Aus meinem Leben

Part 19

Chapter 193,313 wordsPublic domain

Die Bedeutung einer wissenschaftlichen Akademie ist selbstverständlich in erster Linie bedingt durch das wissenschaftliche Ansehen der einzelnen Mitglieder. Zur Zeit meines Eintritts gehörten zur Berliner Akademie eine verhältnismäßig große Anzahl von Männern ersten Ranges. An der Spitze der Naturforscher stand ~Hermann von Helmholtz~, ein wissenschaftliches Universalgenie; denn er hat nicht allein in der Physik, Physiologie und Mathematik grundlegend gewirkt, sondern auch in der Erkenntnistheorie Achtenswertes geleistet. Wenn man von ~Alexander von Humboldt~ absieht, so war er der vielseitigste Naturforscher des 19. Jahrhunderts, nicht allein in Deutschland, sondern wahrscheinlich in der Welt, und diese Vielseitigkeit hat der Gründlichkeit seiner Forschung nicht den geringsten Abbruch getan. Dazu besaß er in hohem Maße die Gabe, naturwissenschaftliche Erkenntnis in leicht verständlicher Form und vornehmer Sprache weiteren Kreisen zugänglich zu machen, und ich kenne wenig naturwissenschaftliche Schriften, die auf mich in jüngeren Jahren so anregend gewirkt haben, wie die von ~Helmholtz~ publizierten Vorträge über verschiedene Zweige der Physik, Physiologie und Mathematik. Vielleicht hat ~Justus Liebig~ durch seine populären Schriften über die Bedeutung der Chemie für den Ackerbau, die Künste und Gewerbe größeren Einfluß auf die Entwicklung des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland gehabt, aber an Feinheit der Darstellung und Schönheit der Form können sie den Vorträgen von ~Helmholtz~ nach meinem Empfinden nicht gleichgestellt werden. Zu der Zeit, als ich ~Helmholtz~ kennen lernte, war er schon 72 Jahre alt und eine in jeder Beziehung abgeklärte Persönlichkeit. Es war für uns Jüngere stets ein besonderes Vergnügen, wenn er in der Fakultät oder Akademie das Wort ergriff und in ruhiger besonnener Art seine Meinung äußerte. Ich habe wiederholt Gelegenheit gehabt, mit ihm Privatgespräche zu führen, bei denen er stets ein wohlwollendes Interesse an der Chemie kund gab. Diese persönliche und innige Berührung zwischen einzelnen Mitgliedern der Akademie vollzog sich in ungezwungener Form bei den Nachsitzungen, die in einem Kaffee stattfanden, zuerst im Hotel de Rome und später in verschiedenen anderen Kaffees Unter den Linden oder in der Potsdamer Straße. Diese Nachsitzungen waren nicht selten belehrender und vor allen Dingen unterhaltender als die amtliche Hauptsitzung. Als ~Helmholtz~ im August 1894 starb, war es mir als Vorsitzender der chemischen Gesellschaft, zu deren Ehrenmitgliedern er gehörte, eine angenehme Pflicht, ihm einen Nachruf zu widmen, der in den Berichten der Gesellschaft gedruckt wurde, und in dem ich meiner Bewunderung für den großen Mann vollen Ausdruck gegeben habe.

