1895 getan. Im Anschluß an eine Versammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie zu Kiel, an der ich teilnahm, fuhr ich mit Dr. ~Holtz~ nach Hamburg und vereinbarte dort mit dem Leiter der Firma ~L. Voß~ für das chemische Zentralblatt einen festen Kaufpreis von 15000 M. und für die Ergänzungsbände des ~Beilstein~ eine recht günstige Gewinnbeteiligung der Firma. Als diese dann später zögerte, die mündliche Vereinbarung schriftlich anzuerkennen und wir in Sorge kamen, den fertigen Vertrag der entscheidenden Generalversammlung im Juni 1896 nicht rechtzeitig vorlegen zu können, bat ich ~Tiemann~, die Verhandlung mit gröberem Geschütz wieder aufzunehmen und zu Ende zu führen. Das gelang ihm auch, indem er die widerstrebende Firma durch höchst energische Telegramme zur Vernunft brachte.

Inzwischen waren mit ~Paul Jacobson~ und dem bisherigen Redakteur des chemischen Zentralblattes Professor ~R. Arendt~ in Leipzig Verhandlungen gepflogen worden. Beide traten anfangs 1897 in den Dienst der chemischen Gesellschaft. ~Arendt~ blieb in Leipzig und besorgte von dort aus bis zu seinem Tode die Redaktion des chemischen Zentralblattes. ~Jacobson~ siedelte nach Berlin über und übernahm nicht allein die Redaktion des ~Beilstein~-Handbuches, sondern löste auch ~Tiemann~ ab als Generalsekretär der Gesellschaft in der Redaktion der Berichte und der Erledigung der Sekretariatsgeschäfte. Damit schied ~Tiemann~ aus den beiden Ämtern, die er fast 20 Jahre lang unbesoldet verwaltet hatte, und der Vorstand fühlte sich verpflichtet, ihm seinen wärmsten Dank durch die Überreichung einer stattlichen Adresse und durch Veranstaltung eines Festessens auszudrücken.

Diese Neuordnung der Geschäftsführung mit den erweiterten literarischen Aufgaben bezeichnet den Anfang einer neuen Periode in der Entwicklung der chemischen Gesellschaft. Für die Richtigkeit der Veränderung spricht der Erfolg. Zu den 4 Bänden der dritten Auflage des ~Beilstein~-Handbuches hat die Gesellschaft inzwischen die gleiche Anzahl Ergänzungsbände herausgegeben und eine neue Auflage vorbereitet, die ein Wertobjekt von mindestens 1,2 Millionen sein und an Umfang die großen Konversationslexika erreichen wird.

Auch das chemische Zentralblatt hat sich in erfreulicher Weise entwickelt, erst unter der Leitung von ~Arendt~ und dann nach dessen Tode unter Führung von Professor ~A. Hesse~. Die Zahl der Abnehmer ist auf mehr als das dreifache gestiegen, der Umfang fortwährend gewachsen und auch die Qualität der einzelnen Referate verbessert. Erst durch den Krieg ist in allen Punkten wieder eine Verminderung eingetreten. Dazu hat die chemische Gesellschaft noch zwei neue Werke übernommen, das Literaturregister der organischen Chemie, gegründet als Lexikon der Kohlenstoffverbindungen von ~M. M. Richter~ und jetzt weitergeführt von Professor ~Stelzner~, ferner ein ähnliches Literaturregister der anorganischen Chemie, gegründet und geführt von Dr. ~M. K. Hoffmann~.