Part 21
Die Bedeutung und Nützlichkeit dieser verschiedenen Unternehmungen wird von keinem deutschen Chemiker geleugnet werden, und die chemische Industrie hat dieser Überzeugung später Ausdruck gegeben durch reiche materielle Unterstützungen. Sie begannen 1909 mit einer Spende der Firma Cassella & Co. in Frankfurt a. M. von 60000 M. Bald nachher folgte eine durch den neuen Schatzmeister Dr. ~F. Oppenheim~ eingeleitete Sammlung von 200000 M. als ~Beilstein~-Fond, dazu kamen 2 Sammlungen für das Lexikon der anorganischen Verbindungen und für das Literatur-Register der organischen Chemie im Betrage von 75000 M. und 120000 M. Endlich ist während des Krieges der chemischen Gesellschaft bei ihrem 50jährigen Jubiläum zur Sicherstellung ihrer literarischen Bestrebungen die Riesensumme von 2½ Millionen Mark von der Industrie und einigen Privaten gestiftet worden. Gleichzeitig ist ein ganzer Stab von wissenschaftlichen Beamten hauptsächlich für diese literarischen Dinge gebildet worden. Dadurch hat auch das nach dem Gründer ~Hofmann~ benannte Haus der Gesellschaft einen würdigen und ernsten Zweck erhalten. Der Plan seiner Gründung wurde sofort nach ~Hofmanns~ Tode gefaßt und fand auch im Kreise der auswärtigen Mitglieder vielfache Unterstützung. Ich selbst war für diesen Plan anfangs recht eingenommen, und habe das auch mit einem für meine damaligen Verhältnisse ziemlich hohen Beitrag (2000 M.) bekundet. Als ich aber nach Berlin kam, und in die Kommission zur Gründung des Hauses gewählt wurde, bin ich erschrocken über die nach meiner Ansicht leichtfertige Weise, in der das Unternehmen finanziert werden sollte. Die Sammlung hatte nur ungefähr 200000 M. ergeben und nun sollte ein Haus errichtet werden, das einschließlich des Bauplatzes auf 800000 bis 1 Million Mark geschätzt wurde. Damit wäre nicht allein das ganze Vermögen der chemischen Gesellschaft verbraucht worden, sondern auch noch eine erhebliche Schuldenlast entstanden. Ich hielt mich für verpflichtet, dagegen energisch Einspruch zu erheben, und habe es auch fertig gebracht, daß im Vorstand die Mehrzahl der Mitglieder zu der Ansicht kamen, das Hofmann-Haus müsse aus anderen Mitteln erbaut und der chemischen Gesellschaft kostenlos überwiesen werden. Dadurch ist der Bau sicherlich verzögert worden, aber das war kein Schaden, da die Gesellschaft in unserem Institut ein zwar bescheidenes, aber doch auskömmliches Heim besaß. Gleichzeitig wurden die Anhänger des luxuriösen Baues genötigt, eine andere Form der Finanzierung zu finden. Das ist auch den Bemühungen der Herren ~Holtz~, ~Krämer~, ~Martius~ und ~Tiemann~ gelungen, indem sie eine Gesellschaft m. b. H. zur Erbauung des Hauses ins Leben riefen, dessen Mitglieder Anteile von mindestens 5000 M. zu übernehmen hatten. Ursprünglich war dafür eine Verzinsung in Aussicht genommen, aber später haben die Herren es doch fertig gebracht, daß die meisten Besitzer der Anteile auf jede Entschädigung und Rückzahlung der Summe verzichteten. Ich selbst habe an diesem Geschäft keinen Anteil genommen. Auch der Bau des Hofmann-Hauses ist ohne meine spezielle Mitwirkung entstanden, nur bin ich, um einem Wunsch des Herrn ~Jacobson~ und der anderen wissenschaftlichen Beamten zu entsprechen, dafür eingetreten, daß in dem Hause ein kleines Laboratorium eingerichtet wurde, dessen Hilfsmittel auch den Experimentalvorträgen im großen Sitzungssaale zustatten kommen. Das Haus wurde 1900 mit einer Festsitzung eröffnet unter dem Vorsitz des Präsidenten ~J. Volhard~, und ~A. v. Baeyer~ hielt damals die Hauptrede über die Geschichte des Indigos.