Eine zweite sehr interessante Persönlichkeit in dem akademischen Kreise war ~Rudolph Virchow~, pathologischer Anatom, Hygieniker, Anthropologe und Politiker, ein Mann von einer ungewöhnlichen Arbeitskraft, der trotz der Zersplitterung seiner Tätigkeit alles, was er anfaßte, mit großer Gründlichkeit und Überlegung besorgte. Noch im Alter von 80 Jahren pflegte er nicht allein den ganzen Tag, sondern auch die halbe Nacht der Arbeit zu widmen, besaß dafür allerdings auch das Talent, jede freie Minute sogar in den Sitzungen oder bei Gesellschaften zum Schlaf benutzen zu können. Er war scharf in seinem Urteil und konnte gegen Auswüchse der Medizin und Hygiene oder gegen Mißgriffe der Staatsverwaltung in schärfster Weise auftreten. Aber ich habe stets den Eindruck bekommen, daß er sich nur durch sachliche Gründe und durch vornehme politische, soziale oder wirtschaftliche Grundsätze führen ließ. Zu mir persönlich ist er immer sehr freundlich gewesen, und seiner wirkungsvollen Unterstützung bei dem Neubau des chemischen Instituts habe ich schon gedacht. Aus der Akademie erinnere ich mich eines scharfen und erfolgreichen Protestes, den er gegen die Aufnahme einer von ~S. Schwendener~ präsentierten Abhandlung eines gewissen Dr. ~Pinkus~ über den vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Kopfhaare und dem Schicksal ihres Trägers in die Sitzungsberichte erhob. Seine Kritik war in biologischen Kreisen gefürchtet, aber von der großen Mehrzahl als sachlich anerkannt. Bei mir hat er einmal an einem Abendessen teilgenommen, das ich zu Ehren von ~William Ramsay~ veranstaltete. Als wir aus dem warmen Eßzimmer in die etwas unterkühlten Gesellschaftszimmer übersiedelten, sagte er scherzhaft zu mir: »Sie scheinen wie der Schah von Persien über alle Klimatas zu verfügen«, worauf ich ihm erwiderte, daß in der Chemie die Periode der extremen Temperaturen begonnen habe.

Ein anderer hervorragender Mediziner in der Akademie war der Physiologe ~E. Dubois-Reymond~, besonders bekannt geworden durch die zahlreichen akademischen Reden, die er als Sekretär der Korporation gehalten hat. Er war zweifellos auch ein geistreicher Mann und von ungewöhnlicher formaler Gewandtheit. Von Zeit zu Zeit lese ich noch heutzutage einzelne seiner Reden mit Genuß, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß die Effekthascherei dabei eine gewisse Rolle spielt, und die übertriebene mechanistische Tendenz einer überwundenen Periode der Wissenschaft angehört.

Von der Chemie verstand ~Dubois-Reymond~ wenig, aber er war doch einsichtsvoll genug gewesen, ihr in seinem neuerbauten physiologischen Institut eine ziemlich große Abteilung mit selbständiger Leitung zu gewähren, und wenn man sich daran erinnert, daß ~E. Baumann~ und ~A. Kossel~ als Vorsteher dieser Abteilung einen großen Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeiten ausgeführt haben, so muß man ~Dubois-Reymond~ zugestehen, daß er in der Wahl seiner Mitarbeiter eine glückliche Hand gehabt hat.

Die allgemeine Vorlesung über die Fortschritte der Naturwissenschaften, die er jahrzehntelang als Publikum gelesen hat, war berühmt nach Inhalt und Form und wurde von den Mitgliedern aller Fakultäten gerne besucht. Daß sie seit seinem Tode in Berlin fehlt, ist zweifellos eine Lücke in dem naturwissenschaftlichen Unterricht der Universität, aber ich wüßte augenblicklich niemand in unserem Kreise zu nennen, der imstande wäre, wie ~Dubois~ diese Aufgabe zu lösen.

Unter den jüngeren Naturforschern der Akademie traf ich zwei alte Bekannte, den Botaniker ~Engler~, der gleichzeitig mit mir Privatdozent in München gewesen war und den Physiker ~August Kundt~, meinen lieben Lehrer aus Straßburg, dessen ich früher schon gedacht habe. Er hatte sich mit der ihm eigenen Energie in Berlin nicht allein in die Aufgabe des Lehrers und Forschers, sondern auch in den Strudel des gesellschaftlichen Lebens gestürzt. Dem war seine Gesundheit nicht gewachsen. Ein schweres Herzleiden machte sich schon damals bemerkbar und im Mai 1894 ist er daran gestorben. Es war mir eine angenehme Pflicht, ihm in den Berichten der chemischen Gesellschaft einen kurzen Nachruf zu widmen. Die Chemiker werden immer dankbar anerkennen, daß er zusammen mit ~Warburg~ die Einatomigkeit des Quecksilberdampfes nach seiner allgemeinen Methode der Schallgeschwindigkeit eindeutig bewies und damit das gleiche für die später entdeckten Edelgase möglich machte. ~Kundt~ war ein ausgezeichneter Lehrer und lieber Mensch, der auf jüngere Naturforscher eine große Anziehungskraft ausübte und dessen Tod eine große Lücke in unseren naturwissenschaftlichen Kreis riß. Das zeigte sich sofort bei der Berufung eines Nachfolgers. Auf Anregung von ~Helmholtz~ präsentierte die Fakultät dem Ministerium nur einen Kandidaten, ~Friedrich Kohlrausch~. Aber ehe er zusagte, starb ~Helmholtz~ und ~Kohlrausch~ wurde nun sein Nachfolger an der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg.

Die Wahl des Physikers an der Universität mußte dann einstweilen verschoben werden, weil keine Persönlichkeit in Deutschland vorhanden war, die alle Beteiligten befriedigte. Infolgedessen tauchte im Laufe des Winters der Gedanke auf, ~J. H. van't Hoff~ für die Stelle zu gewinnen, nachdem bekannt geworden war, daß er nicht ungern Amsterdam verlassen würde. Die Unterrichtsverwaltung ging rasch auf diesen Plan ein, und zunächst wurde Professor ~M. Planck~ nach Amsterdam geschickt, um mit ~van't Hoff~ die Möglichkeit einer solchen Berufung zu überlegen. Den weiteren Verlauf der Verhandlung habe ich in einer Gedächtnisrede auf ~van't Hoff~ geschildert, die ich bald nach seinem Tode in der Leibnizsitzung der Akademie hielt. Er lehnte die Professur an der Universität ab, wurde aber dafür ein Jahr später als Akademiker nach Berlin gerufen und erhielt nun eine außerordentliche Professur an der Universität mit dem Charakter als Honorarprofessor, um sein Gehalt auf eine angemessene Höhe bringen zu können. An der Berufung ~van't Hoffs~ habe ich selbstverständlich regen Anteil genommen und bin dafür durch ein schönes Freundschaftsverhältnis belohnt worden, das bis zu seinem Tode dauerte, und das mich mit diesem bedeutenden Naturforscher in nahe Berührung gebracht hat. Abgesehen von einigen kleinen Schwächen war er ein prächtiger Mann von origineller Denkart und kaum minder originell in seinen Lebensgewohnheiten. Eine öffentliche Vorlesung über chemische Theorien hat er regelmäßig in unserem Institut gehalten, während er sich für seine Experimentalstudien zusammen mit ~Meyerhofer~ ein bescheidenes Privatlaboratorium eingerichtet hatte.