Die Schöpfung des Hofmann-Hauses ist in erster Linie das Verdienst von ~J. F. Holtz~, der mit Tatkraft und Geduld die Sammlung des Geldes betrieb und auch später im Hofmannhaus-Verein die Hauptrolle spielte. Allerdings trug er auch die Schuld dafür, daß der Bau recht kostspielig ausfiel und daß die ursprüngliche Bausumme um etwa 80000 M. überschritten wurde. Die Verzinsung einer Hypothek von 100000 M. und die nicht unerheblichen Unterhaltungskosten fielen natürlich der chemischen Gesellschaft zur Last, so daß ihr das Haus doch jährlich 12 bis 15000 M. Kosten macht. Ich habe keine Bedenken getragen, gegen die im wesentlichen durch das Hofmann-Haus stark gewachsenen Ausgaben der chemischen Gesellschaft Einspruch zu erheben, und es ist dadurch zeitweise zu einer Verstimmung zwischen ~Holtz~ und mir gekommen. Da aber die Finanzen der Gesellschaft trotz der vergrößerten literarischen Unternehmungen sich im neuen Jahrhundert günstig gestalteten, und durch die wachsende Zahl der Beamten der Bau immer besser ausgenützt werden konnte, so habe ich mich zufrieden gegeben und bin jetzt über das finanzielle Schicksal der Gesellschaft beruhigt. Aus Sparsamkeit wurde in den ersten Jahren der obere Teil des Hauses an die chemische Berufsgenossenschaft vermietet. Seitdem diese aber ihr direkt neben dem Hofmann-Haus gelegenes eigenes Heim bezogen hat, werden auch die oberen Räume nur von der chemischen Gesellschaft benutzt. Allerdings bildet einen Teil davon die Dienstwohnung von Professor ~Jacobson~, die ihm in Anbetracht seiner Verdienste um die chemische Gesellschaft auch gelassen wurde, nachdem er vor einigen Monaten den größeren Teil seiner Ämter zugunsten seines Lehrbuches aufgegeben hat. Diese Dienstwohnung bildet aber eine Reserve an Raum, die später sicherlich zu den geschäftlichen Aufgaben der Gesellschaft herangezogen werden wird.
Der Hörsaal des Hofmann-Hauses ist durch zahlreiche Bilder verstorbener Chemiker geschmückt. Dasjenige von ~Georg Ernst Stahl~, dem Begründer der Phlogistontheorie, habe ich gestiftet. Es ist eine von ~Walter Miehe~ ausgeführte Copie des im Besitz der Kaiser Wilhelm-Akademie für kriegsärztliche Wissenschaft befindlichen Originals. Das Bild zeigt den hervorragenden Mediziner und Chemiker, der in Berlin als Leibarzt des Königs Friedrich Wilhelm I. eine große Rolle spielte, in der kleidsamen Tracht des 18. Jahrhunderts, mit Sammetrock, Spitzenkragen und einer großen Allongeperrücke. Eine zweite Copie dieses Bildes, die ich von Fräulein ~Chales de Beaulieu~ vor 2 Jahren ausführen ließ und für das deutsche Museum zu München bestimmt hatte, ist weniger günstig ausgefallen, deshalb von Herrn ~Oscar von Miller~ als nicht geeignet für das Museum erklärt worden und befindet sich noch in meinem Besitz.