Nachdem ~van't Hoff~ die physikalische Professur an der Universität abgelehnt hatte, wurde ~Emil Warburg~ berufen. Als er 10 Jahre später als Nachfolger von ~Kohlrausch~ an die physikalisch-technische Reichsanstalt ging, wurde ~Drude~ Professor der Physik an der Universität, fand aber schon nach kurzer Zeit ein tragisches Ende. Seitdem ist ~Rubens~, der Entdecker der Reststrahlen bei uns der Vertreter der Experimentalphysik, während die theoretische Physik in der ganzen Zeit meiner Berliner Tätigkeit in würdigster Weise von ~M. Planck~ geleitet und gepflegt wurde. Mit allen diesen Physikern, welche durchweg verständige, wohlwollende und ruhig denkende Menschen waren, habe ich im freundschaftlichen Verhältnis gestanden. Besonders gilt das von ~Friedrich Kohlrausch~, mit dem ich schon in Würzburg befreundet war. In der großen Stadt ist zwar der ungezwungene leichte Verkehr, wie Würzburg ihn bot, kaum möglich, aber mit ~Kohlrausch~ bin ich doch wieder in sehr nahe persönliche Berührung gekommen durch einige Versuche, die wir im Jahre 1898/99 miteinander ausführten, und die nichts geringeres bezweckten, als eine Verwandlung chemischer Elemente ineinander. Lange bevor man solche Erscheinungen bei den radioaktiven Substanzen beobachtete, hatte ich mir die Meinung gebildet, daß auf der Sonne und anderen Fixsternen, nach den dort herrschenden extremen Temperaturen und den besonderen Druckverhältnissen sich elementare Verwandlungen vollziehen und daß der wirkliche Zustand der Sonne in bezug auf die chemischen Elemente ein Gleichgewichtszustand sei. Als Hypothese habe ich diese Ansicht auch häufig in meinen Vorlesungen geäußert, allerdings niemals darüber publiziert, weil ich keine tatsächlichen Gründe dafür anführen konnte. Ich war nun weiter auf den Gedanken gekommen, daß man vielleicht elementare Verwandlungen erreichen könne, wenn man auf eine kleine Menge von Stoff eine ungeheure Menge von Energie konzentriere und schlug ~Kohlrausch~ vor, solche Versuche mit Wasserstoff in sehr verdünntem Zustand bei langer Einwirkung von Kathodenstrahlen auszuführen. Der Gedanke schien nicht unsinnig, und wir hatten uns einen hübschen Apparat zusammengebaut, der es gestattete, den mit Kathodenstrahlen behandelten Wasserstoff auf den Druck von 6 bis 8 mm zu konzentrieren und dann spektralanalytisch zu prüfen. Speziell hatten wir die Hoffnung, den Wasserstoff ganz oder teilweise in Edelgas überzuführen. Die Herstellung des Apparates, der Kathodenstrahlen, der Vakuumpumpe usw. fiel natürlich dem Physiker zu. Ich übernahm dafür die sorgfältige Reinigung der Materialien, der Glasgefäße, des Quecksilbers und des Wasserstoffes, der zuletzt immer aus Paladiumwasserstoff bereitet wurde. Wir haben so manchen Nachmittag bis in die späten Abendstunden hinein zusammen gearbeitet, leider ohne ein sicheres Resultat zu erzielen. Besondere Schwierigkeiten machten uns die Kathodenstrahlen, weil mit der Reinheit der Kathoden der Widerstand außerordentlich wuchs, und schließlich solche Spannungen angewandt werden mußten, daß die Gefäße es nicht mehr aushielten. Wir haben nichts darüber publiziert und das ist der Grund, warum ich hier so ausführlich darüber gesprochen habe. Etwa 10 Jahre später sind ähnliche Versuche von englischen Physikern veröffentlicht worden, welche der Meinung waren, daß sie dabei die Entstehung von Edelgasen sicher beobachtet hätten. Sie scheinen sich aber getäuscht zu haben; denn später hat man von dieser Entdeckung nichts weiter als abfällige Kritik gehört, und daß ein solcher Irrtum leicht eintreten kann, wird jeder, der sich mit ähnlichen Versuchen beschäftigt hat, zugeben.