An den wissenschaftlichen Sitzungen der chemischen Gesellschaft habe ich in den ersten 8 Jahren meines Berliner Aufenthaltes, wo wir unter demselben Dache wohnten, fast ausnahmslos teilgenommen und auch einen großen Teil meiner wissenschaftlichen Versuche dort vorgetragen. Die erste Mitteilung im Januar 1893 betraf die Entdeckung des Amidoacetaldehyds. Mein Vorschlag, die physiologische Wirkung des salzsauren Salzes zu prüfen, gab Anlaß zu einer kleinen Debatte in der Sitzung. Es war mir aber leicht, die Opposition ad absurdum zu führen durch die Bemerkung, daß die Pflanzen meines Wissens Lebewesen ohne Nerven seien, und daß man alle physiologischen Fragen ohne vorgefaßte Meinung behandeln müsse. Von da an sind die jungen Chemiker in Berlin etwas vorsichtiger geworden, wenn sie in der chemischen Gesellschaft meine Mitteilungen kritisierten, obschon ich immer bereit war, jede vernünftige und in richtiger Form vorgebrachte Opposition anzuerkennen und sachgemäß zu behandeln. Die Sitzungen waren damals fast ausschließlich von Originalvorträgen ausgefüllt, die deshalb vielfach in übertriebener Weise ausgesponnen und langweilig wurden, während die von auswärts eingelaufenen zahlreichen Mitteilungen, deren Inhalt in der Regel viel interessanter war, von dem Schriftführer mit wenig Worten abgemacht wurden. Auf meinen Vorschlag wurde im Jahre 1896 die Änderung getroffen, daß die auswärtigen Mitteilungen von einer größeren Anzahl junger Chemiker in viel ausführlicherer Weise vorgetragen wurden, wodurch die Sitzungen zweifellos an Inhalt und Interesse gewannen. Andererseits bemühte sich der Vorstand mit vollem Rechte, die schon einige Jahre vor ~Hofmanns~ Tode eingeführten zusammenfassenden Vorträge über größere Arbeitsgebiete von den besten Fachleuten halten zu lassen. An der Auswahl der Redner habe ich in den ersten 26 Jahren ziemlich regelmäßig mitgewirkt. In besonderer Erinnerung sind mir geblieben die Vorträge von ~van't Hoff~ über die neue Theorie der Lösungen und von ~W. Ramsay~ über die Edelgase. ~van't Hoff~ kam bei der Gelegenheit zum ersten Mal nach Berlin, und ich habe bei dem kleinen Festmahl, das nach der Sitzung ihm zu Ehren veranstaltet wurde, anknüpfend an seinen Namen »vom Hofe« ihn als einen König der Wissenschaft gefeiert. Der Eindruck, den er damals bei uns hinterließ, war nicht ganz ohne Einfluß auf seine spätere Berufung nach Berlin.
Noch mehr wurde ~Ramsay~ gefeiert; denn an seiner Entdeckung nahm auch das große Publikum teil, und er konnte seinen Vortrag in modifizierter populärer Form einerseits vor dem Kaiserpaar im Hörsaal des chemischen Instituts und andererseits in der Urania wiederholen. An dem Vortrag für den Kaiser nahm nur das Präsidium der chemischen Gesellschaft teil, und es war das erste Mal, daß ich mit Wilhelm II. und der Kaiserin, allerdings nur ganz kurz, in Berührung kam. Der Wunsch des Kaisers, einen Vortrag von ~Ramsay~ zu hören, war uns von Professor ~Slaby~ übermittelt worden, und ich übernahm es, bei ~Ramsay~ telegraphisch anzufragen, ob er dazu bereit sei. Darauf kam die lakonische und für den Engländer charakteristische Antwort »Yes«. ~Ramsay~ war während seines Berliner Aufenthaltes mein Gast, und ich bin ihm während dieser Tage, wo wir stundenlang zusammen plaudern konnten, persönlich nahe getreten.
Er war nicht allein ein vortrefflicher Naturforscher, sondern auch ein allgemein gebildeter, sehr sprachgewandter, kluger und besonnener Mann. Ein zweites Mal hat er während des internationalen Chemikerkongresses 1903 bei mir in der neuen Dienstwohnung, Hessischestraße 2 gewohnt, und der günstige Eindruck von früher wurde dadurch nur noch verstärkt. Ich habe ihn später in London wieder besucht und in ziemlich regelmäßigem Briefwechsel mit ihm gestanden. Insbesondere berichtete er mir mehrmals über seine radio-aktive Forschung. Der letzte Brief, den ich von ihm 6 Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges empfing, war in einem ungewöhnlichen Ton gehalten und gab Kunde von der Leidenschaftlichkeit, mit der er politische Fragen ergriff. Damals war er aufs höchste erregt über die Homerulepolitik der englischen Regierung in Irland und stand auf Seiten der Ulster-Partei, die nach seiner Meinung dem Homerule bewaffneten Widerstand leisten müsse, und für die er entschlossen war, persönlich alle Hilfe zu leisten. Das war der Vorläufer der maßlosen Angriffe, die er bald nachher, veranlaßt durch den Krieg, gegen Deutschland richtete, und auf die ich einstweilen nicht eingehen werde.
Bei seinem ersten Besuch im Dezember 1908 veranstaltete ich für ihn eine Abend-Herrengesellschaft, zu der einige Berliner Chemiker und eine größere Anzahl von Akademikern eingeladen wurden. ~Ramsay~ hatte die Zeit vergessen und kam deshalb erst nachhause, nachdem die ganze Gesellschaft längst versammelt war. Ich habe dann die Geschwindigkeit bewundern müssen, mit der er den Straßenanzug ablegte und sich in den Evening-dress stürzte. Ich glaube, daß die ganze Verwandlung keine 3 Minuten in Anspruch genommen hat.