Eine andere kleine Arbeit habe ich viele Jahre später mit ~Heinrich Rubens~ angestellt. Sie betraf die Prüfung der von dem Physiologen ~Rosenthal~ aufgestellten Behauptung, daß Wechselströme eine Hydrolyse von Stärke und ähnlichen Kohlenhydraten bewirken können, wenn die Schwingungszahl eine angemessene, aber für jeden Fall verschiedene Höhe erreicht hat. Unsere Versuche fielen ganz negativ aus, wurden aber nicht publiziert, weil uns die Sache nicht mehr interessierte, sobald der Irrtum von ~Rosenthal~ festgestellt war. Einige Jahre später hat ein Physiko-Chemiker die ~Rosenthal~'sche Behauptung auch öffentlich widerlegt. Die Ursache des Irrtums ist ihm aber verborgen geblieben. Ich glaube dieselbe gefunden zu haben durch die Beobachtung, daß der verwandte Stärkekleister in der Tat reduzierende Eigenschaften annehmen kann, wenn man ihn im offenen Gefäß einer langen Behandlung mit Wechselstrom unterwirft; denn dann bildet sich in der umgebenden Luft Ozon, das die Stärke in der Wärme rasch angreift und in reduzierende Substanzen verwandelt. Man vermeidet diesen Fehler vollständig, sobald man die den Stärkekleister enthaltenden Gefäße verschließt. Die Wirkung des Ozons auf Stärkekleister, die meines Wissens schon in rohem Umriß bekannt ist, verdient übrigens eine nähere Untersuchung bezüglich der dabei entstehenden Produkte, und ich hoffe selbst noch Gelegenheit zu haben, darüber neue Erfahrungen zu sammeln.

Mein Spezialkollege sowohl in der Akademie wie Fakultät war der Chemiker ~Hans Landolt~, ungefähr 20 Jahre älter wie ich. Wie früher erwähnt, hätte ich 1880 sein Nachfolger in Aachen werden können, als er an die Landwirtschaftliche Hochschule zu Berlin übersiedelte. Von dort wurde er als Nachfolger von ~Rammelsberg~ an die Universität berufen und mit der Direktion des II. chemischen Instituts der Universität in der Bunsenstraße betraut. Als Sachverständiger war er bei meiner Berufung nach Berlin und auch bei der Aufnahme in die Akademie besonders stark beteiligt.

~Landolt~, der Sprosse einer alten Züricher Familie, verleugnete trotz seines langen Aufenthaltes in Deutschland nicht den Schweizer. Er war ein kluger, kritisch veranlagter Kopf und ein Mann von aufrichtigem angenehmen Charakter. Als Forscher nahm er keine hervorragende Stellung ein, aber seine Bücher, besonders die großen, mit ~Börnstein~ zusammen publizierten Tabellen erfreuen sich in den Fachkreisen großer Wertschätzung. Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen und haben nur äußerst selten in geschäftlichen Dingen verschiedene Ansichten vertreten. Er war kein Führer, weder in der Wissenschaft noch in der Berliner Gelehrtenkorporation, aber er erfreute sich wegen seines besonnenen Urteils und seiner allgemeinen Charaktereigenschaften in unserem Kreise allgemeiner Beliebtheit. Das zeigte sich bei der Feier seines 70. Geburtstages, den er kurz nach einer schweren Gallensteinoperation erlebte. Mir war es bei dieser Gelegenheit ein Vergnügen, beim Festessen die Rede auf den Jubilar zu halten und darin auch des schönen kollegialen Verhältnisses zu gedenken, das zwischen uns dauernd bestanden hat. Auch zu seiner Gattin und der Tochter, die an Professor ~O. Liebreich~ verheiratet war, bin ich in ein freundschaftliches Verhältnis getreten. Frau ~Landolt~ hat sich ein Verdienst um den geselligen Verkehr der chemischen Privatdozenten und Assistenten erworben, die sie häufig zu sich einlud, und ihnen damit den gesellschaftlichen Anschluß ermöglichte, den ich leider bei meiner zurückgezogenen Lebensweise nicht bieten konnte.