Ein größeres Festmahl war ihm Tags zuvor von der chemischen Gesellschaft gegeben worden, und ich mußte dabei die Tischrede auf den Gast halten, die ich in eine launige Form kleiden konnte. Sie ist gedruckt worden, und ich habe mir erlaubt, einige Exemplare an hervorragende auswärtige Fachgenossen zu schicken. Die merkwürdigste Wirkung hat sie in München ausgeübt; denn ~Pettenkofer~, dem ich ein Blatt zugeschickt hatte, sandte dieses an ~W. von Miller~, der damals schon schwer krank war und dem er einen kleinen Spaß bereiten wollte. ~Miller~, der an Darmkrebs litt, hatte den Ehrgeiz, die Vorlesung über Chemie an der technischen Hochschule mit Aufgebot aller Energie so lange zu halten, als seine erschöpften Kräfte es irgendwie gestatteten. Er ließ sich zu dem Zweck zuletzt auf einer Bahre in den Hörsaal tragen. Eine seiner letzten Vorlesungen hat er hauptsächlich mit dem Vorlesen meiner Tischreden ausgefüllt, an die er allerdings belehrende Bemerkungen über die Edelgase und ihre Entdeckung knüpfte. Das hat mir verschiedene Zuschriften seiner Zuhörer, die davon sehr belustigt waren, eingebracht.
Weitere bemerkenswerte Vorträge wurden gehalten von ~Nernst~, ~Wallach~, ~Buchner~, ~Willstätter~, ~Richards~, ~Sabatier~, ~Brunck~, ~Knietsch~ usw., die alle mit lebhaftem Interesse gehört und für die ich zuweilen als Vorsitzender den Rednern den Dank der Gesellschaft abstatten mußte. Einen Vortrag sonderlicher Art hielt ~R. Fittig~ über ungesättigte Säuren, Laktone usw., sehr inhaltreich, aber in der Form so merkwürdig, daß die Jugend sich belustigte und wir Älteren alle Mühe hatten, den Ernst zu bewahren.
Mein erster Vortrag über Kohlenhydrate, der auf diejenigen von ~Baeyer~ und ~Victor Meyer~ folgte, ist früher schon erwähnt. Einen zweiten habe ich im Januar 1906 über Aminosäuren, Polypeptide und Proteine gehalten. Er erregte einiges Aufsehen unter den Fachgenossen. Etwa 8 Tage nach dem Vortrag wurde durch eine Notiz aus Wien die Aufmerksamkeit der Presse und des großen Publikums darauf gelenkt, und nun erlebte ich etwas sehr Merkwürdiges. Meine vorsichtig gehaltene Rede wurde von der Presse in der phantastischsten Weise ausgeschmückt, die Synthese des Eiweiß als eine fertige Sache dargestellt und mit der Lösung der Nahrungsfrage das goldene Zeitalter proklamiert. Ich habe versucht, dagegen Einspruch zu erheben, aber ohne jeden Erfolg. Wie eine Sturzwelle ging die Flut der Zeitungsartikel über mich und alle Vernunft hinüber, und schließlich erhielt ich aus den Vereinigten Staaten Amerikas Zeitungsartikel, die ganze Seiten bedeckten und durch Bilder illustriert waren, auf denen man die Verwandlung der Kohle in die schönsten Erzeugnisse eines eleganten Speisehauses sehen konnte. Selbstverständlich waren alle diese Bilder von mir selbst, meinem Laboratorium, den Versuchstieren usw. frei erfunden. Ich habe damals vor der fürchterlichen Macht und Zügellosigkeit der Presse einen Schrecken bekommen.
Den dritten zusammenfassenden Vortrag hielt ich im September 1913 in einer Sitzung, die von der chemischen Gesellschaft auf der Naturforscherversammlung zu Wien veranstaltet wurde. Das Thema war die Synthese von Depsiden, Flechtenstoffen und Gerbstoffen. Assistiert wurde ich bei dem Vortrag von meinem Sohn ~Hermann O. L. Fischer~, der an der Synthese der Flechtenstoffe experimentell beteiligt gewesen war. Die Sitzung fand statt in dem Hörsaal des chemischen Instituts der Universität Wien, das damals von ~Guido Goldschmidt~ geleitet wurde. Der Saal war derartig überfüllt, daß mir hinter dem Experimentiertisch kaum Raum blieb, um die zahlreichen Tabellen zu erläutern und die Präparate zu demonstrieren. Zudem herrschte eine derartige Hitze, daß ich nach 1½stündigem Vortrag so naß war, als hätte ich die Donau durchschwommen. Es war die erste besondere Sitzung, welche die chemische Gesellschaft auf einer deutschen Naturforscherversammlung abhielt und ist bisher auch die einzige geblieben, weil infolge des Krieges keine Naturforscherversammlung mehr zustande kam.
Als im Jahre 1900 das chemische Institut in den Neubau an der Hessischenstraße verlegt war, wurde die bis dahin bestehende fast tägliche Berührung der chemischen Gesellschaft und mir unterbrochen. Auf meinen Antrag erhielt zwar die Gesellschaft vom Kultusministerium die Erlaubnis, noch ein Jahr in den alten Räumen der Georgenstraße zu bleiben, bis das ~Hofmann~-Haus ganz fertiggestellt war, aber mit der räumlichen Trennung hatte ich das Gefühl, daß ich nicht mehr im gleichen Maße wie bisher für die Schicksale der Gesellschaft verantwortlich sei, sondern daß die Sorge für sie sich jetzt mehr gleichmäßig auf alle Mitglieder des Vorstandes verteilen müsse. Ich habe dementsprechend nur selten mehr die mir angetragene Wahl zum Vorsitzenden angenommen und mich auch an den Sitzungen der Gesellschaft in loserer Form beteiligt, als es früher der Fall war. Nur wenn wichtige Interessen auf dem Spiele standen, habe ich mich nicht gescheut, meinen ganzen Einfluß aufzubieten, um das, was ich für richtig hielt, durchzusetzen.
An dem 50-jährigen Jubiläum der Gesellschaft, das im Mai d. Js. gefeiert wurde, konnte ich mich nicht beteiligen, weil ich damals zur Erholung von einer Lungenentzündung in der Südschweiz weilte. Ich hatte aber vorher beim Kultusminister einen Antrag gestellt, den wissenschaftlichen Beamten der Gesellschaft, an der Spitze Herrn ~P. Jacobson~, durch Verleihung von Titeln eine öffentliche Anerkennung zu erwirken. Das ist auch geschehen, und zu meiner großen Überraschung wurde auch mir bei der Gelegenheit ein hoher preußischer Orden verliehen. Offen gestanden hätte ich es lieber gesehen, daß das nicht geschehen wäre.
Die von mir angeregte und auch ursprünglich übernommene Gedächtnisrede auf ~A. von Baeyer~ hatte ich leider wegen Krankheit wieder abgeben müssen. Sie ist dann aber von ~R. Willstätter~ in sehr würdiger Weise gehalten worden.
Auch beim 40jährigen Bestehen der Gesellschaft war ein kleines Fest veranstaltet worden, und ich hatte das Vergnügen, bei der Gelegenheit Herrn Professor ~Henry Armstrong~, den Abgesandten der Chemical Society zu London, bei mir zu Gast zu haben. Freundschaftliche Beziehungen zu ihm hatte ich längst, teils durch seinen Sohn, der mehrere Jahre mein Mitarbeiter war, und auch durch meinen eigenen Sohn ~Hermann~, dem er und seine Familie während eines halbjährigen Aufenthaltes in England viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.
Das chemische Institut in der Georgenstraße
Mein Einzug in das Institut, die von mir angeregten kleinen baulichen Veränderungen, die Vermehrung der Assistenten und die Verteilung der Arbeit unter die vorhandenen Lehrkräfte sind schon früher geschildert. Alles war von mir nur als Provisorium gedacht, weil ich sicher damit rechnete, daß in wenigen Jahren ein Neubau entstehen werde; denn seine Errichtung war die erste und wichtigste Bedingung, die ich bei der Berufung stellte, und sie war nicht allein von den Räten des Kultusministeriums, sondern auch von dem Minister Dr. ~Bosse~ selbst ausdrücklich bewilligt worden. Das Provisorium hat aber schließlich 7½ Jahre gedauert und bildet so einen ziemlich langen Abschnitt in meiner Berliner Tätigkeit.