Im Alter von 74 Jahren gab ~Landolt~ die Professur an der Universität auf und zog sich zurück in die physikalisch-technische Reichsanstalt zu Charlottenburg, um die subtilen Versuche über etwaige Gewichtsveränderung der Gesamtmaße bei chemischen Reaktionen fortzusetzen, die er während mehr als 10 Jahre im II. chemischen Institut angestellt hat. Für diese Versuche war er besonders veranlagt. Es machte ihm große Freude, die Wägungen immer mehr zu verfeinern und etwaige Fehlerquellen aufzuspüren. Nach manchen Schwankungen kam er, wie bekannt, zu dem Resultat, daß bei chemischen Vorgängen keine durch unsere jetzigen Hilfsmittel nachweisbare Gewichtsveränderung eintritt. Das war nichts Neues; denn derselbe Satz gehört zu den Grundlehren der Chemie, aber es ist doch ein zweifelloses Verdienst, wenn gerade solche fundamentalen Sätze von Zeit zu Zeit mit den fortgeschrittenen technischen Hilfsmitteln geprüft werden, und der Name ~Landolt~ wird sich wahrscheinlich in der Geschichte der Wissenschaft mehr an diese Versuche knüpfen als an seine sonstigen wissenschaftlichen Arbeiten.

~Landolts~ Nachfolger an der Universität wurde ~Walter Nernst~, der ausgezeichnete Physiko-Chemiker zu Göttingen. Bei dieser Gelegenheit wurde das II. chemische Institut umgetauft in »Physikalisch-chemisches Institut der Universität« und damit verlor auch das I. chemische Institut seine I und erhielt wieder den alten einfachen Namen »Chemisches Institut der Universität«.

Wie begreiflich wurde ~Nernst~ auch bald in die Akademie der Wissenschaften gewählt und die Chemie war dann durch eine Gruppe von 4 Männern, ~Landolt~, ~van 't Hoff~, ~Nernst~ und mich vertreten, die ihr in allen fachlichen Fragen den gebührenden Einfluß sichern konnten. ~Nernst~, den ich schon von Würzburg her kannte, weil er dort beim Doktorexamen in Chemie von mir geprüft wurde, ist mir später ein lieber und hilfsbereiter Kollege gewesen. Sowohl in der Fakultät wie in der Akademie haben wir fast immer einmütig zusammen gehandelt und nur bei der Besetzung von chemischen Lehrstühlen an anderen preußischen Universitäten standen zuweilen die Ratschläge, die wir dem Kultusminister gaben, miteinander in Widerspruch. Am schärfsten trat das zutage bei der Besetzung der Professur in Breslau nach dem Abgang von ~Buchner~. Die Fakultät hatte ~Abegg~ vorgeschlagen und dieser Kandidat fand die lebhafteste Unterstützung von ~Nernst~. Ich war aber der Meinung, daß die Professur der Experimentalchemie und die Direktion des chemischen Instituts einem Experimentalchemiker übertragen werden sollte, während man für ~Abegg~ eine besondere ordentliche Professur für physikalische Chemie schaffen sollte. Nach langem Schwanken hat der Minister Professor ~Biltz~ aus Kiel nach Breslau berufen und damit den von mir ausgesprochenen Grundsatz als gerechtfertigt anerkannt. ~Nernst~ soll diese Wendung der Dinge nicht allein für die Person des Herrn ~Abegg~, sondern auch für die physikalische Chemie als Zurücksetzung empfunden haben, wie mir allerdings nur auf Umwegen bekannt geworden ist. Ich will hier offen bekennen, daß ich niemals der Entwicklung der physikalischen Chemie hinderlich entgegengetreten bin, sondern sie stets als notwendigen Bestandteil des Unterrichts und der Forschung anerkannt und auch bei den Behörden empfohlen habe. Ich hätte sogar in dem neuen Institut eine besondere Abteilung für physikalische Chemie eingerichtet, wenn nicht die Herren ~van't Hoff~ und ~Landolt~ sich dagegen ausgesprochen hätten mit der Begründung, daß man ihnen die Vertretung der physikalischen Chemie allein überlassen sollte. Die Berechtigung dieses Wunsches lag auf der Hand, und so habe ich meine Absicht fallen lassen, obschon es damals ziemlich leicht gewesen wäre, Professor ~Bredig~ aus Leipzig für unser Institut zu gewinnen. Meine Hoffnung, daß mit der Berufung von ~Nernst~ alle studierenden Chemiker in Berlin seine Vorlesungen und Übungen besuchen und sich genügend in physikalischer Chemie unterrichten würden, hat sich allerdings nicht erfüllt. Die große Stadt bringt es mit sich, daß der Student sich so weit wie möglich auf den Besuch eines Fachlaboratoriums beschränkt und dazu kommt noch, daß im Berliner Doktorexamen die chemische Technologie als Nebenfach gewählt werden darf, so daß für physikalische Chemie kein Raum mehr bleibt. Ich halte das, offen gestanden, für eine Lücke unseres Unterrichtes, und ich habe mich selbst immer bemüht, durch die Handhabung des Doktorexamens den Studenten die Wichtigkeit der physikalischen Chemie klar zu machen, aber ich kann mir doch nicht verhehlen, daß es wirksamer wäre, sie obligatorisch zu machen und hoffe, daß diese Maßregel nach dem Kriege auch getroffen wird.

~Nernst~ ist kein einseitiger Fachgelehrter, sondern interessiert sich auch für industrielle und wirtschaftliche Dinge, wozu er durch die Erfindung seiner elektrischen Lampe genügende praktische Gelegenheit fand. Er ist ferner Automobilist und Landwirt, Jäger und war während des Krieges sogar Soldat. Das entspricht ganz seinem lebhaften Geiste, seiner großen Energie und seinem leidenschaftlichen Empfinden. Zusammen mit seiner liebenswürdigen Gattin und seinen Kindern hat er auch ein gastfreies Haus in Berlin eingerichtet, wo die jungen Chemiker und Physiker leicht Aufnahme finden. Er war anfangs der Meinung, daß ich auf seine gesellschaftlichen Bemühungen eifersüchtig werden könnte und sprach sich darüber freimütig aus. Meine Antwort, daß ich nicht den geringsten Wert darauf lege, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen und ihm nur dankbar sein könnte, wenn er sich dieser Verpflichtung unterziehe, war für ihn ebenso überraschend wie beruhigend.

Auf unsere gemeinsame Arbeit bei dem Plane zur Errichtung einer chemischen Reichsanstalt und bei der Gründung des Kaiser Wilhelm Instituts für Chemie werde ich später zurückkommen. Dasselbe gilt für die Herren ~Haber~, ~Beckmann~ und ~Willstätter~, die erst mit der Gründung der Kaiser Wilhelm Institute nach Berlin kamen, und dann in die Akademie aufgenommen wurden.

Zu den Mineralogen und Geologen bin ich in kein näheres Verhältnis getreten. Zwar habe ich mich ernstlich bemüht, das Interesse der jungen Chemiker für Kristallographie und Mineralogie zu wecken und auch eine kleine Anzahl von Mineralien, die ich der Güte des Herrn Kollegen ~Klein~ verdankte, in einem Verbindungssaal des chemischen Instituts aufgestellt, aber es ist mir nicht gelungen, eine rege Beteiligung der Chemiker an kristallographischen oder mineralogischen Vorlesungen oder Übungen zu erreichen. Das hängt zusammen mit den Verhältnissen der Großstadt und der für Chemiker nicht zweckmäßigen Promotionsordnung der philosophischen Fakultät.

Unter den Biologen haben mich am meisten die Physiologen ~S. Schwendener~, ~Haberlandt~ und der Mediziner ~M. Rubner~ interessiert. Sie waren alle drei gut unterrichtete Gelehrte und verdiente Forscher. Ich bin mit den beiden letzteren, namentlich während des Krieges bei mannigfachen Beratungen über Ernährung häufig zusammengekommen.