Mit Ausnahme der beiden Hörsäle und der beiden von ~Tiemann~ als Privatlaboratorium benutzten Zimmer lagen alle benutzbaren Räume im ersten Stock. Zwei gut erleuchtete Unterrichtssäle, getrennt durch einen kleineren Raum, gingen nach der Georgenstraße. Die übrigen Unterrichtszimmer mit Nebenräumen lagen in den korridorähnlichen Seitenflügeln und dienten gleichzeitig als Durchgang. Recht hübsch und auch ziemlich zweckmäßig eingerichtet war das aus zwei Räumen bestehende Privatlaboratorium, das durch den Korridor und zwei Bibliothekszimmer direkt mit dem Wohnhaus in der Dorotheenstraße in Verbindung stand. Hier habe ich mich, unterstützt von dem aus Würzburg mitgekommenen Privatassistenten Dr. ~Lorenz Ach~ schnell eingerichtet. Drei junge Chemiker, die ihre Doktorarbeit ausführen wollten -- es waren die Herren ~Haenisch~, ~Kopisch~ und der von Würzburg mitgenommene Engländer ~Crossley~ -- wurden als Gäste aufgenommen und schon im ersten Jahr hatte ich das Glück, zwei hübsche Reaktionen, die Bereitung des Amido-Acetaldehyds und ähnlicher Stoffe, ferner die Synthese der Alkoholglucoside aus Zucker und Alkoholen in Gegenwart von Salzsäure zu finden. Gleichzeitig leitete ich mehrere Doktorarbeiten in dem zweiten organischen Unterrichtssaal und überwachte zusammen mit dem hier tätigen Assistenten die präparativen Übungen der organischen Anfänger nach der von mir geschriebenen »Anleitung zur Darstellung organischer Präparate«, die sich schon in Erlangen und Würzburg bewährt hatte. Auch um die analytische Abteilung, in der Dr. ~Piloty~ und Dr. ~Fogh~ tätig waren, habe ich mich damals, so weit es meine Zeit zuließ, gekümmert.
Die großen Experimental-Vorlesungen hielt ich wie ~Hofmann~ im Winter über anorganische und im Sommer über organische Chemie. Aber anstelle des dreimal zweistündigen Vortrages zog ich es vor, 5 Mal je eine Stunde in der Woche zu sprechen, weil dadurch die Vorbereitungen der Experimente viel sorgfältiger werden und deshalb auch recht viel Zeit erspart werden kann. In der Tat zeigte sich denn auch, daß ich in den 5 Wochenstunden ein erheblich größeres Pensum mit einer größeren Anzahl von Experimenten ausführen konnte, als früher in drei Doppelstunden geleistet wurde.
Die Zahl der Zuhörer stieg schon im zweiten und dritten Jahre sehr erheblich und dann wurde der Zugang so groß, daß aller verfügbarer Raum von stehenden Personen erfüllt war und meist die Zugangstüren nicht mehr geschlossen werden konnten. Ganz ungenügend war die Kleiderablage, in der häufig am Schluß der Vorlesung große Unordnung herrschte, und leider auch mancher Diebstahl vorkam.
Unter den Zuhörern befanden sich in den letzten Jahren nicht allein Chemiker, Mediziner, Apotheker und Lehramtskandidaten, sondern auch Angehörige der juristischen und sogar der theologischen Fakultät. Das hing wohl damit zusammen, daß ich mich bemühte, gelegentlich die Bedeutung der Chemie für die gesamte menschliche Kultur in philosophischer und wirtschaftlicher Beziehung darzulegen.
Auch das Laboratorium war bald überfüllt, was bei der geringen Anzahl von Arbeitsplätzen (etwa 80) nicht überraschen konnte. Dieser Zudrang war das beste Agitationsmittel für den Neubau des Instituts, und als ich damit drängte, erhielt ich schon im Frühjahr 1893 den Auftrag, ein Programm dafür auszuarbeiten. In freudiger Stimmung habe ich mich dieser Mühe sofort unterzogen, mußte aber zu meiner Enttäuschung bald erkennen, daß der Auftrag nur zum Schein erfolgt und daß es eines viel gröberen Geschützes bedurfte, um das Kultusministerium in dieser allerdings ziemlich schwierigen Frage zu energischer Handlung zu bringen; denn die Entscheidung über alle derartigen Forderungen der Wissenschaft in Preußen, die Geld kosten, hat in letzter Linie der Finanzminister, und wie schwer dessen Zustimmung zu erlangen war, werde ich erst später schildern.